Besetzen in Zeiten von Corona

»Hier steht eine Wohnung leer«, sagt Kim Schmitz und zeigt auf ein unscheinbares Wohnhaus. »Und hier im Hinterhof sind es sogar zwei.« Gemeinsam mit seinen zwei Mitstreiterinnen von der Kampagne #besetzen läuft der junge Mann an diesem sonnigen Samstagmittag durch den Neuköllner Schillerkiez. Ihr Plan: Eine leerstehende Wohnung besetzen und sie einem Obdachlosen zur Verfügung stellen. In den letzten Tagen haben sie dafür verlassene Wohnungen gesucht – und gefunden. Dutzende davon gebe es allein hier im Kiez, sagt Schmitz. In ganz Berlin seien wegen spekulativem Leerstand, Ferienwohnungen oder Airbnb Zigtausende Wohnungen unbewohnt. 

Ihr Ziel liegt jedoch ein paar Straßen entfernt. Rasch schließen die Besetzer*innen das Schloss auf, das sie zuvor ausgetauscht haben, und betreten eine Wohnung, von der nicht nur Obdachlose träumen: Zwei lichtdurchflutete Zimmer, Küche, Bad, die Wände riechen noch nach frischer Farbe, sogar einen Balkon gibt es. Schmitz drückt auf den Lichtschalter und dreht den Wasserhahn auf, Strom und fließend Wasser sind vorhanden. Im Prinzip kann hier sofort jemand einziehen. Und das soll es auch, wenn es nach den Besetzer*innen geht.

Die drei sind nicht die einzigen, die an diesem Tag Wohnungen besetzen. Es ist der Housing Action Day, an dem in Berlin und vielen anderen Städten eigentlich zahlreiche Aktionen auf der Straße geplant waren. Die Ausgangsbeschränkungen machten all dem zwar einen Strich durch die Rechnung, davon ließen sich die Aktivist*innen aber nicht abhalten. »Kontaktverbot. Versammlungsverbot. Scharfe Ausgangsbeschränkungen. Es scheint so als müssten wir in Zeiten von Corona all unsere politische Aktivität zurückfahren. Aber das muss nicht so sein«, ist auf einer Streaming-Plattform zu lesen, auf der die Kampagne #besetzen zeigt, wie coronagerechtes Besetzen geht. Auch wenn Bild und Ton immer wieder ruckeln, die Botschaft ist klar: Tut euch zusammen, besetzt Wohnungen und gebt sie denen, die sie brauchen. Rund 400 Zuschauer*innen verfolgen die Aktion live.

»Uns geht es nicht um eine spektakuläre Aktion, sondern darum, dass hier auch tatsächlich jemand wohnt«, sagt Schmitz. Anders als in den vergangenen zwei Jahren, in denen #besetzen immer wieder öffentlichkeitswirksam Häuser besetzt hat, handelt es sich am Samstag daher um stille, also heimliche Besetzungen. Für die Wohnung im Schillerkiez haben sie zwar noch keine*n Bewohner*in, für einige der anderen Wohnungen stünden aber schon Obdachlose bereit, die dort einziehen wollen. Sollte die Aktion auffliegen, würden diese selbstverständlich mit einem Anwalt unterstützt und die Kosten übernommen, sagen die Aktivist*innen. 

In der Wohnung tragen die Besetzer*innen Atemschutzmasken und achten auf ausreichenden Abstand. Um sich zu schützen, sind bei den Aktionen immer nur kleine Gruppen von zwei bis drei Leuten unterwegs. Trotz der Infektionsgefahr seien Besetzungen heute wichtiger denn je meint Schmitz. »Wir machen das nicht trotz, sondern wegen Corona«, sagt er. »Es ist leicht zu sagen, stay the fuck home, wenn man ein Zuhause hat«, ergänzt seine Mitstreiterin, die sich Charlie Winter nennt. »Viele haben aber keine Wohnung, leben auf der Straße, in Sammelunterkünften oder in gewalttätigen häuslichen Strukturen.« 

Um auch diesen Menschen zu ermöglichen, zu Hause zu bleiben, wollen die Besetzer*innen alle Berliner*innen mit ihrem Livestream motivieren, ebenfalls Wohnungen zu besetzen und sie Obdachlosen oder Geflüchteten zur Verfügung zu stellen. »Wenn wir heute zehn Wohnungen besetzen, sind in Berlin immer noch Tausende Menschen obdachlos. Um ihnen allen zu helfen brauchen wir Unterstützung«, sagt Schmitz. Die vielen Kiezgruppen auf Telegramm, die im Zuge der Coronakrise entstanden sind, würden eine gute Möglichkeit bieten, sich zu vernetzen. 

Allein sind die Besetzer*innen mit ihrem Anliegen nicht. Bereits vor einer Woche haben mietenpolitische Organisationen in einem Offenen Brief gefordert, dass Obdachlose in den leerstehenden Hotels und Ferienwohnungen untergebracht werden sollen. Dass die Politik das Problem zeitnah lösen wird, glauben die Aktivist*innen allerdings nicht. »Wir warten nicht auf Senat und Regierung. Wir fangen heute mit dem umverteilen an.«

Insgesamt zehn Wohnungen wurden am Samstag besetzt. Von der Polizei geräumt wurde bislang keine einzige. Die Beamt*innen waren derweil am Kottbusser Tor beschäftigt, wo am Nachmittag trotz Versammlungsverbot rund 200 Menschen gegen Zwangsräumungen, Grenzschließungen und andere Missstände demonstrierten – mit Mundschutz und ausreichendem Sicherheitsabstand. »Die Häuser denen, die sie brauchen«, riefen die Demonstrant*innen lautstark. Eine Forderung, die von den Aktivist*innen von #besetzen zur gleichen Zeit an vielen Orten der Stadt umgesetzt wurde.

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