Clickworker aller Länder …

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Sabine Nuss

Wer einmal eine Weile damit zugebracht hat, bei Amazons Mechanical Turk »menschliche Intelligenzaufgaben« zu lösen, reibt sich die Augen: Warum wird so ein Hype um künstliche Intelligenz (KI) und Roboter gemacht? Letztere sollen ja angeblich unsere Jobs übernehmen, uns überflüssig machen. Man hört bereits den metallischen Klang der Schritte neuer Maschinenstürmer; Industriearbeiterinnen, die den Roboter sabotieren, Fachangestellte, die dem Computer den Stecker ziehen. Aber so weit ist es noch nicht.

Der Mechanical Turk gehört zum Reich des Internetgiganten Amazon und ist ein Paradebeispiel für das, was »Gig Economy« genannt wird – vom englischen Wort für den »kurzen Auftritt«. Auf dem virtuellen Marktplatz werden nicht Verkäufer und Käufer von Kleidern, Fahrrädern oder Konzertkarten zusammengebracht, sondern bei MTurk finden sich die Verkäufer und Käufer von Arbeitskraft. Vermittelt werden »Human Intelligence Tasks«, kleine Aufgaben. Ein HIT kann alles Mögliche beinhalten: Kassenzettel abtippen (man weiß nicht, wofür), Umfragen beantworten (über »Upcycling-Lebensmittel«, was immer das ist), die Qualität von Audioaufnahmen beurteilen, Gesten in Webkameras machen und so weiter. Vielen dieser Aufgaben merkt man sofort an: Hier sollen tonnenweise Daten gesammelt werden, damit Algorithmen trainiert werden können. Der Mensch als Lernhilfe für künstliche Intelligenz.

Weltweit existieren über 2.000 solcher Plattformen, Abertausende von Clickworkern werden hier mobilisiert – als billige, hoch flexible Arbeitskräfte. »Traditionell wurden solche Aufgaben durch die Einstellung einer großen Anzahl von Zeitarbeitskräften bewältigt«, heißt es bei Amazon und der Konzern weiß, dass das »zeitaufwendig, teuer und schwer zu skalieren ist«. Also geht man noch eine Stufe runter auf der Treppe der Deregulierung von Lohnarbeit. Für die einzelnen HITs wurden in unserem Selbstversuch je nach Komplexität und Geschwindigkeit zwischen 0,01 und 2 US-Dollar angeboten. Man hat für eine Aufgabe nur begrenzt Zeit. Wer hier nicht bloß aus reiner Neugier vorbeischaut, sondern darauf angewiesen ist, ernsthaft damit Geld zu verdienen, findet sich in Akkordarbeit am digitalen Fließband wieder: Minutenlöhner in der Cloud; Manchester-Kapitalismus auf eine neue Weise. Kapitalisten, Ahnungslose und Internetfreaks feiern dagegen das neue, rasant wachsende Segment auf dem Arbeitsmarkt – als Verkörperung der Freiheit schlechthin. Das Büro liegt nicht mehr in Wanne-Eickel, sondern steckt im Computer, jederzeit und von jedem Ort erreichbar. Und es liegt doch auch im Belieben des »Turkers« oder »Clickworkers«, ob und was für HITs er macht – und welche nicht. Oder?

In Wahrheit ist alles anders. Der mögliche Verdienst ist ein so schlechter Witz, dass man ihn nicht einmal erzählen möchte. Schon für Uber-Fahrer, Deliveroo-Boten, Handwerker auf Myhammer sieht die schöne neue Arbeitswelt eher düster aus. Der MTurk schlägt auch das noch – hier geht leer aus, wer nicht das Belieben des Auftraggebers findet oder wem das Internet nach 20 Minuten mühsamem Geklicke abstürzt.

»Mit dieser Technologie kannst du tatsächlich jemanden finden, bezahlst ihm einen winzigen Geldbetrag und wirst ihn dann los, wenn du ihn nicht mehr brauchst«, wird einer aus dem Silicon Valley zitiert. Das ist immerhin ehrlich.

Nach den USA leben aktuell die meisten Clickworker in Indien. Für die Armen der Welt soll das Ganze eine tolle Chance sein, wird behauptet. Man kann es auch so formulieren: verschärfte Konkurrenz um bezahlte Arbeit, ein Wettlauf nach unten.

Dabei treten interessante Widersprüche auf. Einerseits wird der Einsatz von Robotern, die mit KI ausgestattet sind, als große Maschine der Produktivkraftentwicklung und der Ersetzung lebendiger Arbeit interpretiert – die Maschinen nehmen die Jobs weg. Solche Substitutionserfahrung ist schon im Alltag erlebbar: Spracherkennungsprogramme statt ausgebildeter Übersetzer, Kundendienst durch Chat-Bots statt durch Sachbearbeiterinnen in der Hotline, algorithmische Vorhersagen zum Kaufverhalten statt Feldstudien durch Marktforscherinnen.

Andererseits beweist Amazons Mechanical Turk das genaue Gegenteil: Es entstehen neue Jobs für Arbeitende weltweit, vorwiegend prekäre und, je nach Standort, noch schlechter bezahlte. Von wegen technologische Massenarbeitslosigkeit und Maschinenstürmerei: Neue Technologien, so hat schon Karl Marx argumentiert, werden im Kapitalismus nur dann von einem Unternehmen eingekauft, wenn ihre Kosten dem Vergleich mit jenen für menschliche Arbeitskraft standhalten, also das Verhältnis zur erwarteten Rendite besser ausfällt, kurz: Es muss sich lohnen. Aber tut es das, angesichts einer digitalisierten, global vernetzten industriellen Reservearmee? In den virtuellen Fabriken des überall und zugleich nirgendwo präsenten Mechanical Turk wird ein gigantisches Reservoir für Arbeitskräfte angezapft und zu Aufgaben verdonnert, mit denen Maschinen immer besser und effizienter werden sollen – bis sie auch noch das können, wovon man bisher annimmt, sie könnten es nie: Wahrnehmung, Kreativität, soziale Intelligenz. Geht diese Rechnung des Kapitals auf, heißt es irgendwann: Proletarier aller Länder, warum habt ihr euch bloß beim Mechanical Turk vereinigt – das war euer Untergang.

Sabine Nuss ist Verlegerin des Dietz Verlages Berlin und hat über Eigentumsfragen im digitalen Kapitalismus promoviert.

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