Im Mai 1992 erfolgte in Kambodscha der erste größere Einsatz der Bundeswehr im Rahmen einer UN-Mission

https://www.jungewelt.de/m/artikel/310202.eine-passende-b%C3%BChne.html

In Kambodscha hatte die Bundeswehr ihr erstes Todesopfer bei einem Auslandseinsatz zu verzeichnen – deutsche UN-Soldaten bewachen den Kühlcontainer mit der Leiche (Phnom Penh, 15.10.1993)

Foto: epa/dpa
Der Spiegel schlug kräftig Schaum. »Größenwahn der Generäle«, so überschrieb er im April 1992 einen Vierseiter, in dem er ein Konzept für die »nationale Führungsfähigkeit» der Bundeswehr vorstellte. Verfasst hatten es angehende Generalstabsoffiziere an der Hamburger Führungsakademie und Stabsoffiziere aus dem Verteidigungsministerium – im Auftrag von Generalinspekteur Klaus Naumann. Die Bundesrepublik müsse in Zukunft »auch als Lead nation (Führungsnation) Aufgaben der Führung multinationaler Kräfte wahrnehmen« können, hieß es in dem Papier. Dazu solle ein »Führungskommando Bundeswehr (FüKdoBw)«, eine Art Generalstab, eingerichtet und »dem Generalinspekteur unterstellt« werden. Schließlich bereite man sich auf Auslandseinsätze in aller Welt vor. Der Spiegel wetterte: »Das Oberkommando der Wehrmacht lässt grüßen.«
Auch wenn es nicht so schnell ging, wie Naumann und seine Offiziere es sich wohl wünschten: Am 1. Juli 2001 wurde das Einsatzführungskommando der Bundeswehr (EinsFüKdoBw) in Potsdam-Geltow in Dienst gestellt. Weitere Forderungen des Konzeptpapiers von 1992 klingen ebenfalls vertraut. Man müsse sich auf Einsätze in den unterschiedlichsten Gegenden vorbereiten, »wo es kalt und gebirgig oder heiß und flach ist«, hieß es etwa. Es gehe ja schließlich um Bundeswehr-Einsätze »im Krisenbogen von Marokko bis Pakistan«. Deutschland müsse in Zukunft »mehr Verantwortung« tragen. Die Planungen würden, urteilte Der Spiegel, »einem neudeutschen Größenwahn gerecht«.
Der Spiegel 15/1992
Der Appell an die nationale Geschlossenheit durfte nicht fehlen. Bundesverteidigungsminister Volker Rühe (CDU), erst wenige Wochen im Amt, war am 11. Mai 1992 persönlich zum Münchner Flughafen gekommen, um gemeinsam mit Generalinspekteur Klaus Naumann 140 Soldaten der Bundeswehr in den ersten bundesdeutschen Blauhelm-Einsatz zu verabschieden. Es ging nach Kambodscha; dort hatten die Vereinten Nationen eine Übergangsverwaltung errichtet, um nach langem Bürgerkrieg die Entwaffnung der Kriegsparteien und die geplanten freien Wahlen zu überwachen. Begleitend benötigten die rund 22.000 Mitarbeiter der »Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen in Kambodscha« (UNTAC) zuverlässige medizinische Betreuung – und die sollte nun laut Beschluss des Bundeskabinetts vom 8. April der Sanitätsdienst der Bundeswehr leisten. Eine bedeutende Aufgabe war das, keine Frage, und so sprach Rühe der aufbrechenden Truppe mit üblichem Pathos Mut zu: »Sie sollen das Gefühl haben, dass alle Deutschen hinter Ihnen stehen.«
Es waren bewegte Zeiten für die Bundeswehr. Neben allen anderen Umbrüchen, die das Ende der DDR mit sich brachte, stand Anfang der 1990er Jahre ein tiefer Einschnitt bevor: Bonn war fest entschlossen, die Chancen der beginnenden globalen Hegemonie des Westens zu nutzen und die Bundeswehr in ein weltweit operierendes Einflussinstrument zu transformieren. Bereits am 16. August 1990 war ein Minenabwehrverband der deutschen Marine in den ersten Auslandseinsatz gestartet und hatte mit sieben Kriegsschiffen den Zweiten Golfkrieg flankiert. Es folgten weitere kleinere Operationen in Mittelost, bis sich im Herbst 1991 die erste große Möglichkeit ergab: Mit Blick auf den Pariser Friedensvertrag für Kambodscha beschloss der UN-Sicherheitsrat am 16. Oktober 1991 einstimmig seine Resolution 717, die die Entsendung einer »UN-Vorausmission« (UNAMIC) für die spätere UNTAC in das südostasiatische Land vorsah. Es war die Chance, auf die man in Bonn gewartet hatte.
Unangreifbare Vorhut
Die Chance? Nun, das Hauptproblem war ja gar nicht der Einsatz an sich. Klar: Die Bundeswehr, die im Ausland bislang fast nur an Hilfsoperationen beteiligt gewesen war, würde sich umstellen, würde ihre ersten Einsatzerfahrungen sammeln müssen. In Kambodscha zeigte sich beispielsweise ganz trivial, dass bei tropischen Temperaturen die Hitze in den üblichen Bundeswehrstiefeln kaum zu ertragen war. »Zum ersten Mal« habe man zudem »vor der Aufgabe« gestanden, eine Einheit 5.000 Kilometer von der Heimatkaserne entfernt versorgen zu müssen, erinnerte der damalige Generalinspekteur Klaus Naumann sich später: »Wie organisiert man sich da? Wir haben damals Learning by doing gemacht.« Und natürlich war auf lange Sicht ein Mentalitätswandel in der Truppe erforderlich. Er habe »den jungen Kameraden plötzlich sagen« müssen: »Ihr müsst euch darauf einstellen, in den Einsatz zu gehen, und zwar ohne den psychologisch engen Bezug zum Schutz Deutschlands«, erläuterte Naumann. Und nicht ohne Stolz ergänzte er: »Als ich 1996 nach Brüssel ging« – als neuer Vorsitzender des NATO-Militärausschusses –, da »war die mentale Umstellung der Bundeswehr weitgehend geschafft«.
Das Hauptproblem aber war, wie gesagt, eigentlich ein anderes. »Psychologisch« sei die nicht mehr an Krieg gewohnte deutsche Bevölkerung auf plötzliche Auslandseinsätze »nicht vorbereitet«, stellte Verteidigungsminister Rühe im Frühjahr 1992 fest: Die nach 1945 »gewachsenen Instinkte der Menschen« ließen sich »nicht einfach wegkommandieren«. Man habe sie vielmehr »Schritt für Schritt« abzutragen. Die Entsendung eines Sanitätskommandos unter der Flagge der Vereinten Nationen bot sich dafür optimal an. »Wer kann sich unverdächtiger das blaue Barett aufsetzen als die Sanitätssoldaten?« fragte im Sommer 1992 verständnisvoll Die Zeit: »Die Mediziner bilden die unangreifbare Vorhut für deutsche Teilnahme an regulären Blauhelmeinsätzen.« Und, nicht zu vergessen: »Bis nach Indochina reicht die Blutspur deutscher Eroberungsfeldzüge nicht«, fuhr das Blatt fort; daher könne es auch »keine historischen Bedenken gegen einen Einsatz dort« geben. Kambodscha – das war fraglos die passende Bühne für die offizielle Einsatzpremiere der Bundeswehr.
Los ging’s also. Noch im Oktober 1991 schickte die Bundeswehr im Rahmen von UNAMIC ein Vorauskommando von bis zu 15 Sanitätssoldaten nach Kambodscha. Im Mai 1992 folgte im Rahmen von UNTAC das Hauptkommando, das in Phnom Penh ein Feldlazarett mit 60 Betten errichtete. Dort wurden bis zum Abzug der deutschen Soldaten eineinhalb Jahre später rund 3.500 stationäre und mehr als 110.000 ambulante Behandlungen durchgeführt. Alles in allem nahmen im Lauf der Zeit beinahe 450 deutsche Soldaten am ersten Blauhelm-Einsatz der Bundeswehr teil. Die Premiere war gelungen.
Erstes Todesopfer
Aus Bonner Sicht war der wohl einzige Wermutstropfen, dass es gleich auch das erste deutsche Todesopfer zu verzeichnen galt: Ein Sanitätsfeldwebel wurde am 14. Oktober 1993 auf der Heimkehr von einem Ausflug nach Phnom Penh erschossen – nicht aus politischen Gründen freilich; es handelte sich um einen Fall banaler, in der kambodschanischen Hauptstadt damals verbreiteter Straßengewalt. Zur »Normalität« der Auslandseinsätze, auf die man die Menschen nun systematisch vorbereiten müsse, gehöre auch der Soldatentod fern der Heimat, hatte Rühe ein Jahr zuvor erklärt. Dass aber der erste Fall so bald eintreffen werde, damit hatte in Bonn – man hatte ja absichtsvoll nur Sanitäter nach Kambodscha entsandt – wohl niemand so richtig gerechnet.
Nebenbei: Rühe ist es gelungen, die SPD zur Unterstützung für den Kambodscha-Einsatz der Bundeswehr zu gewinnen. Allzu schwer ist das freilich wohl nicht gewesen: »Wir werden einen Teufel tun«, äußerte im Frühjahr 1992 die stellvertretende SPD-Vorsitzende Herta Däubler-Gmelin, »jetzt das zu bekämpfen, was wir selbst beschließen wollen« – und damit gab sie die Stimmung an der Parteispitze, die unbedingt die nächste Bundesregierung stellen wollte, zutreffend wieder. »Deutschland kann und darf sich nicht auf Dauer der Pflicht entziehen, auch an Operationen zur Wahrung und Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit teilzunehmen«, mahnte denn auch Kanzler Helmut Kohl. Die »Pflicht« und die angebliche Sorge um den »Weltfrieden« trieben die Bundeswehr prompt noch im Laufe des Jahres 1992 nach Jugoslawien – und als am 12. November 1993 der letzte deutsche Soldat Kambodscha verließ, da hatte auch der Einsatz in Somalia längst begonnen. Die Zeit der neuen deutschen Militär­interventionen war angebrochen.
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