Ökalypse: „Die größte Herausforderung ist in den Wirtschaftswissenschaften noch nicht angekommen“

Der Wirtschaftswissenschaftler Helge Peukert über die Ungleichheit in der Vermögensverteilung, die Situation in der Ökonomie und die Notwendigkeit einer Kulturrevolution in Richtung Postwachstumsökonomie

Die Kluft zwischen Arm und Reich, Stadt und Land, hat in Frankreich zu explosiven und aggressiven Demonstrationen geführt, die so genannten Gelbwesten-Proteste. Viele Regionen sind abhängt, es gibt wenige Arbeitsplätze, die kleinen Städte veröden. Darüber hinaus explodieren die Mieten der Städte wie in Paris, sie sind für den Durchschnittsverdiener kaum mehr bezahlbar. Auch in Deutschland regt sich Widerstand. Der Vorschlag des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert, Immobilieneigentümer zu enteignen, hat zu heftigsten Widerspruch geführt. 

Dennoch scheint der Markt allein die gegenwärtigen Probleme nicht ohne Weiteres zu lösen, eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein. So haben zum Beispiel die anscheinend bewährten Steuersenkungen und Deregulierungs-Maßnahmen auf den Kapitalmärkten (initiiert durch Ronald Reagan und Bill Clinton) die Welt in die größte Finanzmarktkrise seit 1929 gestürzt, die Staatsschuld der USA und auch Deutschlands durch Rettungsmaßnahmen kräftig erhöht. 

Die traditionelle Ökonomie und die liberal-konservativen Politiker scheinen erneut auf Steuererleichterungen und Deregulierung als Allheilmittel zu setzen. Andere, innovativere Vorschläge, sind derzeit nicht in Sicht. Auch die Klimaerwärmung ist eigentlich kein zentrales Thema, das in ein ökonomisches Konzept eingebunden ist, um Treibhausgase zu verringern. 

Zu den gegenwärtigen Problemen haben wir Prof. Dr. Helge Peukert befragt, der durch sein Buch „Die große Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise. Eine kritisch-heterodoxe Untersuchung“ bekannt geworden ist. Er zählt zu den Wirtschaftswissenschaftlern, die Antworten mit verschiedenen ökonomischen Modellen suchen, sich nicht nur auf die klassische Methode berufen. Helge Peukert ist im Beirat der deutschen „attac“-Bewegung. 

Sehr geehrter Herr Prof. Peukert, jahrelang sind die Probleme der Peripherie in Frankreich negiert worden. Die Gelbwesten-Proteste haben diese soziale und ökonomische Kluft zwischen reichen und armen Regionen, zwischen reichen und armen Bevölkerungsgruppen, explosiv auf die Straße gebracht. Warum sind diese Probleme eigentlich so lange nicht zur Kenntnis genommen worden? 

Helge Peukert: Dies mag daran liegen, dass auch das in Frankreich seit Macron hinweggefegte alte Politestablishment, dessen Logik auch Macron erlag, u.a. angesichts der Binnenmarktfreiheiten in der EU eine Politik zugunsten der Internationale der Globalisierungsgewinner (Finanzgroßwirtschaft, Multis) betrieb. Hinzu kommt natürlich der nach wie vor existente französische Zentralismus, der eine Politik für das wirtschaftliche und politische Zentrum (Paris) betreibt. 

In Deutschland sieht die soziale und ökonomische Lage noch besser aus, insbesondere in Ländern wie Baden-Württemberg, die traditionell erfolgreiche mittelständische Firmen auch in ländlichen Gebieten haben und dort Arbeitsplätze schaffen. Aber in Ostdeutschland ist die wirtschaftliche Lage immer noch prekär. Warum ist es dem Markt in 30 Jahren nicht gelungen, Ostdeutschland zu „blühenden Landschaften“ zu machen? 

Helge Peukert: Die von Kohl versprochenen blühenden Landschaften gibt es flächendeckend nicht. Aber in einigen Gegenden hat sich doch auch Beachtliches in städtebaulicher und wirtschaftlicher Hinsicht entwickelt. Was die Einkommen betrifft, liegen die „neuen“ Bundesländer einigermaßen hinten. Dies kann auch damit zusammenhängen, dass die Arbeitnehmerschaft dort einen deutlich geringeren Organisationsgrad aufweist. 

Eine große Ungleichheit besteht natürlich in Sachen Vermögensverteilung, da in den „neuen“ Bundesländern über Jahrzehnte kein Vermögen aufgebaut werden konnte. Man könnte sich überlegen, wie man Anreize schaffen könnte, damit sich die Menschen in den neuen Bundesländern gewerkschaftlich organisieren, etwa indem in einigen Bereichen nur Mitgliedern bestimmte Erfolge bei Tarifverhandlungen zustehen, da ja heute ein parasitäres Trittbrettfahrerprinzip gilt: Man ist kein Mitglied und beteiligt sich nicht an den Kosten, kommt aber in den Genuss der erzielten Ergebnisse. 

Was die Vermögensbildung betrifft: Sofern es die finanzielle Lage der Arbeitnehmer erlaubt, könnte man über das schwedische Modell nachdenken: Ein bestimmter Teil des Gehalts fließt in einen staatlich organisierten Fonds, der die Gelder in passive Indexfonds (ETFs) breit gestreut anlegt, anstatt die Banken- und Versicherungsbranche mit Unverschämtheiten wie der Riesterrente zu alimentieren. Man würde in breit gestreute ETFs investieren (MSCI World, Staatsanleihen usw.), die billig sind und Indexentwicklungen wie den Dax (nur breiter) nachbilden. Die Stiftung Warentest beschreibt, wie einfach das funktioniert. Stattdessen kaufen die Menschen von Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken (leider kein Unterschied) z.B. Zertifikate, mit denen sie von vornherein auf der Verliererstraße sind. Es ist eine Riesensauerei, dass die offizielle Politik den einfachen Bürger ohne Hilfe vor die Flinte des Geldgewerbes treibt. 

Für wirtschaftlichen Erfolg sind Ideen nötig und Geld. Die dominante Finanzmarktindustrie stellt dieses Geld eigentlich bereit. Warum gelingt es dennoch nicht, die Gelder dorthin zu transferieren, wo sie am dringendsten gebraucht werden? 

Helge Peukert: Das Geld der Finanzmärkte fließt dahin, wo die Gewinnspanne am höchsten ist. Die Bereiche der größten Dringlichkeit sind wahrscheinlich solche, an denen die Zahlungsfähigkeit der Betroffenen nicht gerade sehr hoch ist. Für öffentliche Güter wie z.B. Ausgaben in Umweltschutz besteht zunächst gar kein Markt, um hier Bedarf anzumelden. Es bedürfte des politischen Willens, hier regulierend einzugreifen und die Akteure durch Anreize dazu zu bewegen, in z.B. nachhaltige Projekte zu gehen. Vor solchen „dirigistischen“ Maßnahmen wie Steuervergünstigungen oder eigens aufgelegte Ökofonds schreckt man zurück, obwohl die Finanzmarktkrise gezeigt hat, dass Märkte nicht immer effizient sind und regulierende Maßnahmen nötig sein können. 

Die Wirtschaftswissenschaften haben sich in den vergangenen 100 Jahren ein theoretisches Konzept erarbeitet, das vor allem sehr mathematisiert ist. Ohne Mathematik ist heute ein ökonomisches Studium nicht möglich. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein, gerade im Hinblick auf die Finanzmarktkrise, wo Algorithmen und mathematische Modelle mit ein Grund für die Krise 2007/2008 waren? 

Helge Peukert: Gegen formale Modelle ist an sich nichts einzuwenden. Wenn allerdings in ökonomischen Überlegungen nur noch zwangsläufig auf wenige Variable beschränkte kleine Modelle als zulässig gelten, wird es problematisch. Wenn man etwa über die Zukunft der EU nachdenkt (also z.B. Staateninsolvenzordnung oder Eurobonds), helfen solche Modelle, bei denen das Ergebnis sehr oft bereits in den Annahmen steckt, kaum weiter. 

Die Mathematik hält sich im Studium in der Regel auf bescheidenem Niveau. Sie dient aber dazu, der Ökonomie einen scheinobjektiven, nicht interessenabhängigen und ideologischen Anstrich zu vermitteln, der die Studierenden zeitlich absorbiert und daher davon abhält, sich z.B. mit tagesaktuellen oder institutionellen Besonderheiten zu beschäftigen. Oft werden auch in den Lehrbüchern aus Modellen wirtschaftspolitische (meist marktliberale) Empfehlungen abgeleitet, die diese Modelle gar nicht beinhalten. 

Bei alternativen Studiengängen wie denen in Siegen, Duisburg-Essen und Bernkastel-Kues versucht man diesem Schmalspurmodelldenken entgegenzuwirken, indem die Studierenden sich auch mit wirtschaftshistorischen, wirtschaftsethischen und die Geschichte des ökonomischen Denkens betreffenden Inhalten auseinandersetzen und sich z.B. hinsichtlich Finanzkrisen auch mit den Geschehnissen 1929/30 befassen sowie heterodoxe Sichtweisen von u.a. Minsky, Kindleberger und Galbraith kennenlernen. 

Seit Margret Thatcher hat sich eine neoliberale Sicht der Wirtschaft durchgesetzt, die vor allem durch Deregulierung, Entlastung der Unternehmen, Abbau von Zöllen, wachsende Rolle des Subunternehmertums etc. und dem Glauben an die Lösungseffizienz des Marktes geprägt ist. Hätte es Ihrer Ansicht eine Alternative gegeben bzw. müssen wir heute im Grunde eine andere, alternative Wirtschaftspolitik machen? Kevin Kühnert hat jüngst für heftige Reaktionen gesorgt wegen seiner Verstaatlichungsthesen. 

Helge Peukert: Man kann nicht bestreiten, dass Märkte allokative Effizienz hervorbringen, d.h. dass sie dank ihres Anreiz- und Koordinationssystems eine ganze Menge an Gütern und Dienstleistungen hervorbringen. Aber selbst die Mainstreamökonomie hält die korrektive sichtbare Hand des Staates oder der Öffentlichkeit für geboten, da gelegentlich Marktmacht zu beschränken ist, kostenlose Umweltgüter nicht zu übernutzen und Märkte verteilungsindifferent sind, d.h. sie eine sehr ungleiche Verteilung hervorbringen können. Gegenüber solchen einzelnen Korrekturen, die für ein gemischtes Wirtschaftssystem sprechen, bedarf es aber in den nächsten 10 Jahren angesichts des gerade vor unseren Augen sich vollziehenden Ökokollapses auch direkt vor der Haustür einer wahren Kulturrevolution in Richtung Postwachstumsökonomie, bei der wir hinsichtlich Rohstoffverbrauch, fossiler Brennstoffe, Bodenversiegelung usw. in vielen Bereichen den Rückwärtsgang einlegen müssen. 

Eine solche Suffizienzpolitik ohne weitere Konsumsteigerungen müsste wohl kompensatorisch mit mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz verbunden sein, etwa durch Mitbestimmung oder gewinn- und kapitalneutralisierende genossenschaftliche Strukturen. Die Vergesellschaftung des Bodens und der Übergang auf Erbbaurecht wäre angesichts des nicht vermehrbaren Bodens und steigender gesellschaftlicher Produktivität, die bei den Bodeneigentümern als leistungslose Rente anfällt, ökonomisch gut begründet. Leider hat gerade die deutsche Politik bis vor kurzem eigene Flächen verkauft; das wird daher bei laut Grundgesetz vorgeschriebener Entschädigung ein teurer Spaß, den man aber über Erbschafts- und Vermögenssteuern finanzieren könnte. 

Sie sind Hochschullehrer und vermitteln Ihren Studenten auch andere Theorien der Wirtschaftswissenschaften. Welche Theorien sind das und wie reagieren Ihre Studenten darauf? 

Helge Peukert: Im ökonomischen Masterstudiengang an der Uni Siegen versuchen wir, den Studierenden neben dem Mainstream (im weitesten Sinne die „Neoklassik“), der sonst fast ausschließlich gelehrt wird, auch (post)keynesianische, ökologische, feministische, marxistische, kritische institutionalistische (Veblen), sozioökonomische, d.h. den sozialen Zusammenhalt betonende Methoden zu lehren. Dazu kommen weitere, auch von den Interessen der Studierenden beeinflusste Richtungen. Tatsächlich ergänzen sich die Blickwinkel dieser Richtungen häufig, was hilft, einen einseitigen Brillenblick auf wirtschaftspolitische Zusammenhänge zu vermeiden. Die Studierenden im Studiengang reagieren sehr positiv darauf, was aber nicht verwundert, da sie sich ja deshalb für diesen Studienort mit pluralen Inhalten entschieden haben. 

Worin sehen Sie die wichtigste Zukunftsaufgabe der Wirtschaftspolitik und der Wirtschaftswissenschaften? 

Helge Peukert: Wir müssen mit allen Mitteln versuchen, die definitive Ökokalypse aufzuhalten, die das Leben auf der Erde, das auf einer sehr dünnen und fragilen biosphärischen Hülle beruht, im Kern bedroht. Wir dürfen z.B. nur maximal 2-3 Tonnen CO2 pro Weltenbürger verbrauchen, sonst gefährden wir existentiell das Leben auf unserem Planeten. Heute verbrauchen wir in Deutschland über 10 Tonnen. Das ist mit heutigen Flugreisen und Privat-PKW (inklusive E-Autos) nicht zu schaffen. Diese größte Herausforderung der menschlichen Zivilisation ist leider in den Wirtschaftswissenschaften überhaupt noch nicht angekommen. Ich hoffe, dass es noch nicht zu spät ist. 

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