Manifest für Gegenkultur

Illustration (Montage): Käthe Kollwitz: »Solidarität«

Illustration (Montage): Käthe Kollwitz: »Solidarität«

Ein Entwurf

Weltweit zieht eine historische Finsternis herauf. Daher ist es höchste Zeit, verdrängte fortschrittliche Ideen von radikal kritischer Kunst und Kultur wieder aufzurufen, zu aktualisieren und mit neuem Leben zu füllen. Wir haben unterschiedliche politische Traditionen. Uns eint aber das Ringen um eine Kunst und Kultur, die bestrebt ist, sich ein konkretes Bild von den Verhältnissen zu machen, in denen das Individuum existiert und handelt, aber auch laut und deutlich Einspruch zu erheben gegen die kapitalistische Ordnung und ihre Inhumanität. Das ist für uns Weltsicht und Methode zugleich. Wie die proletarischen Menschen auf Käthe Kollwitz’ Zeichnung von 1932 gegen die faschistische Bedrohung reichen wir uns die Hände und bilden eine Front der internationalen Solidarität von Künstlern, Kulturschaffenden und Intellektuellen.

I.
Wir setzen auf das revolutionäre Potenzial der Kunst. Sie kann die Fesseln des Bestehenden ästhetisch sprengen, seine bittere Realität transzendieren und die Vorstellungen einer anderen Welt aufleuchten lassen.

II.
Wir begreifen die wahre Freiheit der Kunst vor allem als den Zustand nach ihrer Befreiung vom Warencharakter. 

III.
Wir sehnen uns nach einer Gesellschaft, in der die Kunst allen gehört, Teil des Daseins ist, jeder sich ihr anvertrauen, ihr ohne Komplexe und mit uneingeschränkter Neugier und Selbstverständlichkeit begegnen, eine nicht entfremdete Beziehung zu ihr haben kann, wie Hans Werner Henze sie sich in den 1960er-Jahren in Kuba als Möglichkeit der Öffnung des Menschen für »alle Schönheiten des Lebens« entwickeln sah. 

IV.
Wir halten mit Hanns Eisler an der Überzeugung fest, dass jede große Kultur mit der Befriedigung von Grundbedürfnissen, genügend Wohnraum, Lebens- und Genussmittel, Erholung, beginnen muss. Wohlstand − nicht um von den anstehenden revolutionären Kämpfen abzuhalten, sondern um uns dafür frischer zu machen.

V.
Wir unterstreichen Brechts Feststellung, dass Realismus nicht ist, wie die wirklichen Dinge sind, sondern wie die Dinge wirklich sind. Nicht an die Kunstformen oder -stile − an die Klassenfrage ist der Realismus gebunden. Entscheidend ist, die gesellschaftlichen Kausalzusammenhänge freizulegen, die herrschenden Auffassungen als die Auffassungen der Herrschenden zu entlarven, und zwar vom Standpunkt der Unterdrückten aus, die die entscheidenden Schwierigkeiten, in denen die Menschheit steckt, lösen können.

Die M&R-Redaktion wird diesen Entwurf von internationalen Künstlern und Intellektuellen kommentieren lassen und ihre Anmerkungen, Ergänzungen und Kritik im Rahmen einer öffentlichen Konferenz diskutieren.

Der komplette Entwurf erscheint in der Melodie & Rhythmus 1/2019, erhältlich ab dem 14. Dezember 2018 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Ähnliche Artikel:

Anzeigen

1.700 Abos jetzt

Werbeanzeigen