Flüchtlingspolitik: Alle rein!

Seit Dezember vergangenen Jahres gibt es, laut UN, eine weitere Million syrischer Flüchtlinge, die sich ausgelöst durch syrische „Offensiven“ auf einen Weg machte, von dem die Europäer wissen, dass er ins dunkle Nirgendwo führt und nicht, wie die Flüchtlinge hofften, in die Rettung. 

„Offensive“ ist Militärvokabular und steht wie alles, was aus der rhetorischen Schatzkiste des Krieges kommt, im gewaltigen Gegensatz zu seinem klinisch sterilen Euphemismus. Offensive umschreibt die gnadenlosen und unaufhörlichen Bombardierungen durch syrische Assad-Truppen gemeinsam mit russischer Kriegspower auf Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser. Jeder Erwachsene, der mit eigenen Augen sieht, dass er es mit einem Regime zu tun hat, das weder vor Kindern, Kranken noch Zivilisten haltmacht, wird das tun, was im Menschen physisch, ja geradezu kreatürlich angelegt ist: Er läuft weg. Sie laufen weg.

Die Bilder, die man in Europa sehen kann, geben genau diese Eile und Haltlosigkeit, diese Kraftanstrengung und Panik wieder. Menschen in Gummischlappen, rasch an die Füße geschoben, beladen mit Babys und Beuteln. Es handelt sich bei diesen Menschen zweifelsfrei um Flüchtlingeund nicht, wie es manche deutsche Zeitungshäuser seit 2015 beharrlich und frei nach Rechtspopulistenschnauze behaupten, um „Migranten“. „Migranten“ ist ein unverzeihliches Wort gegenüber den Fliehenden. Migranten sind Menschen, die ihren Strom- und Telefonanschluss ordnungsgemäß kündigten, die ihr Hab und Gut auf einem Onlinemarktplatz verkauften, die eine letzte Abschiedsparty schmissen, die sich auf RTL 2 eventuell ein paar Umzugsgroschen dazuverdienten, indem sie ihre belanglose Auswandererstory als  TV-Event verkauften.

Man lässt sie sterben

Die anderen, die keine Zeit haben, ihre Verstorbenen zu betrauern, deren Leichname zu suchen und zu beerdigen, sondern schnell losrennen, um wenigstens den restlichen Teil ihrer Familien zu schützen, sind Flüchtlinge. Die, die jetzt fliehen, sind zudem sehr arm. In einem Krieg fliehen die Vermögenden immer zuerst und die Armen zuletzt. Menschen, die im Bombenhagel in Gummischlappen wegrennen, sind Flüchtlinge. Es steht den Medienhäusern dieser Welt nicht zu, diesen Menschen ihren Flüchtlingsstatus wegzunehmen. Er ist ihr einzig verbliebener Schutz. 

Man kann über die brutale Kriegssituation in Syrien, deren politische Gemengelage kompliziert ist, kaum seriös Auskunft geben, weil alle beteiligten Kriegspartner über ausgesprochen raffinierte Methoden der Kriegspropaganda verfügen. Wer etwas Arabisch und/oder Kurdisch spricht, wer wenigstens etwas Russisch und am besten auch Türkisch beherrscht, also vier Sprachen und drei unterschiedliche Alphabete, sammelt sich Versatzstücke aus alternativen Medien und Augenzeugenberichten zusammen. Das Puzzle bleibt eine lückenhafte Chronologie der Ereignisse. Es bleiben die Bilder. Von Flüchtlingen, die jenseits der türkischen Grenze in Idlib ausharren. Von Flüchtlingen, die von der Türkei aus entweder Bulgarien oder Griechenland erreichen wollen. Und von Flüchtlingen, die es auf das nur wenige Kilometer entfernte Lesbos geschafft haben. Was ihnen widerfährt, ist überall ähnlich. 

Was diese Flüchtlinge, darunter ungewöhnlich viele Kinder, erleben, ist das Katastrophalste, was einem Menschen in seinem Dasein widerfahren kann. Es ergibt keinen Sinn, die massiven Menschenrechtsverletzungen aufzuzählen. Man muss es sich so vorstellen: Die Ärmsten der Armen, die Schwächsten der Schwachen, die Erbarmungswürdigsten der Erbarmungswürdigen werden unter der direkten Zeugenschaft einer europäischen Bevölkerung, die sich für die zivilisierteste und wertvollste ihrer Art hält, gefangen gehalten, geschlagen, gefoltert, attackiert. Man lässt sie hungern, frieren, weinen, ausharren. Man lässt sie, das ist wahrlich nicht übertrieben, und es schaudert einen, das zu schreiben: Man lässt sie sterben.

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