Kommandierte Arbeit

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Hat uns Karl Marx noch etwas zu den neuen Beschäftigungsverhältnissen zu sagen? Zur Unterordnung der Arbeit unter das Kapital einst und heute
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»In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt.« (Karl Marx, Kapital, Band 1) – Arbeiterin bei Amazon in Tracy, Kalifornien (USA)
Foto: Noah Berger/REUTERS
Thomas Kuczynski schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 5./6. Oktober 2013 über die Entwicklung des deutschen Kapitals von der sogenannten Gründerkrise bis zum Imperialismus.

Wohl kaum ein Buch hat die Linke international so beschäftigt. Am 14. September 1867 meldete das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel das Erscheinen des ersten Bandes von Karl Marx’ grundlegender Analyse »Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie«, ein Weltbestseller, der seitdem in über 40 Sprachen übersetzt und Hunderten Ausgaben gedruckt worden ist. Die Redaktion hat aus Anlass des Jubiläums den Ökonomen Thomas Kuczynski gebeten, über die Aktualität von Marx’ Werk zu schreiben. Von ihm erscheint in den kommenden Wochen im Hamburger VSA-Verlag: »Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals. Neue Textausgabe«.(jW)

Ein ganz wesentliches Charakteristikum des Kapitalismus ist die Unterordnung (Subsumtion) der Arbeit unter das Kapital, demzufolge des Arbeiters unter den Kapitalisten,¹ denn es sind die Anweisungen des letzteren, denen der erstere zu folgen und unter dessen Kontrolle und Kommando er zu arbeiten hat.
Obwohl der Begriff der Subsumtion in den publizierten Versionen des ersten Bandes des »Kapitals« nicht eben häufig auftritt,² ist er doch grundlegend, sowohl im Hinblick auf den Aufbau des ganzen Buches als auch unter dem Aspekt der in dem Band enthaltenen historisch-theoretischen Analyse der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Entwicklung.
Marx hat seine im ersten Band des »Kapitals« gegebene Darstellung mit dem Titel »Der Produktionsprozess des Kapitals« versehen. Den vorbereitenden Untersuchungen über »Ware und Geld« (Abschnitt I) und »Verwandlung von Geld in Kapital« (Abschnitt II) folgen drei Abschnitte, in denen er diesen Produktionsprozess en détail untersucht. Zunächst unterscheidet er »Die Produktion des absoluten Mehrwerts« (Abschnitt III) und »Die Produktion des relativen Mehrwerts« (Abschnitt IV), darauf folgt der vergleichende Abschnitt V »Die Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts«.
In dem darin enthaltenen 14. Kapitel (»Absoluter und relativer Mehrwert«) vermerkt er zur Produktion des absoluten Mehrwerts: Sie »bedingt, dass die sachlichen Arbeitsbedingungen in Kapital und die Arbeiter in Lohnarbeiter verwandelt sind, dass die Produkte als Waren, d. h. für den Verkauf produziert werden, dass der Produktionsprozess zugleich Konsumtionsprozess der Arbeitskraft durch das Kapital und daher der direkten Kontrolle des Kapitalisten unterworfen ist, endlich dass der Arbeitsprozess, also der Arbeitstag, über den Punkt hinaus verlängert wird, wo der Arbeiter nur ein Äquivalent für den Wert seiner Arbeitskraft produziert hätte. Die allgemeinen Bedingungen der Warenproduktion vorausgesetzt, besteht die Produktion des absoluten Mehrwerts einfach in der Verlängerung des Arbeitstags über die Grenze der zum Leben des Arbeiters selbst notwendigen Arbeitszeit und in der Aneignung der Mehrarbeit durch das Kapital. Dieser Prozess kann vorgehn und geht vor auf Grundlage von Betriebsweisen, die ohne Zutun des Kapitals historisch überliefert sind. Es findet dann nur eine formelle Metamorphose statt, oder die kapitalistische Ausbeutungsweise unterscheidet sich von den früheren, wie Sklavensystem usw., nur dadurch, dass die Mehrarbeit hier durch direkten Zwang abgerungen, dort durch ›freiwilligen‹ Verkauf der Arbeitskraft vermittelt wird. Die Produktion des absoluten Mehrwerts unterstellt also nur formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital.«
Anhängsel eines toten Mechanismus
Zur Produktion des relativen Mehrwerts dagegen stellt er anschließend fest: Sie »setzt die Produktion des absoluten Mehrwerts voraus, also auch die entsprechende allgemeine Form der kapitalistischen Produktion. Ihr Zweck ist Erhöhung des Mehrwerts durch Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit, unabhängig von den Grenzen des Arbeitstags. Das Ziel wird erreicht durch Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit. Dies bedingt jedoch eine Revolution des Arbeitsprozesses selbst. Es genügt nicht mehr, ihn zu verlängern, er muss neu gestaltet werden. Die Produktion des relativen Mehrwerts unterstellt also eine spezifisch kapitalistische Produktionsweise, die mit ihren Methoden, Mitteln und Bedingungen selbst erst auf Grundlage der formellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital naturwüchsig entsteht und ausgebildet wird. An die Stelle der formellen tritt die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital.«³
Die Unterscheidung von Weiterlesen Kommandierte Arbeit

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