Wuhan: „Kleine Änderungen im Alltag können viel bewirken“

zeit.de

Interview: Xifan Yang

Du Mingjun ist Psychotherapeutin in Wuhan, dem Ursprungsort der Coronavirus-Pandemie, und Gründerin der „Psychologischen Hotline Hubei“. Am 23. Januar wurde die chinesische Elfmillionenmetropole von der Außenwelt abgeriegelt. Seither nehmen Du und mehr als 200 Kollegen rund um die Uhr Anrufe von hilfsbedürftigen Menschen in Wuhan und in anderen abgeschotteten Orten der Provinz Hubei entgegen. Die Telefonseelsorge ist eine ehrenamtliche Privatinitiative. ZEIT ONLINE sprach mit Du am Telefon.

ZEIT ONLINE: Frau Du, wie erleben Sie die Stimmung in Wuhan nach zwei Monaten Abriegelung?

Du Mingjun: Es wird Frühling, die Temperaturen steigen, die Bäume blühen, ein Glück! Ich sitze heute im T-Shirt in meinem Wohnzimmer. Seit dem 18. März dürfen Bewohner von Wohnanlagen, die epidemiefrei sind, wieder innerhalb der eigenen Anlagen vor die Tür gehen. Unten in unserem Hof sind heute viele Nachbarn mit ihren Kindern spazieren gegangen. Kaum mehr Neuinfektionen werden gemeldet. Kuriere liefern wieder Pakete aus dem Rest des Landes nach Wuhan. Es geht langsam bergauf – auch wenn wir nach wie vor nicht wissen, wann die Abriegelung beendet wird.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ende Januar, als Wuhan von der Außenwelt abgeschottet wurde, eine Telefonseelsorge ins Leben gerufen. Wie helfen Sie seither den Menschen in der Provinz Hubei?

Du Mingjun: Unsere Telefonnummer ist 24 Stunden am Tag erreichbar, das ermöglichen die vielen Kollegen, die sich unserem Team angeschlossen haben. In den ersten Tagen waren wir nur zu zweit, dann riefen immer mehr Menschen an. Inzwischen sind wir 202 Psychologen in ganz China, einige unserer Therapeuten sitzen sogar am anderen Ende der Welt, in Vancouver und in Kalifornien. Sie übernehmen für uns die Nachtschichten, wenn es Tag ist in Amerika.

ZEIT ONLINE: Wer ruft nachts bei Ihnen an?

Du Mingjun: Menschen, die nicht schlafen können. Viele stehen aufgrund der langen Isolation unter enormem Stress. Depressive rutschen noch tiefer in die Depression. Angststörungen nehmen zu. Patienten, die auf dem Weg zur Besserung waren, erleiden Rückfälle. Ein Kollege in unserem Team hatte vor einigen Tagen eine Frau am Telefon, die kurz davor war, aus dem Fenster zu springen. Ihre Familie war positiv auf Covid-19 getestet worden. Da sie Kontaktperson ersten Grades ist, wurde ihre Wohnungstür von den Behörden versiegelt. Sie ist eine stolze, unabhängige Person und fühlte sich davon öffentlich bloßgestellt, konnte mit ihrer Scham nicht umgehen. Es dauerte 40 Minuten, bis mein Kollege sie beruhigen konnte. Schließlich konnte er sie dazu bewegen, das Fenster zu schließen und sich auf Sofa zu setzen.

ZEIT ONLINE: Wie geht es der Frau jetzt?

Du Mingjun: Unser Team setzte sich während des Telefonats mit ihren Nachbarn in Verbindung, sie kümmern sich seither rührend um sie und schauen jeden Tag nach dem Rechten. Ihr geht es besser.

ZEIT ONLINE: Treibt Isolation viele Menschen in Wuhan zu Suizidgedanken?

Du Mingjun: Es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, aber wir haben über unsere Hotline in den letzten Wochen einen deutlichen Anstieg von Suizidgefährdeten verzeichnet. Aber jetzt hellt sich die Stimmung auf in der Stadt. Die letzten Nächte sind ruhiger geworden. Unser Kollege in Kalifornien, ein chinesischstämmiger Amerikaner, schrieb mir heute: „Keine Anrufe gestern und vorgestern. Wuhan schläft wieder besser.“

 

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