Maß der Werte

https://www.jungewelt.de/m/artikel/318338.ma%C3%9F-der-werte.html
Im ersten Band des »Kapitals« erläutert Karl Marx den Zusammenhang von Ware, Wert und Geld. Seine Ausführungen sind bis heute aktuell – auch wenn manche glauben, dass die heutigen Zahlungsmittel lediglich auf gesellschaftlichen Übereinkünften beruhen

1971 hob US-Präsident Richard Nixon die Goldbindung des Dollars auf. Das Bretton-Woods-System, das die USA dazu verpflichtete, auf Verlangen anderer Länder deren Dollar-Guthaben in Gold einzutauschen, war damit an sein Ende gelangt. Die USA halten wie viele andere Länder trotzdem große Goldreserven parat – für den Fall der Fälle (Notenpresse in Washington)


Foto: Gary Cameron/Reuters
Prof. Dr. sc. oec. Klaus Müller lehrte bis 1991 politische Ökonomie an der Sektion Wirtschaftswissenschaften der Technischen Universität Karl-Marx-Stadt. Von ihm erschien zuletzt im Papy-Rossa-Verlag »Boom und Krise« (Köln 2017).
Vor 150 Jahren erschien der erste Band von Karl Marx’ grundlegender Analyse »Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie«, ein Weltbestseller, der seitdem in mehr als 40 Sprachen übersetzt und Hunderten Ausgaben gedruckt worden ist. Mit dem Artikel des Ökonomen Klaus Müller über den Zusammenhang von Wert und Geld beenden wir unsere kleine Reihe anlässlich des Jubiläums des »Kapitals«. (jW)
Am 14. September 1867 meldete das Börsenblatt des deutschen Buchhandels, dass der erste Band des »Kapitals« von Karl Marx erschienen ist. Trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen enthält das »epochemachende Werk« (Arnold Ruge) die auch heute noch gültige Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise.
Die ersten drei Kapitel des »Kapitals« betreffen die Wert- und Geldtheorie und werden von vielen zu den schwierigsten Teilen der Marxschen Ökonomik gezählt. Marx erläutert die zwei Seiten der Ware, den Gebrauchswert und den Wert, erklärt den Doppelcharakter der Waren produzierenden Arbeit und sagt, warum der Wert als Tauschwert erscheint. Wer den Zusammenhang zwischen Wert und Tauschwert kennt, begreift, wie das Geld entsteht, was dessen Wesen ist und wozu es gebraucht wird. Die wert- und geldtheoretischen Darlegungen sind für die politische Ökonomie ebenso bedeutend wie die Newtonschen Gesetze für die Physik oder das Mendelejewsche Periodensystem für die Chemie.
Die umfangreiche Literatur zu der im »Kapital« vorgestellten Analyse von Wert und Geld hinterlässt einen konfusen Eindruck: Sie reicht von Zustimmung bis hin zu Deutungen, die das Band zu den Marxschen Theorien zerreißen. Man stößt auf Meinungen, die sich in ihrer Widersprüchlichkeit mit der bürgerlichen politischen Ökonomie messen können. Der US-amerikanische Marxist Fredric Jameson ist der Ansicht, das erste Kapitel des »Kapitals« beschreibe »so etwas wie die Vorgeschichte des Kapitalismus (ähnlich wie das achte Kapitel zur ursprünglichen Akkumulation), so dass, genau genommen, Marx’ Beschreibung des Kapitalismus als solchem sich auf die Kapitel zwei bis sieben (des ersten Bandes) beschränkt«. Noch weiter geht Louis Althusser, der zu den einflussreichsten marxistischen Theoretikern des 20. Jahrhunderts gezählt wird. Wer die kapitalistische Produktionsweise begreifen will, solle die schwierigen ersten drei Kapitel des »Kapitals« überspringen und gleich mit dem vierten über die Verwandlung von Geld in Kapital beginnen. »Marxismus-Erneuerer« wie Althusser meinen, das »Kapital« sei »kein Buch der konkreten Geschichtsschreibung oder der empirischen Ökonomie«.
Aber das »Kapital« ist nicht die »reine« Theorie eines »idealen« Kapitalismus. Es ist die Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Sie erfasst das Gemeinsame und Wesentliche, nicht das regional und national Differenzierte. Die »Puristen« der »neuen Marx-Lektüre«, wie die seit den 1960er Jahren entstandene Rezeption der Marxschen Theorie genannt wird, die sich vor allem auf die Wertform konzentriert, sprechen dem »Kapital« alles Historische ab. Sie bleiben »sprachlos und versanden im kategorialen Gemurmel«, wie der Soziologe und Ökonom Michael Krätke treffend schreibt.
Grundbegriffe des »Kapitals«
Karl Marx behandelt mit Ware, Wert und Geld die elementarsten und ursprünglichen Produk­tionsverhältnisse des Kapitalismus, die auch der einfachen Warenproduktion eigen sind. Das Verfahren ähnelt dem der Chemie, die mit der Analyse der chemischen Elemente beginnt, um dann deren komplizierte Verbindungen zu untersuchen. Oder der Biologie, die von der Beschreibung der Zelle zu der des Gesamtorganismus schreitet. Die Darstellung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse schließt deren Vorgeschichte ein: Verwertung geht nicht ohne Wert, Kapital nicht ohne Geld, Kapitalismus nicht ohne Waren. Waren, Wert und Geld gehen dem Kapital voraus.
Waren sind gesellschaftliche Gebrauchswerte. Sie befriedigen menschliche Bedürfnisse. Der Gebrauchswert ist die Summe der nützlichen Eigenschaften einer Ware. Etwas kann Gebrauchswert sein, ohne Ware zu sein, wie die Luft, das Quellwasser, der jungfräuliche Boden, natürliche Wiesen oder wildwachsendes Holz. Waren sind Produkte menschlicher Arbeit, bestimmt für den Tausch. Beeren aus dem Garten, für den Eigenverbrauch bestimmt, sind keine Waren. Das Gemeinsame der Waren, so verschieden ihre Gebrauchswerte und Verwendungszwecke sein mögen, ist: Sie sind Produkte der Arbeit. Diese hat einen Doppelcharakter. Die konkrete Arbeit schafft den Gebrauchswert. Die Arbeit des Bäckers erzeugt Brot, die des Maurers Häuser. Abstrahieren wir von den konkreten Inhalten, bleibt allgemein menschliche Arbeit, die Verausgabung von physischer und geistiger Kraft. Marx spricht von »abstrakter Arbeit«. Sie bildet den Wert, ist dessen Substanz. Das Quantum der abstrakten Arbeit ist die Wertgröße. Sie entspricht der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Das ist die Zeit, die nötig ist, eine Ware unter gesellschaftlich normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität herzustellen. Der Wert kann nur ausgedrückt werden im Tauschwert, d. h. in einer Menge anderer Waren. Der Tauschwert ist die Form, in welcher der Wert erscheint. Marx untersucht die historische Entwicklung der Wertformen, die in die Geldform des Werts mündet: Der Wert tritt in Form des Geldes neben die Ware. Der in Geld ausgedrückte Tauschwert ist der Preis.
Ursprünge
Hegels Satz, dass etwas nicht dadurch erkannt sei, dass es bekannt sei, bestätigt sich in bezug auf das Geld. Aristoteles rät, um etwas zu verstehen, zurückzugehen zu dessen Ursprüngen. Die größte Schwierigkeit, das Geld zu begreifen, ist überwunden, sagt Marx, »sobald sein Ursprung aus der Ware selbst begriffen ist«. Seine zentralen Fragen lauten: Was ist Geld? Wie, unter welchen Bedingungen entsteht es?
Die Ursprünge des Geldes liegen Jahrtausende zurück, als Menschen zu tauschen begannen. Diese Entwicklung fällt zusammen mit dem Erblühen und dem Zerfall der Urgesellschaft und erfasst die Zeit von 40.000 bis 2.500 v. u. Z. Dabei erscheint der Austausch »von Waren ursprünglich nicht im Schoß der naturwüchsigen Gemeinwesen, sondern (…) an ihren Grenzen, (…) wo sie in Kontakt mit anderen Gemeinwesen treten«, schreibt Marx. »Hier beginnt der Tauschhandel und schlägt von da ins Innere des Gemeinwesens zurück, auf das er zersetzend wirkt. (…) Die allmähliche Erweiterung des Tauschhandels (…) drängt zur Geldbildung und wirkt damit auflösend auf den unmittelbaren Tauschhandel.«
Die einfache, einzelne, zufällige Wertform steht am Anfang. Eine Ware drückt zufällig ihren Wert in einer anderen aus. Die Gleichung »eine Axt = 20 kg Korn« bedeutet: Eine Axt ist 20 kg Korn wert. Sie wird abgelöst von der totalen, entfalteten Wertform. Die Axt, um im Beispiel zu bleiben, drückt ihren Wert jetzt in vielen Tauschwerten aus. Es folgt die allgemeine Wertform – alle Waren drücken ihre Werte einheitlich in derselben Ware aus. Nach Jahrtausenden setzt sich die Geldform des Werts durch. Eine Geldware behauptet sich. In ihr drücken nun alle Waren ihren Wert aus. Das Geld ist das Resultat des Tauschs, erleichtert und fördert diesen. Es entspringt der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, hat zu tun mit der Entstehung und Vertiefung der Arbeitsteilung, der Entstehung eines Mehrprodukts und des privaten Eigentums. Mehrprodukt, regelmäßiger Tausch, Warenproduktion und privates Eigentum an Produktionsmitteln bedingen sich gegenseitig und bedürfen des Geldes.
Tausch ohne Geld
Gegen die von Marx in der Wertformenanalyse begründete Entstehung des Geldes werden zwei miteinander zusammenhängende Einwände erhoben. Erstens: Tauschakte vor dem Geld – einen »prämonetären« Tausch – habe es nirgendwo und zu keiner Zeit gegeben oder – einschränkend – ein solcher wäre nie quantitativ bedeutsam oder gar vorherrschend gewesen. Für den Nichtökonomen David Graeber ist der Tauschhandel »der große Gründungsmythos der Wirtschaftswissenschaften«. Der zweite Einwand lautet: Geld sei älter als der Tausch. An die Stelle einer prämonetären gehöre eine monetäre Werttheorie. Geld sei logisch und historisch dem Wert der Waren vorausgegangen.
Unter Wirtschaftshistorikern besteht kein Zweifel, dass es einen Tauschverkehr – v. a. einen Fernhandel – auf frühen Stufen der Menschheit gegeben hat. Erste Hinweise darauf, dass Menschen Handel trieben, reichen 50.000 bis 60.000 Jahre zurück, also bis weit vor die neolithische Revolution. Ihre Lebensweise, schreibt Marx, brachte die Nomadenvölker »beständig mit fremden Gemeinwesen in Kontakt«, was zum Produktentausch anregte. Wenn auch zunächst nicht bestimmend für die Art des Zusammenlebens der Menschen – die ersten Tauschakte waren einzeln und zufällig –, sollten Arbeitsteilung und Tausch die Entwicklung der Zivilisation prägen. Erst die sesshaft werdenden Jäger und Sammler begannen regelmäßig zu tauschen. Die ethnographische Forschung hat nachgewiesen, dass die Völker unterschiedliche allgemeine Äquivalente nutzten, bevor es zur Geldform des Werts kam. Diese »Geldvorläufer« waren entweder die »wichtigsten Eintauschartikel aus der Fremde, welche (…) naturwüchsige Erscheinungsformen des Tauschwerts der einheimischen Produkte sind«, oder der »Gebrauchsgegenstand, welcher das Hauptelement des einheimischen veräußerlichten Besitztums bildet, wie z. B. das Vieh«, heißt es im »Kapital«.
Zu den allgemeinen Äquivalentwaren gehörten: Güter, die eine längere Zeit Nutzen abwerfen und sich zur Wertaufbewahrung eignen, wie Sklaven, Vieh, Saatgut, Werkzeuge und Geräte von einheitlicher Beschaffenheit wie Pfeilspitzen, Angelhaken, Äxte, Sicheln, Nägel, Nadeln; spekulative Güter, die einen Wertzuwachs versprechen, wie z. B. Jungvieh; schmückende Güter, mit denen man Reichtum zur Schau stellen konnte, wie bunte Federn, Kaurimuscheln, Muschelschalen, Marmorringe, Totenschädel, Perlen, Hunde- und Eberzähne, Schalen von Straußeneiern, Steine, vor allem Edel- und Halb­edelsteine usw.; Rohstoffe, vor allem Metalle in einheitlichen, handlichen Barren oder als Armreifen und Goldstaub, auch die Tierfelle des nordamerikanischen Pelzhandels, z. B. Biber- und Elchfelle, Gummi; Konsumgüter, v. a. Nahrungsmittel wie z. B. Getreidekörner, Tee, Datteln, Nüsse, Kakao- und Kaffeebohnen, Kokosnüsse, Salz, Zucker, Reis, Fische, Tabak, Whiskey und Kleidungsstücke.
Von der allgemeinen Wertform zur Geldform ist es ein kleiner, logischer Schritt: Eine spezifische Ware wird allgemeines Äquivalent für den Wert aller Waren. Es sind dies die Edelmetalle Gold und Silber. Der Durchbruch spielt sich zwischen 3000 und 2000 v. u. Z. in Vorderasien ab. Gold und Silber besitzen die für ein allgemeines Äquivalent nötigen Eigenschaften in höherem Maße als alle anderen Waren. Obgleich die Metalle nicht von Natur Geld sind, ist Geld von Natur Gold und Silber. Die Edelmetalle eignen sich als Geld, weil sie selbst Wert besitzen. Denn das Maß muss von der Art des zu Messenden sein. Eine Axt ist 0,5 Gramm Gold wert, wenn man zu ihrer Herstellung die Zeit braucht, die nötig ist, um 0,5 Gramm Gold zu gewinnen. Waren und Gold sind vergleichbar, weil sie auf etwas Drittes bezogen werden können, auf die Zeit für ihre Herstellung.
Prinzipiell geht das zwar mit jeder Ware, doch Gold besitzt für die Geldrolle bessere Eigenschaften als jede andere: Man kann es teilen, zusammenfügen, leicht transportieren. Kleinste Mengen haben großen Wert. Gleiche Mengen des Metalls besitzen die gleiche Wertgröße. Widerstandsfähig gegen Einflüsse aus der Umwelt, kann man es beliebig lange aufbewahren.
Die Wertformenanalyse widerspiegelt also den historischen Prozess der Geldwerdung. Sie ist kein »Hirngespinst«. Die Autoren der »neuen Marx-Lektüre« lehnen die Wertformenanalyse ab. Sie behaupten, Geld habe es vor dem Tausch, der Ware und dem Wert gegeben. Sie ersetzen die, wie sie sagen, »prämonetäre« – zuerst Ware, Wert und dann Geld – durch eine »monetäre Werttheorie«: erst das Geld, dann der Wert.
Angemessene Begriffe
Der genetische und logische Zusammenhang zwischen Wert und Geld wird auf den Kopf gestellt. Wer Geld vor Ware und Wert setzt, definiert Geld auf seine Weise. Geld kann jetzt kein allgemeines Äquivalent sein, der Ausdruck des Wertes aller Waren in einer besonderen Ware. Eine Geldware ist entbehrlich, solange es keine Waren gibt, die ihren Wertausdruck suchen. Das Gegenteil zu behaupten, hieße, die Maus risse aus, bevor sie die Katze bemerkt. Begreifen wir das Geld als Wertausdruck schlechthin, können wir unterscheiden zwischen zufälligem, entfaltetem bzw. totalem warenspezifischen und einheitlichen Geld. Aber selbst dann wäre Geld die logische Folge des Werts, bliebe diesem nachgeordnet. Primär sind Ware, abstrakte Arbeit, Wert, und nachgeordnet ist der Tauschwert. Von diesen Kategorien ist das Geld logisch abgeleitet. Es kann also weder logisch noch historisch das Vorausgesetzte sein.
Offenbar muss es sich bei Geld um etwas anderes handeln, wenn es vor dem Wert dagewesen sein soll. Einige verweisen auf seine vermeintlich religiösen Ursprünge. Geld seien die Dinge, die Menschen Göttern opferten, um von ihnen Beistand zu erhoffen. Opferrituale sind älter als der Tausch. Setzt man Geld mit Opfer gleich, dann hätte es »Geld« vor dem Tausch gegeben. Wer mag, kann Geld so definieren. Aber es geht um die angemessene Begriffswahl. Begriffe müssen die objektive Realität adäquat widerspiegeln und untereinander kompatibel sein. Was gewinnen wir, wenn wir das Op­ferlamm des Steinzeitmenschen »Geld« nennen? Die religiöse Verklärung des Geldes hindert uns, die Warenproduktion zu verstehen, selbst wenn man mit etwas Phantasie im Opfern einen Tausch sehen mag: Ein Lamm wird Gott dargebracht in der Hoffnung, der Allmächtige revanchiere sich mit einer guten Ernte oder schicke demnächst ein Mammut des Wegs.
Für den Fall der Fälle
Zunächst nutzten die Menschen die Geldware Gold in Form von Nuggets, Körnern, Stangen und Ringen. Seit dem 6. Jahrhundet v. u. Z. prägten sie Münzen. Mit der Geldform war die Entwicklung nicht zu Ende. Wertvolle Gold- und Silbermünzen wurden in der Zirkulation sehr schnell ersetzt durch Kreditgeld (in Gold einlösbare Banknoten und Handelswechsel) und Papiergeld mit Annahmezwang. Marx erwähnt diese wertlosen Ersatzgeldzeichen im ersten Band, geht aber erst im dritten Band des »Kapitals« näher auf sie ein. Er wusste auch, dass zu seiner Zeit in England neun Zehntel aller Geldbeträge bargeldlos transferiert wurden. Geldzeichen und -symbole anstelle des Goldes erhöhten die Sicherheit und Rationalität der Zahlungen. Diese Erscheinungen, die heute von vielen als Beleg dafür gedeutet werden, dass Gold kein Geld mehr ist, waren ohne Abstriche Marx bestens bekannt.
»Noch toller treiben es die Marxisten«, schreibt Michael Krätke, »die uns in feierlichem Ernst mitteilen, seit 1971, seit der offiziellen Aufhebung der Konvertibilität des US-Dollars, sei die monetäre Welt aber ganz anders geworden, als Marx sich das je habe träumen lassen. Dass legale und faktische Konvertibilität zweierlei sind, dass weder die Goldreserven noch der internationale Goldmarkt – nach wie vor in London – verschwunden sind, dass die zahlreichen Versuche der US-Dollar-Diplomatie, das Gold endgültig zu demonetisieren, um die ›Dollarisierung‹ der Währungen in Drittländern zu befördern, allesamt fehlgeschlagen sind, kümmert sie nicht.«
Gold bietet auch heute Sicherheit in einer Zahlungswelt, die fast reibungslos funktioniert mit Banknoten, Kreditscheinen, wertlosen Münzen und Buchgeld, das als Zahl auftaucht, mit Computergeld, den mit entsprechenden Informationen belegten Speicherplätzen moderner Rechenwerke. Gold ist das Medium, die sinnlose und auf Selbstzerstörung hinauslaufende Anhäufung von Forderungen zu überstehen, weil es selbst keine Forderung ist. Scheinbar entbehrlich, ist es das Geld für den Fall der Fälle.
Warum sonst holte die Bundesbank seit 2013 einen Teil ihrer Goldreserven aus den Tresoren der US-Notenbank Fed und der Banque de France auf streng geheimen Wegen zurück? Gut die Hälfte des riesigen deutschen Goldschatzes in Höhe von 3.378 Tonnen – das sind 270.240 Barren zu je 12,5 kg – lagern seit diesem Jahr in Frankfurt am Main. Jene, für die das Gold spätestens seit den 1970er Jahren keine Geldware mehr ist, bleiben den Beweis dafür schuldig. Für sie ist das Geld ein bloßes Zeichen, ein Symbol oder Kommunikationsmittel, eine Verrechnungstechnik oder ein System des Vertrauens.
Alte Auffassungen werden damit wiederbelebt: vom Arbeitsgeld und vom Stundenzettel. Aus einer »allgemeinen Ware«, einem »allgemeinen Äquivalent« sei Geld zu einem Arbeitszertifikat mutiert. Marx hat ähnliche Auffassungen von John Gray und Pierre-Joseph Proudhon für eine kapitalistische Produktionsweise widersinnig und einen »seichten Utopismus« genannt, für den Fall, dass in einer nichtkapitalistischen Wirtschaftsordnung die in den Produkten enthaltene Arbeitszeit unmittelbar gesellschaftlich ist, aber nicht ausgeschlossen. Das Owensche »Arbeitsgeld« ist, so Marx, »ebensowenig ›Geld‹ wie etwa eine Theatermarke«.
Vertrauen statt Wertform?
Heute wird oft davon ausgegangen, jeder Schnipsel könne Geld sein. Nötig sei nur, dass er vertrauensvoll als Geld betrachtet werde. Vertrauen könne jeden Gegenstand zu Geld machen, wenn eine Zentralbank diesen knapp halte. Denn Geld sei letztlich »nichts« und werde aus »nichts« geschöpft. Diese These – quasi die Kapitulation vor dem Geldrätsel – widerspiegelt reale Vorgänge. So gewähren Banken Kredite über die Spareinlagen hinaus, schaffen Kaufkraft und verteilen nicht nur vorhandene um, was man schon vor hundert Jahren in Joseph Schumpeters »Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung« lesen konnte. In neuerer Zeit dient als »Beweis« die von Zentralbanken initiierte Geldschwemme, von der nur ein geringer Teil die Produzenten und Verbraucher erreicht. Solange sie glauben, dass Geld da ist, will keiner es sehen. Hat sich herumgesprochen, dass nichts mehr vom »Nichts« vorhanden ist, wollen alle es haben. Im Sommer 1974 brach die Herstatt-Bank in Köln wegen missglückter Devisengeschäfte zusammen. Mit ihr zerbrach auch das Vertrauen der Kunden. Diese bildeten Schlangen vor dem Bankhaus. Sie wollten ihre Konten räumen, weil sie erfahren hatten, dass die Devisenspekulanten von Herstatt dies bereits getan hatten. Die »Nichts aus Nichts«-These des Geldes ist ein Beispiel dafür, wie man, geblendet von den Erscheinungen, die Suche nach dem Wesen einstellt, das den Dingen innewohnt.
Wenn auf dem Weltmarkt das Vertrauen in das sogenannte Fiatgeld (das Gegenteil von Warengeld wie Gold) der Zentralbanken verlorenginge, würde man einen großen Teil der Forderungen mit Gold ausgleichen können. Dann würde klar, dass Gold nach wie vor unverzichtbar ist. »Im Moment der Geldkrise wird die Geldware wieder aktuell«, schreibt Michael Krätke. Dass »Geld« ein Anspruch auf Ware ist, bestreitet keiner. Die Frage ist, ob Geld auf diesen Gemeinplatz reduziert werden kann. Die Verwechslung des Geldes mit seinen Erscheinungen – Zeichen, Symbole etc. – führt dazu, dass das Wissen über die Funktio­nen des Geldes verkümmert.
Gleich zu Beginn des dritten Kapitels des »Kapitals« nennt Marx die wichtigste Funktion des Geldes: Geld ist Maß der Werte. Wie sollen Zeichen, Symbole, die selbst wertlos sind, oder Geld, das »nichts« ist, Werte messen? Einige Ökonomen, die an der Warentheorie des Geldes festhalten, im Gold aber nur eine gewöhnliche Ware sehen, erklären das Papiergeld zur Ware und sprechen von einer Papiergeldform des Werts. Das Konzept hat den Nachteil, dass das Papiergeld keine Ware ist. Da das »moderne Geld« keinen Wert hat, ist es üblich geworden, die Wertmaßfunktion zu ignorieren oder sie als die subjektive Bewertung des Gebrauchswertes falsch zu deuten. Lehrbücher der Volkswirtschaftslehre, selbst die von »alternativen« Ökonomen, erwähnen nur noch drei Funktionen des Geldes: Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Recheneinheit. Von einer Wertmaßfunktion ist keine Rede mehr.
Historische Konsequenz
Die Vertreter der Geldwarentheorie verstehen die Entstehung und Zirkulation von Ersatzgeldzeichen und Symbolen nicht als eine Störung oder einen Verfall des Geldwesens. Sie begreifen sie als eine historische Konsequenz des Wirkens ökonomischer Gesetze. Sie wollen nicht die Geldware in die Zirkulation zurückholen, wo sie, wie ja schon Marx wusste, von Anfang an eine untergeordnete Rolle gespielt hatte. Sie versuchen das Geld als eine Einheit von Geldware und Geldzeichen widerspruchsfrei zu erfassen. Für sie sind die Geldzeichen Repräsentanten der Geldware Gold geblieben, obgleich fixe juristische Bindungen zwischen ihnen und dem Gold aufgehoben wurden. Die inkonvertiblen Banknoten der Zentralbank sind Repräsentativgeld. Sie bleiben »durch unsichtbare Fäden an die metallische Grundlage der Geldzirkulation (gebunden), die ihrerseits die Fundamentalbestimmung des Geldes als Ware ausdrückt«, wie der Ökonom Stephan Krüger ausführt.

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