Lernt endlich, wie man mit Rechtspopulisten umgeht!

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Ferda Ataman

Kultur

AfD im Bundestag

Vor einem Jahr wurde die AfD in den Bundestag gewählt. Was für eine Aufregung! Doch dann haben alle Parteien einfach weitergemacht wie bisher. Wie soll man das verstehen?

Eine Kolumne von

AFP

AfD-Mitglieder im Bundestag

Samstag, 22.09.2018 16:08 Uhr

Die Nacht der Bundestagswahl 2017 werde ich nie vergessen. Ich saß auf dem Sofa und sah im Fernsehen, wie ein rechtsradikaler Greis wieder und wieder drohte: „Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen!“ Das war so heftig, dass ich fast kotzen musste. Stattdessen schrieb ich einen empörten Kommentar darüber. Das ist jetzt genau ein Jahr her. Seitdem wurde es schlimmer und schlimmer.

Würde ich heute noch einen Würgereiz bekommen von Alexander Gaulands siegberauschter Rede in der Wahlnacht? Wohl kaum. Der Anführer der deutschen Rechtspopulisten hat so viele krasse Sachen gesagt, dass ich emotional abgestumpft bin. Was ist schon „unser Volk zurückholen“ verglichen mit dem Vogelschiss-Zitat, wonach Hitler und die Nazis irrelevant sind?

Jedes Mal, wenn so etwas kam, dachte ich: Das war’s! Das ging zu weit. Jetzt muss allen klar sein, dass die Vollstrecker des fantasierten Volkswillens politisch inakzeptabel sind. Der Chef der AfD hat den Holocaust verharmlost. Das darf man in Deutschland nicht. Eigentlich. Aber Gauland ist noch da. Es hatte keine Konsequenzen. Wie soll man das verstehen?

Warum fordert niemand, mehr „mit Islamisten reden“?

Ich verstehe auch nicht, wieso immer noch Leute fordern, man müsse mit Rechten reden und dürfe die arme AfD nicht politisch ausschließen. Für meinen Geschmack reden wir viel zu viel mit ihnen und ständig über sie. Wo bitte ist die Isolation? Ich kann nicht sagen, wie oft ich Gaulands Tweedsakko in der Tagesschau gesehen habe – aber gefühlt jede Woche. Der Einzige, der in Deutschland offen erklärt hat, Naziverharmloser-Gauland nicht mehr einzuladen, ist TV-Moderator Frank Plasberg.

Komisch eigentlich: Die Befürworter von Mit-Rechten-Reden fordern nie, dass man auch mit Linksextremisten oder Islamisten redet. Dabei wäre das konsequent. Die Publizistin Kübra Gümüsay wird derzeit hart angegangen, weil sie das tut. Als muslimische Feministin geht sie auch in sehr konservative Moscheegemeinden und diskutiert dort über Sexismus und Antisemitismus. Aber offenbar ist der Dialog nur mit Rechten erwünscht. Bei Gümüsay wird das als problematische Nähe zu Fundamentalisten ausgelegt.

Und dann gibt es seit einem Jahr die große Enttäuschung über alle Parteien, die nicht AfD heißen.

Denn zur Verteidigung der AfD muss man sagen: Die Rechtspopulisten tun nur, was Demagogen halt so tun. Es ist überall auf der Welt das Gleiche: Sie provozieren, spalten, reden Probleme herbei, um dann auf „die da oben“ zu zeigen, obwohl sie selbst längst zum Establishment gehören. Es ist, als hätten Gauland und seine Hetzertruppe eine Anleitung für Rechtspopulisten gelesen. Tagaus, tagein erklären sie uns: Sie, also das Volk, sind die Guten und die Opfer – alle anderen sind böse, korrupt und gefährlich. Uninspiriert, aber konsequent.

Rassisten gehören nicht ins Parlament

Überraschend ist vielmehr, dass anscheinend keine der anderen Parteien ein Handbuch zum Umgang mit Rechtspopulismus gelesen hat. Ich habe im letzten Jahr mit vielen Leuten aus dem Bundestag gesprochen. Offenbar hat keine Fraktion eine Strategie erarbeitet, um auf die Provokationen zu reagieren. Jedes Mal überlegen sie neu, ob und wie man über das Stöckchen springen soll.

Wie unprofessionell ist das bitte?

Man könnte doch meinen, wenn eine populistische Partei aus dem Nichts mit fast 13 Prozent in den Bundestag kommt und in manchen Gegenden die Mehrheit stellt, rüttelt das die anderen wach. Da wäre doch das Letzte, was man tut: einfach weitermachen. Da wäre kluges Krisenmanagement gefordert. Aber davon ist nichts zu spüren. Mit viel gutem Willen erkennt man ein paar müde Versuche, die Parteifassade zu erneuern.

Die FDP präsentiert sich irritierend schizophren, mit jugendlich-frischen Farben und piefig-ängstlichen Inhalten. Die CSU versucht sich an einem Rechtsruck mit Heimatanstrich. Die Linke ist gespalten und zu beschäftigt, um ihr Innenleben nach außen zu kommunizieren. Die Grünen experimentieren inhaltlich mit ein paar Heimatfloskeln hier, ein bisschen Sozialdemokratie da. Unter Zugzwang stehen aber vor allem SPD und CDU. Doch ausgerechnet die haben nichts geändert, nur ein paar Personen und Hüte ausgetauscht.

Ich verstehe wirklich nicht, was in den Parteien vor sich geht.

Die AfD erklärt, dass Menschen wie ich nicht zu Deutschland gehören. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit: Ich finde, die Rassisten gehören dazu, aber nicht ins Parlament. Also werde ich bis zur nächsten Bundestagswahl weiter davon träumen, dass die anderen Parteien endlich lernen, wie man mit Rechtspopulisten umgeht. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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