Warum politische Bewegungen Erfolg haben (und warum nicht)

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von Rico Grimm12. Juni 2017
Warum politische Bewegungen Erfolg haben (und warum nicht)

Unter mir wogte ein blaues Menschenmeer hin und her. Fünftausend waren an diesem Sonntag zum Gendarmenmarkt in Berlin gekommen, um bei „Pulse of Europe“ für Europa zu demonstrieren. Sie schwenkten kleine EU-Fähnchen und sangen die Europahymne, aber mit einem neu gedichteten niederländischen Text. Sie sangen, um unseren Nachbarn eine Nachricht zu schicken: Wir gehören zusammen. Es war der letzte Sonntag, bevor in den Niederlanden Wahlen stattfanden, und die Demonstranten unter mir hatten Angst, dass wieder die Nationalisten gewinnen könnten. Wie beim Brexit und der Wahl von Donald Trump. Ich war beeindruckt, mir aber auch nicht sicher, ob dieses Singen oder Fahnenschwenken irgendetwas bringt.
An diesen Moment hat mich die E-Mail von Rudolf Ende erinnert. Er ist 65 Jahre alt, Sozialpädagoge, KR-Mitglied und auch aktiv. Allerdings nicht bei Pulse of Europe, sondern bei einer anderen Gruppe. Sie glaubt auch an die europäische Integration und will Europa verändern. Seine Bewegung hat Ortsgruppen in ganz Europa aufgebaut, ein echtes Programm entwickelt und inzwischen 60.000 Mitglieder. Und trotzdem hatte ich bisher nur selten von ihr gehört. Diem25 heißt sie, das steht für „Democracy in Europe Movement 2025″.
Rudolf erzählte mir ein bisschen mehr von Diem25. Dass es eine europaweite Graswurzelbewegung sei, die auf dem ganzen Kontinent Beachtung findet, nur nicht in Deutschland. Dass sie ihr Programm basisdemokratisch ausgearbeitet habe und endlich erreichen wolle, was ich auch schon lange fordere: dass die EU selbst demokratischer wird. Ich fand mich in einem spannenden Rätsel wieder: Wieso hatte ich schon so viel über das schwärmerische Pulse of Europe gehört, aber so wenig über Diem25, obwohl diese Bewegung deutlich älter, deutlich besser strukturiert und deutlich konkreter in ihren Forderungen ist? Ich meine, es war doch mein Job, hinter die Fassade zu schauen und mehr auf die Inhalte zu achten? Bei meiner Recherche merkte ich, dass ich Opfer meiner eigenen journalistischen Impulse geworden war.
Wird über Diem25 weniger berichtet, weil es systemkritischer ist als Pulse of Europe?
Pulse of Europe begann in Frankfurt, wo sich nach der Wahl von Donald Trump eine Gruppe von Freunden und Kollegen formierte, um für Europa zu werben. Ende November fand die erste Demonstration in Frankfurt statt und bald darauf auch in anderen Städten. Die Bewegung wuchs schnell, und bald begannen viele Medien zu berichten. Rudolf hatte sich an mich gewandt, weil es ihn wunderte, wie wenig im Vergleich über Diem25 in Deutschland geschrieben wird. Viele junge Menschen, sagte er mir, engagierten sich in dieser Bewegung, die noch nie zuvor Mitglied einer Partei gewesen seien. „Ich habe den Eindruck, dass die bekannten Medien kaum Notiz von Diem25 nehmen, weil diese Organisation als zu systemkritisch wahrgenommen wird und deshalb keine Aufmerksamkeit bekommen soll.“ Das war Rudolfs Vermutung. Sie klingt ziemlich verschwörerisch, oder? Aber Rudolf hat recht.
Über Diem25 wurde tatsächlich weniger berichtet, viel weniger. Laut Google-Suche sind in Deutschland seit Jahresbeginn 395 Artikel erschienen, die an irgendeiner Stelle das Wort „Diem25″ enthalten, bei „Pulse of Europe” sind es 7.900. Das spiegelt sich auch im Interesse der Nutzer wider. Wenn man vergleicht, wie oft Menschen „Diem 25” und “Pulse of Europe” bei Google gesucht haben, erhält man dieses aufschlussreiche Diagramm. Zu Spitzenzeiten war das Interesse an Pulse of Europe bis zu 100 Mal so hoch wie an Diem25:
Und nicht nur das. Ich kann nicht alle Artikel durchsehen, aber diejenigen über Diem25, die ich in Mainstream-Medien gefunden habe, waren auch kritischer. Immer wieder monierten meine Kollegen, dass Diem25 keinen guten konkreten Plan habe. Zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung: „Alles bleibt so hinreichend unkonkret, dass kaum jemand nicht sagen könnte, dass das alles irgendwie eine nette Idee ist.“
Darin liegt eigenartigerweise eine gewisse Logik. Denn, ob bewusst oder nicht, Medien funktionieren bei neuen politischen Bewegungen manchmal wie die Tante, die auf das Kind aufpasst, während die Mutter gerade woanders beschäftigt ist. Sie achten darauf, dass sich jeder an die vorherrschenden Regeln hält und üben so eine „soziale Kontrolle“ aus. So nennen das die Wissenschaftler. Je aufsässiger das Kind ist, desto besser passen sie auch auf. Oder anders gesagt: Je systemkritischer eine Bewegung ist, desto kritischer sind auch die Berichte in der Presse.
„Die Größe einer Demonstration ist ihre wichtigste Nachricht”
Aber heißt das auch, dass deswegen weniger berichtet wird? Bin ich Opfer meiner eigenen unbewussten Zensur geworden und habe ich mich nicht für Diem25 interessiert, weil sie so kritisch sind? (Bei dem Gedanken wird mir etwas unwohl.) Wahrscheinlich liegt es nicht daran.
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