Rosa Luxemburg aus der Haft zur Lage der russischen Revolution

https://www.jungewelt.de/m/artikel/340361.l%C3%B6sung-aufstand-in-deutschland.html

Im September 1918 äußerte sich Rosa Luxemburg aus der Haft zur Lage der russischen Revolution

»Die Rettung der Ehre der russischen Revolution ist in dieser Schicksalsstunde identisch mit der Ehrenrettung des deutschen Proletariats und des internationalen Sozialismus«: Spartakisten in den Straßen Berlins

Foto: Gemeinfrei

Rosa Luxemburg: Die russische Tragödie. Zuerst anonym erschienen in: Spartacus Nr. 11 vom September 1918. Hier zitiert nach: Spartakusbriefe. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 453–460

Seit dem Brest-Litowsker Frieden (am 3. März 1918 schlossen die sogenannten Mittelmächte – Deutschland, Österreich, das Osmanische Reich und Bulgarien – in Brest-Litowsk einen »Friedensvertrag« mit Sowjetrussland. Dieser Raubfrieden sah große territoriale Verluste für Russland vor; jW) ist die russische Revolution in eine sehr schiefe Lage geraten. Die Politik, von der sich die Bolschewiki dabei haben leiten lassen, liegt auf der Hand: Friede um jeden Preis, um eine Atempause zu gewinnen, inzwischen die proletarische Diktatur in Russland auszubauen und zu befestigen, soviel wie irgend möglich an Reformen im Sinne des Sozialismus zu verwirklichen und so den Ausbruch der internationalen proletarischen Revolution abzuwarten, sie zugleich durch das Beispiel Russlands zu beschleunigen. Da die absolute Kriegsmüdigkeit der russischen Volksmassen und zugleich die militärische Desorganisation, die vom Zarismus hinterlassen war, die Fortsetzung des Krieges sowieso zu einem aussichtslosen Verbluten Russlands zu machen schienen, so war ohnehin kein anderer Ausweg als schleuniger Abschluss des Friedens möglich. Dies war die Rechnung von Lenin und Genossen. (…)

Worüber sie sich leider täuschten, war die Hoffnung, um den Preis dieser Kapitulation eine wirkliche Atempause zu erkaufen, durch einen Separatfrieden sich aus dem Höllenbrand des Weltkrieges wirklich retten zu können. Sie zogen die Tatsache nicht in Betracht, dass die Kapitulation Russlands in Brest-Litowsk eine enorme Stärkung der imperialistisch-alldeutschen Politik, damit gerade die Schwächung der Chancen einer revolutionären Erhebung in Deutschland bedeuten und nicht den Abschluss des Krieges mit Deutschland herbeiführen würde, sondern bloß den Anfang eines neuen Kapitels dieses Krieges. (…)

Die Bolschewiki haben sicher verschiedene Fehler in ihrer Politik begangen und begehen sie vielleicht noch jetzt – man nenne uns eine Revolution, in der keine Fehler begangen worden sind! Die Vorstellung von einer Revolutionspolitik ohne Fehler, obendrein in dieser völlig beispiellosen Situation, ist so abgeschmackt, dass sie nur eines deutschen Schulmeisters würdig wäre. (…)

Die fatale Lage jedoch, in der sich die Bolschewiki heute befinden, ist mitsamt den meisten ihrer Fehler selbst eine Folge der grundsätzlichen Unlösbarkeit des Problems, vor das sie durch das internationale, in erster Linie durch das deutsche Proletariat gestellt worden sind. Die proletarische Diktatur und sozialistische Umwälzung in einem einzelnen Lande durchführen, das von starrer imperialistischer Reaktionsherrschaft umgeben und vom blutigsten Weltkriege der menschlichen Geschichte umtobt ist, das ist eine Quadratur des Zirkels. Jede sozialistische Partei müsste an dieser Aufgabe scheitern und zugrunde gehen – ob sie den Willen zum Sieg und den Glauben an den internationalen Sozialismus oder aber den Selbstverzicht zum Leitstern ihrer Politik macht. (…)

Es ist eben die falsche Logik der objektiven Situation: Jede sozialistische Partei, die heute in Russland zur Macht gelangt, muss eine falsche Taktik befolgen, solange sie als ein Teil der internationalen proletarischen Armee vom Gros dieser Armee im Stiche gelassen wird.

Die Schuld an den Fehlern der Bolschewiki trägt in letzter Linie das internationale Proletariat und vor allem die beispiellose beharrliche Niedertracht der deutschen Sozialdemokratie, einer Partei, die im Frieden an der Spitze des Weltproletariats zu marschieren vorgab, alle Welt zu belehren und zu führen sich anmaßte, im eigenen Lande mindestens zehn Millionen Anhänger beider Geschlechter zählte und nun seit vier Jahren wie die feilen Landsknechte des Mittelalters auf Geheiß der herrschenden Klassen den Sozialismus vierundzwanzigmal an jedem Tage ans Kreuz schlägt.

Die Nachrichten, die heute aus Russland kommen, und die Lage der Bolschewiki sind ein erschütternder Appell an den letzten Funken Ehrgefühl in den deutschen Arbeiter- und Soldatenmassen. Sie haben die russische Revolution kaltblütig in Stücke reißen, umzingeln, aushungern lassen. Mögen sie sie wenigstens noch in zwölfter Stunde vor dem Furchtbarsten retten: vor dem moralischen Selbstmord, vor der Allianz mit dem deutschen Imperialismus.

Es gibt nur eine Lösung der Tragödie, in die Russland verstrickt ist: den Aufstand im Rücken des deutschen Imperialismus, die deutsche Massenerhebung, als Signal zur internationalen revolutionären Beendigung des Völkermordes. Die Rettung der Ehre der russischen Revolution ist in dieser Schicksalsstunde identisch mit der Ehrenrettung des deutschen Proletariats und des internationalen Sozialismus.

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