Die Greta-Skeptiker hoffen auf die Zaubermaschine

Technik gegen Klimawandel

Mit Greta-Hassern lässt sich eh nicht reden. Greta-Skeptiker sind nicht viel besser. Sie glauben, dass eine Technologie der Zukunft die Probleme von heute auf magisch-mystische Weise lösen wird. Wie falsch sie doch liegen.

Eine Kolumne von 

AFP

Greta Thunberg (beim Klimastreik in Montreal, Kanada): Eine wütende, junge Frau, die sich der patriarchal vorgeschriebenen Lächelharmlosigkeit´in grandioser Weise verweigert

Mittwoch, 02.10.2019   18:23 Uhr

Natürlich wird Greta völlig verdient den Friedensnobelpreis bekommen, und dann werden ihre Hater komplett ausflippen. Der verstorbene Publizist Robin Meyer-Lucht hat für solche sehr männlichen, sehr mannhaften Horden, die sich im Netz auf eine junge Aktivistin mit Behinderung stürzen, schon 2009 einen perfekt passenden Begriff gefunden: Antifans.

Es sind Leute, die mit ähnlicher Hingabe Ablehnung oder misogynen Hass zelebrieren, wie Kinder ihren liebsten Musikgruppen zujubeln, auch der Wille zur Differenzierung ist vergleichbar gering. Und irgendwann definieren sie sich sogar über das Objekt ihrer überbordenden Emotionalität. Greta-Hater sind die verbitterten Fensterrentner des Internets. Diskussionen mit ihnen sind zwecklos, denn ihr Hass ist ein Ventil ohne Ziel. Das macht die Auseinandersetzung mit ihnen instantan uninteressant.

Sehr interessant dagegen ist die Diskussion mit Greta-Skeptikern, von denen es viele unterschiedliche Typen gibt. Manche argumentieren mit kaum verhüllter Besitzstandswahrung. Andere mit nachvollziehbaren Argumenten. Greta ist ja nicht nur eine wütende, junge Frau, die sich der patriarchal vorgeschriebenen Lächelharmlosigkeit in grandioser Weise verweigert. Sondern auch die Galionsfigur einer Bewegung, die ihre Unerbittlichkeit für alternativlos hält. Damit zieht man im Netz nicht unbedingt ausschließlich Sympathien auf sich, völlig unabhängig vom Thema.

Grundsätzliches Problem mit der Haltung Merkels

Eine der häufigsten Formen der Greta-Skepsis aber findet sich bei der derzeit zweitmächtigsten Frau der Welt, Angela Merkel. Sie sprach auf der Uno-Klimakonferenz in New York ein leicht vergiftetes Lob aus, weil in Gretas Rede „aus meiner Sicht nicht ausreichend zum Ausdruck kam, in welcher Weise Technologie, Innovation gerade im Energiebereich, aber auch im Energieeinsparbereich uns Möglichkeiten eröffnet, die Ziele zu erreichen. (…) Ich messe Innovation und Technologie eine sehr große Bedeutung bei.“

Man könnte natürlich argumentieren, dass innovative Lösungsvorschläge überhaupt kein einziges verdammtes bisschen zu den Aufgaben von Greta gehören, sondern tendenziell eher in den Aufgabenbereich einer, nun ja, bundeskanzlerinartigen Person fielen. Aber es gibt ein ganz grundsätzliches Problem mit dieser Haltung Merkels, denn sie findet sich quer durch die deutschen Parteipositionen zum Klimawandel. 

Es ist die Hoffnung, dass eine Technologie der Zukunft die Probleme von heute auf beinahe magisch-mystische Weise lösen werde. Es grenzt an die „Dunkle Technikhörigkeit der Ahnungslosen“, nur dass hier die Akteure sogar Ahnung haben. Merkel ist Physikerin und kennt sich als ehemalige Umweltministerin im Detail besser aus als die meisten anderen politischen Figuren. Das hilft ihr aber nicht dabei, ihre verstörend weitreichenden Hoffnungen auf den großen Durchbruch der Technologie in den Griff zu bekommen. Damit steht sie für eine ganze Denkschule.

Und es ist eine mächtige Denkschule, die sich schon häufiger durchgesetzt hat. Zum Beispiel beim Klimaabkommen von Paris im Jahr 2015. Es wird nicht besonders häufig gesagt – aber die ohnehin nicht gerade überambitionierten Ziele von Paris lassen sich nur noch erreichen, wenn irgendjemand eine bisher nicht existierende Technologie erfindet. 

Ja, wirklich, tief in den Pariser Vereinbarungen ist die spekulative Hoffnung enthalten, dass die Menschheit eine Zaubermaschine entdecken möge. Es gibt zwar längst wirksame Technologien, die den Stopp des menschengemachten Klimawandels bewirken könnten. Aber ihr Einsatz wäre nur ausreichend, wenn zugleich massive Einschnitte in den heute normalen, westlich-industriellen Lebenswandel stattfinden würden. 

Ausweichtechnologie für die Titanic

Die Greta-Skeptiker der Sorte Merkel, Brinkhaus, Lindner aber tragen beharrlich ihren Glauben vor sich her, dass jemand auf der Titanic rasch noch eine Ausweichtechnologie erfindet und man deshalb das Schiff vom Kollisionskurs mit dem Eisberg gar nicht abbringen muss. Völlig ausgeschlossen ist das nicht, aber völlig ausgeschlossen ist auch nicht der Sturz eines mittelgroßen Asteroiden auf den Planeten, der uns die Treibhausgasprobleme der Gegenwart angenehm erscheinen ließe. Dass solche Technologien nicht nur erfunden, sondern auch ausreichend schnell umgesetzt werden können, wird jedoch mit jedem neuen Tag weniger wahrscheinlich. 

Man kann das wissenschaftlich konkretisieren, und zwar exakt in den Bereichen, die Merkel in ihrer Greta-Kritik ansprach, dem Energiebereich und Energieeinsparbereich. Denn wie es der Teufel Zufall will, hat just vor einem Jahr ein Wissenschaftlerteam des Imperial College London genau das untersucht: Wie lange hat es bisher gedauert, bis sich neue, maßgebliche Arten der Energieerzeugung und neue, energieverbrauchende Produkte (mit denen Energie gespart werden könnte) etabliert haben. 

Ihre Antwort dürfte sogar Merkel als Königin der Nüchternheit noch einmal ernüchtern. Denn im Schnitt dauert es ab Erfindung 43 Jahre, bis eine neue Energieerzeugung im Markt angekommen ist. Und 27 Jahre, bis sich neue (eventuell sparsamere) Produktkategorien durchsetzen können. Ups.

Warten auf ein Wunder

Es gibt eine Reihe von Gesetzmäßigkeiten, was die Erfindung und Verbreitung von neuen Technologien angeht. Nicht nur, dass die Dauer regelmäßig unterschätzt wird – solche Einführungen gelingen praktisch nie so geschmeidig, wie man es sich vorstellt. Für ein zeitgenössisches Beispiel schaue man sich die Debatte um die neue 5G-Funk-Datenübertragung an. 

Neulich wurde ich bei einer Diskussion über Technologie in Darmstadt wütend beschimpft, weil ich gewagt hatte zu erklären, dass die stehenden Wellen der Schumann-Resonanzfrequenz eventuell gar nicht so lebensgefährlich sind, wie von Erdresonanz-Esoterikern behauptet. Ich wünsche Angela Merkel mit solchen Leuten viel Glück bei der Einführung von, sagen wir, einem neuen Kalten Fusionsreaktor in Kühlschrankgröße, der mit Schwerem Wasser funktioniert, in jeden Keller eingebaut werden soll und das Energieproblem für 30.000 Jahre emissionsfrei lösen könnte.

Die Technikgläubigkeit der Greta-Skeptiker ist natürlich kein euphorisch-positiver Technikglaube, wie er etwa Anfang des Jahrtausends bei Internetoptimisten (auch bei mir) zu finden war. Es handelt sich eher um eine Abwehrreaktion, die mit dem Joker Technologie operiert. Diese Klimatechnologiegläubigkeit hat auf verquere Weise letztlich nichts mit Technologie zu tun, das ist nur eine Chiffre, die auch lauten könnte: Wir warten auf ein Wunder Gottes, die Ankunft von Godot oder die Entdeckung von CO2-fressenden Einhörnern.

Denn dahinter steht der schlichte wie technologieferne Wunsch, die anstrengende Veränderung noch ein wenig herauszuzögern. Es ist nichts anderes als die Essenz des konservativen Charakters, noch die kleinste Chance zu ergreifen, um dem Wandel so wenig Raum wie möglich zu geben. Bis es nicht mehr anders geht. Das ist, wie man selbst als progressiv orientierte Person zugeben wird müssen, in der Geschichte ärgerlich oft richtig gewesen. Aber eben nicht immer. 


Podcast-Frage:

Und warum verehren Sie Greta? 

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