Gregor Gysi zu Notre-Dame „Milliardäre sollten überlegen, wofür sie mehr spenden“

Der Linken-Politiker Gregor Gysi (71).Foto: Thilo Rückeis
Georg Ismar

Der Linken-Politiker Gregor Gysi spricht im Osterinterview über die Spenden für Notre-Dame, Glauben und Politik sowie die Kraft des Kapitalismus. 

Herr Gysi, demnächst wandern Sie mit Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow vom Höllental ins Paradies. Also genau genommen nach Jena-Paradies – wird der Christ Ramelow Sie da zum Glauben bekehren?

Ah, das glaube ich nicht. Ich hatte ja schon mal ne Operation, die auch tödlich hätte ausgehen können. Und spätestens da fangen die Menschen an, an Gott zu glauben. Ich nicht. Wahrscheinlich bin ich zu rational aufgewachsen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, den einen, der letztlich für die ganze Schöpfung zuständig ist. Aber ich muss einräumen: Diejenigen, die nicht an Gott glauben, haben auch eine Schwierigkeit: Wie ist das erste Leben auf der Erde entstanden? Aus etwas Anorganischem kann an sich nichts Organisches entstehen. Jetzt lese ich, durch einen Meteoriten sind vielleicht Bakterien auf die Erde gekommen. Aber woher kamen die Bakterien? Aber wichtig ist: Ich glaube zwar nicht an Gott, aber ich möchte auch keine gottlose Gesellschaft. Ich fürchte sie sogar.

Warum?

Es muss in einer Gesellschaft eine allgemein verbindliche Moral geben, als der Maßstab im Kopf. Der Kapitalismus kann es nicht. Wenn der Bäckermeister in der Nebenstraße in die Insolvenz geht, geht es dem Bäckermeister aus der anderen Straße besser. Das ist so, aber das ist moralisch schwer zu erklären. Wenn wir die Religionen nicht hätten, wenn es die Bergpredigt nicht gäbe, die breite Kultur und Tradition auch nicht, hätten wir keine allgemein verbindliche Moral.

Haben Sie ein Beispiel?

Für die Kirche ist Ostern das wichtigste Fest: eine Geburt haben viele, aber eine Auferstehung soll nur einer zu bieten haben. Für die meisten ist Weihnachten aber das schönste Fest. Da wird so viel gespendet wie nirgendwann sonst. Weil Weiterlesen Gregor Gysi zu Notre-Dame „Milliardäre sollten überlegen, wofür sie mehr spenden“

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