Neues in Altem

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Transformationsprobleme. Wie die ­kapitalistische Produktionsweise in Italien und England kurz ­aufblühte, wieder unterging, bevor sie endgültig herrschte

Der Übergang Englands zu frühen Formen kapitalistischen Wirtschaftens im 15. Jahrhundert wurde durch die Ausfuhr von Wolle befördert – Darstellung von deren Verarbeitung auf einem Gemälde des holländischen Malers Isaac Claeszoon van Swanenburg (1537–1614) mit dem Titel »Das Entfernen der Wolle und das Kämmen« (1595)
Foto: Isaac van Swanenburg [Public domain], via Wikimedia Commons
Jürgen Kuczynski: Norditalien und England in der Transformationsperiode vom Feudalismus zum Kapitalismus. In: ders.: Asche für Phoenix. Aufstieg, Untergang und Wiederkehr neuer Gesellschaftsordnungen. Eine vergleichende Studie zu Feudalismus, Kapitalismus und »Realem Sozialismus«. Mit einem Nachwort von Georg Fülberth. Papy-Rossa-Verlag, Köln 1992
Am 6. August jährt sich zum 20. Mal der Todestag des Historikers und Wirtschaftswissenschaftlers Jürgen Kuczynski. Der am 17. September 1904 in eine Gelehrtenfamilie Geborene schrieb bereits Anfang der 1930er Jahre für die Rote Fahne, das Zentralorgan der KPD, deren Mitglied er seit 1930 war. Nach der Flucht vor den Nazis kehrte er 1945 aus dem britischen Exil zurück in die Sowjetische Besatzungszone. In der DDR wirkte er lange Zeit als Leiter der Abteilung Wirtschaftsgeschichte beim Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften. Kuczynski war schriftstellerisch ausgesprochen rege. Günter Kröber zählt 4.100 Veröffentlichungen. Zu seinen Hauptwerken zählen die 40bändige »Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus« sowie die fünfbändige »Geschichte des Alltags des deutschen Volkes«. Kuczynski, der der DDR und dem Sozialismus trotz mancher Kritik auch nach der »Wende« verbunden blieb, wirkte bis zu seinem Tod wissenschaftlich und publizistisch, unter anderem als Kolumnist dieser Tageszeitung. Die Redaktion dokumentiert im folgenden einen gekürzten Beitrag des Wirtschaftshistorikers über den Frühkapitalismus aus dem 1992 im Kölner Papy-Rossa-Verlag erschienenen Band »Asche für Phoenix. Aufstieg, Untergang und Wiederkehr neuer Gesellschaftsordnungen«. Wir danken dem Verlag sowie Thomas Kuczynski für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)
Was soll man unter Kapitalismus verstehen? 1906 veröffentlichte der Historiker Guiseppe Salvioli ein Buch mit dem Titel »Der Kapitalismus im Altertum«. Schon Theodor Mommsen sprach vom Kapitalismus im Römischen Reich. Und der Wirtschaftshistoriker Henri Sée gibt in seiner Schrift »Die Ursprünge des modernen Kapitalismus« zu bedenken: »Bei einer derartigen Arbeit ist es vor allem wichtig, genau zu definieren, was man unter modernem Kapitalismus versteht. Gewisse Forscher behaupten, dass der Kapitalismus mit dem beweglichen Eigentum entstanden ist. Bei dieser Auffassung müsste zweifellos der Kapitalismus schon im Altertum existiert haben, und zwar nicht nur bei den Römern und Griechen, sondern bereits bei den noch älteren Gesellschaftsformen, in welchen die Menschen einen aktiven Handel trieben.«¹
Begriffsarbeit
Zwei Urteile von Karl Marx über die Verwendung des Begriffs Kapital und Kapitalist bei Mommsen – das erste ungerecht, das zweite richtigstellend, beide im dritten Band des »Kapital« – bringen etwas Klarheit in die Verwirrung: »Herr W. Kiesselbach (›Der Gang des Welthandels im Mittelalter‹, 1860) lebt in der Tat immer noch in den Vorstellungen einer Welt, worin das Kaufmannskapital die Form des Kapitals überhaupt ist. Von dem modernen Sinn des Kapitals hat er nicht die geringste Ahnung, sowenig wie Herr Mommsen, wenn er in seiner ›Römischen Geschichte‹ von ›Kapital‹ spricht und von der Herrschaft des Kapitals.« Später wird Marx gerechter urteilen: »Herr Mommsen in seiner ›Römischen Geschichte‹ fasst das Wort Kapitalist durchaus nicht im Sinn der modernen Ökonomie und der modernen Gesellschaft, sondern in der Weise der populären Vorstellung, wie sie nicht in England oder Amerika, sondern auf dem Kontinent als altertümliche Tradition vergangener Zustände noch fortwuchert.«²
Marx selbst versteht unter Kapitalismus die Wirtschaftsweise und Gesellschaftsordnung, die zuerst in England im 16. Jahrhundert entstanden ist. Das heißt aber nicht, dass es nicht schon vorher kapitalistische Anfänge gab, die, genau wie die feudalen im Rahmen des Römischen Reichs, wieder zugrunde gingen. Marx selbst nennt einen solchen historisch »verfrühten« Anfang im ersten Band des »Kapital« in Norditalien zum Ende des 14. und zum Beginn des 15. Jahrhunderts: »In Italien, wo die kapitalistische Produktion sich am frühesten entwickelt, findet auch die Auflösung der Leibeigenschaftsverhältnisse am frühesten statt. Der Leibeigene wird hier emanzipiert, bevor er irgendein Recht der Verjährung an Grund und Boden gesichert hat. Seine Emanzipation verwandelt ihn also sofort in einen vogelfreien Proletarier, der überdem in den meist schon aus der Römerzeit überlieferten Städten die neuen Herren fertig vorfindet. Als die Revolution des Weltmarkts seit Ende des 15. Jahrhunderts die Handelssuprematie Norditaliens vernichtete, entstand eine Bewegung in umgekehrter Richtung. Die Arbeiter der Städte wurden massenweise aufs Land getrieben und gaben dort der nach Art des Gartenbaus getriebenen, kleinen Kultur einen nie gesehenen Aufschwung.«³
Marx ist in keiner Weise näher auf dieses Vorspiel aus der Frühgeschichte des Kapitalismus eingegangen, aber wir wollen uns im folgenden kurz mit ihm beschäftigen, da es wichtig für die Problematik der Transformationsperiode ist. Wahrlich wichtig, wenn man bedenkt, dass dieser Frühblüte des Kapitalismus wieder fast vierhundert Jahre des Feudalismus folgten.
Während es bis zum Zweiten Weltkrieg wenig Zweifel unter Wirtschaftshistorikern an einer solchen Entwicklung gab, haben danach andere Auffassungen ihren Platz in der Wirtschaftsgeschichte gefunden. So berichtet Frank Deppe: »Lange Zeit sind Wirtschafts- wie Kulturhistoriker davon ausgegangen, dass die Renaissance, wenn man ihre Blüte in die Periode zwischen 1350 und 1530 verlegt, durch den Aufschwung des ›Frühkapitalismus‹ in den oberitalienischen Städten und namentlich Florenz ihre Prägung erhielt. Die Entdeckung und Freisetzung des Individualismus auf dem Felde der Philosophie, der Literatur und der darstellenden Künste, die Verweltlichung des Denkens und der Politik wäre so als der ›Überbau‹ einer Revolutionierung der Produktionsverhältnisse in den Städten zu begreifen, in denen an die Stelle der feudalen Abhängigkeiten und Hierarchien das System des privaten Eigentums und des Profits, der Konkurrenz und der Ausbeutung der Lohnarbeit, der rationalen Kalkulation und Nutzung des ökonomischen Erfolges getreten sei. (…) Durch die neuere wirtschaftsgeschichtliche Forschung ist jedoch die These vom Zusammenhang zwischen Renaissance und wirtschaftlicher, frühkapitalistischer Expansion erschüttert worden.«⁴ Stephan Skalweit resümiert: »Im Lichte der spezifisch modernen, auf langfristig quantitative Veränderungen im Wirtschaftsleben gerichteten Forschung erscheint nicht mehr die Wende des 15., sondern des 13. Jahrhunderts als die große Epochenschwelle zwischen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Wirtschaftsgeschichte (…). Aus einer ganzen Reihe von Anzeichen haben denn auch moderne Wirtschaftshistoriker den Schluss gezogen, dass die Renaissancekultur auf dem ökonomischen Hintergrund nicht nur einer Stagnation, sondern einer ausgesprochenen Rezession erblüht ist.«⁵
Frühkapitalismus in Norditalien
Alfred Doren, der beste Kenner italienischer Wirtschaftsgeschichte unseres Jahrhunderts, stellt allgemein die Frage, die viele Historiker auch hinsichtlich des Übergangs des weströmischen Reichs zum Feudalismus für einzelne Jahrhunderte zwischen 300 und 800 gestellt haben: »Wie steht es nun mit der Anwendung der Kategorie der ›kapitalistischen Wirtschaftsform‹ auf die uns angehende Wirtschaft des mittelalterlichen Italiens? Hat man das Recht, die Geschichte des modernen Kapitalismus mit der Schilderung der italienischen Zustände des Hochmittelalters beginnen zu lassen, wie das als erster Karl Marx getan hat und heute noch viele zu tun willens sind; soll man jene Periode nur als Zwischenstufe zwischen mittelalterlicher Stadtwirtschaft und moderner kapitalistischer Verkehrswirtschaft charakterisieren; oder soll man endlich, kategorial gesehen, selbst in den höchstentwickelten Gebilden des italienischen Wirtschaftslebens des Mittelalters und der Renaissance kein wesentliches kapitalistisches Element entdecken können?«⁶
Doren entscheidet sich, von Kapitalismus seit dem 14. Jahrhundert bis hinein in das 15. zu sprechen. Ja, an einer Stelle spricht er sogar von der »extrem kapitalistischen Tendenz, wie sie sich in den Florentiner Textilzünften durchsetzte«, im Gegensatz zu Venedig.⁷
Eine andere, unserer Anschauung von Transformationsperioden nahekommende Haltung nimmt in jüngster Zeit Georg Fülberth ein. Ausgehend von den Tendenzen der Entfeudalisierung in Deutschland schreibt er: »Die Stadtwirtschaft enthielt protokapitalistische Elemente. Hierzu gehörten Großmeister mit zahlreichen Gesellen, die bereits Mehrwert erzeugten, patrizische Fernkaufleute sowie das ›Verlagssystem‹, das darin bestand, dass der selbständige Handwerksbetrieb zwar weiter bestand, die Zulieferung von Rohstoffen und Halbzeug und/oder der Vertrieb der Endprodukte jedoch in die Hände einzelner, auf eigene Rechnung arbeitender Unternehmer (›Verleger‹) kamen. Trotz dieser Ansätze einer kapitalistischen Ökonomie blieb die Gesellschaft als ganze feudal. In Oberitalien allerdings entstanden geschlossene Stadtstaaten, die durch Handelskapital und kapitalistisches Großhandwerk geprägt waren. Das Florenz des 14. und 15. Jahrhunderts kann als frühkapitalistische Kommune gelten. Von hier aus führte aber kein ununterbrochener Weg in die bürgerliche Gesellschaft, im Gegenteil. Schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kam der Feudalismus wieder in die Offensive.«⁸
Ein Vorspiel des Kapitalismus, eine frühe, von der Geschichte geforderte, aber nicht lange geduldete Entwicklung hatte in Florenz, hatte in zahlreichen Städten Norditaliens ein Ende gefunden. Erstaunlich, diese kurze Blüte, wunderbar die sie begleitende allgemeine Kulturentwicklung – in dieser Beziehung so großartig verschieden von der nur wirtschaftlichen Blütezeit des feudalen Kolonats (Organisationssystem der bäuerlichen Kleinpächter, in dem sich die Leibeigenschaft allmählich herausbildete, jW) im weströmischen Reich. Wahrlich keine Episode in der Geschichte der Menschheit – aber wie kurz war die Dauer dieser historisch notwendigen Haupthandlung im Werden einer neuen Gesellschaftsordnung!
Übergänge von einer Gesellschaftsformation zur anderen, sowohl von der griechisch-römischen Sklavenhaltergesellschaft zur feudalen des westeuropäischen Mittelalters wie auch in Norditalien von der feudalen zur kapitalistischen, geschahen stets auf reformerischem Wege oder mittels Kriegen. Klassenkämpfe, Revolutionen der Unterdrückten spielten nie eine entscheidende Rolle. Und die großen Klassenkämpfe der Bauern in Deutschland am Ende des 15. und in der ersten Zeit des 16. Jahrhunderts gegen die feudale Gesellschaftsordnung führten nicht zum Ziel einer, wenn auch nur kurzfristigen, grundlegenden Wandlung der Verhältnisse. Wenn Friedrich Engels diese Zeit als den ersten Akt der bürgerlichen Revolution charakterisiert, so müssen wir feststellen, dass es mehr als dreihundert Jahre dauerte, bis ihm 1848 der zweite folgte. Weshalb auch Engels bemerkt, dass damals, in den Bauernkriegen (und während der geistigen Revolution durch Martin Luther und der utopisch-realen durch Thomas Müntzer), »die zu bekämpfenden Gegner großenteils noch dieselben« waren wie in »unsern heutigen Kämpfen«.⁹ Damals, um 1500, waren die Klassenkämpfe zur Umwandlung einer Gesellschaftsordnung in eine andere, wie wohl alle anderen, die es in der Geschichte bis dahin gegeben hat, ohne Erfolg.
Der Übergang in England
In England fand die Umwandlung von der feudalen Gesellschaftsordnung zur kapitalistischen ohne bemerkenswerte Klassenkämpfe statt. Sowohl auf dem Lande wie in der Stadt. Die erste Revolution, die eine Gesellschaftsformation in eine andere verwandelte – ohne deshalb die Produktionsweise zu verändern –, war die amerikanische, die aus einer Kolonialgesellschaft eine souveräne Gesellschaft machte. Die erste Revolution, die eine neue Gesellschaftsformation mit einer neuen Produktionsweise herbeiführte, war die mit Recht so genannte Große Revolution, die in Frankreich 1789 begann.
Der Übergang zu einer immer stärker werdenden kapitalistischen Produktion begann in England auf dem Lande, zum Teil unter stärkster Teilnahme der Stadt: eine besonders glückliche Konstellation. Er begann im 15. Jahrhundert sehr langsam und setzte sich verstärkt bis um 1600 fort, bis gegen Ende der Regierung der Königin Elisabeth. Das 14. Jahrhundert brachte zahlreiche Kämpfe der Bauern gegen den zunehmenden feudalen Zwang. Der Höhepunkt dieser Kämpfe war der Aufstand im Mai 1381, der ganz wesentlich zur Zersetzung des feudalen Systems beigetragen hat. Warum aber war er darin erfolgreicher als die Bauernaufstände in Frankreich und Deutschland? Warum konnte er verhindern, dass die feudalen Fesseln wieder schärfer angezogen wurden, wie es zum Beispiel in Deutschland nach 1525 der Fall war? Dafür gibt es wohl drei Hauptursachen, deren dritte wir ausführlicher behandeln müssen.
Einmal war in England die Zersetzung des feudalen Systems schon vor dem Aufstand weiter gediehen als in Frankreich und Deutschland. Zweitens war die Position der herrschenden Klasse der Feudalherren in England durch den Bauernaufstand weit stärker erschüttert als durch den auf einen relativ geringeren und weniger wichtigen Teil des Landes beschränkten Aufstand in Deutschland. Während in Deutschland noch Jahre nach dem Aufstand jeder neu entdeckte wirkliche oder angebliche Teilnehmer grausam zu Tode gemartert wurde, musste das englische Parlament wenige Monate nach der Niederschlagung des Aufstandes eine Amnestie für die Teilnehmer verkünden.
Die dritte Hauptursache war die schnelle Verwandlung der feudalen Naturalrente in die feudale Geldrente und die Verwandlung ebendieser durch die Ausdehnung eines Pachtsystems in eine kapitalistische Rente. Dieser Umwandlungsprozess, bei dem sowohl befreite Bauern wie Besitzer von kleineren Grundstücken eine Rolle spielen, wird verständlich, wenn man folgendes bedenkt: Ein überaus wichtiger Faktor der steten Festigung und relativ schnellen Ausbreitung kapitalistischer Elemente ist in der Eigenart der englischen Landwirtschaft zu finden, die ein spezifisches Handelsprodukt herstellte, ein Ausfuhrprodukt von größter Bedeutung: Wolle. Die englische Wolle stellte die Rohstoffbasis für die flämische Textilindustrie dar und wurde auch in großen Mengen nach Italien verkauft.
Rapide Beschleunigung
Die Umwandlung von Frondiensten und Naturalrenten in Geldrenten führte aber nicht nur zu einem Wechsel der feudalen Ausbeutungsmethoden, sondern eben auch zu einem Abstreifen von feudalen Fesseln, da die Bauern durch den Wollverkauf eher die Möglichkeit hatten, sich loszukaufen. Überdies entwickelte sich aus landarmen und landlos gewordenen Bauern eine breite Schicht von Tagelöhnern, die auf dem herrschaftlichen Land gegen Geld Dienst taten. Diese letztere Entwicklung, das Entstehen einer breiten Schicht von landlosen Landarbeitern, fand vor allem dort statt, wo die Schafzucht die Enteignung der Bauern deswegen erleichterte, weil Flucht dem Boden, der jetzt als Weide diente, keinen Schaden antat, weil die Flucht keinen entsprechenden Menschenmangel hervorrief – die Schafzucht bedurfte nämlich weit weniger Arbeitskräfte als der Ackerbau. Diese ökonomische Möglichkeit zu brutalstem Vorgehen gegen die Bauern wurde von den Großgrundbesitzern auf das stärkste ausgenutzt, indem sie zur »Privatisierung« der Forsten und Weiden übergingen.
Wie später in der Französischen Revolution beginnt ganz selbstverständlich auch in England der Übergang zu nicht mehr feudalen und dann zu kapitalistischen Verhältnissen in dem Hauptwirtschaftszweig, in der Landwirtschaft. Und dann kommt eine rapide Beschleunigung dieses Prozesses aus der Stadt. Während England in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts noch vor allem ein Textilrohstoffland war, entwickelte sich in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts die Produktion von Broadcloth, einem feinen schwarzen Tuch, so stark, dass sie sich verdoppelte und die Ausfuhr sich verneunfachte. Im 15. Jahrhundert geht England dann endgültig von der Wollproduktion zu Exportzwecken zur Tuchfabrikation über. Schätzte man den Tuchexport 1354 auf weniger als 5.000 Stück, so waren es 1461/62 bereits fast 40.000, 1481/82 rund 67.000 und um 1510 bereits 85.000 Stück.
Die städtischen Wolltuchproduzenten, vor allem aber auch die Kaufleute, die mit Wolle und Wolltuchen handelten, blieben jedoch nicht in der Stadt kleben. Sie wanderten auf das Land, weil sie dort in den von feudalen Fesseln befreiten, aber zugleich auch häufig von ihrem Land »befreiten« Bauern und Landarbeitern die nötigen Arbeitskräfte fanden. Sie wanderten auf das Land, weil sie dort nicht, wie in der Stadt, den chronischen Widerstand und die Sabotage ihrer Produktionsversuche durch die städtischen Zünfte, durch die Handwerker erfahren mussten.
Eine große zusätzliche Rolle für die Abwanderung auf das Land spielte auch die Möglichkeit, dort niedrigere Löhne zahlen zu können. Arbeitsorganisatorisch brachte das Land ebenfalls Vorteile – es war leichter, die Wolle dort verarbeiten zu lassen und das Tuch in die Stadt zu bringen, als die Wolle in die Stadt zu transportieren. Ein weiterer Grund, der die Tuchproduktion auf das Land trieb, war der Prozess der Mechanisierung, den wir in der Filzindustrie finden und der genau wie beim Walken auf der Ausnutzung von Wasserkraft beruht.
So wie die Schafzucht die Auflösung der feudalen Verhältnisse Englands auf dem Lande außerordentlich erleichterte und die ursprüngliche Akkumulation stark förderte, so ist es das Wolltuch, das die feudalen Produktionsgrenzen zwischen Stadt und Land verwischte. Ohne dabei jedoch natürlich den Gegensatz zwischen Stadt und Land aufzuheben oder auch nur zu vermindern – er wurde gewandelt, aber nicht kleiner.
Mit dem 16. Jahrhundert beginnt dann das, was man, wie es auch Marx tat, »die kapitalistische Ära« nennen kann. In England beobachten wir eine allgemeine Revolution der Produktivkräfte wie in keinem anderen Lande. Sie beginnt mit der Steigerung der Kohlenproduktion für die Verwendung in Industrie und Haushalt, die auf die Verknappung und Verteuerung von Holz als Brennstoff zurückzuführen ist. So knapp wurde Holz in einzelnen Gegenden, dass Anthony Weldon 1618 meinte: Wenn Judas Christus in Schottland verraten hätte, so wäre es schwer gewesen, einen Baum zu finden, um ihn aufzuhängen. In der Tat hat die Kohle im 16. Jahrhundert den Fortschritt der Produktivkräfte, der Technologie, der Wissenschaft ganz wesentlich gefördert.
Auch die Eisenindustrie machte in diesem Jahrhundert hoch bedeutsame Fortschritte. Zwischen 1490 und 1500 wurden in England die ersten Hochöfen gebaut. Sie produzierten schon am Anfang ihrer Einführung bis zu siebenmal soviel pro Stunde wie die Eisensteinschmelzwerke genannten Luppenfeuer. Natürlich spielten bei der Ausdehnung der Eisenindustrie Kriegsmotive keine geringe Rolle. So scheint die Anlegung von Hochöfen in Sussex auf die drohende Gefahr eines Krieges mit Frankreich 1543 zurückzuführen zu sein. Hinzu kommt eine Ausweitung der Stahlproduktion (mit Hilfe holländischer Facharbeiter), der Drahtherstellung usw. Dabei beobachten wir, wie auch in anderen Industrien, eine zunehmende Verlagerung der Produktion von Waffen und Luxuswaren auf Gegenstände des industriellen und täglichen Gebrauchs.
Reaktion und Revolution
Um 1600 war der Charakter von Englands Wirtschaft, natürlich noch in so mancher Beziehung stark feudal, bereits durch ihre kapitalistischen Züge bestimmt. Und dann folgt, wie im 5. Jahrhundert im weströmischen Reich, wie gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Norditalien, eine Zeit der feudalen Reaktion. Nicht, dass sich die Wirtschaft nicht weiter günstig entwickelte. Wohl aber zeigen sich im Königtum unter Jacob I. und Karl I. mehr und mehr kontinentale feudalabsolutistische Züge. So versuchten sie, die Rolle des Parlaments, damit des Bürgertums, damit des Kapitals mehr und mehr zu behindern und einzuschränken, vor allem auch einen immer größeren Teil des jährlichen Steueraufkommens der Verfügung des Hofes zu unterwerfen. Der Einfluss des feudalen Kontinents, insbesondere des katholischen Frankreich, in England, dessen Kapitalisten und Kleinbürger mehr und mehr antikatholisch geworden waren, wurde immer größer. Hier auf dem Kontinent werden in der Landwirtschaft die feudalen Fesseln, die in der vorangehenden Zeit zum Teil gefallen waren, wieder angelegt und noch verstärkt. In der Stadt werden die Kaufleute und Produzenten von den Handwerkern zum Teil verdrängt, und die dumpfe Luft der Verfallsperiode des Feudalismus erstickt die Freiheit der Städte. Die Hauptstütze des Feudalismus stellt die katholische Kirche dar, gefördert und ausgenutzt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor allen Dingen von der weltlichen Macht Spaniens und zu Beginn des 17. Jahrhunderts von der neu aufkommenden Hauptmacht des Kontinentes, dem feudalen Frankreich. Das einzige Land, in dem sich der Kapitalismus durchgesetzt hatte, England, wurde von einem Netz von Agenten der feudalen Reaktion überzogen.
Bedauerlicherweise besitzen wir keine gründlichere Darstellung der Aktivität der feudalkatholischen Agenten im damaligen England. Jedoch sind uns zahlreiche allgemeine und Einzelvorgänge bekannt. So hatte der Papst offiziell jeden im voraus gesegnet, der die Erde von der häretischen Königin Elisabeth befreien würde, und Reisenden, die nach England kamen, fiel auf, wie sorgsam sie aus Rücksicht auf das Eindringen von Agenten ausgefragt und untersucht wurden. Unter Jacob I. und Karl I. nahm die Sendung von Agenten geradezu den Charakter einer Invasion an. Katholizismus und Feudalismus, Katholizismus und Landesfeind, Landesfeind und Königsfreund rückten als Entsprechungen in den Augen puritanischer Kapitalisten und von Teilen des Volkes immer näher zusammen.
Und dann erfolgt als Gegenbewegung des kapitalistischen Bürgertums und des kapitalistischen Landadels die einzigartige Revolution von 1640. Sie ist, so widersprüchlich und kurios das klingt, wie Marx sie nennt, eine »konservative Revolution«.¹⁰ Denn sie konserviert, sie rettet vor dem Untergang eine neue Gesellschaftsformation, die bereits im Entstehen begriffene kapitalistische. Es sind vor allem herrschende Wirtschaftskräfte, die die an der Spitze des Staates stehenden herrschenden politischen Kräfte in einem Bürgerkrieg besiegen. Die wirtschaftliche Basis musste sich Freiheit der Bewegung gegen den politischen, mehr und mehr feudalistisch werdenden Überbau schaffen.
Während uns unbekannt ist, wie und wo das System der Sklaverei als Jahrhunderte und vielleicht noch länger stetig andauerndes begann, während wir wissen, dass das feudale Wirtschaftssystem nicht durch eine Revolution, im engeren Sinne des Wortes, für Jahrhunderte stabil eingeführt wurde, wurde das kapitalistische System zwar ebenfalls nicht durch eine Revolution eingeführt, aber durch eine Revolution für Jahrhunderte stabilisiert. Ein erstaunlicher historischer Vorgang, eine ganz besonders eigenartige Wendung in der Geschichte der Gesellschaftsformationen, eine in der Geschichte ganz neue Art der gesellschaftlichen Transformation.
Anmerkungen:
1 Henri Sée: Die Ursprünge des modernen Kapitalismus. Ein historischer Grundriss, Bern 1948, S. 9
2 Marx/Engels: Werke (MEW), Bd. 25, S. 339 u. 795
3 MEW, Bd. 23, S. 744
4 Frank Deppe: Niccolò Machiavelli. Zur Kritik der reinen Politik, Köln 1987, S. 126
5 Stephan Skalweit: Der Beginn der Neuzeit. Epochengrenze und Epochenbegriff, Darmstadt 1982, S. 30 f.
6 Alfred Doren: Italienische Wirtschaftsgeschichte, Bd. 1, Jena 1934, S. 630
7 Ebd., S. 497
8 Georg Fülberth: Sieben Anstrengungen, den vorläufigen Endsieg des Kapitalismus zu begreifen, Hamburg 1991, S. 126
9 MEW, Bd. 7, S. 329
10 Vgl. MEW, Bd. 7, S. 209

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