„Alternative Fakten“ zu Corona: Das Netzwerk der Verharmloser und Verschwörer

Linktipp:
https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/corona-fake-news-106.html

„Alternative Fakten“ zu Corona: Das Netzwerk der Verharmloser und Verschwörer

MONITOR vom 02.04.2020

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Zu den Kommentaren [622]

Bericht: Jochen Taßler, Jana Heck

„Alternative Fakten“ zu Corona: Das Netzwerk der Verharmloser und Verschwörer. Monitor . 02.04.2020. 07:23 Min.. UT. Verfügbar bis 02.04.2099. Das Erste. 

Georg Restle: „Zur Wahrheit über das neuartige Corona-Virus gehört, dass wir vieles darüber nicht wissen. Nicht wie viele sich tatsächlich damit infiziert haben, nicht wie tödlich es ist, nicht wie lange wir nach einer Heilung möglicherweise immun dagegen sind. Und wo Wissen fehlt, da wachsen Spekulationen und wilde Theorien, vor allem im Netz. Die Corona-Krise ist der ideale Nährboden für Unheilspropheten, denen es nicht um Wahrheitsfindung geht, sondern schlicht darum, ihre politischen Botschaften unters Volk zu bringen. Es ist ein gefährliches Gebräu aus Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und auch rechtsextremer Gesinnung, das in diesen Zeiten besonders gut zu gären scheint. Jochen Taßler und Jana Heck.“

Dieser Mann hat es in den letzten Wochen zu großer Bekanntheit gebracht, Wolfgang Wodarg.

Wolfgang Wodarg (13.3.2020): „Ich möchte was erzählen über die Corona-Virus-Epidemie, die wir angeblich haben sollen.” 

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Lungenarzt hält die Debatte um Corona vor allem für Panikmache, befeuert von übereifrigen Virologen.

Wolfgang Wodarg (13.3.2020): „Da ist was gesponnen worden. Ein Netz von Informationen, von Meinungen hat sich entwickelt in diesen Fachkreisen. Und die Politik hat sich an diese Fachkreise gewandt, die damit angefangen haben, hat sich das angezogen.” 

Im Netz gilt er als „Corona-Rebell”, Videos mit ihm werden millionenfach geklickt. Im Kern sagt Wodarg, Corona-Viren habe es immer schon gegeben. Das neue Virus sei nicht besonders gefährlich. Und ohne Tests würden wir gar nicht merken, dass es überhaupt da sei. Die meisten Fachleute widersprechen dieser Einschätzung. Auch Prof. Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum in Braunschweig.

Prof. Gérard Krause, Leiter Epidemiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionskrankheiten Braunschweig: „Ein Großteil seiner Aussagen sind fachlich unstrittig. Ganz problematisch ist seine Schlussfolgerung, dass es sich hier nicht um ein Problem handelt, sondern dass es nur ein Wahrnehmungsproblem ist.  Und das ist definitiv nicht der Fall. Die verstorbenen Patienten und auch die Todesfälle beim medizinischen Personal, die sind ja nicht erfunden. Die wären uns auch aufgefallen, wenn wir kein Erfassungssystem oder keinen Namen für das Virus hätten.“

Im Netz werden fragwürdige Expertisen wie die von Wodarg gerade massenhaft verbreitet. Medien, die sich selbst gerne „alternativ” nennen, greifen sie reichlich auf. KenFM etwa, eine der bekanntesten „alternativen” Plattformen in Deutschland. Hier werden voreilige Verharmlosungen zur Grundlage für wütende Kommentare gegen das System. Von einer „Corona-Diktatur” ist da die Rede, und von „Machtergreifung”. Ein anderer Beitrag sieht in Corona einen „asymmetrischen Krieg” der „Superreichen gegen die restlichen 99 Prozent”. Man wolle eine „Vielfalt von Perspektiven” aufzeigen, sagt KenFM auf MONITOR-Anfrage. Wissenschaftler bewerten solche Beiträge dagegen als klassische Verschwörungstheorien.

Pia Lamberty, Psychologin, Universität Mainz: „Verschwörungstheorien zeichnen sich dadurch aus, dass Menschen glauben, dass es eine dunkle Macht gibt, die im Geheimen Böses tut. Und das ist auch der Unterschied zu Fehlinformationen, wo manchmal einfach Informationen falsch wiedergegeben werden. Es gibt die bösen Verschwörer, die die Welt zerstören wollen in irgendeiner Art und Weise. Und es gibt die Guten, die die Wahrheit sehen, die wissen, wie es wirklich läuft.”

Längst gibt es eine ganze Reihe von Seiten und Kanälen, die Fachleute mindestens in Teilen als verschwörungstheoretisch einschätzen. Viele von ihnen nutzen nun Corona für ihre eigene Agenda. Heiko Schrang zum Beispiel. Er erreicht mit seinem YouTube-Kanal fast 160.000 Abonnenten. In seinen Videos wirft er Politik und Medien permanente Lügen vor und wähnt sich in einem repressiven Unterdrückungsstaat. Corona sieht er als weiteren Beleg dafür. Das Virus sei eine Art „trojanisches Pferd”, Teil eines großen Plans, die Menschen zu unterdrücken.

Ausschnitt SchrangTV: „Man versucht, uns aber in der Angst zu halten, weil durch die Angst sind wir kontrollierbar. Und wer Angst hat, der ist in sich zusammengezogen, der ist steif, starr. Und jemand der starr ist, den kann man ganz einfach brechen.” 

Schrang sieht das nicht als Verschwörungstheorie. Auf Monitor-Anfrage schreibt er, man „hinterfrage Dinge und Ereignisse” eben „kritisch”.

Jan Rathje, Amadeu Antonio Stiftung: „Jede große Krise ist immer ein Nährboden für Verschwörungserzählungen, denn sie lassen sich dann immer wieder darstellen als entweder gar nicht existierend oder als Teil des bösartigen Plans der vermeintlichen Verschwörerinnen und Verschwörer, endlich eine Diktatur umzusetzen.“

Gerade rechte bis rechtsextreme Kanäle versuchen, Corona für ihre Zwecke zu instrumentalisieren – Compact etwa. Das Magazin macht regelmäßig Stimmung gegen Flüchtlinge. Hier wird die Pandemie ganz im Sinne der eigenen Ideologie genutzt. Trotz niedriger Asylzahlen suggeriert der aktuelle Titel eine angeblich neue „Asylflut” im Schatten von Corona.

Prof. Michael Butter, Literaturwissenschaftler, Universität Tübingen: „Da sieht man genau das, was alle anderen Corona-Verschwörungstheorien auch auszeichnet, nämlich, dass im Grunde die Corona-Krise nur angebaut wird als neuester Baustein an bereits existierende Verschwörungstheorien. Wenn man glaubt, der große Austausch ist im Gange, dann ist die Corona-Krise nur ein weiterer Schritt, um diese Einwanderung und den damit einhergehenden Bevölkerungsaustausch weiter zu vollziehen.”

Auch das Schweizer Portal Klagemauer.tv bedient immer wieder rechte Verschwörungstheorien. Immer wieder fällt es mit antisemitischen und extrem rechten Inhalten auf. Der Einmarsch der Deutschen in Polen im Zweiten Weltkrieg wurde hier schon als „Notwehr” bezeichnet. Nun fantasiert man darüber, dass das Corona-Virus „als Biowaffe gezielt eingesetzt” worden sein könnte.

Betreiber von Klagemauer.TV ist der Schweizer Ivo Sasek. Er lädt regelmäßig zur sogenannten „Antizensurkoalition”, einem Stelldichein von Verschwörungstheoretikern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Wie sehr man sich gegenseitig schätzt, kann man hier beobachten. Denn viele, die Corona gerade für ihre Zwecke nutzen, haben hier schon Vorträge gehalten: Heiko Schrang etwa. Und auch Jürgen Elsässer, der Herausgeber von Compact. Einige dieser „alternativen” Plattformen finden inzwischen auch Rückhalt in der Politik. Die AfD hat sich zu ihrem „Schutzschild” erklärt. Im vergangenen Jahr hat sie zur „Ersten Konferenz der freien Medien im Deutschen Bundestag geladen”. Auf dem Werbebanner: unter anderem Compact, Klagemauer.TV und die Anti-Zensur-Koalition.

Jan Rathje, Amadeu Antonio Stiftung: „Das ist hochgradig problematisch, denn wenn beispielsweise politische Macht errungen wird von Menschen, die Verschwörungsideologien anhängen oder sie verbreiten, dann kann es auch gefährlich werden, wenn Menschen sich durch diese Macht dann bestärkt darin fühlen.” 

Einfache Wahrheiten, klare Feindbilder, in unsicheren Zeiten mag das für viele reizvoll sein. Gefährlich ist es für die Gesellschaft. Vor allem für die, die durch das Corona-Virus gerade besonders gefährdet sind.

Georg Restle: „Nein, natürlich ist nicht jeder Kritiker der Regierungspolitik ein Verschwörungstheoretiker und natürlich sollten wir auch wissenschaftliche Mindermeinungen ernst nehmen, gerade in diesen Zeiten. Denn Kritik ist durchaus angebracht, wenn man sieht, wie weit der Staat mittlerweile in unser Privatleben eindringt.“

Stand: 02.04.2020, 22:40

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