Ist Sex subversiv?

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Paul Pop: Ist Sex subversiv?

Linke Theorien der sexuellen Befreiung und Gender-Dekonstruktion

Teil 1: Von der Oktoberrevolution zur Kritischen Theorie

In der Linken ist es schon seit langem aus der Mode gekommen über sexuelle Befreiung zu sprechen. Die Freudomarxisten sahen in den sexuellen Bedürfnissen und Trieben der Menschen eine wichtige Stoßkraft für die proletarische Revolution. Ihre Unterdrückung sei die Ursache für autoritäre Charaktere und die Massenbasis des Faschismus. Die „natürlichen“ Triebe des Menschen würden gegen die „unnatürlichen“ Institutionen wie die patriarchalische Familie ins Feld geführt. Heute stellt sich viel mehr die Frage: Was ist Sexualität überhaupt und von was soll sie befreit werden?

Ein wichtiges Ereignis für die linke Theoriebildung war die russische Oktoberrevolution von 1917, die in den ersten Jahren die Abschaffung der bürgerlichen Familie und Sexualmoral zum Programm erhob. Die „Ein Glas Wasser-Theorie“ wurde berühmt, die der russischen Kommunistin Alexandra Kollontai zugeschrieben wurde, nach der sexuelle Bedürfnisse genauso wie Durst gestillt werden müssten. Schließlich knüpfte die 68er StudentInnenenbewegung an den Freudomarxismus an und versuchte, durch die Gründung von Kommunen und Kinderläden die Sexualität zu befreien. Nach dem offensichtlichen Scheitern der Kommune-Versuche und der feministischen Kritik an den „bürgerlichen Schwänzen der sozialistischen Eminenzen“ wurden die freudomarxistischen Theorien seit Mitte der 70er Jahre hinterfragt. Die zweite Frauenbewegung und der französische Poststrukturalismus stellten die Natürlichkeit von Sexualität in Frage. Foucault dekonstruierte die Gegenüberstellung von Trieben und Unterdrückung und stellte die These auf, dass die Macht im Diskurs nicht nur die Verbote, sondern auch die Bedürfnisse produzieren würde. Sexualität sei eine Erfindung des 19.Jahrhunderts. Judith Butler ging noch einen Schritt weiterund stellte die Natürlichkeit der Geschlechter und der heterosexuellen Matrix in Frage, indem sie behauptet, dass beides gesellschaftlich produziert sei. Statt die Natur gegen die bürgerliche Gesellschaft zu mobilisieren, stellten die poststrukturalistischen Diskurse gerade die Natürlichkeit der Sexualität selbst in Frage. Unter Befreiung würde nun nicht mehr die Befreiung der Triebe von der Unterdrückung verstanden, sondern die Infragestellung und Überwindung der gesellschaftlich konstruierten gender-Identitäten. Die Kritik richteten sich statt gegen die Kleinfamilie, die Schule oder die Monogamie nun gegen die Zwangsjacken von geschlechtlichen Identitäten.

Dieser Artikel soll linke Theorien über Sex und sexuelle Befreiung wieder ins Gedächtnis rufen, um eine Kritik zu entwickeln. In diesem Rahmen werden nur einige Theoretiker und Theoretikerinnen ausgesucht. Der Anspruch ist weder eine Bewegungsgeschichte zu schreiben noch komplexe Theorien wie z.B. von Freud oder Foucault in ihrer Gesamtheit darzustellen. Der erste Teil des Artikels untersucht die Grundthesen von Alexandra Kollontai, des Freudomarixmus und der kritischen Theorie. Der zweite Teil des Artikels, der in der nächsten Ausgabe der „grundrisse“ erscheinen wird, beschäftigt sich mit der Kritik der zweiten Frauenbewegung und den postmodernen Theorien zur Sexualität.

Am Ende soll die Frage aufgeworfen werden, ob es möglich ist, die Diskurse um sexuelle Befreiung und die Dekonstruktion von Geschlecht und Geschlechterrollen zu verbinden. Birgt die sexuelle Frage noch Sprengstoff um die bürgerliche Gesellschaft grundlegend zu kritisieren?

I. Die Oktoberrevolution und die Theorien von Alexandra Kollontai

Die Oktoberrevolution von 1917 war die Geburtsstunde des internationalen Parteikommunismus. Auf sexualpolitischem Gebiet wurden besonders in den Jahren des „Kriegskommunismus“ (1919-1921) radikale Maßnahmen durchgeführt und Theorien entwickelt. Die Abschaffung der patriarchalen Ehe und die Befreiung der Frau wurden zum Programm erhoben. Als erster Staat der Welt legalisierte die Sowjetrepublik die Abtreibung und bezahlte den Schwangerschaftsabbruch. Auch das Scheidungsrecht war damals das liberalste der Welt. Die Registrierung der Beziehung wurde von den Behörden freigestellt. Scheidung wurde zur Privatangelegenheit, die keiner Begründung mehr bedurfte. Damit wurde die Bevormundung durch die Kirche und den Staat abgeschafft. Außerdem wurden uneheliche Kinder ehelichen gleichgestellt sowie ein umfassender gesetzlicher Mutter- und Säuglingsschutz eingeführt.

Die Kommunistin Alexandra Kollontai, die nach der Oktoberrevolution für ein halbes Jahr Volkskommissarin für soziale Fürsorge war, entwickelte die am weitesten gehende Theorie zur Befreiung der Frau und Sexualmoral. 1920 gehörte sie zur so genannten Arbeiteropposition, die versuchte, Formen der Selbstverwaltung in den Betrieben gegen die Bürokratisierung zu retten. Mitte der 20er Jahre ging sie in den diplomatischen Dienst und ihre Theorien wurden zunehmend von der Partei abgelehnt. Erst in den 70er Jahren wurde sie von der kommunistischen und feministischen Linken im Westen wieder entdeckt. An dieser Stelle sollen die Grundideen von Kollontai zur sexuellen Befreiung umrissen werden.

In ihrer Schrift „Die neue Moral und die Arbeiterklasse“ macht sich Kollontai Gedanken, wie gleichberechtigte sexuelle Beziehung zwischen Männer und Frauen aussehen können, die weder von wirtschaftlichen noch von emotionalen Abhängigkeiten geprägt sind. Sie entwirft das Ideal einer neuen ledigen Frau, die sich weder vom Staat noch von ihren Beziehungen und Emotionen versklaven lässt. Das Ideal der ledigen Frau hatte nach dem 1.Weltkrieg und dem Bürgerkrieg durchaus eine gesellschaftliche Grundlage. Auf den russischen Dörfern gab es 1921 8 Millionen mehr Frauen als Männer (Kollontai 1975: S. 229). Kollontai hält der bürgerlichen Doppelmoral auch biopolitische und psychologische Argumente entgegen: „In Wirklichkeit kann die Regulierung unseres Lebens durch eine sexuelle Moral nur zwei Ziele, zwei Zwecke haben: 1. der Menschheit Gesundheit, eine normal entwickelte Nachkommenschaft zu garantieren, die geschlechtliche Zuchtwahl im Interesse der Rasse zu unterstützen; 2. zur Verfeinerung der menschlichen Psyche, zur Bereicherung der Seele, dem Gefühl der kameradschaftlichen Solidarität, zu einer höheren Gemeinschaft beizutragen“ (Kollontai 1977: S. 52). Die monogame Ehe könne diesen Zweck nicht erfüllen, da sie höchst selten auf Dauer Eros stifte und durch die notwendige Ergänzung durch die Institution der Prostitution nicht zur Gesundheit der Bevölkerung beitrage. Kollontai setzt der monogamen Ehe positiv die „erotische Kameradschaft“ gegenüber, die den/die PartnerIn nicht als Eigentum betrachtet, in der sich aber die beiden Menschen auch nicht selbst aufgeben müssen. Auch wenn das Ideal weiterhin die monogame Verbindung bleibe, so müsse die Gesellschaft verschiedene Formen geschlechtlicher Liebesbeziehungen anerkennen (ebenda: S. 65). Die „neue Frau“ kann die Rolle der Mutter auch im Rahmen der neuen Beziehungsformen übernehmen, da der Staat und seine Erziehungseinrichtungen wie Kinderkrippen, Kinderheimstätten oder Mütterheime sie dabei voll unterstützen soll. Die Männer sollen hingegen eine Steuer für einen staatlichen Alimentefond leisten, um ledige Mütter zu unterstützen. Diese Forderung wurde aber von der Partei abgelehnt. Wie die neuen Frauen der russischen Revolution versuchen, sich im Arbeits- und Liebensleben, in der von Männern und dem Elend des Bürgerkrieges dominierten Welt zu behaupten, hat Kollontai eindrucksvoll in den Erzählungen „Die Wege der Liebe“ beschrieben.

Ihre Attacken auf die bürgerliche Doppelmoral in „Die neue Moral und die Arbeiterklasse“ stützt Kollontai im wesentlich auf die Österreicherin Grete Meisel-Hess. Von ihr hat sie auch die biopolitische Begründung der Sexualmoral übernommen, die Anfang des 20.Jahrhunderts auch in der ArbeiterInnenbewegung nicht selten mit „Rassenhygiene“ verbunden wurde. Um Meisel-Hess für die Begründung der erotischen Kameradschaft heranzuziehen, muss Kollontai ihre Argumente aus dem Zusammenhang reißen. Meisel-Hess tritt in ihrem Werk „Das Wesen der Geschlechtlichkeit“ für das Verbot der Abtreibung ein (Meisel-Hess 1916: S.178) und hetzt seitenlang gegen Prostituierte (ebenda: S.186ff.). Freud spielt bei Kollontai hingegen keine Rolle.

In ihrer Vorlesung „Die Situation der Frau in der gesellschaftlichen Entwicklung“ an der Sverdlov-Universität von 1921 behandelt Kollontai die Sexualität und die Befreiung der Frau im Rahmen der Ideologie des „Kriegskommunismus“. In der Einführung der Arbeitspflicht für Männer und Frauen sieht sie die bedeutendste Tat der Revolution. „Natürlich gibt es in unserer neuen Gesellschaft auch keinen Platz für weibliche Parasiten – z.B. für wohlgenährte Mätressen, die sich von ihren Männern oder Liebhabern aushalten lassen oder für berufsmäßige Prostituierte – denn bei uns gilt: „Wer nicht arbeitet will, soll auch nicht essen“ (Kollontai 1975: S. 170). Mit einem eigenem Arbeitsbuch und einer eigenen Bezugskarte stehe die Frau nun auf eigenen Füssen. Frauen, die der Arbeitspflicht nicht nachkommen, würden zur Zwangsarbeit verurteilt werden (ebenda: S. 225). Die Vorstellungen der Militarisierung der Arbeit waren damals in der Partei weit verbreitet. Die Einführung einer Arbeitsarmee wurde keinesfalls nur als Übergangsmaßnahme gesehen.

Der Staat soll laut Kollontai die Frauen durch die Vergesellschaftung der Hausarbeit von „unproduktiver Arbeit“ wie Kochen und Kinderbetreuung befreien und so eine Doppelbelastung verhindern (ebenda: S. 176). Durch Volksküchen werden Ehe und Küche von einander getrennt und kollektive Wohnformen sollten langfristig die Familie ersetzen. Die Ehe verliere so immer mehr an Bedeutung. Die Frau, die so aus der ökonomischen und sexuellen Abhängigkeit vom Mann befreit werden soll, hat aber weiterhin die Mutterschaft als soziale Verpflichtung gegenüber dem sozialistischen Staat. Die Legalisierung der Abtreibung begründet Kollontai mit den schlechten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen im Bürgerkrieg. „Anderseits ist es aber gleichzeitig unsere Aufgabe, den natürlichen Mutterinstinkt der Frauen zu stärken und zwar einerseits durch den Ausbau der Mutterschutzeinrichtungen und anderseits, indem die Funktion der Mutterschaft und der Frauenarbeit fürs Kollektiv in Übereinstimmung bringen“ (ebenda: S. 209). Die Interessen des sozialistischen Staates lassen demnach keine vollständige Selbstbestimmung der Frauen über ihren eigenen Körper zu.

Das Programm, das Kollontai hier umreißt, könnte man aus heutiger Sicht als eine Mischung aus kriegskommunistischer Bio-Politik, Arbeitsterror und wirtschaftlicher Rationalisierung sehen. Michel Foucault hat gezeigt, wie auch in der bürgerlichen Gesellschaft im Westen seit dem 19. Jahrhundert Sexualität vom Staat immer mehr unter bevölkerungspolitischen, sprich biopolitischen, und nicht mehr nur unter moralischen Gesichtpunkten betrachtet wurde. Die eigentliche Radikalität der Theorie Kollontais liegt darin, dass sie die weibliche Sexualität sowie die Bedürfnisse und Leidenschaft der Frauen in die Debatte einbrachte. Die „erotische Kameradschaft“ als gleichberechtigte Beziehung zwischen Frau und Mann entsteht nicht automatisch durch die Lösung des „Hauptwiderspruchs“, sondern bedarf eines langwierigen Kampfes um die Veränderung des Menschen, der auch von den Frauen und Männern als Subjekte in ihnen selbst ausgetragen werden muss, so Kollontai. Frauen werden von ihr nicht mehr nur als Objekte patriarchaler Herrschaft betrachtet, sondern als Subjekte ihrer eigenen Sexualität. Mit dieser Sichtweise war Kollontai ihrer Zeit weit voraus, auch wenn die sexuelle Selbstbefreiung der weiblichen Subjekte in ihrem Konzept schließlich durch die bevölkerungspolitischen Interessen des sozialistischen Staates und dessen Arbeitsregime begrenzt wird.

Ihre radikale Kritik an der bürgerlichen Sexualmoral und der Kleinfamilie wurde von vielen männlichen Parteigenossen nicht geteilt. 1920 nahm Lenin in seinem Gespräch mit der deutschen Kommunistin Clara Zetkin gegen die Theorien zur sexuellen Befreiung Stellung. Laut Lenin sollte die Jugend ihre Energie auf die Revolution konzentrieren. Indirekt macht er Kollontai dafür verantwortlich, dass die Jugend durch die „Glas-Wasser-Theorie“ ganz wild geworden sei. Lenin sagte: „Die berühmte Glaswassertheorie halte ich für vollständig unmarxistisch und obendrein für unsozial (…). Durst will befriedigt sein. Aber wird sich der normale Mensch unter normalen Bedingungen in den Straßenkot legen und aus einer Pfütze trinken? Oder auch nur aus einem Glas, dessen Rand fettig von vielen Lippen ist?“. Kollontai hatte nie eine explizierte „Glas-Wasser-Theorie“ aufgestellt. Der Begriff wurde eher von ihren Gegnern benutzt. Sie schrieb nur: „The sexual act should be recognized as neither shameful nor sinful, but natural and legal, as a manifestation of a healthy organism as the quenching of hunger or thirst“ (zit. nach Goldman 1993 : S.7).

Lenin setzte auf gesunde Körper durch Sport statt auf sexuelle Befreiung: „Zumal die Jugend braucht Lebensfreude und Lebenskraft. Ein gesunder Sport, Turnen, Schwimmen, Wandern, Leibesübungen jeder Art, Vielseitigkeit der geistigen Interessen. Lernen, Studieren, Untersuchen, soviel als möglich gemeinsam! Das alles wird der Jugend mehr geben als die ewigen Vorträge und Diskussionen über sexuelle Probleme und das so genannte Ausleben. Gesunder Körper, gesunder Geist!“ (Zetkin 1925). Damit war das Urteil gesprochen. Die kleinbürgerlichen Anstands-Wauwaus hatten in der Partei gesiegt. Seit Mitte der 20er Jahren wurde das Ziel, die Familie aufzulösen wieder aufgegeben. Der Staat war außerdem nicht in der Lage, flächendeckend Volksküchen, Kinderkrippen oder Kollektivwohnungen einzurichten. Die freiere Sexualität und die „erotische Kameradschaft“ wurden auch häufig zur Legitimation von Männern genutzt, um ihre sexuellen Ansprüche durchzusetzen und keine Verantwortung für Kinder zu übernehmen (siehe Monika Israel, Nachwort zu Kollontai 1977: S. 143).

Es sollte bis zur 68er Studentenbewegung dauern, bis die Gedanken von Alexandra Kollontai wieder an Bedeutung gewannen.

II. Freud: Der Ausgangspunkt für Freudomarxismus und die Kritische Theorie

Neben der Oktoberrevolution war die Psychoanalyse ein wichtiger Anknüpfungspunkt der linken Theoriebildung zur Sexualität. Wer sich mit Sexualität und sexueller Befreiung befasst, kommt an Sigmund Freud nicht vorbei. Viele linke Diskurse entwickelten ihre Position durch die Auseinandersetzung mit Freud, egal ob Reich, Marcuse, Foucault oder Judith Butler. Begriffe wie Libido, Neurose, Ödipus-Komplex, anale Phase oder Narzissmus wurden Alltagsbegriffe der rebellierenden 68er. Während die feministischen Diskussionen in den 80er Jahren Freud eher als patriarchalen Frauenfeind verteufelten, nutzt ihn Butler, um die „Natürlichkeit“ der heterosexuellen Matrix in Frage zu stellen. An dieser Stelle sollen nur einige zentrale Gedanken Freuds dargestellt werden, die für die linke Theoriebildung wichtig waren und sind. Es wird gezeigt wie Wilhelm Reich zentrale Thesen Freuds übernahm, um daraus die Theorie des Freudomarxismus zu entwerfen. Eine Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk von Freud kann an dieser Stelle nicht erfolgen.

Die Erlernung der Heterosexualität und Penisorientierung

In „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von 1905 teilt Freud die Phasen der kindlichen Sexualität in oral, anal und phallisch ein. Die kindliche Lust am Saugen, das Spiel mit Exkrementen oder das Zeigen der Geschlechtsteile werden von der ErzieherIn unterdrückt und versucht, dem Kind ein Gefühl von Scham anzutrainieren. Freud glaubt, dass sowohl die nicht zentrierte und objektlose Autoerotik des Jungen als auch die des Mädchens phallischen Charakter haben. Der Junge wird nach Freud dadurch zum Mann, dass er seine Lustgefühle mit der Pubertät auf den Penis zentriert. Er muss die Leistung vollbringen, die Fixierung auf die Mutter zu überwinden und in anderen Frauen Ersatz zu suchen. Die Frau muss die leitende Zone der Sexualbestätigung wechseln, in dem sie die Reizbarkeit von ihrem Phallus, der Klitoris, auf den Scheideneingang verlegt. Auf Grund der Anforderung dieses Objektwechsels von der Klitoris auf die Vagina würden Frauen eher zu Neurosen neigen als Männer (Freud 1999: S.121). In „Über die weibliche Sexualität“ behauptet Freud sogar, dass die menschliche Veranlagung zur Bisexualität bei Frauen stärker hervortreten würde, weil sie im Unterschied zum Mann mit Vagina und Klitoris ein weibliches und männliches Sexualorgan besitzen würden (Freud 1998: S.194).

Das Kind – sowohl der Junge als auch das Mädchen – ist zunächst autoerotisch und sucht sich zuerst in der Mutter ein Objekt seiner Liebe. Freud lehnt es daher ab, die Homosexuellen als besonders geartete Gruppe von den „normalen“ Menschen abzutrennen. „Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit, der eine im Grunde chemische Anziehung zu unterlegen ist. Die Entscheidung über das endgültige Sexualverhalten fällt erst nach der Pubertät und ist das Ereignis einer noch nicht übersehbaren Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils akzidenteller Natur sind“ (Freud 1999: S.48), schreibt er in einer Fußnote. Bisexualität ist in jedem Menschen angelegt und die Fixierung auf das andere Geschlecht ist eine Leistung, die erst einmal vollbracht werden muss. Freud sieht darin allerdings nichts negatives, sondern eine Voraussetzung für gesunde Sexualität.

Auch Butler ist es aufgefallen, dass Freud die Natürlichkeit der Heterosexualität in Frage stellt. Für die Herausbildung der Geschlechtsidentität sei für Freud die Verinnerlichung des Liebesverlusts durch das Inzesttabu wichtig gewesen. Der Junge, der durch dieses Tabu seine Mutter als Liebesobjekt verliert, verinnerliche den Verlust entweder durch die Identifizierung mit ihr oder er verschiebt seine heterosexuelle Zuneigung auf den Vater und verstärke damit seine Männlichkeit (Butler 2003: S.96).

Sicher wäre es zu einseitig, Freud nur durch die Brille der gender-Konstruktion zu lesen. Neben der Erlernung von Heterosexualität sieht er aber auch natürliche Faktoren, die die Bisexualität in jedem Menschen anlegen würden. Jeder Mensch würde auch biologische Züge des anderen Geschlechts in sich aufweisen wie Aktivität und Passivität (Freud: S.120). Freud hielt Frauen für sexuell passiver und kühler. Dies führte er sowohl auf die strengeren gesellschaftlichen Moralvorgaben als auch auf die Natur der Frauen zurück. In seinen Ausführungen zur weiblichen Sexualität fanden FeministInnen deshalb genug Beleg für die These von der Psychoanalyse als Theorie des Patriarchats.

Die Relativierung von Perversion und Normalität

Zumindest in „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ befreit Freud den Begriff der Perversion von der moralischen Verurteilung.[1] Vorstellungen von Ekel sind gesellschaftlich geschaffen. Die These, dass Analsex ekelhaft sei, weil man mit dem Arsch auch scheißt, hält Freud für genauso wenig stichhaltig, „wie etwa die Begründung, welche hysterische Mädchen für ihren Ekel vor dem männlichen Genitale abgeben: es diene der Harnentleerung (Freud 1999: S.55). „Perversionen“ wie Sadismus, Masochismus, Analerotik oder Fetischkult sind für Freud durch die orale, anale und phallische Phase der kindlichen Sexualität potentiell in jedem Menschen angelegt. „Bei keinem Gesunden dürfte irgendein pervers zu nennender Zusatz zum normalen Sexualziel fehlen, und diese Allgemeinheit genügt für sich allein, um die Unzweckmäßigkeit einer vorwurfsvollen Verwendung des Namens Perversion darzutun“ (Freud 1999: S.63). Fast alle Sexualpraktiken sind für Freud also gesund, wenn sie mit dem normalen Ziel, der Entladung des Penis in der Vagina enden. Ein krankhaftes Symptom ist erst die Ausschließlichkeit und Fixierung auf eine Praktik (ebenda: S.64). Ein Mann wäre danach nicht pervers, wenn er an den Lederstiefeln seiner Frau leckt, sondern erst, wenn er durch nichts mehr anderes Lust empfinden kann.

Freud weicht den Begriff der Perversion soweit auf, dass sich die Frage stellt, warum er überhaupt noch daran festhält. Warum muss das normale Sexualziel der männliche Orgasmus in der Vagina sein? Weil es die Aufgabe der Pubertät ist, den Sexualtrieb in den Dienst der Fortpflanzung zu stellen und die kindlichen Formen der Sexualität zu überwinden, glaubt Freud (Freud 1999: S.108). Stellt man Sex nicht unter das Primat der Fortpflanzung, kann man den Begriff der Perversion auf Grundlage von Freuds Argumentation auch ganz fallen lassen.

Kritik an Sexualunterdrückung und Monogamie: Die neurotische Gesellschaft

Erst nach der Erfahrung des 1.Weltkrieges und mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus versucht Freud seine Theorie der Psychoanalyse zu einer Gesellschaftstheorie auszubauen. Vor dem Hintergrund des Massenschlachtens des 1.Weltkrieges sieht Freud den Kampf zwischen dem Todestrieb des Menschen, den er neu entdeckt hatte, und dem Eros als Motor der Kulturentwicklung an (Freud 2000: S.85). In „Unbehagen in der Kultur“ von 1930 sieht Freud in der Kultur ein System, dass die Menschen geschaffen haben, um die Triebe im Zaum zu halten. Hier spielt vor allem das Inzestverbot eine zentrale Rolle. Die Kultur lege den Menschen nicht nur bei der Sexualität, sondern auch bei ihren Aggressionstrieben große Opfer auf. Daraus resultiere eine gewisse Glücklosigkeit, die der Preis für die Sicherheit wäre (ebenda: S.79). Menschen müssten daher ihre Triebe sublimieren und in höhere psychische Tätigkeiten wie wissenschaftliche oder künstlerische Tätigkeiten umleiten (ebenda: S.63). Frauen, die an Kinder und Haus gebunden wären, könnten ihre Triebe schlechter sublimieren und würden daher stärker zu Neurosen neigen.

Freud weiß um die Last, die das Über-Ich einer Kulturepoche den Menschen auferlegt. Freud kritisiert offen die monogame Ehe in „Die ‚kulturelle’ Sexualmoral und die moderne Nervosität“ von 1908. Nach drei, vier oder fünf Jahren würde sie versagen, die sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen. Sexuelle Freiheiten darüber hinaus würden nur widerwillig eingeräumt: „die für den Mann in unserer Gesellschaft geltende ‚doppelte’ Sexualmoral ist das beste Eingeständnis, dass die Gesellschaft selbst, welche die Vorschriften erlassen hat, nicht an deren Durchführbarkeit glaubt (…). Das Heilmittel gegen die aus der Ehe entspringende Nervosität wäre vielmehr die eheliche Untreue; je strenger eine Frau erzogen ist (…) desto mehr fürchtet sie aber diesen Ausweg, und im Konflikte zwischen ihren Begierden und ihrem Pflichtgefühl sucht sie ihre Zuflucht wiederum – in der Neurose. Nichts anderes schützt ihre Tugend so sicher wie die Krankheit“ (ebenda: S.124). Freud war seiner Zeit weit voraus, indem er die Doppelmoral angriff und Frauen zum „Fremdgehen“ ermunterte. „Es braucht nicht gesagt zu werden, dass eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt lässt und zur Ablehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient.“, schreibt er in „Die Zukunft einer Illusion“ (Freud 1967: S.92).

Freud ahnt 1930 die Tragweite seiner Theorie. „Wenn die Kulturentwicklung so weitgehende Ähnlichkeit mit der des Einzelnen hat und auch mit den selben Mitteln arbeitet, soll man nicht zur Diagnose berechtigt sein, dass manche Kulturen – oder Kulturepochen – möglicherweise die ganze Menschheit – unter dem Einfluss der Kulturbestrebungen ‚neurotisch’ geworden sind? (Freud 2000: S.106). Einen solchen Ansatz hält Freud nicht für unsinnig, warnt aber zu Vorsicht, Begriffe aus ihren Sphären zu reißen. Die Einzelneurose diene als Kontrast zur „normalen“ Umgebung. Eine solche Gegenüberstellung entfiele bei einer gleichartigen Masse. „Trotz aller dieser Erschwerungen darf man erwarten, dass jemand eines Tages das Wagnis einer solchen Pathologie der kulturellen Gemeinschaften unternehmen wird“ (ebenda: S.107). Die FreudomarxistInnen konnten genau an dieser Stelle anknüpfen, indem sie die bürgerliche Gesellschaft als krank und neurotisch kritisierten und die sexuelle Befreiung durch den Kommunismus als Heilmittel verschrieben.

Zweifel an Möglichkeit einer sexuellen Befreiung

So sehr Freud auch die repressive Sexualmoral seiner Zeit angreift, die Idee, die Triebe völlig von der Kultur zu befreien, hält er für gefährlich.

Nur an wenigen Stellen setzte sich Freud mit dem Marxismus und den Sexualreformen in der Sowjetunion der 20er Jahre auseinander. Er gab zu, selbst sich nie gründlich mit dem Thema beschäftigt zu haben. Freud merkte aber an, dass er den KommunistInnen nicht zustimmen könne, dass mit der Aufhebung des Privateigentums die Aggression und Feindseligkeit unter den Menschen verschwinde. Damit sei der Aggression nicht ihr stärkstes Werkzeug entzogen. „Räumt man das persönliche Anrecht dinglicher Güter weg, so bleibt noch das Vorrecht aus sexuellen Beziehungen, das die Quelle der stärksten Missgunst und der heftigsten Feindschaft unter den sonst gleichgestellten Menschen werden muss. Hebt man auch diese auf durch die völlige Befreiung des Sexuallebens, beseitigt also die Familie, die Keimzelle der Kultur, so lässt sich zwar nicht voraussehen, welche neuen Wege die Kulturentwicklung einschlagen kann, aber eines darf man erwarten, dass der unzerstörbare Zug der menschlichen Natur ihr auch dorthin folgen wird“ (ebenda: S.78). In einer Vorlesung begründet Freud die Notwendigkeit der Einschränkung des Sexualtriebes damit, dass sonst „alle Dämme brechen und das mühsam errichtete Werk der Kultur hinwegschwemmen“ würde. Da in der Gesellschaft ein Mangel herrsche, muss sie die Anzahl ihrer Mitglieder beschränken und ihre Energien von der Sexualbetätigung auf die Arbeit lenken (Freud 1999b: S.298). Was ist, wenn dieser Mangel nicht mehr besteht? Freud konnte sich eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten lebt, nicht vorstellen.

Er war sich jedoch im Klaren darüber, dass nicht jede Form der Arbeit zur Triebsublimierung geeignet ist. Lustgewinn hätten vor allem Künstler am Schaffen von Phantasiegebilden oder Forscher beim Erkennen der Wahrheit. „Besondere Befriedung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet (…). Die große Anzahl der Menschen arbeitet nur notgedrungen und aus dieser natürlichen der Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab“ (Freud 2000: S.46f.). Freud räumt also indirekt ein, dass nur Tätigkeiten, die nicht dem Zwang der entfremdeten Arbeit unterstehen, Triebe sublimieren können.

In „Über die allgemeinsten Erniedrigungen des Liebenslebens“ von 1912 führt Freud ein weiteres Argument gegen die Befreiung der Triebe an. Die Libido könne nur in die Höhe treiben, wenn sie auf natürliche Widerstände treffe. In Zeiten, in denen die Liebesbefriedigung keine Schwierigkeiten fand, wie während des Niederganges der antiken Kultur, sei die Liebe wertlos geworden (Freud 1998: S.112). Menschen, die von der Lust nicht wieder fort kamen, brächten keine weiteren Fortschritte zustande (ebenda: S.114).

III. Freudomarxismus: Die menschliche Natur gegen die bürgerliche Gesellschaft mobilisieren

Als die revolutionären Linken 1968 sexuelle Befreiung, anti-autoritäre Erziehung und Kinderläden propagierten, knüpften sie dabei häufig an die Theorien von Wilhelm Reich an. Reich hatte in den 20er Jahren versucht, Marxismus und Psychoanalyse zu einem revolutionären sexualpolitischen Programm zu vereinigen. 1934 wurde er aus der KPD und der Internationen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen. Nach seiner Emigration in die USA starb er 1957 vom Wahnsinn befallen im Gefängnis.

Sexualunterdrückung als Grundlage autoritärer Herrschaft

In seiner berühmtesten Schrift „Die Massenpsychologie des Faschismus“ von 1934 stellt Reich die Frage, wie es zu der Schere zwischen der objektiven revolutionären Situation in der Weltwirtschaftskrise von 1929 und dem reaktionären Bewusstsein der Masse der Bevölkerung – auch Teilen der ArbeiterInnenklasse – kommen konnte. Die Frage, warum sich die Menschen seit Jahrtausenden Ausbeutung und Erniedrigung gefallen lassen würden, könne man mit den Theorien von Marx alleine nicht beantworten (Reich 2005: S.45). Seine Begründung für die Anfälligkeit der Massen für den Nationalsozialismus ist folgende: Die Unterdrückung der kindlichen Sexualität durch die Erziehungen führe zu moralischen Hemmung der Menschen, die sie gehorsam, autoritätsfürchtig und ängstlich machen würde. „Die Sexualhemmung verändert den wirtschaftlich unterdrückten Menschen strukturell derart, dass er gegen sein materielles Interesse handelt, fühlt und denkt“ (ebenda: S.51). Keimzelle der Sexualunterdrückung war für Reich die patriarchalische Kleinfamilie des Kleinbürgertums und die Kirche. Die Hilflosigkeit des Einzelnen zwischen seinen Trieben und der moralischen Hemmung hin- und hergerissen zu werden, führe zur Sehnsucht nach einem Führer. Der Mittelstand sei bei den linken Diskussionen um die Machtübernahme Hitlers zu kurz gekommen (ebenda: S.58). Kurzfristig könne das Kleinbürgertum sehr wohl Geschichte machen.

Reich sieht den Nationalsozialismus zwar in erster Linie als kleinbürgerliche Bewegung, ihm ist aber auch nicht entgangen, dass Teile der ArbeiterInnenklasse den Nationalsozialismus unterstützten. Da die ArbeiterInnenklasse in industriellen Großbetrieben beschäftigt und dadurch die patriarchalische Familie geschwächt wurde, glaubte Reich, dass die ArbeiterInnenklasse sexuell weniger unterdrückt sei als das Kleinbürgertum. Durch ihre Verbürgerlichung sei sie aber anfällig für die reaktionäre Propaganda geworden. „Das kleinbürgerliche Schlafzimmer, das sich der ‚Prolet’ anschafft, sobald er die Möglichkeit dazu hat, auch wenn er sonst revolutionär gesinnt ist, die dazugehörige Unterdrückung der Frau, auch wenn er Kommunist ist, die ‚anständige’ Kleidung am Sonntag, steife Tanzformen und tausend andere ‚Kleinigkeiten’ haben bei chronischer Wirkung unvergleichlich mehr reaktionären Einfluss, als Tausende von revolutionären Versammlungsreden und Flugzettel gutmachen können (…). Es war ein schwerer Fehler, dass man den konservativen Tendenzen der Arbeiterschaft Rechnung trug, indem man ‚um an die Massen heranzukommen’, Feste veranstaltete, die der reaktionäre Faschismus weit besser traf“ (ebenda: 80).

An diesem Punkt setzt die Notwendigkeit der Sexualpolitik ein. Nur indem die Partei die Sexualunterdrückung anprangert und für die sexuelle Befreiung eintritt, können die Massen vom Einfluss der Reaktion gelöst werden. „Die Faschisten können die mystisch und autoritär verseuchten Massen lange täuschen, indem sie vorgeben, das Recht der Arbeit und des Arbeiters zu vertreten. Anders auf sexualökonomischem Gebiet. Niemals kann es der politischen Reaktion gelingen, der revolutionären Sexualökonomie ein reaktionäres sexualpolitisches Programm entgegenzusetzen, das anders wäre als die restlose Unterdrückung und Verneinung des Geschlechtslebens (…)“ (ebenda: S.178).

Sexunterdrückung und Arbeit

Freuds Sublimierungs-These, an der sich auch später Marcuse abarbeitet, übernimmt Reich nicht. Auf dem Deckblatt seiner späteren Bücher steht geschrieben: „Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.“ Reich erklärte die Unterdrückung der Sexualität nicht mit der Durchsetzung der Lohnarbeit in der frühkapitalistischen Gesellschaft, sondern sah ihren Ursprung im Bürgertum selbst. „Da die Sexualunterdrückung ursprünglich von den wirtschaftlichen Interessen des Erbrechts und der Heirat ausgeht, beginnt sie innerhalb der herrschenden Schichten selbst. Die Keuschheitsmoral gilt am schärfsten zunächst für die weiblichen Angehörigen der herrschenden Schicht“ (Reich 2005: S.100). In diesem Punkt vertritt Reich dieselbe Meinung wie später Foucault.

Reich wendet sich gegen die in der Sowjetunion der 30er Jahre vertretene These, dass die Menschen sich sexuell enthalten sollten, um die Arbeitsleistung nicht negativ zu beeinflussen. 1946 ist Reich der Ansicht, dass Arbeit und Sexualität der gleichen biopolitischen Energie entstammen (Reich 2005: S. 263). „Es ist nicht so, dass umso mehr Arbeit geleistet wird, je mehr Sexualenergie von der Befreiung abgelenkt wird, sondern: Je befriedigender das Geschlechtsleben ist, desto voller und freudiger ist auch die Arbeitsleistung, wenn alle äußeren Bedingungen erfüllt sind“ (ebenda: S.264).

Zu Reichs Verteidigung muss gesagt werden, dass er nicht die sexuelle Befriedung für alle forderte, um willige kapitalistische LohnarbeiterInnen zu schaffen. In den 40er Jahre hat Reich die „natürliche Arbeitsdemokratie“ entdeckt, die ein natürliches Bedürfnis des Menschen sei. Die Arbeitsbedingungen müssten verbessert und umgestaltet werden, damit dieses Bedürfnis voll zur Geltung komme. Das Beispiel der Sowjetunion zeige, dass staatliches Eigentum alleine nicht hinreichend ist für die Emanzipation der ArbeiterInnen, wenn sie weiterhin unmündig gehalten und sexuell unterdrückt würden. „Es ist ein typischer Grundirrtum der Sozialisten und Kommunisten gewesen, einen Wohnungsbau, die Anlage einer Stadtbahn oder die Einrichtung einer Schule als ‚sozialistisch’ zu bezeichnen. Wohnhäuser, Stadtbahnen und die Schulen hängen mit der technischen Entwicklung der Gesellschaft zusammen, sagen aber nichts darüber aus, ob die betreffenden Menschen Untertanen oder freie Arbeitende, rationale oder irrationale Menschen sind“ (ebenda: S. 198).

Sexualunterdrückung führt zur Erstarrung der russischen Revolution

Für Reich spielt die Auseinandersetzung mit der sexualpolitischen Entwicklung in der Sowjetunion eine wichtige Rolle. Die Schrift „Die sexuelle Revolution“, die unter anderem Titel zum ersten Mal 1936 erschien, ist eine Kritik an der Sexualreaktion in der Sowjetunion, deren Beginn Reich auf Ende der 20er Jahre datierte. Reich kritisiert das Verbot der Abtreibung und Homosexualität von 1936, die Propagierung der Familie und der Ehre der Mutterschaft durch die KPdSU sowie die autoritäre Entwicklung in den Jugendkommunen. „Die Voraussetzung der totalitär-diktatorischen Entartung der Sowjetdemokratie im Jahre 1929 gründet sich darauf, dass die sexuelle Revolution der Sowjetunion nicht nur gebremst, sondern wie absichtlich unterdrückt worden war. Die Sexualunterdrückung dient nun, wie wir wissen, der Mechanisierung und Verunselbständigung der Menschenmassen“ (Reich 2005: S. 198).

Besonders positiv bewertet Reich hingegen die sexuelle Revolution in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution von 1917. Er lobt besonders das sehr liberale Scheidungsrecht und die Tendenzen der Auflösung der Familie, die sich im Bürgerkrieg zeigten. Mit der Möglichkeit, die Ehe jeder Zeit aufzulösen, werden für Reich zumindest gesetzlich Sexualität und wirtschaftliche Abhängigkeit von einander getrennt.

Reich wettert in der Schrift „Die sexuelle Revolution“ immer wieder gegen die „Zwangsfamilie“. Die familiären Bindungen der Menschen würden den revolutionären Prozess hemmen. „Die Ersetzung der patriarchalischen Familienform durch das Arbeitskollektiv stellt fraglos den Kern des revolutionären Kulturproblems dar“ (Reich 1966: S.196). Mit dieser Ersetzung der Familie würde eine Wiederherstellung der urkommunistischen Verhältnisse auf höherer, zivilisierter Ebene, so wie ein Umschwung von der Sexualverneinung zur Sexualbejahung erreicht werden (ebenda: S.201). Das sozialistische Kollektiv, das anstelle der patriarchalischen Kleinfamilie treten würde, unterscheide sich vom Klan der Urgesellschaft auch dadurch, dass es sich auf gemeinsamen wirtschaftlichen Funktionen und nicht auf Blutsverwandtschaft gründen würde.

Die ersten Auflösungserscheinungen der Familie, die sich im Bürgerkrieg vollzogen, waren laut Reich schmerzhaft und chaotisch, weshalb die bolschewistische Führung sich von der Idee, die Familie aufzulösen, wieder distanzierte. Reich zieht daraus die Lehre, dass nicht nur die wirtschaftliche und politische Revolution, sondern auch die sexuelle bewusst erfasst und vorwärts gelenkt werden müsse (ebenda: S.221). Dafür sei eine Theorie der sexuellen Revolution notwendig. Die Parteiführung hatte für ihn Mitte der 20er Jahre im Kampf um das neue Leben kapituliert. Was Reich freilich übersah war, dass die Stärkung der Familie Mitte der 30er Jahre auch von vielen Frauen unterstützt wurde. Da der Staat die flächendeckende Einrichtung von Kindergärten nicht garantieren könnte, hatten die Frauen eine Doppelbelastung zu tragen. Der sowjetische Staat propagierte nicht nur wieder die Familie, sondern verschärfte die Gesetze, um die Väter zu Unterhaltszahlungen zu zwingen und sie an ihre Pflichten gegenüber Frauen und Kindern zu erinnern (Goldman 1993: S. 341).

Anfang der 30er Jahre ging die KPdSU zu einer offenen reaktionären Sexualpolitik über. Das Abtreibungsverbot, das bevölkerungspolitisch motiviert war, kritisiert Reich, da es die Sexualität wieder an die Fortpflanzung kettete. Entschieden wendet sich Reich gegen die Verfolgung von Schwulen. Er wies die Theorien zurück, nachdem Homosexualität Grundlage für bürgerliche Dekadenz und Faschismus sei. Trotzdem sah Reich Homosexualität als negatives Produkt der Sexualunterdrückung. Er fasste seine Argumente gegen den Homosexuellenparagraphen wie folgt zusammen: „Die Homosexualität ist kein soziales Verbrechen, sie schadet niemand. 2. Sie ist einzig einzuschränken durch die Herstellung aller Voraussetzungen des natürlichen Liebeslebens der Masse 3. Bis zur Erfüllung dieses Zieles muss sie als eine der heterosexuellen gleichberechtigte Art der Befriedung gelten und (von der Verführung Pueriler abgesehen) straffrei sein“ (ebenda: S.260).

Auf dem Gebiet der Erziehungspolitik verteidigt Reich die Modellversuche von Wera Schmidt im Russland der frühren 20er Jahre, die in ihren Kindergärten die kindliche Sexualität nicht unterdrücken ließ. Reich kritisiert dagegen die scheinrevolutionäre und pastorale Kindererziehung der 30er Jahre. Da mit der Unterdrückung der kindlichen Sexualität die Formung von krankhaften Untertanen beginne, fordert Reich: „Die revolutionäre Strukturierung des Kindes hat sich der Freilegung seiner biologischen, sexuellen Beweglichkeit zu dienen“ (ebenda: S.296). Der Staat habe die Aufgabe, die ErzieherInnen in diesem Sinne zu erziehen. „Die Erzieher des neuen Geschlechts, Eltern, Pädagogen, Staatsleiter, Wirtschaftspolitiker, müssen selber selbst sexuell gesund sein, ehe sie es zulassen können, dass man Kinder und Jugendlichen sexualökonomisch korrekt erzieht“ (ebenda: S.317).

Aus den Erfahrungen der Sowjetunion entwickelte Reich einige konkrete Forderungen (ebenda: S.320ff.)

• Alle Massenorganisationen der ArbeiterInnenbewegung müssen sexualpolitisch gut geschulte Funktionäre haben. „Nie mehr darf eine siegreiche Arbeiterbewegung es dulden, dass pastorale Sozialisten, ethisierende Intellektuelle, zwangskranke Grübler oder sexuell gestörte Frauen über die Neuordnung des sexuellen Lebens zu entscheiden haben.“

• Sexuelle Angst erzeugende Bücher sollen verboten werden

• Gesetzlicher Schutz der kindlichen Sexualität.

• Gründung von Mustererziehungsanstalten für kollektive Erziehung.

• Das Geschlechtsleben soll keine Privatangelegenheit sein. „Das ist nicht in dem Sinne mißzuverstehen, als ob dann irgendein Staatsfunktionär das Recht bekäme, sich in die Bettgeheimnisse von irgendjemanden einzumischen. Damit ist gemeint, dass die Sorge um die sexuelle Umstrukturierung des Menschen, um die Herstellung ihrer sexuellen Genussfähigkeit nicht der privaten Initiative überlassen sein kann (…).“

• Errichtung von zentral organisierten Empfängnisverhütungsmittelfabrike.

• Der Jugend sollen Notjugendheime zur Verfügung gestellt werden, damit sie genügend Raum für ihr eigenes Leben und Sexualität haben.

• Einbeziehung der weiblichen Jugend in das Leben von Heer und Marine, damit man später nicht zu einem Homosexualitätsparagraphen zurückgreifen muss (ebenda: S.323).

Reich phantasiert hier immer noch von einer ArbeiterInnenbewegung, die die sexuelle Revolution leiten und vorantreiben soll. Die KommunistInnen hatten Reichs Theorie schon lange verfemt und waren nach dem 2.Weltkrieg auf dem Höhepunkt ihrer Lust-, Sexual- und Homosexuellenfeindlichkeit angekommen. Von welcher ArbeiterInnenbewegung spricht Reich also? In seinen Äußerungen scheint die autoritäre Herrschaft von Sexual-Gelehrten durch. Da die Massen selber zu einer „sexuellen Umstrukturierung“ nicht fähig sind, müssen sie unter die Führung der SexualwissenschaftlerInnen gestellt werden, die darüber entscheiden können, welche Bücher und Sexpraktiken verboten werden sollen. Homosexualität ist für Reich keine gesunde sexuelle Orientierung, sondern ein Produkt von unnatürlichen Männergemeinschaften wie der Armee. Geduldet wird sie nur solange, bis die Massen von den SexualwissenschaftlerInnenn zu einem befriedigten heterosexuellen Geschlechtsleben befähigt worden sind. Sein sexualpolitisches Programm ist Teil einer von der Partei geführten Revolution. Der freudomarxistische Sexualwissenschaftler ist in diesem Zusammenhang die Ergänzung zum leninistischen Parteikader, der die revolutionäre „Umstrukturierung“ der Massen anleitet. Das Versprechen, dass sich keine StaatsfunktionärInnen in die „Bettgeheimnisse“ einmischen, scheint wenig glaubhaft.

Der Kult um die genitale Heterosexualität

Unter Sexualität versteht Reich eine Aufbauenergie des psychischen Apparates (Reich 1966: S.19). Angeboren sei nur ein kleineres oder größeres Maß dieser Energie. Die Sexualökonomie, ein zentraler Begriff bei Reich, wird von der Beziehung des menschlichen Seelenlebens und der gesellschaftlichen Wirtschaftsordnung bestimmt. Der moralischen Reglementierung in der bürgerlichen Gesellschaft, die zu Neurosen führe, setzt Reich das sexualökonomische Prinzip entgegen. Würde die natürlichen sexuellen Bedürfnisse befriedigt, fänden z. B. Vergewaltigungen nicht mehr statt (ebenda: S.24). Sexualität ist für Reich bei Männern wie bei Frauen in erster Linie genital und die Möglichkeit zur Befriedigung sieht er in der Orgasmusfähigkeit. So sehr sich Wilhelm Reich für eine freie Sexualität einsetzt, bekommt der/die LeserIn an manchen Stellen den Eindruck, dass er die Notwendigkeit der „Freizügigkeit“ mit der Verhinderung von „Perversionen“ und Unnormalen begründet: Wenn die Menschen genital befriedigt wären, würden sie keine Sadisten, Homosexuelle oder Vergewaltiger werden. Hier liegt wohl die Grundlage für die Parole der Hippies „Make love, not war“ sowie deren Versuche, den Krieg der USA gegen Vietnam mit Orgasmusschwierigkeiten der Regierungsvertreter zu erklären.

Zwar kritisiert Reich Besitzanspruch und Zwangsmonogamie in dauerhaften Beziehungen, er wendet sich trotzdem dagegen, wild in der Gegend herumzuvögeln. „Viele krankhafte Äußerungen im späteren Geschlechtsleben, wie wahllose Partnerwahl, sexuelle Unrast, Neigung zu pathologischen Ausschweifungen etc. leiten sich gerade aus der Hemmung der orgastischen Erlebnisfähigkeit ab“ (Reich 2005: S.133). Den Sadismus erklärte er als Sexualabwehr mit Hilfe nichtgenitaler sexueller Erregungen, die die orgastische Entspannung auslässt. Menschen mit sexuellen Minderwertigkeitsgefühlen seien daher für die reaktionäre Propaganda von Reinheit und Ehre besonders anfällig. Dem Ehre-Begriff der Reaktion setzt Reich positiv den genitalen Charakter entgegen: „Der genitale Charakter ist spontan und ehrenhaft, er bedarf keiner unausgesetzten Mahnung“ (ebenda: S.160).

In diesem Sinn ist Reich ganz Freudianer, der die genitale Sexualität als einzig gesunde Form von Sex für erwachsene Menschen ansieht. Reich verwickelt sich vor dem Hintergrund der freudschen Argumentation in einen Widerspruch. Für Freud war die genitale Sexualität keinesfalls natürlich, sondern kann nur durch die Überwindung der kindlichen Sexualität in der Pubertät erreicht werden. Genauso ist für ihn die Durchsetzung der Heterosexualität mit der Überwindung des Ödipuskomplexes verbunden. Reich wendet sich aber strikt gegen die Unterdrückung der kindlichen Sexualität. Ihre Förderung durch die ErzieherInnen könnte das Kind revolutionär vorstrukturieren. Wie soll das Kind denn heterosexuell und Penis- bzw. Vagina-orientiert werden, wenn es nicht bis zur Pubertät dazu erzogen wird? Reich will genital fixierte heterosexuelle Menschen, aber keine Unterdrückung der kindlichen Sexualität. Nach Freud würde aber diese Fixierung scheitern, wenn man den Kindern in der oralen, analen und phallischen Phase freien Lauf lassen würde. Freud erklärt Sadismus, Masochismus und auch Homosexualität gerade mit dem Verweilen in kindlichen Sexualphasen und nicht durch die Unterdrückung der genitalen Sexualität als solcher. Freud sieht auch die meisten „Perversionen“ als normal an, wenn sie in der genitalen Sexualität mündeten. Reich scheint hingegen viel moralischer damit umzugehen und stellt dem sadistischen Faschisten den genitalen Saubermann gegenüber.

Marcuse sieht später gerade in der Überwindung der genitalen Fixiertheit und der erneuten Erotisierung des ganzen Körpers die Befreiung. Reich bleibt dagegen völlig in seiner Vorstellung der genitalen Sexualität behaftet. Manchmal muss sich der LeserIn wirklich fragen, warum Onanie nicht ausreicht, wenn es immer nur um die orgastische Entladung geht und warum Analsex bei männlichen Homosexuellen nicht zur gleichen Befriedigung führen soll?

Reichs Konzeption lässt sich ohnehin nur aufrechterhalten, wenn den genitalen Trieben der Natur die unnatürliche Unterdrückung der Sexualität durch die Gesellschaft entgegengestellt wird.

IV. Die kritische Theorie: Liebe und Sex als Tauschbeziehung in der Warenwelt

In der Theoriebildung der 68er StudentInnenbewegung spielte neben Reich auch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule eine wichtige Rolle. Jedoch scheinen die Ausführungen zur sexuellen Frage weniger beachtet worden zu sein. So erkennt z.B. Adorno schon kurz nach dem 2.Weltkrieg, dass die bürgerliche Gesellschaft Sex nicht nur einfach unterdrückt, sondern die Kulturindustrie die Bedürfnisse und Lüste der Menschen auch aufgreift, kanalisiert und normt. Die Kritik von Adorno richtet sich weniger gegen die alten Hauptfeinde Reichs, die Kirche und die kleinbürgerliche Familie, als gegen die Kulturindustrie. Fromm und Adorno versuchen, die Beziehungen in der modernen bürgerlichen Gesellschaft in Zusammenhang mit der Warenproduktion zu sehn. Marx hatte im ersten Band des „Kapital“ die Ware als die Grundkategorie der kapitalistischen Gesellschaft bestimmt und zum Ausgangspunkt seiner Analyse gemacht. Ein Produkt wird zu einer Ware, wenn es für den Markt produziert wird. Eine Ware muss für Jemanden einen konkreten Gebrauchswert haben, damit sie gekauft wird. Für ProduzentInnen ist aber der Tauschwert entscheidend, da nur Dinge produziert werden, für die man annimmt, eine KäuferIn zu finden. Mit der Entwicklung des Kapitalismus werden immer mehr Dinge zu Waren und in den Markt einbezogen.

Der Tauschwert auf dem Beziehungsmarkt

Erich Fromm überträgt in die „Kunst der Liebe“ die Kategorie des Tauschswerts auf die Liebesbeziehungen im Kapitalismus. Auch wenn dieses Buch fast schon in esoterische Lebensberatung umschlägt, so enthält es doch einige wichtige Überlegungen: Jeder Mensch habe einen Marktwert, der sich nach den Vorstellungen von Attraktivität und netten Eigenschaften bestimmt, die in seinen gesellschaftlichen Kreisen gerade gefragt sind. „So verlieben sich zwei Menschen ineinander, wenn sie das Gefühl haben, das beste Objekt gefunden zu haben, das für sie in Anbetracht des eigenen Tauschwertes auf dem Markt erschwinglich ist (Fromm 1984: S.13).

Jeder hofft auf einen fairen Tausch, indem er so viele „Liebe“ bekommt wie er auch gibt. Adorno argumentiert in „Minima Moralia“ ähnlich, wenn er schreibt: „Wenn Casanova eine Frau vorurteilslos nannte, so meinte er, dass keine religiöse Konvention sie daran hindere, sich herzuschenken; heute wäre vorurteilslos die Frau, die nicht länger an die Liebe glaubt, nicht sich übers Ohr hauen lässt, indem sie mehr investiert, als sie zurückerwarten kann (Adorno 2003a: S.192). Diese Investitionen sind je nach Schicht und Identität unterschiedlich: Vom regelmäßigen Besuch des Bodybuilding-Studios, Busenvergrößerung über die psychologische Auseinandersetzung mit der eigenen Beziehungsunfähigkeit bis zur Kenntnis der neusten Schriften von Judith Butler. Was Fromm hier Investitionen nennt, sind im Grunde genommen Dinge, die Pierre Bourdieu unter symbolisches Kapital fasst. Wer hat noch nicht den Satz gehört „Ich habe schon soviel in diese Beziehung investiert“?

Fromms und Adornos Aussagen über die Liebe, könnte man auch auf den Sex übertragen. Nach dem Motto „Du bläst mir einen, wenn ich dich lecke“, wird Sex als der Tausch von Orgasmen angesehen, bei dem keiner den kürzeren ziehen will. Sex mit Personen, die einen geringen Marktwert bezüglich der Attraktivität haben, wird als großzügiger Gefallen angesehen, für den der Andere sich dankbar zeigen sollte. Das Ideal des modernen Paars ist nach Fromm ein gut funktionierendes Team, das Alltag und Arbeit meistert und sich gegenseitig sexuell befriedigt.

Natürlich ist der Begriff des Tauschwert von Fromm mit dem von Marx nicht identisch. Fromm meint, dass sich der moderne Mensch in eine Ware verwandelt hat, da er seine Lebensenergie und Bildung als Investition sieht. Er kennt keinen Grundsatz außer dem freien Tauschgeschäft und keine andere Befriedung als zu konsumieren (Fromm 1983: S. 117). Die „Ich- AG“ lässt grüßen.

Nach Marx werden im Kapitalismus nicht die Menschen zur Ware, sondern ihre Arbeitskraft. Diese Ware unterscheidet sich von anderen, da der/die ArbeiterIn sie nur auf dem Markt anbieten kann, wenn sein Lohn sein Überleben garantiert. Trotzdem ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Mechanismus der Warenproduktion auch Bereiche beeinflusst, die nicht direkt von der Geld-Ware-Beziehung bestimmt werden. In Bereichen der Gesellschaft, die als marktorientiertes kapitalistisches Unternehmen nicht bestehen könnten, wie zum Beispiel die Universitäten in Europa, wird nun versucht, Konkurrenz zu simulieren und so zu tun, als ob man ein Unternehmen wäre.

Fromm verurteilt die falschen Formen der Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft wie Mutterersatz, Narzissmus, selbst gewählte Infantilisierung und predigt die Kunst des Liebens zu lernen. Unter Liebe versteht er, die Verschmelzung zwischen Mann und Frau, die von Fürsorge, Zärtlichkeit und Vertrauen geprägt ist. Liebe heißt geben, nicht aufgeben. Auch wenn Fromm glaubt, Freud sei im bürgerlichen Wohnzimmer salonfähig geworden, so fällt er doch weit hinter ihn zurück, wenn er erklärt: „Der Mann wie auch die Frau finden die Einheit in sich selbst nur in Gestalt der Vereinigung ihrer weiblichen und männlichen Polarität“ (ebenda: S.44). Fromm ist unfähig, Liebe und Sexualität außerhalb der heterosexuellen Matrix zu denken, wie man heute sagen würde. Obwohl er aufdeckt, welche Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse sich hinter dem Begriff Liebe verbergen können, mystifiziert er die Liebe, die für das heterosexuelle Paar erlernbar sein soll, und erklärt die von ihm definierte wahre Liebe als reales Bedürfnis eines jeden menschlichen Wesens (ebenda: S.146). Unter dem Kapitalismus könne aber nur eine Minderheit der Gesellschaft lieben lernen, deshalb soll die Gesellschaft so eingerichtet werden, dass der Mensch von seiner liebevollen Existenz nicht getrennt werde (ebenda: S.145).

Der verwaltete Sex und produzierte Bedürfnisse

Adorno kommt, obwohl er die These von der Tauschwert-Orientierung der menschlichen Beziehungen teilt, zu anderen Schlüssen. Für Fromm ist Bedürfnis eine natürliche Kategorie. Adorno glaubt hingegen, dass die Bedürfnisse vom Apparat der Kulturindustrie automatisch mitproduziert würden. Es sei daher müßig, zwischen den wahren und falschen Bedürfnissen der Menschen zu unterscheiden. Das macht Adorno sympathischer als Marcuse, der sich eine Unterscheidung zwischen den wahren und falschen Bedürfnissen zu traute und daraus die Möglichkeit einer Erziehungsdiktatur durch eine Avantgarde ableitete.

Anstatt die sexuellen Bedürfnisse der Menschen einfach zu unterdrücken, werden sie in den Apparat der bürgerlichen Gesellschaft eingegliedert. „Die rationale Gesellschaft, die auf Beherrschung der inneren und äußeren Natur beruht und das diffuse, der Arbeitsmoral und dem herrschaftlichen Prinzip selber abträgliche Lustprinzip bändigt, bedarf nicht länger des patriarchalischen Gebots von Enthaltsamkeit, Jungfräulichkeit, Keuschheit. Sondern der an- und abgestellte, gesteuerte und in unzähligen Formen von der materiellen Industrie ausgebeutete Sex wird, im Einklang mit seiner Manipulation, von der Gesellschaft geschluckt, institutionalisiert, verwaltet. Als gezügelter ist er geduldet“ (Adorno 2003b: S. 100 f.). Diese Entwicklung verrate die Desexualisierung des Sexes. „Die eingefangene oder mit schmunzelnder Nachsicht zugelassene Lust ist keine mehr; Psychoanalytiker hätten es nicht schwer nachzuweisen, dass in dem gesamten monopolistisch kontrollierten und standardisierten Sexualbetrieb, mit den Schnittmustern der Filmsstars, Vor- und Ersatzlust die Lust überflügelt haben (ebenda: S.101). Sexuelle Freiheit sei deshalb in einer unfreien Gesellschaft nicht denkbar.

Problematisch an dieser Vorstellung ist, dass Adorno den Apparat der Kulturindustrie als Totalität und Monopol denkt. Wie auch bei Lenins Imperialismus-Theorie glauben die Mitglieder der Frankfurter Schule, dass der Kapitalismus der freien Konkurrenz der Vergangenheit angehöre. Diese Monopoltheorie übernahmen sie allerdings nicht von Lenin, sondern von ihrem Ökonomen Friedrich Pollock. Keiner Herrschaft gelingt es jedoch die Gesellschaft und die diversen Bedürfnisse komplett zu unterwerfen und zu manipulieren. Die bürgerliche Gesellschaft hat aber eine ungeheure Integrationskraft. Homosexualität, SM oder Transgender können heute toleriert werden, wenn sie in den geordneten Bahnen und Identitäten stattfinden. Außerdem sagen uns Adornos Ausführungen, wie auch unsere eigenen sexuellen Verhaltenmuster von der Kultur- und Sexindustrie geprägt sind.

Adorno sieht in der Kategorie Bedürfnis keinen Ansatzpunkt für die Sprengung des Systems. Auch wenn die Bedürfnisse vom Apparat gleich mitproduziert werden, so räumt Adorno doch ein, dass die Kulturindustrie ihr einziges Versprechen, zu unterhalten, nicht einlöse, da sie die Monotonie der Arbeit in der Welt der Freizeit fortsetzen würde. Guy Debord, einer der führenden Theoretiker des französischen Situationismus, glaubt, dass in der „Gesellschaft des Spektakels“ ununterbrochen Bedürfnisse und Begierden produziert werden, die nicht befriedigt werden können. Das Spektakel der Warenproduktion überschwemme die Menschen mit individuellen Lebensentwürfen und Lebensstilen. Diese Bedürfnisse können nicht integriert, sondern nur verdrängt werden. Das Proletariat als Verkörperung dieser angestauten Kräfte sieht Debord als Totengräber des Kapitalismus. Adorno glaubt hingegen nicht an die revolutionäre Rolle des Proletariats. Die Kulturindustrie hat die Bedürfnisse der Menschen normiert. Ein Entrinnen scheint es nicht zu geben.

Marcuse: Lustprinzip und Utopie

Herbert Marcuse knüpft 1955 in seinem Werk „Triebstruktur und Gesellschaft“ an Freuds späte Triebtheorie und „Unbehangen in der Kultur“ an. Diese Schrift, die auch mit „Eros und Zivilisation“ übersetzt wurde, hatte einen großen Einfluss auf die 68er Studentenbewegung in Deutschland. Marcuse war der einzige Vertreter der Frankfurter Schule, der die Bewegung der StudentInnen und Befreiungsbewegungen in der 3.Welt offensiv unterstützte.

Freuds kritischer Kulturbegriff, der Kultur als Ordnung der Unterdrückung der Triebe definierte, musste den VertreterInnen der Kritischen Theorie sympathisch erscheinen, da sie in jedem Forschritt der Naturbeherrschung auch eine Steigerung der Unterdrückung des Menschen sahen. Freud hatte dargelegt, dass die Kulturentwicklung der Menschheit im Grunde auf der sublimierten Energie der Libido basiere. Marcuse stellt die Frage, ob das Lustprinzip vom Realitätsprinzip, sprich von der von der Außenwelt erzwungenen Modifizierung der Triebe, befreit werden könnte, ohne dass die Gesellschaft, wie Freud befürchtete, in einen Zustand der Barbarei zurückfallen würde.

Die Herstellung des Primats der genitalen Sexualität ist für Marcuse wie für Freud ein nachträglicher Prozess, eine späte Leistung des Realitätsprinzips. Diese repressive Modifikation der Sexualität macht den Organismus frei für seine Verwendung von unlustvoller, aber gesellschaftlich nützlicher Arbeit (Marcuse 1968: S.28f.). Wenn die entfremdete Arbeit zum Hauptlebensinhalt wird, ist die ursprüngliche Triebrichtung so gebrochen, dass die Erhaltung des Organismus und nicht mehr die Befriedung zum Hauptinhalt wird. Die wachsende Produktivität der Arbeit wird gespeist von der sublimierten Energie der Sexualität. Nun geht Marcuse in seiner Argumentation über Freud hinaus, indem er behauptet, dass gerade die gesteigerte Produktivität der Arbeit die Grundlagen schafft, um das Verhältnis von Arbeit und Genuss sowie Arbeitszeit und freier Zeit umzukehren. Da in der kapitalistischen Gesellschaft die Genussgüter Waren bleiben, existiert Befriedung nur als Nebenprodukt der unbefriedigenden Arbeit (ebenda: S.29). Marcuse glaubte damals, dass durch die Entwicklung der Produktivkräfte und der Mechanisierung die gesellschaftlich notwendige Arbeit auf ein Minimum reduziert werden könnte. Er kritisierte traditionelle Sozialismus-Vorstellungen, die nur die Steigerung der Produktivität der Arbeit ins Augen fassen würden und knüpfte dagegen an Fourier an, der glaubte, dass in einer befreiten Gesellschaft die Arbeit zum Spiel werden könne, die im Einklang mit den Bedürfnissen der Menschen steht (ebenda: S.77).

Fällt der Mangel, den Freud als einen Grund für die Unterdrückung der sexuellen Triebe nannte, und die entfremdete Arbeit weg, so könne der Körper von einem Instrument der Arbeit in ein Instrument der Lust verwandelt werden, so Marcuse. „Der Körper, der nicht mehr ganztätig als Arbeitsinstrument zur Verfügung stehen müsste, würde resexualisiert. Die mit dieser Ausbreitung der Libido verbundene Regression würde sich als erstes in einer Reaktivierung aller erogenen Zonen und damit in einem Wiederaufleben der prägenitalen polymorphen Sexualität und in der Abnahme des genitalen Supremats manifestieren. Der Körper in seiner Gesamtheit würde ein Objekt der Besetzung, ein Ding, dessen man sich erfreuen kann – ein Instrument der Lust. Diese Veränderung im Wert und im Ausmaß der libidinösen Beziehungen würde zu einer Auflösung der Institutionen führen, in denen die privaten menschlichen Beziehungen organisiert waren, besonders der monogamen und patriarchalischen Familien“ (Marcuse 1979: S.173). Marcuse lässt hier die Möglichkeit von Beziehungen jenseits der monogamen Ehe aufblitzen, ohne dies allerdings näher auszuführen.

Im Unterschied zu Wilhelm Reich verwirft Marcuse Freuds Idee des Todestriebs nicht. Die Ursachen liegen vielleicht in den Erfahrung von Nationalsozialismus, 2.Weltkrieg und der atomaren Bedrohung des „Kalten Krieges“. Wenn die gezähmte genitale Sexualität in einer ganzkörperlichen Erotik aufgeht und unbefriedigende entfremdete Arbeit zum Spiel wird, was passiert dann mit dem Todestrieb, muss sich Marcuse natürlich fragen. Der Todestrieb ist laut Marcuse an das Nirwana-Prinzip gebunden, dass einen schmerzlosen Zustand vor der Geburt anstrebt. Deshalb treibt der Todestrieb zur Vernichtung des Lebens. „Ist das Ziel des Todestriebs nicht die Beendigung des Lebens, sondern die Beendigung des Leidens – das Fehlen von Spannung – dann ist, paradoxerweise, im Sinne des Triebs der Konflikt zwischen Leben und Tod umso geringer, je mehr sich das Leben dem Zustand der Befriedigung nähert. Gleichzeitig würde Eros, befreit von der zusätzlichen Unterdrückung, erstarken und als solcher die Ziele des Todestriebs absorbieren (ebenda: S.200).

Bei Marcuse löst sich alles etwas zu leicht in Wohlgefallen auf. Die Resexualisierung des Körpers und das Absorbieren des Todestriebs leitet er aus den Veränderungen der Produktion ab, die die Arbeit auf ein Minimum reduzieren sollen. Seine Angriffe auf die „unlustvolle Lohnarbeit“ sind heute wieder aktuell vor dem Hintergrund der Kritik am Arbeitsfetisch durch den wertkritischen Marxismus und der Fragestellung der Dominanz der Lohnarbeit in den Grundeinkommensdebatten. Schon früh erkannte Marcuse, dass der „Realsozialismus“ unter den Stichworten „Rationalität“ und „Effektivität“ dem Kapitalismus nacheiferte („ein- und überholen“), anstatt die Arbeit emanzipatorisch zu organisieren.

Ich glaube hingegen nicht, dass der ganze Körper quasi automatisch resexualisiert wird mit der Veränderung der Produktion. Sexualität wird auch durch Diskurse und die „Kulturindustrie“ produziert. Die genitale Fixierung kann nicht allein mit der Abrichtung des Menschen zur unlustvollen Arbeit erklärt werden. Im Extremfall könnte Marcuses Theorie zu einer Unterscheidung zwischen guter (ganzheitlicher) und schlechter (genitaler) Lust führen, wie auch später bei einigen Feministinnen. Die Frage ist, ob diese Unterscheidung nicht Lust, Begierde und Spaß am Sex einschränken und die Individuen zu neuen „moralischen“ Abwägungen zwingen würde.

In der nächsten Nummer der „grundrisse“ wird dargestellt, wie sich der Feminismus, der Poststrukturalismus und die Gender-Dekonstruktion kritisch mit den Theorien zur sexuellen Befreiung auseinandergesetzt haben und zu welchen Paradigmawechseln diese Debatten geführt haben.

Literatur

– Adorno, Theodor W. (2003a): Minima Moralia, Suhrkamp, Frankfurt (M).

– Adorno, Theodor W. (2003b): Eingriffe – Neun kritische Modelle, Suhrkamp, Frankfurt (M).

– Freud, Sigmund (2000): Der Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften, Fischer, Frankfurt (M)

– Freud, Sigmund (1998): Schriften über Liebe und Sexualität, Fischer, Frankfurt (M).

– Freud, Sigmund (1999): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer, Frankfurt (M).

– Freud, Sigmund (1999b): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Fischer, Frankfurt (M)

– Freud, Sigmund (1991): Neue Folge der Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse, Fischer, Frankfurt (M).

– Freud, Sigmund (1967) Massenpsychologie und Ich-Analyse / Die Zukunft einer Illusion, Fischer Verlag, Frankfurt (M).

– Fromm, Erich (1983): Die Kunst des Liebes, Ullstein, Frankfurt (M).

– Goldman, Wendy Z. (1993): Women, the State and Revolution – Soviet Family Policy and Social Life 1917-1936, Cambridge University Press, New York.

– Kollontai, Alexandra im Internet: http://www.marxists.org/archive/kollonta/index.htm (Stand 20.10.2006)

– Kollontai, Alexandra (1975): Die Situation der Frau in der gesellschaftlichen Entwicklung – Vierzehn Vorlesungen vor Arbeiterinnen und Bäuerinnen an der Sverdlov-Universität 1921, Verlag Neue Kritik, Fulda.

– Kollontai, Alexandra (1977): Die neue Moral und die Arbeiterklasse, Verlag Frauenpolitik, Münster.

– Kollontai, Alexandra (1988): Wege der Liebe ­– Drei Erzählungen, Fischer, Frankfurt (M).

– Marcuse, Herbert (1968): Psychoanalyse und Politik, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt (M).

– Marcuse, Herbert (1979): Triebstruktur und Gesellschaft – Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Suhrkamp Verlag, Frankfurt (M).

– Meisel-Hess, Grete (1917): Das Wesen der Geschlechtlichkeit, Eugen Diederichs, Jena.

– Reich, Wilhelm (2005): Die Massenpsychologie des Faschismus, Marix Verlag, Wiesbaden (überarbeitete Ausgabe 1946).

– Reich, Wilhelm (1966): Die sexuelle Revolution – Zur charakterlichen Selbststeuerung des Menschen, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt (M).

– Zetkin, Clara (1925): Erinnerungen an Lenin, http://www.marxistische-bibliothek.de/zetkin8.html (Stand 20.10.2006).

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