Absurde Apokalypse

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Ideengeschichte Erst heute erweist sich, wie recht die Denker der Frankfurter Schule hatten. Warum wir Adorno et al. lesen sollten
Absurde Apokalypse

Foto: Philippe Roy/Image Source/dpa (links), Picture Tank/Agentur Focus (rechts)

„Die Dominanz des Kapitalismus im Weltmaßstab hängt heute von der Existenz einer kommunistischen Partei in China ab“, sagt Jacques Rancière

In Jonathan Franzens Roman Die Korrekturen von 2001 löst der Protagonist Chip Lambert seine Bibliothek auf und verkauft seine Werke der Kritischen Theorie, ebenso wie „seine Feministen, seine Formalisten, seine Strukturalisten, seine Poststrukturalisten, seine Freudianer und seine Schwulen“. Mit dem Geld will er seine Freundin beeindrucken. Von den Werken der Frankfurter Schule fällt ihm der Abschied allerdings nicht leicht: „Er wandte sich von ihren vorwurfsvollen Rücken ab und erinnerte sich, wie jedes Einzelne von ihnen damals, in den Buchhandlungen, eine radikale Kritik der spätkapitalistischen Gesellschaft verheißen hatte (…) Aber Jürgen Habermas hatte nicht Julias lange, kühle Birnbaumbeine, Theodor Adorno nicht Julias traubigen Duft lüsterner Geschmeidigkeit, Fred Jameson nicht Julias geschickte Zunge.“
Die Autoren der Frankfurter Schule, die während der Weimarer Republik, der Zeit des Hitler-Faschismus und des Kalten Krieges dachten und schrieben, haben für Franzens Helden keine Bedeutung mehr, die Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft, die Benjamin, Horkheimer, Adorno, Marcuse, Fromm entwickelt haben, erscheint ihm als alter Hut. Und so verkauft der Dozent für Phallusängste seine Bibliothek im Wert von 4.000 Dollar für gerade mal 65 Dollar und investiert den Erlös in einen „handgeangelten norwegischen Wildlachs“ den er für 78,40 Dollar in einem Feinkostladen namens „Albtraum des Konsums“ ersteht. Ja, die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren von einem so schamlosen Materialismus geprägt, dass es für Luxusspezialitätenläden sogar verkaufsfördernd schien, sich ironisch nach der Rhetorik der Kapitalismuskritik zu benennen.
In den 90ern wurde noch ein anderer Albtraum der Frankfurter Schule Wirklichkeit: Es gab, in den Worten von Margaret Thatcher, keine Alternative – nicht zum Kapitalismus, nicht zur liberalen Demokratie und nicht zu dem, was Herbert Marcuse als eindimensionale Gesellschaft beschrieben hatte. In seinem Essay Das Ende der Geschichte erklärte der neokonservative US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992, dass es nach der bürgerlichen Gesellschaft keine weitere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung mehr geben könne, die ideologischen Schlachten zwischen Ost und West seien geschlagen. „Das Ende der Geschichte wird eine sehr traurige Zeit sein“, heißt es bei Fukuyama. „Der Kampf um Anerkennung, die Bereitschaft, sein Leben für ein abstraktes Ziel zu riskieren, der weltweite ideologische Kampf, der Mut, Tapferkeit, Fantasie und Idealismus hervorgebracht hat, wird durch ökonomische Berechnung, das endlose Lösen technischer Probleme, Umweltprobleme und die Befriedigung hochentwickelter Konsumbedürfnisse ersetzt werden.“ Vielleicht werde die Aussicht auf diese Langeweile die Geschichte ja doch wieder neu starten, orakelte Fukuyama.
Die Krankheit der Gesunden
Franzens Held Lambert ist ein Mann jener langweiligen Zeiten, der nur eines will: „in dieser Welt ein Mann mit Würde sein“. Doch wenn man für sie ein dickes Bankkonto braucht und wie ein Lachs am Haken der Wahnvorstellungen des Spätkapitalismus hängen muss – was ist diese Würde wert? Sie scheint als eine bewusste Selbsttäuschung angelegt zu sein, oder wie Theodor W. Adorno es in den Minima Moralia formulierte: „Keine Forschung reicht heute in die Hölle hinab, in der die Deformationen geprägt werden, die später als Fröhlichkeit, Aufgeschlossenheit, Umgänglichkeit, als gelungene Einpassung ins Unvermeidliche und als vergrübelt praktischer Sinn zutage kommen (…) Diagnostizieren lässt sich die Krankheit der Gesunden einzig objektiv, am Missverhältnis ihrer rationalen Lebensführung zur möglichen vernünftigen Bestimmung ihres Lebens.“
Die Zeiten, die Fukuyama für unendlich hielt, gingen dann doch zu Ende – und das durch eine kapitalistische Krise ganz alter Schule. „Was ist los?“, fragt der französische Philosoph Alain Badiou 2012 zu Beginn seines Buchs Das Erwachen der Geschichte. „Was beobachten wir da halb fasziniert, halb schockiert? Dass sich die müde Welt weiterdreht, egal was geschieht? Handelt es sich um eine reinigende Krise eben dieser Welt, die Opfer ihrer erfolgreichen Vergrößerung wurde? (…) Ist es ein Weltuntergang? Die Entstehung einer neuen Welt?“ Badiou schreibt über die weltweite Finanzkrise von 2008, insbesondere über Bewegungen wie Occupy und Syriza. Hier begannen die Menschen das einzufordern, was ihnen im neoliberalen Kapitalismus verwehrt bleibt – Anerkennung. Oder das, was der Romanheld Lambert Würde nennt. In Badious Erwachen erfährt nicht nur der Marxismus ein Comeback, sondern auch die in seiner Tradition stehende Frankfurter Schule.
Heute, eine Handvoll Jahre nach diesem Erwachen, finden sich in den albtraumhaften Räumen des Konsums – etwa im Museumsshop der Londoner Tate Modern – ganze Abteilungen mit Bänden voller Kritischer Theorie. Und es zeigt sich, dass die Frankfurter Schule kein Monopol mehr auf den Begriff hat. Stattdessen werden alle möglichen Denkansätze unter diesem Schlagwort summiert, oft auch in überaus leicht konsumierbarer Form wie Graphic Guides, Wörterbüchern, Biografien.
Jeder, der dieser Tage versucht, die Kritische Theorie zu aktualisieren, sollte ohnehin Sinn für Humor mitbringen – schließlich gehören zu den Verlierern des Kapitalismus heute auch unterbezahlte Arbeiter in China, obwohl die größte sozialistische Revolution der Geschichte sie doch eigentlich hätte befreien sollen. Stattdessen werden viele an den Rand des Selbstmords getrieben, damit die Konsumenten im Westen mit den neuesten Tablets herumspielen können. Weit davon entfernt, dem Kapitalismus, wie Marx prophezeite, das Grab zu schaufeln, hält das Proletariat ihn vielmehr am Laufen. „Die Dominanz des Kapitalismus im Weltmaßstab hängt heute von der Existenz einer kommunistischen Partei in China ab, die den kapitalistischen Unternehmen, die die Produktion in Billiglohnländer verlagern, billige Arbeitskräfte zur Verfügung stellt und den Arbeitern ihre Rechte auf Selbstorganisation verwehrt“: So formuliert der französische Marxist und Philosophieprofessor Jacques Rancière einen der vielen Widersprüche unserer Zeit. „Zum Glück kann man noch immer auf eine Welt hoffen, die weniger absurd und gerechter ist als heute.“
Und unsere Welt ist absurd, das ist sie in der Tat. „Wenn in einem Zugabteil alle Fahrgäste auf ein kleines, beleuchtetes Gerät starren, dann kann das schon lange nicht mehr als Schreckensvision herhalten“, meinte einmal die britische Sachbuchautorin Eliane Glaser in einer ihrer treffenden Jetztzeitdiagnosen. „Ich habe den Eindruck, dass Technologie und Turbokapitalismus die kulturelle und ökologische Apokalypse beschleunigen. Der digitale Konsumismus macht uns zu passiv, um zu revolutionieren oder die Welt zu retten.“
Gefangen im Feedback
Würde Adorno heute leben, würde er darauf bestehen, dass die kulturelle Apokalypse schon stattgefunden hat – wir seien nur unfähig zur Kritik, sonst hätten wir es längst bemerkt, würde er wohl sagen. „Die Hegemonie des Pop ist nahezu allumfassend, seine Superstars dominieren die Medien und üben die wirtschaftliche Macht von Magnaten aus“, findet Alex Ross, Kulturkritiker des New Yorker. „Sie leben rund um die Uhr in einer Blase der Megareichen, verstecken sich hinter einer volkstümlichen Fassade, schlingen bei den Oscars gierig Pizza hinunter und feuern in ihren VIP-Logen Sportmannschaften an.“ Noch immer gälten Oper, Ballett und Poesie als „elitär“ – doch die wirklich einflussreichen Kräfte der Jetztzeit hätten wenig Verwendung für sie. „Die alte Hierarchie von Populär- und Hochkultur ist zu einer Täuschung geworden, der Pop regiert.“ Und schließlich hätten sich Adorno und Horkheimer angesichts unserer sozialen Medien sicher darin bestätigt gesehen, dass die Kulturindustrie uns nur die „Freiheit zum Immergleichen“ gibt. Oder wie Alex Ross es ausdrückt: „Die Kultur erscheint monolithischer als jemals zuvor, einige wenige gigantische Konzerne – Google, Apple, Facebook, Amazon – verwalten gigantische Monopole.“
Kehren wir noch einmal in die 90er Jahre zurück. Damals, kurz bevor das neue Jahrtausend anbrach, beschäftigte ich mich als Kulturredakteur des Guardian mit einem Artikel über die Gefahren der customized culture. Dahinter steckt die Idee, kulturelle Produkte ganz auf den individuellen Geschmack des Einzelnen zuzuschneiden – es geht um das „Wenn dir dies hier gefällt, wirst du auch das da mögen“-Ding. Man könnte auch von „nutzerbezogenen Kulturangeboten“ sprechen. Bestand der Sinn von Kunst ursprünglich nicht gerade darin, den eigenen Geschmack aufzusprengen, fragte ich mich damals. Als der Text fertig war, fragten Kollegen, was denn so übel sei an einer Kultur, die den Wünschen des Einzelnen angepasst sei. Warum es etwas Schlechtes sein solle, mehr von dem zu bekommen, was einem mit Sicherheit gefällt? Ich hielt dagegen: Kulturprodukte wie TV-Sendungen oder Kunstwerke müssten doch eine Art von Glücksfunden bereithalten, die einem den Horizont erweitern – anstatt einen in seiner eigenen ewigen Feedback-Schleife gefangen zu halten.
Erst jetzt, bald 20 Jahre später, wird mir klar, dass die customized culture mit ihren nutzerbezogenen Angeboten heute nahezu allgegenwärtig ist. Und dass sie eine Mutation dessen darstellt, was Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung beschrieben: Demnach rühmen sich bürgerlich-kapitalistische Gesellschaften der Freiheit, zwischen verschiedenen Dingen wählen zu können. Aber bei dieser Wahlfreiheit handelt es sich um eine Schimäre. Nicht nur, dass wir bloß das Immergleiche wählen können, darüber hinaus ist die menschliche Persönlichkeit durch das falsche Bewusstsein so korrumpiert, dass kaum noch etwas von ihr übrig bleibt. Persönlichkeit bedeute „kaum noch etwas anderes als blendend weiße Zähne und die Freiheit von Achselschweiß und Emotionen“, schrieben die alten Herren. Die Menschen selbst sind demnach in begehrenswerte und austauschbare Waren verwandelt worden, auch wenn sie sehr gut wissen, dass sie manipuliert werden: „Das ist der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwanghafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“ Die Worte der Frankfurter Schule treffen heute in noch viel größerem Maße zu als zu der Zeit, in der sie aufgeschrieben wurden.
Stuart Jeffries ist Redakteur beim Guardian. Für sein Buch Grand Hotel Abyss: The Lives of the Frankfurt School (Verso, 2016) hat er sich nicht nur mit Theodor W. Adorno intensiv beschäftigt
Übersetzung: Holger Hutt

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