Zur netzpolitischen Dimension (10) der „PRISM is a Dancer Show“

https://netzpolitik.org/2018/zur-netzpolitischen-dimension-10-der-prism-is-a-dancer-show/

Leonhard Dobusch06.04.2018

In „PRISM is a Dancer“ outet Jan Böhmermann Studiogäste auf Basis ihrer Datenspuren im Netz. Dabei belegt die jüngste XXL-Ausgabe des Formats, wie sehr Netzkultur auch auf das Wagnis personenbezogener Öffentlichkeit angewiesen ist.

In der Serie „netzpolitische Dimension“ geht es um Themen, deren netzpolitische Relevanz sich bisweilen erst auf den zweiten Blick erschließt. Diesmal: „Die PRISM is a Dancer Show“, eine Spezialausgabe des Neo Magazin Royale.

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Eigentlich ist das Segment „PRISM is a Dancer“ nicht erst auf den zweiten Blick, sondern durch und durch netzpolitisch geprägt. Das „PRISM“ im Titel verweist, wie Jan Böhmermann auch in der jüngsten Folge kurz erklärt hat, auf das NSA-Programm zur Überwachung und Auswertung elektronischer Medien und elektronisch gespeicherter Daten. Auch die Idee, Studiogäste auf Basis ihrer öffentlich einsehbaren Internetpräsenz bloßzustellen und so die Zuschauer für Gefahren unüberlegt-digitaler Selbstdarstellung im Internet zu sensibilisieren, atmet fast schon zu sehr den Geist des öffentlich-rechtlichen Aufklärungs- und Bildungsauftrags.

Was könnte also angesichts der laufenden Debatte rund um den Datenskandal bei Facebook aktueller und angemessener sein, als eine Neuauflage der „PRISM is a Dancer Show“? Ganze neunzig Minuten lang enthüllen Jan Böhmermann und sein Team unter dem Motto #LassDichÜberwachen öffentliche Geheimnisse des vor Ort anwesenden Publikums. Das Ergebnis ist in mehrfacher Hinsicht sehenswert.

Da ist zum einen die diebische Freude Jan Böhmermanns bei jeder noch so kleinen Enthüllung. Da gibt es von langer Hand und mit prominenter Unterstützung geplante Einlagen wie den Auftritt von „Luisa & die Anderen“. Da dominieren eine satirische Ernsthaftigkeit und Liebe zum humoristischen Detail, die regelmäßig die besten Ausgaben des Neo Magazins auszeichnen. Vor allem aber werden die „Opfer“ aus dem Publikum nicht einfach in Stefan-Raab-Manier der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern letztlich respektvoll behandelt.

Mehr Öffentlichkeit wagen?

Das alles ist in der jüngsten XXL-Ausgabe von „PRISM is a Dancer“ besonders gut erkennbar, war aber auch schon in den Ausgaben davor typisch für das Format. Und darin steckt eine andere netzpolitische Botschaft, die sich vielleicht wirklich erst auf den zweiten Blick erschließt, aber gerade angesichts (vermeintlich) dystopischer Datenskandale besonders wichtig erscheint: die Vorzüge, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, was immer auch bedeutet, Öffentlichkeit zu wagen.

Das mit jeder noch so banal-digitalen Veröffentlichung verbundene (Rest-)Risiko, die Unsicherheit über die Rezeption eines Postings, die bis zu einem gewissen Grad unvermeidliche Preisgabe personenbezogener Daten bei Nutzung sozialer Medien sind auch Voraussetzung für überraschende Reaktionen, unerwartet kreative Wortschöpfungen, produktiven oder einfach nur unterhaltsamen Austausch. Die wenigsten werden für ein Facebook-Posting mit fünf Minuten Neo-Magazin-Royale-Ruhm belohnt. Nur Ausnahmetalente wie Stefanie Sargnagel schaffen es zur Bachmannpreisgekrönten Facebook-Literatin. Aber auf paradoxe Weise dokumentiert „PRISM is a Dancer“ die netzkulturellen Potentiale eines wertschätzend-respektvollen Umgangs mit personenbezogener Öffentlichkeit.

Über den Autor/ die Autorin

leonido

Leonhard Dobusch, Betriebswirt und Jurist, forscht als Universitätsprofessor für Organisation an der Universität Innsbruck u.a. zum Management digitaler Gemeinschaften und transnationaler Urheberrechtsregulierung. Er twittert als @leonidobusch und bloggt privat als Leonido sowie gemeinsam mit anderen bei governance across borders bzw. am OS ConJunction Blog und ist Mitgründer und wissenschaftlicher Leiter der Momentum-Kongressreihe. Mail: leonhard.dobusch@reflex.at (OpenPGP)

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