Krankenhaus­schließungen betreffen vor allem kleine Häuser

dpa

Berlin – Zwischen den Jahren 2003 und 2012 wurden in Deutschland 74 Krankenhäuser mit 5.200 Betten vollständig geschlossen. Das geht aus dem Gutachten „Darstellung und Typologie der Marktaustritte von Krankenhäusern Deutschland 2003 – 2013“ hervor, das der GKV-Spitzenverband gestern veröffentlicht hat. Im Gegensatz dazu weise die Kranken­hausstatistik des Statistischen Bundesamts 204 geschlossene Krankenhäuser mit knapp 46.000 Betten für den genannten Zeitraum aus. 130 dieser Krankenhäuser seien jedoch gar nicht vollständig aus dem Markt ausgetreten, heißt es in dem Gut­achten.

In diesen Häusern seien lediglich Abteilungen geschlossen, Bettenzahlen in weiterhin existierenden Krankenhäusern reduziert oder Betten im Zuge von Restrukturierungen verlegt worden. „Vollständige Marktaustritte spielen demnach beim Abbau von Kranken­häusern beziehungsweise Krankenhausbetten gegenüber Teilschließungen und dem Abbau von Kapazitäten in weiterhin existierenden Krankenhäusern oder auch im Zuge von Zusammenschlüssen von Krankenhäusern im betrachteten Untersuchungszeitraum eher eine geringe Rolle“, resümieren die Autoren Uwe K. und Sven Preusker sowie Markus Müschenich.

Krankenhäuser schließen vor allem in dicht besiedelten Regionen
70 Prozent der Marktaustritte fanden dem Gutachten zufolge in Städten beziehungsweise ländlichen Kreisen mit Verdichtungsansätzen statt „Das widerlegt die häufig in der Öffentlichkeit vertretene These, dass bei Krankenhausschließungen vor allem die Versorgung in dünn besiedelten ländlichen Regionen betroffen ist“, schreiben die Autoren. Zumindest für vollständige Marktaustritte könne diese These nicht bestätigt werden – im Gegenteil: nur rund ein Viertel aller Marktaustritte beträfe dünn besiedelte ländliche Kreise.

In dem beobachteten Zeitraum traten die meisten Krankenhäuser in den Jahren 2003 (12 Häuser), 2004 (10) und 2012 (10) vollständig aus dem Markt aus. Es lasse sich demnach kein Trend hinsichtlich der Häufigkeit von Marktaustritten im zeitlichen Verlauf erkennen, heißt es in dem Gutachten. Die meisten vollständigen Marktaustritte seien dabei bei kleineren Häusern mit einer durchschnittlichen Bettenzahl von 70 Betten zu verzeichnen gewesen.  

45 Prozent der geschlossenen Häuser waren dem Gutachten zufolge Allgemein­krankenhäuser, 42 Prozent waren Fachkrankenhäuser und 13 Prozent Beleg­krankenhäuser. Der Bettenabbau war dabei in der Inneren Medizin (47 Prozent) und in der Chirurgie (24 Prozent) am höchsten.

Die meisten Krankenhäuser wurden in Bayern geschlossen (19), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (15), Baden-Württemberg (14) und Hessen (11). Keine Marktaustritte gab es in Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland. 28 der aus dem Markt ausgetretenen Krankenhäuser waren dabei in privater Trägerschaft, 26 in öffentlicher und 20 in freigemeinnütziger.

Langfristige Belegungsprobleme sind die häufigste Ursache für Schließungen
Die häufigste Ursache für Marktaustritte seien langfristige Belegungsprobleme gewesen, die zu einer wirtschaftlichen Schieflage geführt hätten, heißt es in dem Gutachten. Landes­planerische Erwägungen über die Bedarfsnotwendigkeit von Krankenhäusern hätten hingegen keine wesentliche Rolle gespielt. Die Ursachen für vollständige Markt­austritte haben die Autoren nach Gruppen klassifiziert: langfristige Belegungsprobleme, Schließung eines Hauses mit schlechter Auslastung nach einer Privatisierung, Markt­austritt nach einer Insolvenz, Marktaustritt nach radikaler Kapazitätsreduktion und anschließender verbesserter Auslastung aufgrund hoher Fixkosten, Vorgaben der Landeskrankenhausplanung, Schließung von Kleinst-Krankenhäusern.    

Die wichtigsten Akteure bei einer Schließung seien der Krankenhausträger und das Klinik-Management, heißt es weiter. Die Landesplanungsbehörden sowie die Kosten­träger spielen eine eher untergeordnete Rolle.

Die Autoren betonen, dass die Kosten der Schließung eine wesentliche Marktaustritts­hürde darstellten. Sie variierten aufgrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen für den jeweiligen Marktaustritt erheblich und lägen zwischen 0,8 und 2,5 Jahresbudgets des betroffenen Krankenhauses.

Schließungsförderungen decken die Schließungskosten nicht
Zwar enthielten die Landeskrankenhausgesetze Regelungen zur Förderung von Krankenhausschließungen, doch nur Berlin, Nordrhein-Westfalen und Hessen hätten bislang konkrete Angaben über die Höhe der Schließungsförderung gemacht. Insgesamt deckten die bisher gesetzlich vorgesehenen Schließungsförderungen in jedem Fall die tatsächlichen Schließungskosten eines Krankenhauses nicht. Problematisch seien zudem die hohe Prozessunsicherheit und die Intransparenz, die letztlich dazu führe, dass eine mögliche Schließungsförderung ein kaum planbares Verhandlungsergebnis dar­stelle.

Konkret habe nur für fünf Marktaustritte eine Schließungsförderung durch die Länder recherchiert werden können, heißt es in dem Gutachten. Die Förderung habe sich dabei zwischen 400.000 und drei Millionen Euro bewegt.

Nur in der Hälfte der Marktaustritte haben die Autoren darüber hinaus Hinweise auf eine Nachnutzung für gesundheitliche Versorgungsangebote gefunden wurden: In einem Fünftel der Fälle findet eine Nachnutzung durch ein ambulantes Versorgungsangebot statt und in jeweils zehn Prozent durch eine Rehabilitations- und durch eine Pflegeeinrichtung.

„Viele Marktteilnehmer erwirtschaften dauerhaft hohe Verluste“ 
„Der deutsche Krankenhausmarkt ist durch sehr hohe Marktaustrittsschranken gekennzeichnet“, resümieren die Autoren abschließend. „Die Schließung eines Krankenhauses wird von den Verantwortlichen in Deutschland nach wie vor aus sehr unterschiedlichen Gründen nach Möglichkeit vermieden – selbst dann, wenn schon lange erhebliche Zweifel an einer betriebswirtschaftlichen Perspektive und der Versorgungsrelevanz eines Hauses bestehen.“ Vor einem endgültigen Marktaustritt eines Krankenhauses oder Klinikstandortes würden zunächst alle anderen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zum Erhalt des Krankenhauses beziehungsweise Standortes genutzt.

Vor allem öffentliche Träger beziehungsweise die verantwortlichen Politiker empfänden die Schließung eines Krankenhauses und den endgültigen Marktaustritt als Bedrohung ihrer Position, die es so lange wie möglich zu verhindern gelte – auch dann, wenn Rettungsversuche unter Einsatz von vielfach erheblichen öffentlichen Mitteln absehbar nicht erfolgreich sein würden. Für freigemeinnützige und private Krankenhausträger bedeute jeder Marktaustritt einen Imageschaden, der angesichts der Entwicklung hin zu größeren Einheiten und Trägergruppen als schädlich für zukünftige Übernahme­möglichkeiten gelte.

„Die aufgrund der hohen Marktaustrittsbarrieren unterbleibende, aber eigentlich erforderliche Anpassung der Kapazität hat dazu geführt, dass viele Marktteilnehmer dauerhaft hohe Verluste erwirtschaften, von einer Insolvenz bedroht sind und keine optimale Versorgung mehr erbringen“, so die Autoren.

Studienautoren empfehlen Marktaustrittshilfe 
Hier erscheine es dringend erforderlich, Lösungen im Sinne von Marktaustrittsbeihilfen oder Beihilfen zur Umwandlung von Krankenhäusern in andere gesundheitliche Versorgungs­angebote zu schaffen. Ziel der Politik müsse es sein, ein unterstützendes regulatives und finanzielles Umfeld für Marktaustrittsentscheidungen von Krankenhaus­trägern zu schaffen. „Das könnte konkret bedeuten, dass Krankenhausträger einen rechtssicheren Anspruch auf Marktaustrittshilfe erhalten, sofern die Schließung beziehungsweise Umwandlung die wohnortnahe Versorgung nicht gefährdet“, schreiben die Autoren. © fos/aerzteblatt.de

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