Zwei Drittel der Dieselautos fallen bei amtlichen NOx-Tests durch

Autos auf der Stadtautobahn Berlin (Quelle: dpa/ Wolfram Steinberg)
Symbolbild | Audio: Inforadio | 18.10.2019 | Torsten Mandalka | Bild: dpa/Wolfram Steinberg

Zahlreiche Dieselautos stoßen auf der Straße weit mehr Stickoxide aus als bislang bekannt. Das zeigen bisher unveröffentlichte amtliche Messungen des Kraftfahrt-Bundesamtes, die rbb|24 exklusiv ausgewertet hat. Unter den schmutzigen Autos ist eine Bauart besonders vertreten. Von Dominik Wurnig 

Subaru, Fiat, Mercedes-Benz, der Volkswagen-Konzern, Peugeot – das sind nur einige der Hersteller von 50 Automodellen bei denen das Kraftfahrt-Bundesamt im realen Fahrbetrieb einen höheren NOx-Ausstoß festgestellt hat, als am Prüfstand erlaubt. Das zeigen die Ergebnisse der Messfahrten im realen Fahrbetrieb, die das Kraftfahrt-Bundesamt als Maßnahme der Marktüberwachung seit 2016 durchgeführt hat. 189 Mal hat das Kraftfahrt-Bundesamt im realen Fahrbetrieb getestet; bei 65 Prozent aller getesteten Modelle sind die NOx-Werte höher als am Prüfstand erlaubt.

Unveröffentlichte Testergebnisse

Bisher waren diese Testergebnisse der Öffentlichkeit unbekannt. Nicht einmal der Verkehrsausschuss im Deutschen Bundestag kennt die Ergebnisse. „Nach wie vor verweigern Verkehrsminister Scheuer und sein Kraftfahrt-Bundesamt eine transparente Aufklärung des Abgasskandals. Die Abgastests des Kraftfahrt-Bundesamtes gleichen einem Geheimmanöver“, sagt der grüne Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn dem rbb. „Vor mehr als zwei Jahren hat das Ministerium den letzten Zwischenbericht seiner Untersuchungskommission vorgelegt, seitdem herrscht Funkstille.“ Erst als der rbb rechtliche Schritte eingeleitet hat, hat das Kraftfahrt-Bundesamt die Informationen herausgegeben. „Dass Sie als rbb oder wir als Verband vor Gericht gehen müssen, um die Daten zu erhalten, die mit unserem Geld ermittelt wurden, ist völlig inakzeptabel. Wieso werden die Daten nicht auf den Tisch gelegt?“, fragt Axel Friedrich, Abgasexperte der Deutschen Umwelthilfe.

Höhere Werte auf der Straße als am Prüfstand

Die Messergebnisse der Bundesbehörde bestätigen erstmals offiziell, dass weit mehr Automodelle auf der Straße die Stickoxid-Grenzwerte überschreiten, als bisher bekannt. Außerdem wird nun öffentlich, dass nicht alle Euro-6-Diesel sauber sind. Bisher sind Dieselautos dieser Schadstoffklasse von Fahrverboten etwa in Berlin ausgenommen. „Fahrzeuge mit Euro 6 fahren hier herum, dabei liegen sie weit, weit über dem Grenzwert, so dass die nicht mal Euro 1 einhalten. Ein Grenzwert, der 1993 gegolten hat, wird von diesen neuen Fahrzeugen nicht eingehalten“, sagt der DUH-Experte Friedrich. „Das ist natürlich ein unglaublicher Vorgang, dass die weiterhin unsere Luft verpesten dürfen.“

Die dreckigsten Euro-6-Autos

2015 wurde bekannt, dass der Volkswagen-Konzern mit Hilfe einer unerlaubten Abschalteinrichtung die Öffentlichkeit und die Zulassungsbehörden über den Stickoxid-Ausstoß seiner Diesel-Autos getäuscht hat. In der Folge hat das Kraftfahrt-Bundesamt etliche Fahrzeuge von Volkswagen zurückrufen lassen bzw. bemängelt (Links dazu: [kba.de]und [kba.de]). Betroffen waren dann auch andere Hersteller [kba.de]. In Berlin sowie in etlichen anderen Städten in Deutschland ist die Belastung mit Stickstoffdioxid seit Jahren zu hoch. Das Verwaltungsgericht Berlin hat daher angeordnet, dass an acht Berliner Straßen ein Durchfahrverbot für Diesel-Autos der Abgasnorm 5 eingerichtet werden muss. Nach Informationen von rbb24 sollen die Durchfahrverbote für Diesel-Fahrzeuge nach mehreren Verschiebungen Anfang November in Kraft treten.

VW Touareg (Euro 5) größte Dreckschleuder

Den höchsten NOx-Ausstoß hat die Bundesbehörde im Jahr 2018 bei dem Geländewagen VW-Touareg 3.0 TDI (245 PS), mit 2.769 Milligramm pro Kilometer im realen Fahrbetrieb gemessen. Der Tabelle des Kraftfahrt-Bundesamtes zufolge war dieses SUV-Modell, das zwischen 2010 und 2014 gebaut wurde, mit der älteren Abgasnorm Euro 5 zugelassen. Danach darf das Auto eigentlich nur 180 Milligramm NOx pro Kilometer ausstoßen – gemessen wird dies allerdings auf einem streng normierten Prüfstand (sogenannter NEFZ-Test). Bei einer über 90 Kilometer langen Testfahrt bei winterlichen 4,3 Grad Außentemperatur hat das KBA im realen Fahrbetrieb sogar eine Belastung mit mehr als 3.000 Milligramm gemessen. Experten erklären die Werte damit, dass die Abgasreinigung dieses Typs bei niedrigen Temperaturen nicht wirke.

Die dreckigsten Euro-5-Autos

Insgesamt hat die Behörde zwölf Euro-5-Autos überprüft – alle haben im realen Fahrbetrieb NOx-Abgaswerte weit über 180 Milligramm.

Luftschadstoffexperten der Deutschen Umwelthilfe Axel FriedrichLuftschadstoffexperten der Deutschen Umwelthilfe Axel Friedrich | Bild: rbb/Dominik Wurnig

Auch Euro 6 Autos stinken

Aber auch Diesel-Autos mit der moderneren Abgasklasse Euronorm 6 stoßen extrem viele gesundheitsschädliche Stickoxide aus. Der Subaru Outback 2.0l 110 kW – ebenfalls ein SUV – hat im KBA-Test im Schnitt 2.276 Milligramm Stickoxide pro Kilometer in die Luft geblasen.

„Das ist eine extreme Überschreitung der Grenzwerte“, sagt Friedrich. „Völlig inakzeptabel, dass dieses Fahrzeug weiterhin auf der Straße herumfahren darf und weiterhin die Luft verpestet. Das ist Betrug am Kunden und an der Umwelt.“ Am Prüfstand darf diese Abgasklasse nur 80 Milligramm ausstoßen.

Auf dem zweiten Platz folgt der Mini-SUV 500x von Fiat, der laut KBA im Schnitt bei acht verschiedenen Messfahrten 1220,5 Milligramm Stickoxide pro Kilometer in die Luft bläst.

Es geht auch sauber

Bei den modernsten Abgasklassen Euro 6c und Euro 6dtemp scheint es, als bekämen die Hersteller die Abgasreinigung endlich in den Griff. Alle 13 überprüften Modelle haben im realen Fahrbetrieb weniger als  80 Milligramm NOx pro Kilometer ausgestoßen. „Man kann ein Dieselauto sauber machen. Es gibt jetzt Fahrzeuge, die liegen im Bereich von 10 bis 15 Milligramm Stickoxid pro Kilometer. Auch große, starke Fahrzeuge. Das zeigt, es geht technisch, wenn man gewollt hätte, aber man hat nur Geld gespart“, sagt Friedrich, der den Dieselskandal mitaufgedeckt hat. „Das ist der entscheidende Punkt: Zu Lasten der Umwelt und der Gesundheit wurde hier Geld gespart.“

So hat sich beispielsweise der Volkswagen Touareg 3.0 TDI inzwischen vom Saulus zum Paulus verbessert: Die 6d-Temp Version hat im Schnitt über drei Testfahrten nur noch rund 32 Milligramm ausgestoßen.

Viele SUVs und Limousinen mit überhöhten Werten

Unter den getesteten Fahrzeugen mit hohen NOx-Abgaswerten finden sich auffallend viele Geländewagen. Bei 39 Euro 6-Modellen mit mehr als 80 Milligramm NOx-Ausstoß finden sich 20 SUV, Pick-ups oder sogenannte Mini-SUV – beispielsweise auch ein Porsche Macan, ein Ford Kuga, ein Audi Q7 sowie ein Nissan Navara. Diese geländegängigen Fahrzeuge sind häufig größer und schwerer als andere Automodelle und wiegen teilweise über zwei Tonnen.

Ebenfalls häufig vertreten sind Limousinen wie der Mercedes-Benz C200 1.6l oder der Ford Mondeo 2,0I TDCi 110kW. Während in modernen LKW bereits seit längerer Zeit flächendeckend moderne Abgasreinigungssysteme verbaut werden, wird häufig argumentiert, dass dies bei Autos auf Grund von Platzproblemen nicht so einfach möglich ist. Für Lieferwagen greift dieses Argument nicht. Dennoch stoßen mit dem Fiat Ducato 2.3L 110kW, dem Mercedes-Benz Vito 190 CDI 1,6l 65kW oder dem Mercedes-Benz NCV3 Sprinter M1 OM651 120 kW mehrere Lieferwagen weiter mehr als 80 Milligramm NOx pro Kilometer im realen Fahrbetrieb aus.

Intransparente Politik

Lange musste der rbb um die Veröffentlichung der Messergebnisse kämpfen. Im April 2018 stellte der rbb die erste Informationsfreiheitsanfrage über das Onlineportal „Frag den Staat“ [fragdenstaat.de] an das Kraftfahrt-Bundesamt. Erst nach Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung übergab die Behörde einen USB-Stick voller Daten. Diese sind jedoch weitgehend unlesbar: Die Rohdaten der Tests wurden in PDF-Dokumenten mit Tausenden A4-Seiten abgespeichert, die Tabellenköpfe wurden abgeschnitten und sind daher unlesbar. Es fehlen Prüfprotokolle und genaue Informationen zum Prüfaufbau. „Es fehlt immer noch die Transparenz, auch die Rohdaten bereitzustellen. Hier kann ich nur sehen, es ist etwas gemacht worden. Was dahinter steht, kann ich nicht überprüfen“, sagt der Experte Friedrich, der mit seinem Emissions-Kontroll-Institut selber Tests im realen Fahrbetrieb durchführt.

Auch bei der parlamentarischen Aufarbeitung hakt es. Einen Bericht zu den Marktüberwachungstests hat das Kraftfahrt-Bundesamt dem Verkehrsausschuss schon vor über einem Jahr angekündigt – aber bis heute noch nicht veröffentlicht. „Informationen über die Abgastests müssen wir Parlamentarier über unzählige schriftliche Anfragen beschaffen, die Antworten sind oft kryptisch und unvollständig“, sagt Kühn.

Besonders wichtig sind die Abgastests der Behörde für Tausende von Dieselfahrern, die vor Gericht Schadensersatz fordern.

Sendung: Inforadio, 18.10.2019, 06:00 Uhr

Beitrag von Dominik Wurnig

dpa-Symbolbild/Sebastian Gollnow

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