Herbert Bertsch: 8. Mai

das-blaettchen.de

Herbert Bertsch

„Das Vergangene ist nicht tot;

es ist nicht einmal vergangen.“

William Faulkner,

„Requiem für eine Nonne“,

1. Akt, 3. Szene

Von Christa Wolf als ersten Satz

in „Kindheitsmuster“ genutzt – mit der Ergänzung:

„Wir trennen es von uns ab

und stellen uns fremd.“

Zu seinerzeitigen Anfragen an das Google-Kalendarium der merkenswerten Ereignisse in 2020 gehörte diese: „Wo ist 2020 schulfrei?“ Bezug dazu war der „75. Jahrestag … der Befreiung vom Nationalsozialismus“. Richtige Quiz-Antwort: nur in Berlin. Für die Bundeshauptstadt machte eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus – ohne Ausräumen der fortbestehenden Dissonanzen zwischen den politischen Parteiungen zum besagten Datum – den 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag. Aber auch das nur für 2020.

Beispielhaft für die Auseinandersetzungen, die ohne große Volksbeteiligung dem hier nun arbeitsfreien Werktag vorausgingen, hatte die Berliner B.Z. am 11. Dezember 2018 unter der Überschrift „Sollte der 8. Mai 2020 bundesweit zum Feiertag erklärt werden?“ das Für und Wider der Argumente unterbreitet.

Redakteur Trautwein: „Ja, dieser hat Deutschland geprägt. Diese Niederlage war der vielleicht größte Triumph Deutschlands. Als am 8. Mai 1945 in Karlshorst die bedingungslose Kapitulation erklärt wurde, war das nicht nur ein Sieg der Alliierten, es war die Befreiung von Terror, Unrecht und Diktatur.“

Redakteur Ritzmann dagegen: „Nein, Unsinn nicht nachahmen. […] Zwar gilt noch immer Richard von Weizsäckers Diktum, nach dem dieses Datum ein Tag der Befreiung war. Befreiung vom Faschismus, von einer mörderischen Diktatur, vom Kriegsalltag. Aber er fügte auch hinzu: Es ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern.“ Dies „Diktum“ wird zum Schlüsselsatz des vorliegenden Beitrages.

Für die US-amerikanische Besatzungspolitik war die Direktive FCS 1067 von April 1945 verbindlich, die übrigens Monate später bis in wortgetreue Formulierungen zum Bestandteil des Potsdamer Abkommens wurde. Bei der Übergabe an den amerikanischen Militärgouverneur, das war zunächst Eisenhower, dann Clay, wurde diesen von ihrer Regierung vorgegeben: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat.“ Diese Grundbewertung wurde vom Großteil der westdeutschen Bevölkerung als Ausdruck von Niederlage akzeptiert. Für die von der Siegermacht nicht beanspruchte „Befreiungsleistung“ brauchte man sich andererseits aber auch nicht zu bedanken.

Demgegenüber wurde in der DDR seit 1950, auch als eine der ideologischen Begründungen des Staates, der 8. Mai als gesetzlicher Feier- oder Gedenktag mit besonderer Würdigung der Rolle der Sowjetunion und ihrer Armee festlich begangen. Das war so angeordnet und wurde als Gesellschaftsdoktrin über Generationen hinweg so absolviert. Zunehmend auch als Waffenbrüder überkam damit etwas vom Glanz des Sieges auf die DDR.

Der institutionalisierte Befreiungsaspekt hatte aber nicht nur in der Leistung der Sowjetunion bei der Niederringung des Faschismus und dessen Machtapparates seine Begründung. Es ging auch um die Legitimation der eigenen Vergangenheit, die der Arbeiterklasse und ihrer Avantgarde nach der Niederlage der revolutionären Bewegungen 1918/19 auf dem „Umweg“ über Faschismus und Krieg jetzt die Möglichkeit bot, die Macht in einem Teil des verkleinerten Deutschlands zu übernehmen. Freilich immer in Abhängigkeit von wechselnden politischen Positionen der Befreiungsmacht, die zunehmend als Schutzmacht fungierte, was von sowjetischen Machthabern gegenüber führenden Genossen der DDR auch häufig betont wurde.

In der BRD entwickelte sich eine andere Erinnerungskultur zum Wert und zur Bewertung von „Befreiung“. Zum 20. Jahrestag 1965 gab es die erste offizielle Erklärung dazu. Bundeskanzler Erhard sprach über Radio und das Fernsehen, hauptsächlich nicht zur eigenen Bevölkerung, sondern an das Ausland gerichtet; sowohl an Verbündete als auch an – offen dazu erklärte – Gegner. Nur „wenn mit der Niederwerfung Hitler-Deutschlands Unrecht und Tyrannei aus der Welt getilgt worden wären, dann allerdings hätte die ganze Menschheit Grund genug, den 8. Mai als einen Gedenktag zu feiern“. So seine Absage mit deutlicher Schuldzuweisung.

Als Bundeskanzler Brandt anlässlich des 8. Mai 1970 eine Regierungserklärung im Bundestag abgab, wurde er von CDU/CSU-Abgeordneten, die zuvor schon versucht hatten, die Absicht überhaupt zu unterbinden, so beschieden: „Niederlagen feiert man nicht“ und „Schande und Schuld verdienen keine Würdigung“.

In dieser Tradition brauchte es insgesamt 40 Jahre, ehe sich die Erkenntnis gesellschaftlich Bahn brach, dass ein Zusammenhang zwischen damaliger Befreiung und gegenwärtigem Wohlergehen besteht. Und selbst das Freisein vom NS-Zwang mit dessen Anspruch auf Mitwirkung an Verbrechen wurde zunehmend als Wert begriffen. Eine neue Generation in Wirtschaft, Politik und Geisteswissenschaften sah, da ohne persönliche Verstrickung und dadurch veranlasste Verdrängung, gelassener auf die deutsche Vergangenheit. Man konnte jetzt Mängel der Entnazifizierung durchaus eingestehen, zumal solche Eingeständnisse den Tätern nicht mehr gefährlich werden konnten.

Der Begriff des „Umdenkens“, zunächst für die neue Ostpolitik geprägt, erfasste die westdeutsche Gesellschaft, freilich ohne grundlegende gesellschaftliche Eruptionen. Unter dem Eindruck von positiven internationalen Veränderungen – erinnert sei nur an die Folgen der „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE), deren Schlussakte 1975 unterzeichnet wurde – hatte dies seine Auswirkung auch auf die Bewertung des 8. Mai 1945.

Dennoch hat es bis zum 8. Mai 1985 gedauert, bis es in der BRD zu einer „Neubewertung“ durch Bundespräsident von Weizsäcker kam, die im Ausland und zunehmend auch in der Bundesrepublik als solche und zugleich als „epochal“ interpretiert wurde. Allerdings las man – wohl wegen gestiegenem Bedarf – mehr aus dessen Rede heraus, als drin stand. Sowohl bei westlichen Verbündeten als auch in der Sowjetunion, deren „Deutschlandpolitik“ damals zunehmend bis fast ausschließlich auf die Bundesrepublik ausgerichtet war. Da war man an einem guten politischen Klima höchst interessiert und nahm das „neue“ Angebot als solches auf.

War das Experiment „innere und äußere Versöhnung“ des Bundespräsidenten aber wirklich das große Wagnis, wie anerkennend verbreitet wurde? Interessant dazu ist die Eigenbeurteilung des Referenten von Weizsäckers in dessen Erinnerungen „Vier Zeiten“: „Es waren nicht eigentlich neue Einsichten, die ich vorzutragen hatte.“ Tatsächlich hat der Bundespräsident die „Befreiung“ nicht höher bewertet als die bisherige Gepflogenheit bei der Bewertung: „Niederlagen feiert man nicht“. Hinzugefügt hat von Weizsäcker eigentlich nur, man könne diesen Gedenktag „auch“ als Befreiung „von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bewerten, wobei dieser Passage sogleich die Relativierung folgte: „Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit, so gut wir das können, ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit. […] Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Grund zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewußt erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit auch ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück: der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft.“

Ein Teilzugeständnis bei Gleichsetzung von Befreiung mit jenen Strafmaßnahmen, die am Kriege aktiv beteiligte Deutsche ja wohl ganz überwiegend zu Recht trafen.
Dazu passt – und auch das gehört zur Geschichte dieser Weizsäcker-Rede –, dass in dem vorab intern verbreiteten Text auch davon die Rede war, dass der Bundespräsident um die Begnadigung von Rudolf Heß nachsuche. Der Absatz wurde gestrichen, nachdem der spätere Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel in einem ARD-Interview die deutsche „Schlußstrichmentalität“ gerügt hatte. Da wollte man keine Auseinandersetzung provozieren. Aber die Idee als solche wurde nicht aufgegeben: „In seiner Weihnachtsansprache desselben Jahres holte Weizsäcker sein Gnadengesuch dann nach“, wie Peter Hooeres in seinem Beitrag „Vom Paradox der Eindeutigkeit – der 8. Mai in der westdeutschen Erinnerungskultur“ für den 2016 erschienen Sammelband „Der 8. Mai 1945 im Geschichtsbild der Deutschen und ihrer Nachbarn“ festgehalten hat.

Nochmals 15 Jahre später, unter völlig veränderten internationalen und nationalen Gegebenheiten, sagte Bundeskanzler Schröder am 8. Mai 2000 bei der Ausstellungseröffnung „Juden in Berlin 1938 – 1945“ im Centrum Judaicum: „Der 8. Mai 1945 ist ein entscheidendes Datum in der Geschichte der europäischen Völker. Und in ganz besonderer Weise ist dies Datum prägend für die Geschichte der Deutschen, die im zweiten Weltkrieg so unermessliches Leid über andere Völker und zuletzt auch über sich selbst gebracht haben. Niemand bestreitet heute mehr ernsthaft, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung gewesen ist – der Befreiung von nationalsozialistischer Herrschaft, von Völkermord und dem Grauen des Krieges.“ Das war nun die offizielle Draufsicht 55 Jahre danach.

Dem gegenüber gab es aber immer noch die andere Tendenz – wie die Bundeszentrale für politische Bildung konstatierte –, dass „in den 1990er-Jahren vor allem von rechtsextremen Kreisen immer wieder versucht [wurde], den 8. Mai erinnerungspolitisch zu besetzen und den Aspekt der Niederlage an die Stelle der Befreiung zu setzen. Durchsetzen konnten sich diese Bestrebungen aber nicht.“ So der Befund der Bundeszentrale.

Was mag die deutsche Obrigkeit zum 75. Jahrestag dem eigenen Volk und der Weltöffentlichkeit zu sagen haben – über die Vergangenheit, für die Zukunft?



 

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