Forscher der Uni Göttingen…

Sabine Rennefanz heute auf fb:

Forscher der Uni Göttingen sind an drei auffällige Orte in Ostdeutschland gefahren und haben Auffälliges entdeckt. Heraus kommt in den Schlagzeilen, dass Ostdeutschland anfälliger für Rechtsextremismus ist. Offenbar gibt es 27 Jahre nach der Wende sogar eine „ostdeutsche Mentalität“, las ich in der Süddeutschen Zeitung.Wenn man sich die Mühe macht, die ganze Studie zu lesen, merkt man, dass die Forscher sich Mühe geben, möglichst differenziert zu argumentieren, sie warnen vor dem „westdeutschen Zeigefinger“ und Pauschalurteilen, um dann doch wieder in alte Muster zu verfallen: Die DDR-Vergangenheit ist schuld, die Homogenität des Landes, die autoritäre Führung. Es tut mir leid, aber mich frustriert das. Bei allen Problemen, die aus der DDR-Zeit nachwirken mögen, scheint mir das 27 Jahre nach der Wende verengt und verkürzt und zu sehr auf Deutschland verengt. Die „Schwierigkeiten bei der Transformation“ tauchen nur als ein Grund von vielen auf, auch werden „überhöhte Erwartungen an den Westen“ genannt. Jeder, der damals dabei war, weiß, dass das Leben, die Gesellschaft Kopf stand, dass sich alles änderte, die Industrie abgebaut wurde, Millionen Arbeitsplätze verloren gingen, Biografien entwertet wurden. Betriebe schlossen, ganze Stadtviertel leerten sich, Vertrautes verschwand. Es entstand ein ideologisches Vakuum, viele fühlten sich heimatlos, fühlen sich bis heute heimatlos, abgewertet. Das habe ich, das haben andere alles schon oft gesagt, doch es will offensichtlich niemand hören. Ich habe in meinem Buch Eisenkinder geschrieben, dass Reden hilft, erklären. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob das stimmt, wenn ich den derzeitigen Diskurs verfolge. (Der ja besonders energisch von Medien mit Sitz in Hamburg und München geführt wird. Das nur nebenbei.)

Ich will auch nicht mehr lesen, dass es eine ostdeutsche Mentalität gebe, die irgendwie anders sei als die deutsche. Das ist so ein Quatsch. Es gibt viele kleine Mosaiksteine, die eine Identität ausmachen, das Alter, der Ort, familiäre Herkunft, eigener Lebensweg, Beruf, Auslandserfahrungen. Und niemand hat nur eine Identität: Ich bin Deutsche, aber auch Ostdeutsche, Frau und Mutter, Journalistin, Autorin, England-Fan und Europäerin. Ja, manches scheint nicht zusammenzupassen und doch passt es in ein Leben.

Ich staune auch über den sehr deutsch-zentrierten Ansatz der Studie: Wohin man in Europa schaut, sind rechtsextreme Bewegungen auf dem Vormarsch. In Frankreich haben elf Millionen Menschen die rechte Kandidatin Marine Le Pen gewählt. Übrigens ist Frankreich auch gespalten, wenn man sich die Wählerkarten anschaut, der Osten ist Le-Pen-Land. Sind die elf Millionen auch alle DDR-geschädigt? Ja, das ist polemisch. Aber ich verstehe nicht, wie man die Entwicklungen in Europa, in der Welt, die wachsende Ungleichheit, die unsichere Zukunft, die Widersprüche zwischen politischen Behauptungen („Deutschland geht es so gut wie nie“) versus alltäglichen Erfahrungen (Lohnstagnation, Entwertung von Ersparnissen, steigenden Abgaben, unsichere Verträge, Anstieg von Leiharbeit, steigende Mieten in Großstädten, Ausdünnung von Infrastruktur usw.) so ignorieren kann. 

Ich würde gerne mal Ideen hören, wie man die Lage in Ostdeutschland oder anderen abgehängten Regionen verbessern kann. Was man tun kann. Ich würde gern mal was Zukunftsorientiertes hören. Okay, das war mein Wutausbruch der Woche.

Wer es sich antun will, kann die Studie hier nachlesen:
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/rechtsextremismus-in-ostdeutschland-studie-untersucht-freital-und-heidenau-a-1147970.html

http://www.beauftragte-neue-laender.de/BNL/Redaktion/DE/Downloads/Publikationen/studie-rechtsextremismus-in-ostdeutschland.html

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