„Alan Kurdi“ auf dem Mittelmeer: Wie die Corona-Krise die Flüchtlingsretter trifft – DER SPIEGEL

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Wieder mal warten: Crewmitglieder der Alan Kurdi im Mittelmeer

Wieder mal warten: Crewmitglieder der Alan Kurdi im Mittelmeer

CEDRIC FETTOUCHE/ AFP

Die letzte Warnung des deutschen kommt am Montagnachmittag dieser Woche um 17.15 Uhr an. „Sie müssen davon ausgehen, dass im Mittelmeerraum kein Aufnahmehafen für sie gefunden wird“, steht in dem Brief eines Abteilungsleiters. Italien habe bereits mitgeteilt, dass die „Alan Kurdi“ nicht einlaufen dürfe. Malta ebenso. Die deutschen Seenotretter sollen umkehren. Als die Aktivisten die Nachricht lesen, sind sie fassungslos.

Was die deutschen Beamten nicht wissen: Zu diesem Zeitpunkt haben die Freiwilligen der „Alan Kurdi“ bereits 150 gerettete Migranten an Bord. Zum Umkehren ist es zu spät.

Früh am Montagmorgen hatte die Crew vor der Küste Libyens das erste Holzboot am Horizont erspäht. 68 Migranten saßen darin, darunter 20 Minderjährige, so haben die Retter es im Protokoll vermerkt. Die „Alan Kurdi“ hat gerade die Beiboote zu Wasser gelassen, als ein Schnellboot heranrast.

Das Schnellboot hat die libysche Flagge gehisst, vier Männer sitzen darin. Offensichtlich gehören sie zu einer libyschen Miliz, die mit den Migranten Geld verdient. Nach Angaben der „Alan Kurdi“ geben die Männer Warnschüsse ab. Aggressiv fahren sie an das Holzboot der Migranten heran, ein Video zeigt die Szenen.

Als die Libyer an Bord des Schiffs gehen wollen, bricht Panik aus. Die Flüchtlinge springen ins Wasser. Sie wollen die Beiboote der „Alan Kurdi“ erreichen. „Stopp“, rufen die Retter. Dann schmeißen sie doch die Rettungswesten ins Wasser und ziehen die Menschen schließlich an Bord.

Geschäft mit den Migranten: Das libysche Schnellboot behindert die Rettung

Geschäft mit den Migranten: Das libysche Schnellboot behindert die Rettung

CEDRIC FETTOUCHE/ AFP

Die „Alan Kurdi“ ist knapp 39 Meter lang. 150 Menschen drängen sich nach insgesamt zwei Rettungen nun an Bord, so viele wie selten zuvor, größtenteils kommen sie aus Bangladesch und Marokko. Das Schiff ist vollkommen überfüllt, die Retter sind allein auf See. Kein anderes ziviles Schiff sucht derzeit im Mittelmeer nach Schiffbrüchigen. Alle anderen Organisationen konnten oder wollten wegen der Coronakrise nicht auslaufen.

Die Organisation Sea-Eye hat es gewagt, trotz aller Warnungen. Je nach Sichtweise handelt die Crew entweder naiv oder idealistisch. Nun kämpft sie darum, in einen Hafen einlaufen zu dürfen. Ihre Fahrt droht zu einer Odyssee zu werden.

Plötzlich ist es fast wie unter Salvini

Bereits kurz nach dem Auslaufen der „Alan Kurdi“ hatten sich Malta und Italien mit sogenannten Verbalnoten an die deutschen Behörden gewandt. Die Botschaft: Für die „Alan Kurdi“, die unter deutscher Flagge fährt, gebe es keinen Hafen. Das sei in der Coronakrise unmöglich.

Am Dienstagabend erließ die italienische Regierung eigens ein Dekret. Solange der gesundheitliche Notstand andauere, seien italienische Häfen für Schiffe mit ausländischer Flagge keine sicheren Orte, heißt es. Man könnte die sanitäre Versorgung der Migranten nicht garantieren. Verwiesen wird auch auf mögliche Corona-Fälle an Bord.

Die Menschen müssen an Deck schlafen: gerettetes Kind an Bord des Schiffs

Die Menschen müssen an Deck schlafen: gerettetes Kind an Bord des Schiffs

CEDRIC FETTOUCHE/ AFP

Das Dekret stellt die Arbeit der Seenotretter insgesamt infrage. Wenn sie nicht unter italienischer Flagge fahren, werden sie monatelang nicht in Italien anlegen können. Wie wütend man in Rom und Valetta ist, zeigte sich bei einer Telefonkonferenz der EU-Innenminister am Dienstag. Malta und Italien hätten darin die Handlungsweise der „Alan Kurdi“ „verurteilt“, heißt es in Brüssel. Deutschland als Flaggenstaat sei für das Schiff verantwortlich.

Für die Seenotretter ähnelt die Situation jener Lage im Sommer 2019, als Carola Rackete mit dem damaligen Innenminister Matteo Salvini stritt. Wieder blockieren Malta und Italien die Schiffe. Nur ist dieses Mal nicht Salvinis Profilierungssucht der Grund – sondern eine Pandemie. Ein weiterer Stand-off bahnt sich an.

Die Vehemenz der Behörden hat die Seenotretter überrascht. „Wir wussten, dass diese Mission schwieriger wird als alle zuvor“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye. Die Entscheidung zum Auslaufen sei intern lange diskutiert worden. „Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass das Innenministerium uns so klar auffordert, die Rettung einzustellen.“ Laut Isler bekomme seine Organisation derzeit so viel Hass ab wie seit Salvini-Zeiten nicht mehr.

Schiff „Alan Kurdi“: Auf knapp 39 Metern drängeln sich 150 Migranten

Karsten Jäger/ dpa

Auch die Organisation „Sea-Watch“ beobachtet die festgefahrene Situation genau. Die Seenotretter fühlten sich als Spielball der Politik, sagt ihr Sprecher, Ruben Neugebauer. Die italienische Reaktion sei wohl auch deshalb so heftig, weil die „Alan Kurdi“ ein deutsches Schiff sei. Italienische Politiker schimpfen seit Wochen auf Deutschland, weil das Land in der Coronakrise zu wenig Solidarität zeige. „Und nun will ausgerechnet jetzt ein deutsches Schiff Geflüchtete in einem italienischen Hafen an Land bringen.“

Auf der ganzen Welt stehen die Rechte von Flüchtlingen wegen der Corona-Pandemie unter Druck: Viele hängen in der Wüste oder an europäischen Grenzen fest. Auch der von Horst Seehofer ausgehandelte europäische Verteilungsmechanismus ist ausgesetzt. Er sah vor, dass Flüchtlinge auf Malta an Land gehen können und von dort in europäische Länder verteilt werden. In der Coronakrise funktioniert er nicht mehr. Die Grenzen sind dicht.

Schon ohne geschlossene Häfen hatte das Virus die Seenotretter behindert. Die Ärzte einiger Hilfsorganisationen helfen in Krankenhäusern statt auf Schiffen. Die Crews kommen wegen Ausgangssperren und Quarantänebestimmungen nicht auf die Schiffe.

Vom Umgang mit der „Alan Kurdi“ hängt nun ab, ob weitere Rettungsschiffe überhaupt auslaufen. Sollten Malta und Italien die harte Linie beibehalten, dürfte das im Meer vor Libyen Menschenleben kosten. „Seenotrettung ist kein Verbrechen, auch nicht in der Coronakrise“, sagt der deutsche Linkenabgeordnete Andrej Hunko. Die EU-Kommission müsse die Verteilung der Geretteten in europäische Länder koordinieren.

In Libyen wagten sich im März 800 Migranten und Geflüchtete auf Boote. „Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich weniger Menschen auf Boote setzen werden“, sagt Vincent Cochetel, der Sonderbeauftragte des Uno-Flüchtlingshilfswerks für die Region. Der Bürgerkrieg wütet stärker denn je, Corona-Fälle wurden bisher kaum registriert.

In der Vergangenheit habe es einige wenige legale Fluchtwege gegeben, auch die seien nun verschlossen, sagt Cochetel. „Die Schmuggler werden versuchen, diese Situation auszunutzen. Dass fast keine Seenotretter vor Ort sind, wird sie nicht aufhalten.“ Sie würden einfach lügen.

„Wir können keine Rettungsaktion starten, weil wir keine Masken für die Besatzung haben.“

Wegen des guten Wetters legen gerade wieder besonders viele Boote ab. Selbst Teile der libyschen Küstenwache weigern sich aus Angst vor dem Coronavirus offenbar zu retten. „Wir können keine Rettungsaktion starten, weil wir keine Masken für die Besatzung haben“, sagte ein Küstenwächter laut der NGO „Alarmphone“ am Telefon.

In der Vergangenheit setzten libysche Schmuggler oft auf billige Schlauchboote. Derzeit schicken sie viele Migranten und Flüchtlinge auf teureren Holzbooten los. Einige Gruppen von Geflüchteten schaffen es so aus eigener Kraft bis nach Europa.

Ohne Hafen: Aktivisten der „Alan Kurdi“

Darrin Zammit Lupi/ REUTERS

Auf der italienischen Insel Lampedusa kamen seit Montag mehr als 150 Menschen an. Die Inselbewohner sind alarmiert. Das Aufnahmelager sei voll, sagt der Bürgermeister Totò Martello. Er fordert deshalb von der Regierung die Entsendung eines Schiffs, dort will er ankommende Migranten und Geflüchtete in Quarantäne stecken. Anders wisse er sich nicht mehr zu helfen, schließlich würden die Corona-Vorschriften für alle gelten – Italiener wie Migranten.

Die „Alan Kurdi“ kreuzt derzeit nur wenige Kilometer vor Lampedusa. Bisher zeigt keiner der Geflüchteten Krankheitssymptome. Die Besatzung hat in Rom um Treibstoff, Lebensmittel und Medikamente gebeten. „Wir haben Verständnis für die Notsituation in Italien“, sagt Gorden Isler. Aber das Leben der Menschen an Bord müsse nun mal genauso geschützt werden wie das der Europäer.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel Globale Gesellschaft werden Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa berichten – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird über drei Jahre von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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