Geld oder Leben

Das Coronavirus breitet sich rasant aus, die Zahl der Toten steigt täglich, doch schon wird gefordert, bald wieder zur Normalität zurückzukehren. Die Begründung: Der Wirtschaft seien die Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung nicht länger zuzumuten. »Die Heilung darf nicht schlimmer sein als die Krankheit«, so US-Präsident Donald Trump. Dan Patrick, Vizegouverneur des Bundesstaates Texas, bietet an, für eine Wiederaufnahme der Produktion sein Leben und das anderer zu riskieren, denn er sei »nicht bereit, das gesamte Land zu opfern«. Auch in Deutschland wird gewarnt, dass geschlossene Geschäfte und Produktionsstopp die Wirtschaft ruinieren: »Länger als bis zum Sommer kann der Stillstand nicht dauern«, sagt VW-Vorstand Jürgen Stackmann, »das halten Gesellschaft und Wirtschaft nicht aus.«

Die Forderung, zum Wohle von Wirtschaft und Börse die Schutzmaßnahmen aufzuheben oder abzuschwächen, wird vielfach als menschenverachtend kritisiert. Doch liegt ihr ein realer Gegensatz zu Grunde: »Wir wollen es vielleicht nicht wahrhaben, aber es gibt eine Abwägung zwischen dem Kampf gegen das Virus und der Zerstörung der Wirtschaft«, so formuliert ihn der US-Finanzjournalist Clive Crook. Diese Abwägung wird nun vollzogen, das Für und Wider diskutiert. Aber niemand stellt die Frage, wieso die Entscheidung zwischen Überleben der Menschen und Überleben der Wirtschaft so drängt? Selbstverständlich ist das nicht.

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Opfer: Dass das herrschende Wirtschaftssystem Menschenleben fordert, ist im Prinzip nichts neues. Dass Armut das Leben verkürzt, ist statistisch gut belegt. Die meisten Opfer allerdings sind üblicherweise in ärmeren Weltregionen zu beklagen, beispielsweise in Afrika. Schuld daran wird meist der Natur gegeben: Infektionen, Dürren, Überschwemmungen. Allerdings zeigen die Ausbreitung des Coronavirus wie auch der Klimawandel, dass »Natur«ereignisse heutzutage – anders als vor 1000 Jahren – sehr gesellschaftlich bestimmt sind, und zwar sowohl was ihre Ursachen angeht wie auch ihre Folgen. Die Natur stellt nur das Problem. Wie groß es ist und wie viele Opfer es fordert, ist abhängig von Einsatz und Verteilung der ökonomischen Ressourcen – also vom Wirtschaftssystem. Die verlorenen Lebensjahre kann man auch nicht damit erklären, dass die Menschen schlicht zu viele sind. »Es sind zu viele Infizierte, sie sterben alle gleichzeitig«, begründete am Donnerstag der spanische Arzt Daniel Bernabeu die Tatsache, dass er derzeit entscheiden muss, wen er im Krankenhaus behandelt und wer sterben muss. Was er eigentlich meint: Es mangelt an Ressourcen.

Versorgung: Die Schutzmaßnahmen gegen Corona ruinieren die Wirtschaft, heißt es. Worin besteht das Problem? Festzuhalten ist: Außerhalb des Gesundheitssektors besteht es nicht in einem Mangel an notwendigen Gütern. Zwar stehen viele Fabriken still, Geschäfte sind geschlossen. Doch die Produktion des Notwendigen findet weiter statt. Wohnungen, Strom, Gemüse, sogar Klopapier sind vorhanden. Es mangelt auch nicht akut an jenen Gütern, die derzeit nicht produziert werden – der Vorrat an Autos und Smartphones reicht vorerst. Und auf Spargel kann man auch mal verzichten. Dennoch warnt die Welthandelsorganisation WTO: Eine Zerstörung der Wirtschaft wie derzeit erlebt man normalerweise nur in Kriegen – nur ohne die Trümmer. Warum wird die Wirtschaft zerstört, wenn die Menschen in Zwangsurlaub geschickt werden?

Verwertung: Bestünde die Aufgabe der Unternehmen schlicht in der Produktion von Dingen, die die Menschen brauchen, so läge derzeit kein gravierendes Problem vor, zumindest im reichen Norden. Doch im herrschenden Wirtschaftssystem rechnen Unternehmen anders: Sie investieren eine Summe Geldes, stellen Arbeitskräfte ein, zahlen ihnen einen Lohn, lassen sie Güter produzieren, um diese Güter dann zu verkaufen. Sie geben das Produzierte nur her gegen Zahlung, denn ihr Ziel liegt am Ende in einem Überschuss in Form von Geld. Dieses vermehrte Geld investieren sie anschließend neu. Vom Gelingen dieser Operation ist heute die Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen abhängig gemacht.

Der Lockdown unterbricht diesen Prozess. Ergebnis: Unternehmen können nicht produzieren, nicht verkaufen, ihnen entgehen Einnahmen. Sie kaufen daher keine Produktionsmittel ein und streichen Jobs. Dadurch entgehen wiederum Beschäftigten und anderen Unternehmen Einnahmen. Individuell bekommen die Wirtschaftssubjekte dies als fortschreitenden oder drohenden Geldmangel zu spüren: Sie können nicht zahlen.

Man kann sich das Problem am Beispiel von Apple verdeutlichen. Der US-Konzern lebt davon, regelmäßig jedes Jahr ein neues Iphone auf den Markt zu bringen. Doch derzeit steht die Produktion still, die Auslieferung des neuen 5G-Iphone wird sich wohl um ein paar Monate verzögern. Für die Verbraucher wäre das im Prinzip kein Problem, Smartphone-Knappheit gibt es nicht. Allerdings liegen durch den Produktionsstopp von Apple Aufträge an die Zulieferer über 260 Milliarden Dollar auf Eis. Das kann die Zulieferer, auf lange Sicht auch Apple und alle an ihnen hängenden Beschäftigten in den Ruin treiben. Denn das Kapital verwertet sich nicht und wird dadurch zerstört.

Wachstum: Laut Berechnungen des Münchener Ifo-Instituts kann ein Lockdown die deutsche Wirtschaft zwischen 255 und 500 Milliarden Euro kosten. »Kosten« bedeutet hier nicht, dass Geld gezahlt werden muss, das fehlt. Sondern die Kosten fallen laut Ifo in »verlorengegangener Wertschöpfung« an, also darin, dass nicht permanent neu produziert, verkauft und dadurch Kapital verwertet wird. Ähnlich in China: Die »Zerstörung« der Wirtschaft resultiert aus der Tatsache, dass die Unternehmen laut Chinas Statistikamt in den Monaten Januar/Februar 38 Prozent weniger Gewinn gemacht haben als im gleichen Vorjahreszeitraum. Das ist es, was »die Wirtschaft nicht aushält«.

Der Kapitalismus ist nicht das, was die Volkswirtschaftslehre von ihm sagt: ein arbeitsteiliger Zusammenhang zur Produktion und Verteilung von Gütern. Wenn es bloß darum ginge, könnte die Wirtschaft ein paar Wochen Pause aushalten. Doch hängt das herrschende Wirtschaftssystem davon ab, dass ohne Unterbrechung gekauft, produziert und mit Gewinn verkauft wird. In den vergangenen 20 Jahren lag die Rendite von produktivem Kapital relativ stabil bei sechs Prozent, die investierten Gelder vermehrten sich also jedes Jahr um sechs Prozent. Von diesem Wachstum ist die Versorgung der Menschen abhängig gemacht – bleibt es aus, folgen Not und Elend.

Politik: Virus und Lock-down unterbrechen nun die Zahlungsketten und damit das Wachstum und rücken das System an den Rand des Zusammenbruchs. Das führt bei der Politik nicht zu einer Kritik am System von Produktion und Verteilung. Stattdessen nimmt sie es als gegeben hin und macht sich daran, es aufrechtzuerhalten. Mit Kredit. Die G20-Staaten haben staatliche Hilfen über 5000 Milliarden Dollar angekündigt, um die Zahlungsausfälle des privaten Sektors zu kompensieren. Einen großen Teil davon nehmen sie als Schulden auf. Ihre Zentralbanken sorgen mit mittlerweile unbegrenzten Anleihekaufprogrammen dafür, dass die Zinsen niedrig bleiben und die Regierungen nicht pleitegehen.

Das geborgte Geld verteilen die Regierungen an Beschäftigte, Selbstständige, Unternehmen, Banken und halten so den kapitalistischen Kreislauf aufrecht – gegen die Logik des Systems, aus der eigentlich ein allgemeiner Zusammenbruch folgen würde. Diesen Zusammenbruch verhindern die Staaten mit Hilfe neuer Schulden und fingieren ein halbwegs funktionierendes Geschäftsleben: Die öffentliche Hand wird zum Kreditgeber, Investor und Kostenträger der letzten Instanz. Man kann es auch so ausdrücken: Die Staaten vergesellschaften nicht die Produktion und Verteilung, sie lassen sie in privater Hand und vergesellschaften stattdessen die Schulden, mit denen sie die Privatwirtschaft über Wasser halten.

Mit ihren neuen Billionenschulden zahlen die Staaten den Preis dafür, dass sie das System der privaten Produktion für Profit aufrechterhalten, auch wenn es nicht mehr läuft. Ihre Schulden allerdings werden irgendwann fällig. Die Logik des Kapitals verlangt Abrechnung. Es ist insofern logisch, dass Politik, Ökonomen und Manager ein baldiges Ende des Produktionsstopps fordern, auch wenn dies Menschen gefährdet. Und es ist auch logisch, dass diese Forderung als erstes in den USA aufkommt, wo die Menschen auf Grund schwacher sozialer Absicherung stärker den Schwankungen der Marktkonjunktur ausgesetzt sind.

Wann auch immer die Wirtschaft wieder laufen wird, sicher ist: Die Verschuldung der Welt wird gigantisch aufgebläht sein. Ein Teil der staatlichen Schulden wird in den Bilanzen der Zentralbanken liegen, der Staat hat sie damit quasi bei sich selbst. Der andere Teil wird als globales Finanzvermögen – in Form von Staatsanleihen – in den Händen privater Investoren existieren. Letztere sollte man nicht vergessen, wenn am Ende die Frage gestellt wird: Wer zahlt?

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