Corona und soziale Folgen: Technik allein kann es nicht sein

Zunächst muss die Erzählung einer digitalen Überwachung als wirksame Maßnahme hinterfragt werden. Software wie »Alipay Health Code« wurde zwar in China massiv benutzt, aber nur als Teil weiterer harter soziopolitischer Maßnahmen. In Südkorea werden Tracking-Apps in Kombination mit einem umfassenden Einsatz von Tests verwendet. Doch was soll digitale Überwachung bringen, wenn die Sammlung von aktuellen Infektionszahlen wie in Deutschland so schleppend verläuft? Nichts, denn ohne relevante Daten funktioniert Big Data nicht.

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Die Nutzung von digitalen Werkzeugen in der Krise erscheint vielmehr eine Kommunikationsstrategie zu sein. Um Tätigkeit statt Überforderung zu vermitteln, werden digitale Überwachungsmittel entweder wie in China autoritär eingeführt oder, wie in Europa, von Menschen freiwillig angewendet – das lenkt auch vom kaputtgesparten Gesundheitssystem ab. Genau so wie in der Klimafrage ist die Erzählung der Techindustrie und der Regierungen, dass eine umfassende Datenerfassung und Künstliche Intelligenz uns vor der Krise retten werden. Dadurch wird eine politische Frage zu einer technischen Frage gemacht und wichtige Entscheidungen selbst ernannten Experten überlassen. Folgerichtig spiegelt eine Technik, die von einer privilegierten Klasse entwickelt wird, die Ungerechtigkeit dieser Gesellschaft wider. Technokratisch regieren kann nie demokratisch sein, denn in einer Demokratie gibt es keine Alternative zur Politik.

Es gibt also keine technischen Lösungen für die Coronakrise. Schlimmer noch, digitale Technik individualisiert die Probleme oft, frei nach dem Motto: »Hier ist eine App, ab jetzt bist du allein für die Anpassung deines Verhaltens verantwortlich«. Damit verkommt kollektives Handeln zur Summe der individuellen Leistungen. Wie könnte dagegen eine solidarische digitale Technik aussehen?

Zunächst muss die Frage beantwortet werden: Wer braucht unsere Hilfe und Solidarität? In erster Linie diejenigen, die bereits vor der Krise ein prekäres Leben geführt haben. Solidarische Nachbarschaftsinitiativen (wie zum Beispiel die Poliklinik in Leipzig) sind darauf angewiesen, Plattformen wie Facebook zu nutzen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Dennoch ist die Logik der Filterblase, die homogene Milieus durch eine von Algorithmen getroffene Vorauswahl von Inhalten online bildet, in dieser Krise ungeeignet. Offenbar werden sich dadurch die junge Aktivistin und der alte migrantische Arbeiter von neben an, der Unterstützung bräuchte, nicht online treffen. Die (soziale) Geographie des Internets ist eine andere als die der Nachbarschaft.

Dies führt zur zentralen Frage: Wo kann digitale Technik in dieser Krise vernünftig eingesetzt werden? Um Mitmenschen zu helfen, muss man sich an deren Lebenssituation anpassen, und oft geht das digital gar nicht – deswegen sind seit zwei Wochen auf der Straße immer mehr Plakate von Initiativen wie CoView, die auch online aktiv sind. Können digitale Werkzeuge das kollektive Handeln nicht stärken? Doch! Hier zeigen existierende Projekte wie »riseup« und »wechange« (oder die Bits & Bäume Bewegung) was nötig ist: freie Software, die selbstbestimmte Organisierung erleichtert. In diesen Krisenzeiten könnte eine solche Form der digitalen Technik den Aufbau lokaler Versorgungsketten, transparenten Informationsaustausch und politische Arbeit erleichtern, und somit Solidarität fördern. Denn auch im digitalen Zeitalter bleibt Solidarität Handarbeit.

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