Die Widersprüche der Digitalisierung und die Frage: Wie wollen wir leben?

Eine Debatte anzetteln

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Tom Strohschneider

Vor ein paar Tagen forderte die Weltbank, »die Arbeitsmarktpolitik, die Besteuerung und die soziale Absicherung« in Europa zu reformieren, »um gefährdete Beschäftigte besser zu schützen und der steigenden Ungleichheit entgegenzuwirken«. Die EU-Staaten seien »unzureichend auf den digitalen Wandel« vorbereitet, hieß es in Berichten über eine entsprechende Studie, die nicht allzu viele Schlagzeilen machte – weil es von ihrer Art inzwischen Aberdutzende gibt.

Wie ist die Lage? Die immer tiefere Durchdringung von Produktion, Alltag und Kommunikation durch digitale Anwendungen reißt neue gesellschaftliche Gräben auf, betrifft bisher einigermaßen »sichere« soziale Milieus, entwertet Lebens- und Berufserfahrungen, sägt an den politischen Hebeln nationalstaatlicher Markteinbettung, schaffte neue Verteilungsprobleme und Ungleichheiten. Wo in Weltregionen, die sich bisher an der Spitze der ökonomischen Entwicklung sahen, das Aufstiegsversprechen für einen wachsenden Teil der Bevölkerung nicht mehr gilt, erodiert auch die Legitimation der real existierenden ökonomischen und politischen Verhältnisse. Helfen die Vorschläge der Weltbank dagegen? Man kann das positiv sehen: Auf dem mühsamen Weg der Erkenntnis muss schon ein Stück geschafft worden sein, wenn eine solche Institution eine universelle Grundsicherung für alle Beschäftigungsverhältnisse, mehr Chancengleichheit durch verbesserten Zugang zur (Aus-)Bildung in digitalen Fertigkeiten sowie eine gesellschaftliche Neuverteilung durch stärkere Besteuerung von Kapitaleinkommen und Spitzenverdienern fordert. Das ist weiter gedacht als jene Haltung, die von Digitalisierung wie einem Naturwunder spricht und passives Zuschauen zum Sachzwang erklärt, um sogar noch zurückhaltenden Vorschlägen wie jenem der Weltbank einen Riegel vorzuschieben – im Sinne privater Reichtumsmehrung und gegen die Neuformulierung von sozialen, ökonomischen und kulturellen Rechten, die dieser Reichtumsmehrung in die Quere kommen müssen, sonst wären es nicht solche.

Man kann die Sache aber auch skeptischer sehen: Mit jeder Runde technologischen Vorankommens wird offensichtlicher, dass da ein gewaltiger Schub an Produktivkraft sich entfaltet, der trotzdem nicht gesellschaftlich »wirkt«, weil die politischen und ökonomischen Bedingungen so gestaltet sind, dass dieser Schub vor allem privat »wirkt« – man schaue sich die Liste der Superreichen an, bevölkert von »Internet-Pionieren«.

Um es anders zu sagen: Warum müssen angesichts all der technologischen Möglichkeiten auf dieser Welt noch Menschen hungern, gibt es für Millionen keinen Zugang zu Wissen, Wasser, Wohnraum; warum können wir Krisen und Katastrophen nicht besser kontrollieren, warum verwandeln sich demokratische Potenziale vor unseren Twitteraugen in reaktionäre Potenzen, warum werden Kontrolle und Überwachung perfektioniert, statt die technologischen Ressourcen anders zu nutzen, etwa Gemeinsamkeit zu stiften und Überfluss anders zu verteilen?

Mit dem Hinweis auf eine quasi-natürliche Irrationalität des Kapitalismus wird man sich nicht herausreden können – nichts an dieser Produktionsweise ist »natürlich«, wir schaffen sie täglich selbst. Dass es eine historisch gewachsene, extrem asymmetrische Machtverteilung gibt, die auf Eigentumstiteln gründet, deutet immerhin die Richtung an, in der kritisches Denken sich zu alternativer Praxis fortentwickeln könnte.

Was uns aber noch so »schlaue« Apparate nicht abnehmen können, ist die Antwort auf die Frage, wozu immer weiter entfaltete Produktivkräfte überhaupt dienen sollen. Schneller, höher, weiter – oder anders, freier, gleicher? »Ein Wettbewerb um eine alternative Produktpalette, um eine nicht auf quantitatives Wachstum orientierte Politik, um Maßstäbe des sozialen Lebens, um eine wünschbare Arbeit bezogen auf Zeit, Raum, Inhalt und Entlohnung sollte in unserem Lande angezettelt werden«, lautete in den 1980er Jahren eine Forderung aus dem Umfeld des »Argument«-Verlages.

Fast 40 Jahre später, 20 Jahre nach der Gründung von Google, wird man sagen können: Die Debatte darüber muss immer noch angezettelt werden. Wenn eine Studie der Weltbank die wohlfahrtsstaatliche Einhegung fordert, kann und sollte die Linke über den Tellerrand notwendiger realpolitischer Lösungen hinausblicken – in jenem widerspruchsvollen Grenzbereich zwischen technologischer Machbarkeit, stummem Zwang der ökonomischen Verhältnisse und alternativen Pfaden gibt es was zu entdecken. Eine andere Zukunft.

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