Zumachen, quetschen, aufstechen

https://www.jungewelt.de/artikel/311786.zumachen-quetschen-aufstechen.html
Es war Polizeitaktik: Vor 50 Jahren wurde der Student Benno Ohnesorg erschossen

Aus: Ausgabe vom 02.06.2017, Seite 10 / Feuilleton
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Schon am Vormittag des 2.Juni 1967 werden die Schah-Gegnervon iranischem Geheimdienst und westberliner Polizei vor dem Schöneberger Rathaus zusammengeschlagen
Foto: dpa
Als der Schah von Persien 1967 Westdeutschland und Westberlin besuchte, urteilte die linke Publizistin Ulrike Meinhof, wusste die studentische Linke noch wenig über den Iran – und wenig »über unser eigenes Land«. Der studentische Protest war niedergeknüppelt worden. Für Meinhof war damit klargeworden, »dass man offensichtlich keinen Polizeistaatschef empfangen kann, ohne mit dem Polizeistaat selbst zu sympathisieren«.
Tatsächlich hatte der Westberliner Polizeipräsident Erich Duensing seinen Untergebenen empfohlen, eine »Leberwursttaktik« gegen die Demonstranten anzuwenden: zumachen, quetschen, aufstechen, Panik erzeugen. Und dann gab es noch die »Jubelperser«, iranische Geheimdienstleute, die ungehindert auf die Demonstranten einschlugen, die gegen den Schah protestierten, als er sich am Vormittag des 2. Juni 1967 im Schöneberger Rathaus ins »Goldene Buch der Stadt« eintrug. Am Abend wiederholte sich diese Szenerie vor der Deutschen Oper, in die der Schah vom Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz (SPD) eingeladen worden war, nur dass diesmal die Polizei die Protestierenden einkesselte, damit die »Jubelperser« sie besser angreifen konnten, und fliehende Demonstranten jagte – auch den Germanistikstudenten Benno Ohnesorg. Er wurde von Polizisten erst zusammengeschlagen, und dann schoss ihm der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras aus nächster Nähe in den Hinterkopf. Er war 26 Jahre alt, werdender Vater, Pazifist und Mitglied der evangelischen Studentengemeinde.
Der Tag seiner Ermordung gilt als Auslöser für eine Radikalisierung der Studentenbewegung. Gudrun Ensslin soll noch am selben Abend im Berliner SDS-Zentrum gesagt haben: »Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren. Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Dies ist die Generation von Auschwitz – mit denen kann man nicht argumentieren.« 1970 wurde sie Mitbegründerin der RAF. 1972 bildete sich dann eine Gruppe aus militanten Anarchisten, Spontimaoisten und Haschrebellen, die »Bewegung 2. Juni«, weil sie einem gewalttätigen Staat nicht unbewaffnet gegenübertreten wollten.
Über den Todesschützen Kurras weiß man seit 2009, dass er Agent der Staatssicherheit war. Bei Bekanntwerden dieser Nachricht kamen sofort Spekulationen auf. Sollte die DDR mal wieder schuld sein und nicht die Westberliner Polizei? Sogar die Berliner Staatsanwaltschaft musste dies verneinen, 2011 stellte sie ein Ermittlungsverfahren gegen Kurras ergebnislos ein. Kurras schrieb oder diktierte mindestens 152 Berichte über Interna aus der Westberliner Polizei. Sein Führungsoffizier beim MfS beschrieb ihn als empathielos. Für Bommi Baumann von der früheren »Bewegung 2. Juni« war Kurras’ Agententätigkeit ohne Belang. »Er war ja nicht allein. Er ist der klassische autoritätsfixierte, aggressive Spießer. Uns ging es darum, dass solche Leute nicht mehr das Sagen haben«, kommentierte Baumann 2009 in der taz.
M&R gratuliert Konstantin Wecker

Kurras war in erster Linie ein Mann des BRD-Systems, dessen Justiz ihn gleich mit mehreren Freisprüchen (von der Anklage des bewussten Totschlags) bedachte. Das letzte Mal im Dezember 1970. Der Schriftsteller Peter Handke hatte bereits auf den ersten Freispruch (von der Anklage des bewussten Totschlags) Ende November 1967 mit »Traurigkeit und Wut« reagiert: Für ihn war die »scheinbare Rechtstreue des Richters« nichts anderes als eine »Variante der Willkür«. Das sagte Handke in seiner Dankrede für den Gerhart-Hauptmann-Preis 1967. In ihr forderte als Konsequenz aus dem Kurras-Freispruch, dass alle Gerichte, »alle dem einzelnen übergeordneten Institutionen des Staates abgeschafft« werden müssten. Das wurde damals sogar in der FAZ gedruckt.
Es ist davon auszugehen, dass der Waffennarr Kurras wohl eher aus finanziellen Interessen denn aus ideologischer Überzeugung für die DDR spionierte. Der ehemalige Wehrmachtssoldat ließ sich nach dem Nazikriegsverbrecher gerne »Kaltenbrunner« nennen und war ein Paradebeispiel für einen »autoritären Charakter«, wie man damals im Rückgriff auf Adorno sagte. Zugleich ist die Personalie Kurras Symbol für den Polizeistaat Bundesrepublik.
Das zeigt auch die neue RBB-Dokumentation »Wie starb Benno Ohnesorg?« von Klaus Gietinger, Margot Overath und Uwe Soukup, die Anfang der Woche im Fernsehen lief. Unmittelbar nach dem tödlichen Schuss von Kurras begann die Vertuschung. Zuerst sorgten die Polizisten dafür, dass der Krankenwagen nicht direkt zum Krankenhaus fuhr, sondern eine große Runde durch die Stadt machte. Dann übten Polizisten Druck auf die Ärzte im Krankenhaus aus. Die geröntgte Wunde war erst als Schussverletzung diagnostiziert worden, verwandelte sich aber auf dem offiziellen Leichenschein zu einem Tod in Folge stumpfer Schläge. Sogar der Schädel mit der Eintrittswunde wurde schließlich manipuliert.
Während der Polizei-Angriffe am 2. Juni 1967 hörten die Staatsgäste aus Iran Mozarts »Zauberflöte«. Ein blutig-surrealistischer Abend, der die Spektakeltheorie des französischen Situationisten Guy Debord untermauert: »Wo das Spektakuläre in konzentrierter Form herrscht, herrscht die Polizei«.

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