Yanis Varoufakis: „Die ganze Geschichte“ Der Zorn eines verletzten Egos

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Von Martin Tschechne

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Yanis Varoufakis erzählt in „Die ganze Geschichte“ seine Version seiner kurzen Amtszeit als griechischer Finanzminister. (Verlag Antje Kunstmann, dpa picture alliance/ Bernd von Jutrczenka)

162 Tage war Yanis Varoufakis Griechenlands Finanzminister. In „Die ganze Geschichte“ legt der sehr selbstbewusste Ökonom seine Version dieser turbulenten Zeit dar. Das Buch ist ein Zeugnis von der Wut, die Varoufakis immer noch in sich trägt.

Auf der Bühne der Politik mag er ein Neuling gewesen sein, als Wissenschaftler genoss Yanis Varoufakis internationales Ansehen. Ein Ökonom, der das schwierige Feld der Spieltheorie als Spezialgebiet vertrat – genau deshalb hatte ihn der frisch gewählte Ministerpräsident Alexis Tsipras gerufen: wegen seiner Intelligenz, seiner analytischen Schärfe. Dazu der lässige Umgang mit den griechischen Dichtern, mit Aischylos, Homer und Sophokles und ihren kunstvollen Inszenierungen des menschlichen Dramas: Das bis zur Arroganz selbstbewusste Auftreten gegenüber den Routiniers des politischen Geschäfts verlieh ihm bisweilen die Aura eines klassischen Helden. Zumindest und ganz sicher in seinen eigenen Augen.

Varoufakis, so fasste Tsipras später zusammen, als er selbst von Konfrontation auf Kooperation mit den europäischen Institutionen umgeschwenkt und als aus der Waffenbrüderschaft der beiden ungleichen Charaktere kalte Verachtung geworden war, Varoufakis sei in seiner Politik so etwas wie der Rammbock gewesen.

Hätte er wohl nicht sagen sollen. Denn was ein echter Rammbock ist, der keilt zurück. Varoufakis also über Tsipras:

„Seine Intelligenz und schnelle Auffassungsgabe waren offensichtlich. Seine Begeisterung für die Abschreckungsstrategie, die ich vorgeschlagen hatte (…), war echt. Er schätzte ehrlich, was ich zu seinem Team beitragen konnte (…). Ich hatte all diese Dinge in ihm gesehen, weil sie wirklich da waren. Mein Fehler war, dass ich andere Dinge übersehen hatte (…): seinen Einsatzplan, der unweigerlich meine Arbeit zunichte machen würde; seine Leichtfertigkeit, seine Neigung zur Melancholie und letztlich seinen starken Wunsch, einer skeptischen Welt zu beweisen, dass er kein Stern war, der schnell verglühte.“

Schäuble verweigert Varoufakis den Handschlag

162 atemlose Tage also, in denen der Finanzminister in der ganzen Welt Verbündete suchte, Alternativen und Auswege. Griechenland am Abgrund, die Katastrophe unausweichlich. Dass er trotzdem daran dachte, seine Gespräche mit den Mächtigen für die Nachwelt aufzuzeichnen oder möglichst sofort ihren Wortlaut zu notieren, erklärt vielleicht den blühenden Reichtum seiner Erinnerungen. Aber die Rekonstruktion einer politischen Realität unterliegt ihren eigenen Gesetzen, und so führt auch Varoufakis seinen Lesern immer wieder vor Augen, dass Wirklichkeit das Konstrukt einer sehr subjektiven Wahrnehmung ist. Selbst wenn ihre Schilderung nur objektive Tatsachen aufzählt.

„Die Aufzugtür öffnete sich, und vor uns lag ein langer kalter Flur, an dessen Ende Wolfgang Schäuble in seinem Rollstuhl wartete. Das war also der Mann, dessen Reden und Artikel ich seit zweieinhalb Jahren verfolgt hatte. Ich konnte nachvollziehen, dass er mich als unangenehmes Ärgernis betrachtete, doch als ich ihm lächelnd die Hand zum Gruß hinstreckte, geschah das aus echtem Respekt und aus der geheimen Hoffnung heraus, dass wir einen anständigen, zivilisierten Modus Vivendi finden würden (…). Der deutsche Finanzminister verweigerte den Handschlag, vollführte mit seinem Rollstuhl stattdessen eine schnelle Drehung, fuhr mit beeindruckender Geschwindigkeit in sein Büro und bedeutete mir mit einer Handbewegung, ihm zu folgen.“

Das war die Ausgangssituation: Griechenland bankrott – oder noch nicht bankrott, genau das war ja der Punkt, um den es in all den Kämpfen ging, den trickreichen Spielen der Diplomatie und den wütenden Protesten auf dem Syntagma-Platz in Athen. Ein ganzer Staat also, Mitglied der EU, Mitglied der Eurozone, Wiege der Demokratie, Wiege der abendländischen Philosophie, abzubuchen als Totalverlust, für den dann Schuldige zu suchen wären – oder doch noch zu retten durch massive Kredite, hinter denen der scharfsinnige Varoufakis freilich ganz andere Motive erblickte als noble Solidarität unter Europäern.

„Nach wenigen Wochen stand ihre Flunkergeschichte: Sie würden die zweite Rettung ihrer Banken als Akt der Solidarität mit den verschwenderischen und faulen Griechen hinstellen, die zwar unwürdig und unerträglich waren, aber trotz allem Mitglieder der europäischen Familie, weshalb man sie retten musste. Passenderweise hieß Rettung in dem Fall, sie mit einem weiteren gigantischen Kredit zu versorgen, damit sie ihre französischen und deutschen Gläubiger, die strauchelnden Banken, bezahlen konnten.“

Fast 700 Seiten Wut

So schreibt er. Fast 700 Seiten lang im Zorn eines Menschen, der sich in großem Stil hintergangen sieht, sich selbst und sein ganzes Land. Weil er die Strategie durchschaut hatte, weil er in den Rettungspaketen von IWF und EZB genau das Gegenteil dessen sah, was Angela Merkel und Christine Lagarde, Nicolas Sarkozy und Wolfgang Schäuble immer wieder verkündeten: nicht Rettung nämlich, sondern Strafe, Erniedrigung und Entmündigung. Griechenland als Bauernopfer für ein internationales Kartell der Bankenhörigkeit und einer Inkompetenz, die für Varoufakis einen Namen hat: Austerität.

„Tatsächlich ist Austerität gar keine richtige Wirtschaftspolitik. Austerität ist ein Spiel mit Moral, das dazu dient, in Zeiten der Krise zynische Transfers von den Habenichtsen zu den Vermögenden zu legitimieren. In diesem Spiel sind die Schuldner Sünder, die für ihre Missetaten bezahlen müssen.“

Darin liegt die Tragik der politischen Situation, auch die Tragik des Finanzministers selbst, der sich auflehnt, polemisch, nachtragend und beleidigt. Und nicht immer fällt es leicht zu unterscheiden: Wo hören die Kümmernisse des Volksvertreters auf, der dem massenhaften Absturz seiner Landsleute in die Armut machtlos gegenüber steht? Und wo beginnen die Verletzungen eines großen, vielleicht übergroßen Egos? Hatte Varoufakis nicht immer wieder fein angelegten Konflikte der großen Dramatiker zitiert? Er hätte wissen müssen, dass Hybris niemals ohne Folgen bleibt.

Die Rolle der Nemesis, der ausgleichenden Gerechtigkeit, kam einem Reporter der Süddeutschen Zeitung zu, der erst kürzlich jenen Mann ausfindig machte, den der Politiker als Kronzeugen für die Verelendung seines Volkes zitiert, an acht Stellen im Buch: Lambros, einen Dolmetscher, gebildet und welterfahren, aber obdachlos, arbeitslos und ohne Perspektive.

Der Reporter brachte beide zusammen, und die Peinlichkeit war perfekt: Den Mann, dem er seinen ganzen Einsatz gewidmet haben wollte, dem er voller Pathos einen Eid geschworen hatte, sich den bösen Mächten von außen niemals zu beugen – Yanis Varoufakis erkannte ihn nicht einmal wieder.

Yanis Varoufakis: „Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment“

Verlag Antje Kunstmann, 2017

664 Seiten, 30 Euro

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