Spendenaufruf von Grünen-Mitgründerin Jutta Ditfurth „Ich bin in echter Existenznot“

Jutta Ditfurth:

Jutta Ditfurth: „Mein Aufruf hat eine Riesenwelle ausgelöst“

Christoph Hardt/ Future Image/ imago

SPIEGEL: Frau Ditfurth, Sie haben auf Twitter einen Spendenaufruf gestartet – für sich selbst. Was ist los bei Ihnen?  

Ditfurth: Ich war ab Ende Januar sechs Wochen schwer an Grippe erkrankt und es wäre fast schlecht ausgegangen. Dann eine Woche Pause. In der wurden leider alle für dieses Jahr geplanten Lesungen und Vorträge abgesagt. Dann bekam ich auch noch Covid-19. Ich bin in echter Existenznot. 

SPIEGEL: Wie geht es Ihnen denn gerade? 

Ditfurth: Ich hab Fieber, Hustenanfälle, Magenschmerzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Durchfall und seit zwei Tagen ist der Geschmackssinn weg. Mein Arzt hat eindeutig Covid-19 diagnostiziert, aber ich bekomme in Frankfurt keinen Test. Niemand bekommt einen, sofern er nicht in Südtirol war oder ins Krankenhaus eingeliefert wird. Die veröffentlichten Zahlen von Covid-19-Kranken zeigen nur einen Bruchteil der Infizierten.

SPIEGEL: Sie sitzen doch im Frankfurter Stadtparlament, bekommen Sie denn da kein Geld? 

Ditfurth: Ich bin keine Abgeordnete, sondern Stadtverordnete, das ist ein kommunales Ehrenamt. Dafür gibt es weder Diäten noch Pensionsansprüche, sondern nur eine persönliche Aufwandsentschädigung von rund 1000 Euro im Monat. Das versteuere ich und mit dem Rest finanziere ich die parlamentarische Geschäftsstelle von ÖkoLinX im Römer. Kleine Fraktionen bekommen eigentlich 150.000 Euro im Jahr für Mitarbeiter, Geschäftskosten und Öffentlichkeitsarbeit. Aber sie haben vor einigen Jahren die Statuten extra so geändert, dass wir von ÖkoLinX – wir haben zwei Stadtverordnete – null Euro für unsere parlamentarische Arbeit bekommen.

SPIEGEL: Mit 68 Jahren müssten Sie doch auch eine Rente kriegen.  

Ditfurth: Ich bin noch immer arbeitend gemeldet und ich muss arbeiten, bis ich in die Kiste falle. Von der winzigen Rente könnte ich nicht leben. Viele Leute haben falsche Vorstellungen von mir und denken, ich sei im Bundestag gewesen. Da war ich nie! Ich habe keine Diäten bekommen und habe auch keine Pensionsansprüche. Wir als ÖkoLinX bezahlen unsere politische Arbeit selbst, auch den Wahlkampf für den leider gescheiterten Einzug ins Europaparlament. Ich lebe von den Einnahmen aus meinen Büchern und von Vorträgen und Lesungen. Das Jahr war eigentlich super angelaufen, bis Juni waren 15 Vorträge gebucht.

SPIEGEL: Haben Sie für solche Fälle denn kein Geld zur Seite gelegt? 

Ditfurth: Nein, wovon denn? Ich hab mich früh dafür entschieden, dass ich als undogmatische Linke die Gesellschaft verändern will und zwar unabhängig von etablierten Strukturen. Das ist auch eine Entscheidung gegen Karriere. Und ich hab das „von“ abgelegt, unter anderem weil es mich als junge Frau abstieß, dass ich nur wegen meiner Herkunft gut bezahlte Jobs angeboten bekam, für die andere Menschen eine Ausbildung vorweisen mussten. Und ich will auch in Zukunft so unabhängig sein, dass mir niemand in meiner Arbeit inhaltliche oder ästhetische Vorschriften machen kann.

SPIEGEL: Profitgeil zu sein oder einen Notgroschen zusammenzusparen, ist aber ein Unterschied.  

Ditfurth: In den letzten Jahrzehnten sind die Honorare für freie Journalistinnen und Künstler gesunken. Jede Krise ergab neue Ausreden für weitere Senkungen. Wie sollen wir da Notgroschen ansparen? Das ist ein Witz! Politisch werden wir in Zukunft viel damit zu tun haben, die pandemiebedingten autoritären Veränderungen wieder zurückzudrehen und die Lage der Pflegekräfte in den Krankenhäusern zu verbessern. Und meine Bücher sollen so perfekt recherchiert und so schön geschrieben sein, wie es geht. Also brauche ich lange. Das rechnet sich nicht unbedingt. Aber ich will gar nicht jammern, ich habe mich bewusst für dieses Leben entschieden. 

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SPIEGEL: Mit dem Spendenaufruf jammern Sie aber doch ein bisschen.  

Ditfurth: (Lacht) Der Aufruf ist mir auch nicht leichtgefallen. Eine schlaflose Nacht habe ich gegrübelt, wie es nun finanziell weitergehen soll. Dann haben Freunde zu mir gesagt: Überwinde deine Scham und bitte um Hilfe. Und tatsächlich liegt dieser Schritt nahe, denn die sozialen Medien sind eines meiner wichtigsten Werkzeuge. Ich nutze Facebook und Twitter, um mit meiner politischen Kritik gehört zu werden – und nun bitte ich eben um Solidarität. 

SPIEGEL: Die Antworten zu Ihrem Aufruf sind sehr unterschiedlich, viele bemitleiden Sie, andere sind hämisch. Sind denn schon Spenden eingegangen? 

Ditfurth: Ja, etliche. Ein paar tausend Euro kommen sicherlich zusammen. Ich habe Spenden und sehr viele wunderbare Briefe bekommen, auch von Leuten, die schreiben, dass sie politisch anderer Meinung seien als ich, mir aber alles Gute wünschen wollen. Mein Aufruf hat eine Riesenwelle ausgelöst, mehrheitlich einen Love Storm, aber leider auch einen Hate Storm. Ich bekomme ja oft Hassmails, aber diese Welle des Hasses hat selbst mich überrascht. 

„Der Aufruf ist mir auch nicht leichtgefallen.“

SPIEGEL: Inwiefern? 

Ditfurth: Offenbar haben AfD-Anhänger, Nazis und Identitäre gerade nichts zu tun. In der aktuellen Lage spielen sie keine Rolle. Der Staat ergreift autoritäre Maßnahmen und sie finden keine Rolle. Und dann sitzen sie im Nazi-Homeoffice, überweisen mir 1 Cent oder schreiben Morddrohungen. Aber gut ist doch, dass sie sich zurzeit nicht mehr draußen zusammenrotten können, um Schwarze und People of Color zu verprügeln.

SPIEGEL: Beschimpfen kann man Sie doch auch ohne Überweisung. Was ist denn da die Logik?

Ditfurth: Ich habe keine Ahnung. Vielleicht hoffen sie, dass mein Konto auf diese Weise gesperrt wird. Wird es aber natürlich nicht. Manche schicken mir auch per Paypal Forderungen für angebliche Bestellungen. Oder ordern in meinem Namen Pornos oder Luxusautos. Das ist mit wenigen Klicks wieder gelöscht.  

SPIEGEL: Sie haben Ihre komplette Bankverbindung auf Twitter gepostet. Das scheint mir aber schon ziemlich mutig … 

Ditfurth: Na ja, die Daten konnte man ohnehin im Internet finden. Ich verkaufe meine Bücher online, jeder, der da bestellt, hat eh die Kontonummer. Und meine E-Mail-Adresse steht auf meiner Website. Mir ist keine bessere Lösung eingefallen. Ich betrachte Reaktionen jetzt eher aus der Sicht der Soziologin, nehme es analytisch und freue mich über das kostenlose empirische Material. Wenn ich den Überblick habe, werde ich einen Teil an antifaschistische Künstlerinnen spenden, dahin geht dann auch das Nazigeld.

SPIEGEL: Von denen haben die meisten wohl keine 25.000 Follower, die sie um Spenden bitten können. Was raten Sie anderen, die wie Sie in finanzielle Not geraten? 

Ditfurth: Ich unterstütze andere, indem ich ihre Aufrufe über meinen großen Verteiler verbreite. Ich sammle mit anderen Informationen, um allen zu helfen, die staatlichen Zuschüsse und sonstige Hilfsmaßnahmen zu beantragen. Manche junge Künstlerinnen wissen nämlich gar nicht, dass auch sie staatliches Geld beantragen können.

SPIEGEL: Werden Sie denn mit den Spenden über die Runden kommen?  

Ditfurth: Bis jetzt bin ich einen weiteren Monat sicher, das sah vorgestern noch anders aus. Aber ob ich das ganze Jahr finanziert bekomme, weiß ich noch nicht. Das weiß ja niemand so genau. Eigentlich wäre jetzt die Zeit, in der die Anfragen für Lesungen und Vorträge für das zweite Halbjahr eintrudeln würden. Aber viele der Theater oder Klubs, in denen ich auftrete, wissen gar nicht, ob es sie oder ihr Programm dann noch geben wird. Ich setze trotzdem auf die Solidarität der Menschen. Denn bei allem Hass, der mir nun entgegenschlägt, sind die freundlichen Briefeschreiber noch immer in der Mehrzahl. Am schönsten finde ich, dass mir jetzt sehr viele Menschen schreiben, wie viel ihnen meine Bücher bedeuten. Die sind für mich das Wichtigste, in denen steckt meine Arbeit von 30 Jahren.  

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