Wir sind in der Endphase des Klassenkampfes

https://www.jungewelt.de/artikel/311427.wir-sind-in-der-endphase-des-klassenkampfes.html

Gespräch mit Jean Ziegler. Über Glauben, Entfremdung und die kannibalische Weltordnung
Aus: Ausgabe vom 27.05.2017, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
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Jean Ziegler äußerte sich immer wieder zur Frage des Hungers, hier auf einer Pressekonferenz am europäischen Hauptsitz der Vereinten Nationen in Genf (28. April 2008)
Foto: EPA/SALVATORE DI NOLFI
Jean Ziegler … ist Schweizer Soziologe und Buchautor. Er war der erste UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Derzeit ist er Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats der UN. Zu den Schweizer Gewerkschaften hält er enge Verbindungen, verfasst etwa eine regelmäßige Kolumne für Work, die Zeitung des größten Verbandes Unia

Jean Ziegler: Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe – und die, die wir gemeinsam gewinnen werden. C. Bertelsmann Verlag, München 2017, 320 Seiten, 19,99 Euro

Herr Ziegler, Sie haben kürzlich Ihr neues Buch vorgelegt, »Der schmale Grat der Hoffnung«. Der Band trägt weitgehend autobiographische Züge. Ich möchte Ihnen auch eine persönliche Frage stellen: Ist Jean Ziegler, der Sozialist, ein gläubiger Mensch?

Der französische Schriftsteller Victor Hugo sagte: »Ich hasse alle Kirchen, ich liebe die Menschen, ich glaube an Gott.« Dass es einen Gott gibt, scheint mir evident. Der Beleg dafür ist die Liebe, die wir in uns tragen. Lieben ist ja kein Willensakt, vielmehr werden wir von der Liebe erfasst. Sie muss von irgendwoher kommen, anders ist das gar nicht möglich.
Und was ist mit dem Bösen?
Auch das Böse muss eine autonome Quelle haben, etwas also, das außerhalb des Menschen liegt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass all die Folterknechte dieser Welt von einer menschlichen Perversion getrieben werden. Sie sind vom Bösen beherrscht.
Das klingt so, als könnten diese Typen nichts dafür.
Nein, nein, im Gegenteil. Wie Jean-Paul Sartre sagt: »Der Mensch ist das, wozu er sich macht.« Wir wurden ja nicht als Roboter erschaffen, sondern als Wesen mit Freiheit. Und diese Freiheit ermöglicht uns nicht bloß zwischen Gut und Böse zu wählen, sie bringt auch die Pflicht und die Verantwortung mit sich, das Richtige zu tun.
Wenn es um die Schurken dieser Welt geht, zeichnen Sie in Ihrem Buch ein besonders düsteres Bild.
Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung, diktiert von Finanzoligarchen. Die 85 reichsten Milliardäre besitzen so viel wie die 4,5 Milliarden ärmsten Menschen, das müssen Sie sich einmal vorstellen. Die 500 größten Konzerne der Welt beherrschen fast 53 Prozent des jährlichen Weltsozialprodukts. Diese Oligarchen haben eine Macht, wie kein König, kein Kaiser und kein Papst sie je hatte.
Sind sie gar stärker als die stärksten Staaten?
Wenn Vertreter der Deutschen Bank oder von Siemens im Bundeskanzleramt anrufen und sich über die deutsche Position im UN-Menschenrechtsrat in puncto Geierfonds beschweren – ich schreibe darüber im ersten Kapitel meines neuen Buches –, dann knickt Angela Merkel ein. Ich nehme Deutschland als Beispiel, weil es sich um die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt handelt und Frau Merkel demokratisch gewählt wurde. Dennoch wird die Bundeskanzlerin komplett von der Finanzoligarchie dominiert, wenn es um die neoliberale Wahnidee des total unregulierten Marktes geht. Der größte Erfolg des Raubtierkapitalismus ist allerdings ein anderer.
Nämlich?
Die Entfremdung unseres Identitätsbewusstseins. Die neoliberale Wahnidee will uns eintrichtern, dass sich der Markt selbst reguliert, dass er Naturkräften folgt und der Mensch nichts anders tun kann, als sich diesen Marktkräften zu unterwerfen. Dadurch wird der Mensch seiner historischen Subjektivität und Singularität beraubt. Er verhält sich nur noch so, wie ihm die Warengesellschaft das diktiert.
Welche anderen Folgen hat diese Entfremdung?
Wir handeln gegen unsere eigenen Interessen. Nehmen wir nur die Abstimmungen der vergangenen Jahre in der Schweiz: die Initiative 1:12 für eine Limitierung der Managerlöhne auf das Zwölffache des geringsten im Unternehmen gezahlten Lohns, die Initiative für bessere Renten, die Vorlage zur Herstellung der Einheitskrankenkasse, ein Vorschlag für zusätzliche Ferienwochen, die Mindestlohninitiative. Jedes Mal stimmte das Schweizer Volk dagegen und damit immer auch gegen sich selbst. Genauso schlimm ist die mangelnde Empathie.
Was hat die Entfremdung des Bewusstseins mit mangelndem Mitgefühl zu tun?
Beilage Kinder, 3105

Das Identitätsbewusstsein entsteht aus der Fähigkeit, sich im anderen wiederzuerkennen. Der Mensch ist vielleicht das einzige Wesen, das dazu in der Lage ist. Deshalb leiden wir mit, wenn wir sehen, wie ein Kind gequält wird, und wollen ihm helfen. Dieses Identitätsbewusstsein schafft in der Praxis also Empathie und Solidarität. Ist es aber zugeschüttet durch die neoliberale, mörderische Wahnidee, so wird der Mensch sich selbst entfremdet, und er verliert sein Mitgefühl.
Wird er deswegen auch anfälliger für Populismus?
Vor allem, wenn die Sündenbocktheorie ins Spiel kommt, wie wir das zum Beispiel von Marine Le Pen und dem Front National kennen: »Euch geht es schlecht, und schuld daran sind allein die Fremden, die Migranten, die Geflüchteten. Also weg mit denen, dann habt ihr wieder Arbeit, und alles wird gut!« Für die Mehrheit der Menschen, die entfremdet sind, ist die Schlange des Faschismus unglaublich verführerisch.
Braucht es eine Katastrophe, um diese Schlange zu vertreiben?
Nein, eine Katastrophe müssen wir nach Möglichkeit vermeiden. Um unser zugeschüttetes Identitätsbewusstsein wieder freizuschaufeln, brauchen wir den Klassenkampf auf theoretischer Ebene. Es ist dies eine Auseinandersetzung um symbolische Inhalte, eben um das Bewusstsein. Ein schwieriger Kampf, doch er muss geführt werden – und ich bin überzeugt, dass wir ihn gewinnen können.
Zwischendurch gefragt: Sind Sie ein Idealist, Herr Ziegler?
Ich mag es überhaupt nicht, wenn man mich einen Idealisten nennt. Ich bin Soziologe und meine Analysen beruhen auf empirischen Daten.
Trotzdem: Ihr Vorschlag klingt sehr theoretisch. Was können, was sollen wir konkret tun?
Um nochmals Sartre zu zitieren: »Con­naître l’ennemi! Combattre l’ennemi!« Zuerst müssen wir den Feind erkennen, wir müssen begreifen, wie die kannibalische Weltordnung, wie der Bankenbanditismus und wie die Finanzoligarchie funktionieren. Dazu gehört die Einsicht, dass es sich beim Hunger nicht um eine Naturkatastrophe handelt, sondern dass er menschengemacht ist. Aus dem Welternährungsbericht wissen wir: Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder den unmittelbaren Folgen des Hungers. In genau demselben Bericht steht auch, dass die Weltlandwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte, also fast das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung. Anders als zu Zeiten von Marx herrscht heute also kein objektiver Mangel mehr. Das Problem des Hungers ist nicht mehr fehlende Nahrung, sondern: fehlender Zugang, fehlende Kaufkraft.
Und wie gehen wir gegen den Feind vor, nachdem wir ihn erkannt haben?
Man muss den Kampf mit den Mitteln aufnehmen, die einem zur Verfügung stehen. In der kubanischen oder bolivianischen Revolution war das die Waffe in der Hand. Bei uns sind es die Instrumente der Demokratie, also in der Schweiz Volksinitiativen, aber auch Demonstrationen und Streiks. Zum Beispiel könnte das Parlament die Börsenspekulation mit Grundnahrungsmittel, die derzeit völlig legal ist, von heute auf morgen beenden. Diese Spekulationen gehören zu dem Fürchterlichsten, das es gibt. Hedgefonds, die Banken wie UBS und Credit Suisse sowie andere Halunken streichen dabei astronomische Profite ein.
Aber wenn die Nahrungsmittelpreise steigen, dann können die ärmsten der Armen keine Nahrung mehr kaufen. Um ein Beispiel zu geben: Ich war im Rahmen einer UN-Mission in Lima in einer Calampa, einem Slum. Am Abend kamen die Mütter zum Reisdepot. Keine dieser Frauen konnten sich auch nur einen halben Sack Reis leisten, alle holten sie ihn in kleinen Pappbechern. Dann gingen sie nach Hause, machten Feuer unterm Kessel und schütteten die paar Reiskörner in das brodelnde Wasser. Und das war dann das Essen der ganzen Familie für einen Tag. So ist das. Die Nahrungsmittelspekulation ist für Hunger, Armut und Tod mitverantwortlich.
In der Schweiz wurde die Initiative gegen die Nahrungsmittelspekula­tion vom Volk deutlich abgelehnt.
Ein weiterer Beweis dafür, dass viele Menschen entfremdet sind.
Ihr neues Buch trägt den Titel »Der schmale Grat der Hoffnung«. Hält man sich aber die gegenwärtigen politischen Entwicklungen vor Augen – Kriege, Hunger, rechte Hetze –, so gibt es wenig Anlass zur Hoffnung.
Sie haben recht. Wir sind in der Endphase des Klassenkampfes, die letzte Schlacht zwischen Gut und Böse steht unmittelbar bevor. Und da kann alles schiefgehen. Faschisten, Rassisten und andere Schwerverbrecher können an Zustimmung gewinnen. Trotzdem bin ich zuversichtlich. Wir alle erleben ständig eine doppelte Geschichte. Die eine ist die effektiv gelebte Geschichte, die uns hier und jetzt widerfährt. Und da liegt vieles im argen, man denke nur an all die unkontrollierten Kriege, die Hungertoten, die Geflüchteten. Aber es gibt zugleich noch eine andere Geschichte, die unser Bewusstsein verlangt, und zwar in Gestalt der Hoffnung. Theodor W. Adorno, führender Kopf der Frankfurter Schule, spricht vom »zugerechneten Bewusstsein«. Es geht um das, was wir als gerecht erleben, und dieses Bewusstsein entwickelt sich stetig weiter. Niemand kann es aufhalten. Beispiel Sklaverei: Sicher gibt es sie immer noch, doch keiner würde es noch wagen, sie öffentlich zu verteidigen.
Wie kann dieses zugerechnete Bewusstsein, dieses Verlangen nach Gerechtigkeit zur Realität werden?
Genau dies ist das Mysterium der Inkarnation: Unter welchen historischen Bedingungen wird eine Idee zur sozialen Kraft und politischen Realität? Wir wissen es nicht.
Ich glaube aber fest an die sanfte Macht der Vernunft. Es gibt dabei immer drei Phasen. Die erste ist die Perzeption: Wissen, wie die kannibalische Weltordnung funktioniert. Auf dieses Wissen folgt die zweite Phase, die Reaktion: Sie äußert sich in der Empathie, dem Mitgefühl. Schließlich die dritte Phase, die Aktion: eine neue kollektive Praxis, die anstelle des neoliberalen Konkurrenzkampfes ein solidarisches Verhalten propagiert, an dessen Ende der Sozialismus steht.
Wer erschafft diese kollektive Praxis?
Das einzig Gute an der kannibalischen Weltordnung ist ja, dass sie im Bewusstsein der Menschen ein neues historisches Subjekt erschaffen hat, nämlich: die planetarische Zivilgesellschaft. Sie kann es richten.
Und wer oder was ist die planetarische Zivilgesellschaft?
Eine rätselhafte Bruderschaft der Nacht: unzählige soziale Bewegungen, Gewerkschaften, NGOs und Einzelkämpfer. Sie gehören keiner bestimmten sozialen Schicht, Religion, Ethnie oder Nation an, sie kommen von überall her, sie haben kein Parteiprogramm, doch sie besitzen eine unbändige, kreative Kraft. Und sie folgen dem Grundsatz von Immanuel Kant, den wir alle in uns tragen: »Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.«
Besonders groß ist diese Zivilgesellschaft derzeit aber noch nicht.
Es geht hier doch gar nicht um Quantität. Schon immer waren es zu Beginn nur wenige, die das Identitätsbewusstsein der Menschen erkämpft haben. Viel wichtiger ist, dass diese Avantgarde die Triebkraft einer Zivilgesellschaft ist, die nicht weiter in einer Welt leben will, in der alle fünf Sekunden ein Kind wegen Hungers ermordet wird.
Ich bleibe skeptisch. Mag die Vernunft, wie Sie sagen, die Voraussetzung für Empathie sein, ein Garant für Mitgefühl ist unser Wissen um Missstände offenbar noch lange nicht. Wir alle kennen das ja nur zu gut: Vom Wissen zum Handeln ist es ein bisweilen ein sehr großer Schritt.
Wie heißt es doch: »Wenn der Esel nicht trinken will, kann man ihn nicht zwingen, doch dann wird er verdursten.« Heute kann niemand mehr sagen, er hätte nicht gewusst, was jetzt gerade im Südsudan, in Somalia oder dem Jemen passiert. Wer im Wissen um solch eine menschengemachte Katastrophe sein Leben nicht in den Dienst der Empathie und Solidarität stellt, der lebt ein entfremdetes Leben. Und das ist am Ende ein verlorenes Leben, Punkt.

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