»Lasst mich doch in Ruhe«

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»Ihn konnte man nicht kennen«: Bert Brecht (Burghart Klaußner)

»Brecht«, Regie: Heinrich Breloer, Deutschland 2019, zweimal 90 Min., 22. und 23. März, 20.15/21.45 Uhr auf Arte, 27. März, 20.15/21.45 Uhr auf Das Erste

Bertolt Brecht war 1921 gerade 23 Jahre alt, hatte bereits einen zweijährigen Sohn, und zwei Frauen erwarteten gleichzeitig ein Kind von ihm. Drei Jahre später schwängerte er eine dritte, die Helene Weigel. Auch ihr würde er nie treu sein. Was das alles über den bedeutendsten deutschen Dramatiker das 20. Jahrhunderts sagt? Vermutlich weniger als der ARD-Zweiteiler »Brecht« uns weismachen will.

Das Dokudrama zeigt den jungen Autor (Tom Schilling) beim Spaziergang mit der Jugendliebe am See, man sieht ihn nackt im Ruderboot sitzen oder auf dem Klappstuhl, während das Grammophon Schlagerschnulzen spielt. Die Weigel ist berühmt für ihre Mehlspeisen und der Brecht »roch viel zu scharf und zu grässlich«. Womöglich auch deswegen muss der Poet eine Weile vor dem Schlafzimmer der Schauspielerin klampfen, ehe sie ihn unter ihre Bettdecke lässt. Heinrich Breloer, der sich schon an den »Manns« und Hitlers Architekt (»Speer und Er«) abgearbeitet hat, liefert biographische Details, wie sie in der Klatschpresse gestanden hätten, hätte die sich zu Brechts Lebzeiten für ihn interessiert.

Dabei kann der Regisseur auf eigene Filmaufnahmen aus den späten 70er Jahren zurückgreifen, die Jugendfreunde, Verflossene und Menschen zeigen, die mit Brecht gearbeitet haben. Manche Anekdote eignet sich tatsächlich, um eine Idee vom Selbstverständnis des jungen Schriftstellers zu bekommen. Etwa wenn der Student sich in München neben die Skulpturen berühmter Dichter einreiht und trocken bemerkt: »Ich bin der nächste.« Das allermeiste ist aber nicht viel mehr als Tratsch.

Das ist deswegen schade, weil die Wiedergabe der Episödchen um Schwangerschaftsabbrüche, Eifersüchteleien und Scheidungspapiere viel Spielzeit kostet. Weil der Blick immer nur auf Brecht und sein direktes Umfeld gerichtet ist, geht dem Biopic der Kontext ab. Wenig erfährt der Zuschauer über Münchner Räterepublik und Spartakusaufstand, die der Augsburger miterlebte. Nichts über die Schwabinger Bohème oder darüber, wie der junge Mann, der anfangs unverfängliche Liebesgedichte textete, zum Kommunisten wurde. Die intellektuellen Einflüsse, die den Autoren Brecht formten, bleiben im Dunkeln.

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Völlig verschluckt der Zweiteiler die langen Jahre im Exil. Wo Teil eins mit der Machtergreifung der Faschisten endet, setzt Teil zwei in den USA ein, wo Brecht sich vor dem Ausschuss für »unamerikanische Umtriebe« verantworten muss. Dass er dazwischen durch die halbe Welt gescheucht wurde und nicht ganz unwichtige Stücke wie »Mutter Courage« schrieb, interessiert den Biographen Breloer weniger als die ausführliche Beschreibung der Gemeinheiten, mit denen Brecht seine Schauspieler angetrieben haben soll.

War bereits der junge Brecht ein breitbeinig dasitzender Geck, der im Ledermantel paffend durch die Großstadt stolzierte, so wird der gealterte Dramatiker, nun gespielt von Burghart Klaußner, zum jähzornigen, gefühlskalten Männlein. Der Mann mit dem kurz geschorenen, nach vorn gekämmten Cäsarenhaarschnitt sei zu feig gewesen, seinem Gegenüber direkt ins Gesicht zu sehen, er habe hämisch gelacht und ein autoritäres Regime bei seiner Schauspieltruppe, dem Berliner Ensemble, geführt.

»Brecht geht vor Recht«, habe es da geheißen, erinnern Zeitzeugen sich. Theo Lingen sagt in die Kamera, Brecht habe »Besitz haben wollen, auch von Menschen«. Manchmal sind diese Erinnerungen mit dämonisierender Musik unterlegt. Gegen den forciert kritischen Brecht-Blick richtet Breloer Helene Weigel als eigentliche Heldin seiner Dokufiktion auf. Die von Adele Neuhauser freilich wunderbar gespielte Ehefrau habe auf der Bühne nicht weinen dürfen, habe unzählige Affären gelitten und das Berliner Ensemble eigentlich erst zusammengehalten. Das ist sicher alles wahr, dient aber filmisch nur der fortgesetzten Dekonstruktion der Leistungen Brechts.

Dazu gibt’s die Überlieferung der banalen letzten Worte »Lasst mich doch in Ruhe«, mit denen der sterbende Dichter sich dagegen wehrt, dass sein Arzt ihn weiter mit Ohrfeigen traktiert, und die Information, dass er sich wünschte, in einem Sarg aus Eisen oder Zink begraben zu werden. Am Ende darf eine Zeitzeugin die Frage, ob sie Brecht gekannt habe, verneinen: »Ihn konnte man nicht kennen.« Ob dieses Dokudrama viel daran rüttelt? Wohl kaum. Und wen kümmert’s? Lust, seine Text kennen zu lernen, macht dieser »Brecht« jedenfalls nicht. Damit ist er vor allem eins: eine vertane Gelegenheit.

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