Klimaaktivistin Carola Rackete: „Wir befinden uns an einem sehr, sehr kritischen Zeitpunkt“

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  1. Politik

Audio: Inforadio | 01.11.2019 | Quelle: Michael Ramm

Interview | Klimaaktivistin Carola Rackete

„Wir befinden uns an einem sehr, sehr kritischen Zeitpunkt“

Bekannt wurde Carola Rackete als Seenotretterin im Mittelmeer – inzwischen tritt sie mehr als Klimaaktivistin in Erscheinung. Warum beides miteinander zu tun hat, erklärt sie im rbb-Interview anlässlich der Veröffentlichung ihres Buchs „Handeln statt Hoffen“.

Im vergangenen Sommer wurde Carola Rackete als Kapitänin der „Sea-Watch 3“ bekannt: Sie lief trotz Verbots durch die italienischen Behörden in den Hafen von Lampedusa ein – an Bord Dutzende Flüchtlinge, die sie und ihre Crew aus dem Mittelmeer gerettet hatten. Rackete wurde festgenommen und mehrere Tage unter Hausarrest gestellt.

Rackete, die Nautik und Naturschutzmanagement studiert hat, ist auch Klimaaktivistin. Sie warnt, dass aufgrund von Klimaveränderungen weitere Flüchtlingsströme entstehen könnten. Darüber schreibt sie auch in ihrem Buch „Handeln statt Hoffen. Aufruf an die letzte Generation“, das am 4. November erscheint.

rbb: Frau Rackete, Sie haben das Buch „Handeln statt hoffen. Aufruf an die letzte Generation“ geschrieben. Haben Sie sich dafür jeden Tag hingesetzt und eisern geschrieben – oder wie das Buch in doch relativ kurzer Zeit zustande gekommen?

Das Buch wurde mit einer Ghostwriterin geschrieben, mit der ich sehr eng zusammengearbeitet habe. Wir haben sehr viele Interviews und Gespräche geführt – und dann die Texte immer hin und her geschickt. Aber es ist in den letzten zwei Monaten wirklich sehr viel Zeit in dieses Buch geflossen, weil wir es schnell rausbringen wollten. Es geht darin ja um Klimasysteme und Ökologie – und da macht es Sinn, das vor der nächsten Klimakonferenz noch zu veröffentlichen.

Sie hätten nach dem ganzen Rummel um die „Seawatch-Mission“ auch sagen können: Ich ziehe mich jetzt erstmal zurück. Warum trotzdem wieder der Gang in die Öffentlichkeit?

Es ist sehr wichtig, dass man sich öffentlich positioniert und Aufmerksamkeit, die man hat, auf wichtige Themen lenkt: zum einen auf die Verletzung der Menschenrechte durch die Europäische Union, zum anderen auf das, was aktuell mit unseren Ökosystemen passiert.

Wer ist denn Ihre Zielgruppe? Sind das Menschen, die sich schon gegen die Klimakrise einsetzen? Oder sind es auch Menschen „außerhalb der Blase“?

Ich vermute, dass es viele Leute lesen werden, die sich grundsätzlich für Seenotrettung interessieren, die wissen wollen, was auf dem Schiff [auf der „Sea-Watch 3, Anm.d.Red.] passiert ist, wie die Situation auf dem Mittelmeer ist. Und da stellen wir dann eben die Verknüpfung her: zwischen dem, was jetzt schon passiert, mit der Abschottungspolitik der EU, und dem, was in der Zukunft noch passieren wird, wenn immer mehr Menschen zur Flucht gezwungen sein werden durch die Veränderung der Ökosysteme, die wir in den Industrienationen durch unseren Konsum, durch unsere Ressourcennutzung hervorrufen. Und das, hoffe ich, lesen dann auch Leute, die ein Buch ausschließlich über Seenotrettung erwartet haben.

Wie sehr stört es Sie, das Menschen Sie jetzt vor allem mit der Seenotrettung in Verbindung bringen, während sie ja vorher auch schon klimatechnisch aktiv waren, auch durch ihr Studium. Wie sehr stört Sie es, dass viele sagen: Das ist doch die Kapitänin von der „Seawatch“?

Das ist für mich persönlich etwas unangenehm, weil sich mein Blick auf mich selber natürlich nicht auf 21 Tage auf der „Sea-Watch 3“ reduziert, sondern weil ich weiß, das ich seit 2011 in sehr enger Zusammenarbeit mit der Polarforschung gearbeitet habe und dass ich Naturschutz-Management studiert habe. Im Juni ist einfach eine öffentliche Figur entstanden, die mit mir persönlich nur begrenzt zu tun hat.

Sie sprechen in dem Buch von dem Zwiespalt vieler Menschen, normal weiterleben, aber auch Teil der Problemlösung sein zu wollen. Sollte jeder Mensch versuchen, so aktivistisch unterwegs zu sein, wie sie es sind? Oder sagen Sie: Natürlich braucht es Vordenker, die es einfach stellvertretend tun?

Wir befinden uns an einem sehr, sehr kritischen Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte: weil wir das Erdklima so stark verändert haben und die Umweltsysteme so stark zerstören, dass es sein kann, dass wir am Ende dieses Jahrhunderts irgendwas zwischen drei und fünf Grad Temperaturerwärmung haben. Kein Wissenschaftler kann letztlich sagen, wie viele Menschen auf so einem Planeten Erde dann leben könnten. Wir wissen aber, dass das Dürren bringen wird, Wasserknappheit, Kämpfe um Ressourcen. 

Es wird nicht angenehm werden in den nächsten Dekaden. Wenn wir uns das wirklich vor Augen halten – und ich denke, dass es in der Gesellschaft noch nicht ganz angekommen, dass es sich letztlich um so etwas wie eine existenzielle Krise für die Menschheit handeln könnte – wenn wir uns das bewusst machen, dann muss auch jedem klar sein, dass es sehr starke Veränderungen braucht. Wir müssen zuerst zu diesem Wissen kommen – und es zum anderen dann umsetzen.

Beim Lesen des Buchs habe ich mich an der einen oder anderen Stelle schuldig gefühlt, auch wenn ich nicht sagen würde, dass ich zu den großen Klimasündern gehöre. Trotzdem kommt immer wieder der Punkt, wo man denkt: Das könnte ich noch besser machen. Ist das die richtige Herangehensweise?  

Die Grundvoraussetzung ist immer das Wissen, was die Fakten sind. Aber im Buch schreiben wir auch: Wichtig ist nicht nur, dass man selbst privat etwas verändert, zum Beispiel seinen Müll reduziert oder vielleicht eine Bahnfahrt macht statt einer Flugreise. Das ist natürlich auch wichtig. Aber es geht vielmehr darum, dass man sich kollektiv organisiert. Denn die Veränderungen, die wir brauchen, stehen den Interessen von Unternehmen entgegen, den Interessen der Wirtschaft, die sich verändern muss, also die weniger Ressourcen verbrauchen, andere Energieträger benutzen muss. Da stehen wir gegen ein großes System, das wir als Einzelne nicht verändern können. Das müssen wir in einer Gemeinschaft verändern.

Sie sagen im Buch auch, dass der zivile Ungehorsam, wie ihn auch „Extinction Rebellion“ pflegt, der Krisenlage angemessen ist. Wie verhindert man, dass auch andere politische Strömungen das für sich nutzen? Gruppen wie Pegida gehen auch auf die Straße, fühlen sich auch als Stimme gegen die Regierung – aber natürlich aus ganz anderen Gründen…

Es ist wichtig zu sehen, wohin sich die Mitte der Gesellschaft bewegt. Die wird letztlich darüber entscheiden, welche Strömungen die Überhand gewinnen oder ob es tatsächlich so eine Art Transformation geben kann – zu einem anderen Wirtschaftssystem und zu einem geringeren Ressourcenverbrauch.

Das Gespräch mit Carola Rackete führte Birgit Raddatz, Inforadio.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag im Interview hören.

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