Die Vergessenen von Pazarkule

Flüchtlingsdrama ohne Öffentlichkeit


Für tausende Flüchtlinge endete dieser Tage der Traum von Europa. Am leeren Versprechen der Türkei. An der Abschottungspolitik der EU. Und an einer Öffentlichkeit, die in Sorge um eine mögliche Notlage hierzulande jene vergaß, die längst in größter Not waren.


Über diesen Text

Dies hier ist keine klassische Übermedien-Geschichte. Und doch handelt sie auch von Medien. Sie handelt davon, was passiert, wenn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit plötzlich verschwindet, weil sie sich fast vollständig auf ein anderes Problem verlagert. Wir veröffentlichen diese Reportage auch, um einen winzigen Beitrag dazu zu leisten, dem Thema ein bisschen Aufmerksamkeit zurückzugeben.

Die Szene würde gut als Symbolbild für eine Geschichten über Hamsterkäufe taugen, über die dieser Tage so viel berichtet wird. Wären da nicht die Tränengaswolken ein paar Hundert Meter weiter. Diente der Einkauf im einzigen Supermarkt im Sperrgebiet nicht tatsächlich dem Überleben. Und wären die meisten Fotografen, die das Bild festhalten könnten, nicht schon vergangene Woche abgereist.

Jeden Tag schiebt sich der Treck aus Mohammad und den anderen Männern mit Plastikbeuteln den Weg entlang. Mindestens zwei, teils bis zu fünf prall gefüllte Tüten tragen sie über den Feldweg. Was er dabei habe, will ein Polizist mit Mundschutz von Mohammad wissen und stochert unmotiviert zwischen Babynahrung und Fladenbrot herum.

Offene Grenzen nach Europa hatte ein Sprecher der türkischen Abendnachrichten Mohammad und tausenden anderen vor zwei Wochen versprochen. Nun sind zwei Kilometer staubiger Feldweg die maximale Bewegungsfreiheit, die den Menschen an der türkisch-griechischen Grenze bei Pazarkule noch bleibt. Bald werden sie nicht einmal mehr die haben.

„Aber natürlich, natürlich“, antwortet Mohammad auf die Frage, ob er wirklich daran geglaubt habe, es nach Europa zu schaffen. „Wir waren uns sicher, dass sie es ernst meinen“, sagt er, vergewissert sich, dass er aus Sichtweite der Polizisten ist und stellt seine Einkaufstüten in den Straßengraben. Der 33-Jährige wirkt auf den ersten Blick wie jener Klischee-Migrant, den Rechte vor Augen haben, die gegen die Aufnahme von Flüchtlingen Stimmung machen: jung, sportlich, die Seiten kurz rasiert; die Pause am Straßenrand verbringt er am Smartphone. Dann zeigt er, was ihn da an den Bildschirm fesselt: Zwischen Plastikplanen und Filzdecken liegt ein schlafendes Baby, kaum ein halbes Jahr alt. Dahinter lächeln zwei Mädchen in die Selfiekamera.

Mohammads Reise nach Europa begann knutschend im Auto seines Vaters. Im Nachbardorf seiner afghanischen Heimatstadt Herat habe er ein Mädchen kennengelernt. „Ihr Vater war ein Taliban und wollte sie einem alten Mann geben. Also sind wir abgehauen“, erzählt er. Seit zwei Jahren lebt die mittlerweile fünfköpfige Familie illegal in der Türkei. Manchmal beliefere er kleine Läden mit Süßigkeiten. Doch das Geld reiche vorne und hinten nicht. „Unsere Traum ist einfach, ein normales Leben zu führen.“

Wie Mohammad und seiner Familie ergeht es im März zehntausenden Menschen in einer Gegend, wo Träume so zuverlässig zerplatzen wie die Tränengasgranaten der griechischen Grenzschützer. In der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa kamen die meisten von ihnen in den letzten Februar- und ersten Märztagen. Bekommen haben sie Pappkartons, Zeltplanen und jede Menge Ernüchterung: Über die Hilfsbereitschaft Europas, die Versprechen der Türkei und das Interesse der westlichen Öffentlichkeit.

Dass sie sich so sicher waren, es nach Europa zu schaffen, habe nicht nur am Versprechen der Türkei gelegen, sagt Mohammad: „Wir dachten, es würde wie 2015 sein. Die ganze Welt hat damals zugeschaut.“ Neben Flüchtlingen kommen in den ersten Märztagen 2020 auch hunderte Journalisten in die Region. Tagelang drängen sich Kamerateams auf beiden Seiten des Grenzübergangs um die besten Plätze. Korrespondenten aus aller Welt berichten täglich live über die Ereignisse vor Ort, und wie 2015 tragen sie mit dazu bei, dass sich immer mehr Menschen auf den Weg machen. Noch die gesamte erste Märzwoche ist die Lage der Flüchtlinge an der griechisch-türkischen Grenze immer wieder das Aufmacherthema in der „Tagesschau“.

Staatsnahe türkische Reporter

Doch schon in der Woche darauf ändert sich die Situation. Nicht die der Flüchtlinge, aber die der Journalisten. In den ersten Tagen konnten sich Reporter noch weitgehend frei bewegen, ab 4. März beginnen türkische Sicherheitskräfte, die Gegend weiträumig abzusperren. An allen Zufahrtsstraßen zum Grenzübergang errichten Polizisten Checkpoints. Einige Reporter werden schon auf der Fahrt in die nächstgrößere Stadt Edirne abgefangen. Im zwei Kilometer von der Grenze entfernten Dorf Karaağaç suchen Zivilpolizisten nach jedem, der aussieht, als gehöre er hier nicht hin. Mehrere Journalisten, die trotzdem versuchen zu berichten, werden festgenommen. Bald schon haben die einzigen Reporter, die als solche zu erkennen sind, Mikrofone mit den Symbolen staatsnaher türkischer Medien und damit auch die Deutungshoheit über die Situation vor Ort.

„Mit denen rede ich nicht“, sagt Şirvan und dreht sich demonstrativ weg, als ein türkisches Kamerateam nach Interviewpartnern sucht. Als das letzte Mal einer seiner Freunde etwas Kritisches gesagt habe, sei kurz darauf die Polizei gekommen und habe diesen mitgenommen. Auch an den türkischen Polizisten und Soldaten lässt der irakische Kurde kein gutes Haar: „Die einfachsten Dinge können wir nicht tun. Sie behandeln uns wie Tiere. Schlimmer als Tiere“, sagt er. Şirvan ist 32. Er könnte auch als Mitt-40er durchgehen.

Die Geschichte seines geplatzten Traumes beginnt mit einem Alptraum: „Ich habe viele meiner Freunde beerdigen müssen.“ Im irakischen Erbil habe er als Peshmerga den IS bekämpft. Um Terroristen zu bekämpfen, habe er danach in Europa als Soldat anheuern wollen. Doch nach drei Wochen an der Grenze sei von seinem positiven Bild von Europa nicht mehr viel übrig. „Ich danke dir, dass du hier bist. Aber Leute wie du aus Europa wissen überhaupt nichts.“, sagt Şirvan.

Im Kontrast zu seiner ruhigen warmen Stimme wirken seine kämpferischen Aussagen manchmal fast schon satirisch. Erst recht, wenn zwischendurch sein Handy mit Modern Talkings „Brother Louie“ klingelt. „Mein ganzes Leben lang habe ich für Freiheit gekämpft, und was habe ich dafür bekommen?“, fragt er und liefert gleich selbst die Antwort: „Die Griechen beschießen uns jeden Tag mit Tränengas, die Türken behandeln uns wie Hunde und ich kann seit fünf Tagen nicht scheißen. Das ist mein Leben.“ Durchhalten wolle er trotzdem. „Bis zum Ende“, sagt er und wiederholt mit etwas mehr Pathos in der Stimme: „Bis zum Ende.“

Wie in einem militärischen Internierungslager

Tatsächlich bewirkt die türkische Politik, nur Vertreter staatsnaher Medien ins Camp zu lassen, dass ein Teil der Realität aus vielen Medienberichten ausgespart bleibt: Ende der ersten Märzwoche beginnt das türkische Militär, das gesamte Camp einzuzäunen. Polizisten scannen die Fingerabdrücke von jedem Flüchtling, der das Camp betritt oder verlässt. Hinter hohen Gittern warten Menschen in endlosen Schlagen auf etwas zu essen. Daneben patrouillieren Soldaten mit Sturmgewehren. Andere Soldaten tragen Schutzausrüstung, Knüppel und Plexiglasschilder und verpassen jedem einen Hieb, der es wagt auszuscheren. Während in vielen Medien noch das Bild eines chaotischen Zeltlagers gezeichnet wird, gleicht das Camp spätestens ab Beginn der zweiten Märzwoche eher einem militärischen Internierungslager.

Auch Mohammad und seine Familie bekommen die zunehmenden Repressionen zu spüren: Nie habe er sich vorstellen können, was ihn hier erwarte. „Wir werden geschlagen, wir können uns nicht waschen, meine Kinder haben schlimmen Husten von dem Tränengas.“, erzählt er. Eine seiner Töchter habe mit Fieber einige Tage im Krankenhaus verbringen müssen. „Wohin?“, antwortet er auf die Frage, ob er ans Umkehren denke. Als er gehört habe, dass die Grenze offen sei, habe er alles verkauft: „Wir haben nichts mehr.“

Auch außerhalb des Camps nehmen Mitte März die Repressionen gegen Flüchtlinge zu. Polizisten auf Motorrädern patrouillieren im Umland des Camps. „Nur einkaufen und dann zurück zur Grenze“, ruft einer und verleiht seinen Worten mit einem kräftigen Stoß Nachdruck. Überall in der Grenzregion werden Flüchtlinge eingesammelt und an Busbahnhöfen und Parkplätzen zusammengetrieben. Bewacht von Polizisten sitzen an einer Tankstelle rund 40 Menschen, darunter viele Kinder. Sie müssen sich entscheiden: „An die Grenze oder zurück nach Istanbul.“

Auch Omar wird diese Frage bald zu hören zu bekommen. Wie viele Flüchtlinge hat der junge Jemenit in einem der Hotels des acht Kilometer von der Grenze entfernten Edirne Unterschlupf gefunden. „Ich will in Holland eine Ausbildung zum Floristen machen. Ich liebe einfach Blumen.“ So bescheiden wie Omars Traum ist auch sein Auftreten. Er könnte als Posterboy für eine Kampagne zur Aufnahme unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge durchgehen: freundlich, höflich, ein bisschen schüchtern. Dass Omar 21 Jahre alt ist, merkt man ihm kaum an. Was er in den 21 Jahren durchgemacht hat, noch weniger: Mit 14 Flucht aus dem Jemen. Ausbeutung in Saudi Arabien. Als er wegen illegalem Grenzübertritt ein halbes Jahr in einem Knast in Georgien verbringt, ist er 18.

Voller Hoffnung habe er sich in den letzten Februartagen auf den Weg gemacht. Schließlich habe doch schon einmal der öffentliche Druck Europa bewogen, die Grenze zu öffnen. Dreimal habe er es über den Grenzfluss geschafft, dreimal wurde er von griechischen Soldaten aufgegriffen, ausgeraubt, verprügelt und zurück in die Türkei gebracht. „Ich war mir sicher, dass wir es diesmal über die Grenze schaffen. Doch dann kam Corona“, sagt er. Wenige Stunden später klopfen Polizisten an die Tür seines Zimmers und nehmen auch ihn mit.

Aus den Schlagzeilen verschwunden

Wie Omar sind sich viele Flüchtlinge gewiss, dass ihre Reise vor allem an der Bekämpfung der Pandemie scheiterte. Sicher ist: Während man sich im Westen auf eine mögliche Notlage vorbereitete, geriet die reale Not an der europäischen Außengrenze in Vergessenheit. Mehr noch als die türkischen Restriktionen bewirkt die Virus-Epidemie, dass das Interesse der Medien schwindet. Spätestens als Mitte März die Corona-Bekämpfung das öffentliche Leben in Europa allmählich lahmlegt, verschwinden die Schlagzeilen über Pazarkule. Und mit ihnen der politische Druck.

Anfang März hatte der Bundestag noch über eine Aufnahme von 5.000 Flüchtlingen diskutiert, und einige EU-Staaten hatten sich dazu durchgerungen, zumindest 1.600 minderjährigen Asylsuchenden Schutz zu gewähren. Nun wendet sich die Stimmung. Am 13. März setzt die Bundesregierung ihre humanitären Programme zur Flüchtlingsaufnahme aus. Vom Aufnahme-Stopp betroffen sind auch jene Schutzsuchenden, die nach dem EU-Türkei-Abkommen nach Deutschland kommen sollten. Am 15. März schließen die letzten EU-Staaten ihre Grenzen für Flüchtlinge. Am 17. März geben auch das UN-Flüchtlingswerk UNHCR und die UN-Migrationsorganisation IOM bekannt, ihre Umsiedlungs- und Evakuierungsprogramme auszusetzen.

Während Europa und der Rest der Welt mit Corona beschäftigt sind und die Berichte über die Situation an der griechisch-türkischen Grenze immer seltener werden, verschlimmert sich die Lage am Grenzübergang Pazarkule erneut: So überraschend, wie die Türkei am 28. Februar ankündigte, ihre Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, schließt sie diese am 19. März wieder. Von Corona-Bekämpfung berichtet nun ein Sprecher der türkischen Abendnachrichten. Von den neuen Geldern, die EU-Vertreter zwei Tage zuvor dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in einer Videokonferenz versprachen, sagt er nichts.

Ohnehin deutet nur wenig darauf hin, dass türkische Behörden wirklich an der Gesundheit der Menschen interessiert ist: Helfer berichten, sie dürften keine Hilfsgüter ins Camp bringen. Flüchtlinge erzählen, selbst Schlafsäcke und Zelte würden aus dem Camp verbannt. Verlassen dürfen die Menschen das Camp nun auch nicht mehr, um sich mit Essen zu versorgen. Erst verschwinden die Männer, die Plastiktüten übers Feld tragen, dann stellen türkische Behörden auch die Essensausgabe im Camp ein.

„Wir sind einfach in einen Bus gestiegen“, erzählt Mohammad via WhatsApp von dem Tag, als sein Traum von Europa endete. Er klingt dabei, als könne er es selbst noch nicht richtig fassen. „Wir hatten Angst zu sterben“, sagt er. Ein bisschen wirkt er, als wolle er sich entschuldigen. Auch Omar meldet sich. Nach drei erfolglosen Fluchtversuchen entscheidet er sich für die Rückkehr nach Istanbul. Sein Traum von Europa endet am selben Busbahnhof, wo er drei Wochen zuvor begonnen hat.

Şirvan hingegen macht seine Ankündigung wahr und hält bis zum Ende durch. Nur dass das Ende nicht in Europa, sondern 1.300 Kilometer weiter im Osten der Türkei liegt. „Sie haben uns ins Abschiebezentrum von Malatya gebracht. Bitte helfen Sie uns!“, lautet eine seiner letzte Nachrichten in der Nacht auf den 28. März. Am Tag zuvor hatten türkische Polizisten das Camp bei Pazarkule endgültig geräumt. Nur noch die Berichte von einigen Flüchtlingen und ihre unscharfen Handyvideos bezeugen, wie Polizisten Zelte in Brand stecken und Menschen mit Knüppeln in Busse treiben. Die letzten Journalisten, die über die Ereignisse hätten berichten können, waren da schon lange abgereist.

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Nachtrag

Eine Woche habe ich Mohammad, Şirvan, Omar und viele andere Menschen an der griechisch-türkischen Grenze begleitet. Dann reise auch ich vorzeitig ab: Weil immer mehr EU-Länder ankündigen, wegen Corona ihre Grenze zu schließen. Weil türkische Airlines ihre Flüge streichen. Und weil zwei Kinder, die schulfrei haben, zu Hause auf mich warten. Während der Kampf gegen die Corona-Epidemie die Schlagzeilen dominiert, versuche ich meine Reportage über die Flüchtlinge von Pazarkule loszuwerden. Anderthalb Wochen lang kontaktiere ich rund 20 Redaktionen. Manche bedauern, keinen Platz zu haben. Einige sagen explizit, dass sich dafür momentan niemand interessiere. Viele antworten gar nicht.

Die letzte Pointe einer Geschichte über Menschen, für die sich in Corona-Zeiten kaum noch jemand interessiert: Ich finde kaum ein Medium, das sich dafür interessiert.

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