Herbert Grönemeyer : Gib mir mein Hetz zurück

Herbert Grönemeyer
Herbert Grönemeyer © Christian Augustin/Getty Images

Der Einzelne und die Masse, seine überkippende Stimme und ihr Jubel. Beim gemeinsamen Crescendo von Volk und Führungsgestalt wird Deutschland sensibel. Faschismus erkennt es an der Tonlage. All die Jahrzehnte mit Guido Knopp, all die Hitler-Reden im Deutschunterricht, die Satireshows mit „Wollt ihr den totalen …“ haben Wirkung gezeigt. Wer brüllt, verrät sich selbst.

Deshalb ist Unbehagen eine wenig überraschende Reaktion, wenn ausgerechnet der Chefdiplomat des Landes Heiko Maas (SPD) bei Twitter ein Video empfiehlt, in dem infernalisch Politisches ins Halbdunkel einer Halle voller johlender Menschen geschrien wird. Gemessen an der Ähnlichkeit der Szene zum kollektiv Erinnerten entbehren Rammstein-Konzerte jeder zwingenden Analogie. Die Naziassoziation musste sich die AfD nicht ausdenken, sie liegt in jedem Hinterkopf.

Dass sich der Schreiende, Deutschlands vielleicht bekanntester männlicher Popstar Herbert Grönemeyer, dabei recht mainstreamtauglich (hoffentlich) gegen „rechtes Geschwafel, Rassismus und Hetze“ ausspricht, dass er befindet, „diese Gesellschaft ist offen, humanistisch, sie bietet Menschen Schutz“, hilft da auch nicht weiter. Er brüllt es halt. Und weil sich in seinem Wortschwall auch die missliche Formulierung findet, es liege nun „an uns, zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat“, ist auch – in Kombination mit dem Tonfall – gleich klar, wie dieses „diktieren“ hier nur gemeint sein kann: diktatorisch natürlich.

Gebrüll als Stilmittel

Es gehört zur kollektiven Erzählung dieses Landes, dass es als Folge der Hitler-Diktatur vor allem sein öffentliches Sprechen zivilisiert hat. Mochten die alten Nazis auch weiter in den Apparaten sitzen, von den Mikrofonen der Rundfunkanstalten waren sie bald weg. Legendär ist heute der nationale Unterschwang von Fußballkommentatoren in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Beckenbauer zu Overath, Overath zu Müller, Müller, Tor. Tonlosigkeit als Identitätsmerkmal.

Den Bereich der populären Musik hat das natürlich nie wirklich betroffen. Popstars schreien anders als Demagogen – und als die hier noch herrschten, schrien die populären Sängerinnen gar nicht. Zarah Leander war nicht Annette Humpe. Vielleicht ist es auch deshalb noch nie jemandem sauer aufgestoßen, dass Herbert Grönemeyer eine ganze Bühnenpräsenz aus dem Schreien, dem Kieksen, der überkippenden Stimme aufgebaut hat. Wer Grönemeyer mal live gehört hat (oder einen Livemitschnitt von ihm), der kennt das Crescendo bis zum Gebrüll als Stilmittel. Nur dass sich von Flugzeugen im Bauch eben niemand angegriffen fühlt.

Wer aber könnte sich nun von einem flammenden Appell gegen Rassismus und Intoleranz angegriffen fühlen? Neben den Rassisten und Intoleranten sind es vielleicht noch die, die Pluralismus als Gespräch mit Rassisten und Intoleranten missverstehen; ferner jene, die fortwährend befürchten, kommunikative Akte der Ausgrenzung von Ausgrenzern trieben die gesellschaftliche Spaltung nur voran. Vor allem aber sind es Leute, die Faschismus und Antifaschismus für „gleich schlimm“ halten, respektive für die zwei sich nahenden Enden eines Hufeisens.

Wer entsprechenden Extremismustheorien anhängt (beziehungsweise ihren populären Missverständnissen), dem fehlen die Kategorien, um das wirklich Schlimme und Zersetzende von einer misslichen Bühnenpräsenz zu trennen. Wer gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nicht von der Feindschaft zur Gruppe der Menschenfeinde unterscheiden kann, dem bleibt nur der Tonfall als Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Harmlosen und dem Gefährlichen.

Für den wird der glühende Demokrat selbst zum Faschisten, sobald ihm die Stimme kippt; und der Faschist erntet seine Sympathien, sobald er sich, vergleichsweise ruhig und etwas rührselig, als „auch nur ein Mensch“ bezeichnet. Das tat Björn Höcke, als er ein am Sonntag veröffentlichtes kritisches ZDF-Interview abbrach. Es sei allen ans Herz gelegt, die glauben, Herbert Grönemeyer betreibe die Spaltung einer Gesellschaft, deren Konsensfigur er nun leider nicht mehr ist.

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