Snowden wirbt für seine Lebensretter

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Fast vier Jahre sind vergangen, seit Edward Snowden die illegalen Aktivitäten der US-Geheimdienste entlarvte. Auf dem Chaos Communication Congress erschien er jetzt per Videobotschaft. Er hatte ein besonderes Anliegen.

Edward Snowden

Der US-amerikanische Whistleblower hatte seine Enthüllungen 2014 zwar minutiös vorbereitet, nicht aber seine Flucht.

Bild: dpa

LeipzigDer Applaus wollte nicht enden, als der Held der Szene auf der Leinwand auftauchte. Mehr als 3000 Hacker auf dem Chaos Communication Congress in Leipzig begrüßten Edward Snowden mit rückhaltloser Sympathie. Der US-Amerikaner, zugeschaltet aus seinem Exil in Moskau, lächelte. Dann legte er die Hände aneinander und erhob sie zur Geste des Dankes. Eine Welle der Zuneigung flutete den Saal, der gefüllt war bis auf den allerletzten Platz.

Es war ein Publikum, bei dem Snowden sich geborgen fühlen konnte. Er nutzte seine erste Redeminute für ein Lob an seine Zuhörer. „Hacker wissen eines seit langer Zeit: Regierungen missbrauchen ihre Macht“, sagte Snowden. „Wir wissen, dass die Institutionen, auf die wir uns verlassen sollen, nicht immer so funktionieren wie man uns versprochen hat.“ Hunderte im Saal nickten. Wie Snowden selbst war die Mehrzahl der Anwesenden in schwarz gekleidet.

Die meisten von ihnen hatten schon viele Stunden auf dem Leipziger Messegelände zugebracht. „Warum seid ihr hier?“, fragte Snowden. „Zunächst muss ich euch allen danken, dass ihr gekommen seid. Ihr hättet euch 100 andere Vorträge anhören können. Aber ihr seid hier, um etwas über das Leiden von ungeheuer mutigen Menschen zu erfahren. Ihr seid hier, weil ihr euch Sorgen macht. Und das ist wichtig.“

Snowdens Worte fielen auf fruchtbaren Boden. Bevor der berühmte Whistleblower auf der Leinwand erschien, war der Handelsblatt-Redakteur Sönke Iwersen auf das Podium getreten. Als erster Journalist weltweit hatte der Investigativ-Chef der Wirtschaftszeitung 2016 die Menschen getroffen, die Edward Snowden einst das Leben retteten. Als der Amerikaner mit seinen Enthüllungen im Juni 2013 die Welt erschütterte, hatte er niemanden sonst.

Die Geschichte ging seitdem rund um den Globus. Snowden hatte zwar seine Enthüllungen minutiös vorbereitet, nicht aber seine Flucht. In höchster Not in seinem Hotel in Hongkong wandte sich der ehemalige Geheimdienstagent an einen lokalen Menschrechtsanwalt: Robert Tibbo. Und der verfiel auf einen tollkühnen Plan.

Tibbo versteckte Snowden an einem Ort, wo ihn niemand suchen würde: bei den Ärmsten der Armen in der reichsten Stadt der Welt. Rund 12.000 Flüchtlinge leben in Hongkong und warten auf Asyl, oft seit mehr als zehn Jahren. Die Vereinten Nationen kritisieren das Asylverfahren in der chinesischen Sonderverwaltungszone seit Langem als völlig unzureichend – die Anerkennungsquote von weniger als einem Prozent ist nur einer der vielen Makel. Tibbo betreut viele, die vor Folter und politischer Willkür in ihren Heimatländern nach Hongkong flohen. Vier von ihnen wählte er 2013 als Schutzengel für Edward Snowden aus. Und keiner von ihnen zögerte auch nur eine Minute.

Zwei Wochen lang versteckten die Flüchtlinge den Fremden in ihren notdürftigen Unterkünften. Keine der Familien aus Sri Lanka und den Philippinen hatte mehr als ein Bett. In der Zeit, als der Überraschungsgast bei ihnen wohnte, schliefen sie auf dem Boden. Als Snowden am 21. Juni 2013 seinen 30. Geburtstag feierte, backten sie ihm einen Kuchen und sangen für ihn gemeinsam mit ihren Kindern Happy Birthday. Sie weigerten sich, Geld für ihre Dienste anzunehmen und verloren nach Snowdens Abschied jahrelang kein Wort darüber, dass sie die größte Menschenjagd in der Geschichte der US-Geheimdienste vereitelt hatten. Erst als der Regisseur Oliver Stone 2016 aus Snowdens Leben einen Film machte, erzählten sie ihren Teil.

Gedankt wurde es ihnen nicht. „Der heutige Abend steht unter einem Motto“, sagte der Handelsblatt-Redakteur Sönke Iwersen, als er seinen Vortrag begann. „Keine gute Tat bleibt ungestraft.“ Und dann erzählte erst Iwersen, und nach ihm der Menschenrechtsanwalt Robert Tibbo, was Snowdens Lebensrettern geschah, seit ihr Handeln öffentlich wurde. Die Behörden strichen ihnen die minimalen Zuwendungen, die Asylbewerbern in Hongkong zustehen. Sonderermittler aus ihren Heimatländern tauchten plötzlich in der Stadt auf. Und als Snowdens Schutzengel sich weigerten, Fragen über ihren berühmten Gast zu beantworten, leiteten die Behörden ihre Deportation ein.

Iwersen wurde 2017 für seinen Artikel über das Schicksal der Flüchtlinge mit dem Kurt Tucholsky-Preis für Literarische Publizistik ausgezeichnet. Eine Stunde lang berichteten der Handelsblatt-Redakteur, der Anwalt Tibbo und Snowden den Hackern in Leipzig von dem menschlichen Drama, das in dem Spektakel um den US-Whistleblower oft unterging. Am Ende bat Snowden die Zuschauer eindringlich um ihre Hilfe. „Diese Flüchtlinge zählen zu den besten Menschen, die ich in meinem ganzen Leben getroffen habe“, sagte Snowden. „Sie hatten nichts. Aber sie waren bereit, alles zu riskieren, um jemandem zu helfen, den sie nicht einmal kannten.“

Nachdem Snowden auf die Spendenseite verwiesen hatte, schaltete der Hacker-Kongress schließlich die Schutzengel selbst in den Saal in Leipzig. Von Hongkong aus beantworteten sie die Fragen der Zuschauer. Gleich die erste löste neuen Applaus aus: „Warum haben Sie Edward Snowden geholfen?“ Die Antwort: „Weil er Hilfe brauchte.“

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