CDU-Zerstörer“ Rezo: Es kamen „Diskreditierung, Lügen, Trump-Wordings und keine inhaltliche Auseinandersetzung

„CDU-Zerstörer“ Rezo: Es kamen „Diskreditierung, Lügen, Trump-Wordings und keine inhaltliche Auseinandersetzung“

 

Selten hat ein politisches Video in Deutschland ein so großes Echo bei Jugendlichen gefunden: Youtuber Rezo „zerstört“ die CDU. Ein Gespräch von t3n

 Warum hast Du Dich dazu entschieden ein Video speziell zur CDU/CSU und zur SPD zu machen?

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Rezo: Ich habe das Video gemacht, weil ich einfach den intrinsischen Drang hatte, Bürgerinnen und Bürger aufzuklären, einen Diskurs anzukurbeln und dabei dafür zu sorgen, dass Menschen unabhängig vom politischen Background oder Alter mitdiskutieren. Der Appell war lediglich eine Wiederholung des wissenschaftlichen Konsenses.
 Hast Du lange überlegt, ob Du Dich politisch positionieren sollst?
Rezo: Nein, das Ob war nie eine Frage.
 Hast Du mit diesem Echo gerechnet?
Rezo: Natürlich hatte ich die Hoffnung, dass viele junge und alte Menschen durch dieses Video aufgeklärt werden, es aktiv teilen, in Diskussionen miteinander gehen und einen gesellschaftlichen Diskurs führen. Dass dies aber in so einer positiven Form und großen Dimension passiert, hätte ich nicht gedacht.

Das Interview wurde mit freundlicher Genehmigung von t3n.de übernommen.

 Über welche Quellen informierst Du Dich über Politik?
Rezo: Im Alltag mache ich das kaum, weil ich viel arbeite und nur selten Freizeit habe. Für das Video habe ich Hunderte Quellen verlinkt.
 Glaubst Du, es wird Dein Video mit der bisher größten Reichweite?
Rezo: Nein. Ich hatte mal eins mit zehn Millionen Views und einige mit vier bis sechs Millionen. Glaube nicht, dass dieses Video das alles übersteigt.

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 Wie politisch interessiert schätzt Du Deine Abonnenten ein? Wie fielen die Reaktionen aus?
Rezo: Das politische Interesse ist offenbar stark vorhanden. Die Reaktionen waren unfassbar positiv, sowohl von meinen Zuschauern als auch von allen anderen. Man hätte eher davon ausgehen können, dass ein Video, in dem ich die Parteien scharf kritisiere, die von den allermeisten Deutschen gewählt werden, viel Gegenwind bekommt. Stattdessen sieht man am demokratischen Like-Dislike-Verhältnis, dass es fast alle Leute total positiv auffassen.
 Was sagst du zu der Kritik an dem Video, zum Beispiel von Marian Bracht, dem Büroleiter des CDU-Politikers Peter Tauber auf Twitter? Unter anderem wird dort der Satz kritisiert „Es geht hier nicht um verschiedene legitime politische Meinungen. Sondern es gibt nur eine legitime Einstellung.“
Rezo: Bei den meisten Themen kann man gegenteilige Standpunkte jeweils gleichermaßen rational begründen. Bei der Klimakrise ist das nicht der Fall: Der wissenschaftliche Konsens ist eindeutig, dass der aktuelle Kurs von SPD und CDU drastisch falsch ist und unsere Zukunft zerstören wird. Das sage nicht ich, das ist der wissenschaftliche Konsens. Wenn man sich gegen solche klaren Erkenntnisse stellt, handelt man somit irrational und unwissenschaftlich und stellt sich logisch betrachtet auf keinen legitimen Standpunkt. Das mag sich für manche doof anfühlen, aber es ist nun einmal so.
 Gab es auch Politiker von CDU/CSU, die den Dialog mit Dir gesucht haben? Gab es ansonsten direkte Reaktionen aus der Politik?
Rezo: Bisher habe ich keinen CDUler gesehen, der einen Dialog gesucht hat. In der „Aktuellen Stunde“ hatte Axel Voss, glaube ich, gesagt, dass ich junge Leute anstacheln würde und keinen Plan hätte. Matthias Hauer (Bundestagsabgeordneter der CDU, Anm. d. Red.) spricht von Fake News und ein Vorsitzender der Jungen Union, Jens Münster, bezeichnet mich als linksgrünen Aktivisten, der in einem gläsernen Loft zwischen Vollbart-Hipstern in Berlin Mitte oder Knusperinchen in der Kölner Südstadt seine demagogischen Botschaften produziert. Also kamen Diskreditierung, Lügen, Trump-Wordings und keine inhaltliche Auseinandersetzung. Im Prinzip, wie ich es bereits kenne.
 Die soziale Ungleichheit ist in fast sämtlichen westlichen Staaten in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Glaubst Du, dass es ohne eine Regierungsbeteiligung der CDU/CSU in Deutschland deutlich anders ausgesehen hätte?
Rezo: Ich setze mich lieber weniger mit spekulativen Fragen auseinander und mehr mit faktenorientierter Diskussion. Fakt ist: Jedes kapitalistische System hat die strukturelle Fehleranfälligkeit, dass die Reichen durch ihre überdurchschnittlich große Macht die vielen kleinen Stellschrauben eher zu ihren Gunsten beeinflussen können. Fakt ist: Es ist die Aufgabe der Politik, das mit Gesetzen ständig auszugleichen, ständig ein Gegengewicht dazu zu sein und für eine Balance zu sorgen. Fakt ist: In dieser Aufgabe haben die verantwortlichen Parteien, also primär die CDU und sekundär die SPD, versagt.
 Warum konzentrierst Du Dich so sehr auf die Verantwortung der CDU/CSU und gehst auf die ebenfalls mitregierende SPD so wenig ein?
Rezo: Habe ich doch gar nicht. Nach dem Konsens in der Wissenschaft ist das Versagen von CDU und SPD gleichermaßen ein kritisches Fehlverhalten und so habe ich es auch dargestellt. Und in Bezug auf die Unterstützung beziehungsweise Duldung von augenscheinlichen Kriegsverbrechen habe ich sogar eher die SPD bloßgestellt, da sie in den letzten Jahren die Außenminister gestellt haben.
 Warum erwähnst Du die FDP überhaupt nicht, obwohl sie von allen etablierten Parteien die wirtschaftsliberalsten Positionen vertritt?
Rezo: Weil das Video schon übervoll war und es nachvollziehbar ist, sich auf die Parteien zu fokussieren, die die größte Macht und somit das Fehlverhalten mit der größten Auswirkung zu verantworten haben. Ich bin kein Fan der FDP, die hatten einfach Glück, dass das Video schon viel zu lang war.
 Nach dem Video scheint klar, dass Du weder CDU/CSU noch SPD oder AfD wählen wirst. Verrätst Du, welche Partei Du wählen wirst?
Rezo: Ganz ehrlich: Das weiß ich noch nicht.
 Kannst Du Dir vorstellen selbst in eine Partei einzutreten und politisch aktiv zu werden?
Rezo: Ich glaube nicht, dass ich aktiv in einer Partei werde. Ich mache meinen Job. Ich möchte den so gut wie möglich machen, so produktiv wie möglich sein und so viel wie möglich arbeiten. Und mein Beitrag zur politischen Aufklärung ist glaube ich in meinem Job aktuell wertvoller als wenn ich in die Politik gehen würde.
 Hat Dich schon eine Talkshow wie Anne Will, Maischberger oder Markus Lanz eingeladen?
Rezo: Ja, sowas kam jetzt vor. Aber jeder, der mich schon mal in einer Live-Diskussion gesehen hat, weiß, dass ich ein signifikantes Problem mit Stottern habe. Das ist nicht besonders angenehm für eine solche Live-Diskussionsrunde. Wenn es allerdings in einer Form wäre, in der ich die Chance hätte, meine Antworten abzubrechen und nochmal von vorne neu anzusetzen, würde es für mich wahrscheinlich in Ordnung sein.
 Wirst Du jetzt weitere politische Videos produzieren?
Rezo: Bestimmt irgendwann. Aber durch den immensen Aufwand, Kosten und anderweitige Probleme wie die Erzeugung von Feinden und Morddrohungen werde ich das nicht sehr häufig machen.

Das Interview wurde schriftlich per E-Mail geführt. (Stephan Dörner)

Die Mission der Lifeline

Die Mission der Lifeline

© ravir Film GbR

Die Mission der Lifeline

„Die Mission der Lifeline“ // Deutschland-Start: 23. Mai 2019 (Kino)

Wenn sich Menschen öffentlich zur Flüchtlingskrise melden, dann sind das meist diejenigen, die Angst vor den vielen Fremden haben oder diese Angst anderer ausnutzen. Oder besser: Das sind diejenigen, die wir am stärksten wahrnehmen. Schließlich wissen sie, wie man sich Gehör verschafft, durch lautstarke Auftritte auf Marktplätzen, befremdliche Beschimpfungen, die im Rahmen von Demonstrationen auf uns herabprasseln. Das macht sich gut in den Nachrichten. Die einen freuen sich, endlich Leute gefunden zu haben, die auch mal Sachen ansprechen, so wie sie sind. Die anderen sind entsetzt über die Wut und Ignoranz des kleinen Mannes. Und der kleinen Frau natürlich auch.

Die Gegenseite? Die Leute, die sich dafür einsetzen, dass auch Flüchtlinge als Menschen aufgefasst werden und nicht elend im Meer ersaufen, weil sie keiner haben will? Die schaffen es eher selten in die Schlagzeilen. Einer dieser Menschen ist Axel Steier, der vor rund drei Jahren Lifeline e.V. mitgegründet hat, einen Verein, der mit einem eigenen kleinen Schiff Flüchtlinge aufliest, die sonst keiner nehmen will. Gegründet wurde diese Menschenretter-Organisation ausgerechnet in Dresden, der Hochburg der professionellen Ereiferer Pegida, die erst einmal grundsätzlich gegen alles und jeden sind, der anders ist. Könnte ja gefährlich werden.

Raus hier!
Ein paar dieser leidenschaftlichen Wutbürger kommen auch in Die Mission der Lifeline zu Wort. Vor allem eine ältere Dame, die Steier vor laufender Kamera den Tod wünscht und als unnützes Mitglied der Lügenpresse beschimpft, brennt sich ins Gedächtnis ein. Denn so stark ist der Kontrast zwischen nettem Erscheinungsbild und ungefiltertem Hass dann doch selten. Dabei ist sie nicht allein, direkt daneben marschieren sie wieder, die braven Bürger, die ihr Land bitteschön für sich behalten möchten, nicht gewillt sind, ihre Kultur an Invasoren zu verlieren.

Der Ausflug zu den organisierten Abgründen bleiben jedoch die Ausnahme in dem Beitrag vom DOK.fest München 2019. Im Mittelpunkt stehen hier eben nicht die krakeelenden Möchtegernopfer, sondern die Leute, die den wahren Opfern helfen möchten. Menschen, die zusammengepfercht aus Schlauchbooten über das Meer schippern, in der Hoffnung, irgendwo ein neues Leben anfangen zu können. Ein Land zu finden, in dem sie nicht wie Tiere behandelt werden, wie ein schwarzer Herr sagt, der unter keinen Umständen nach Libyen will, das Trauma in seinen Augen sichtbar.

Ein Blick hinter die Kulissen
Ansonsten erfahren wir in Die Mission der Lifeline eher weniger über die Leute, die die Lifeline so aufnimmt. Regisseur Markus Weinberg und seine Co-Regisseurin Luise Baumgarten konzentrieren sich stattdessen auf Steier und dessen Mitstreiter und Mitstreiterinnen, lassen sie von ihren Erfahrungen berichten. Die waren von Anfang an schwierig, schon die Finanzierung seinerzeit lief – nach dem Abebben der Hilfs- und Spendenbereitschaft – nicht ganz so wie erhofft. Und auch später gibt es immer wieder Gegenwind, von Pegida und anderen ausländerfeindlichen Organisationen.

Aber auch von oberster Stelle: Menschen retten ist nicht so einfach, auch da gibt es Regeln und Bestimmungen. Für andere etwas Gutes zu wollen, heißt nicht automatisch, das auch tun zu dürfen. Das musste die Besatzung der Lifeline feststellen, als sie zusammen mit mehr als 200 Flüchtlingen an Bord mehrere tage hilflos über das Meer trieb, nirgends anlegen durfte. Wenigstens damit schaffte es mal die Gegenseite in die Nachrichten, wenn schon die normale Arbeit nicht erwähnenswert ist. Auch das hat ein wenig Aufregerpotenzial, diesmal in die umgekehrte Richtung, so wie Die Mission der Lifeline trotz des nüchternen Reportagestils einen mehrfach durch die Mangel nimmt.

Die Mission der Lifeline

„Die Mission der Lifeline“ berichtet von den Versuchen eines Vereins, in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten – aber auch von den Herausforderungen und Anfeindungen. Der Dokumentarfilm ist insgesamt recht nüchtern gehalten, schockiert an manchen Stellen aber auch so genügend.

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