Autokorsos für inhaftierten Journalisten Yücel

https://www.neues-deutschland.de/m/artikel/1043364.autokorsos-fuer-inhaftierten-journalisten-yuecel.html
Protest nach Verhängung von Untersuchungshaft für deutsch-türkischen Korrespondenten der »Welt« in vielen Städten Deutschlands

28.02.2017
Foto: AFP/John Macdougall
»Free Deniz«, stand auf den Plakaten. Rund 300 Demonstranten hatten sich am Dienstagabend vor der Türkischen Botschaft am Tiergarten in Berlin versammelt, um gegen die Inhaftierung des Journalisten Deniz Yücel zu protestierten. Einige Aktivisten trugen weiße T-Shirts, auf denen in schwarzer Schrift die Freilassung des deutsch-türkischen Journalisten gefordert wurde. »Freiheit für alle inhaftierten Journalist/innen in der Türkei!«, war auf Plakaten neben dem Konterfei des »Welt«-Korrespondeten zu lesen. Gegen 18 Uhr fuhr ein Autokorso mit Dutzenden Fahrzeugen und Fahrrädern in unmittelbarer Nähe an der Protestkundgebung vorbei.
Der Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu (Grüne) hatte zu der Veranstaltung aufgerufen. Mehrere Landes- und Bundespolitiker sowie verschiedene Nichtregierungsorganisationen haben sich der Demonstration angeschlossen. »Für die Bundesregierung ist es endlich an der Zeit, die Samthandschuhe auszuziehen. Bundeskanzlerin Merkel muss Tacheles reden«, so Mutlu gegenüber »nd«.

Demonstranten vor der Türkischen Botschaft in Berlin
Foto: dpa/Gregor Fischer
Auch Reporter ohne Grenzen beteiligte sich an der Protestaktion. Die Organisation verurteilte das Vorgehen der türkischen Behörden. Es gehe dabei aber nicht nur um Yücel. 153 Journalisten würden sich derzeit in türkischen Gefängnissen befinden.
Auch mehrere weitere Oppositionspolitiker fanden auf der Kundgebung gegenüber der türkischen Regierung deutliche Worte, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel die Anordnung zur Haft lediglich als »bitter und enttäuschend« bezeichnet hatte. Die LINKE hatte am Dienstag eine Aktuelle Stunde zum Fall des Journalisten im Bundestag beantragt. Bei der Debatte in der kommenden Woche soll es um die Haltung der Bundesregierung zu Yücel und allen anderen inhaftierten Journalisten in der Türkei gehen, teilte die Fraktion mit.
Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen, übte ebenfalls Kritik an den türkischen Behörden: Wenn Erdogan in Deutschland reden wolle, muss er der türkischen Opposition und inhaftierten Journalisten ihre Freiheitsrechte zurückgeben, forderte der Grünen-Politiker in Anspielung auf einen möglichen Auftritt des türkischen Präsidenten in Deutschland. Zur Solidarität forderte auch Can Dündar auf, der ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung »Cumhuriyet«, der aus der Türkei geflohen war.
Seit dem späten Nachmittag fuhren zudem Autokorsos unter dem Motto #Korso4Deniz durch weitere Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz, um die Freilassung des »Welt«-Korrespondenten und der anderen inhaftierten Journalisten in der Türkei zu fordern. Rund 100 Fahrzeuge hatten sich laut Polizeiangaben in Berlin an der Aktion beteiligt, auch eines vom »nd«.

Das „nd“-Auto wurde für den Korso dem Anlass entsprechend geschmückt.
Foto: nd/Jan Brock
Autokorsos auch in Leipzig, Köln und anderen europäischen Städten
Etwa 50 Wagen hatten sich zuvor in Köln bereits an einem Autokorso für Yücel beteiligt. Dies waren deutlich mehr als die angemeldeten 30. »Unser Kollege Deniz Yücel liebt Autokorsos«, sagte der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Frank Überall, der selber mitfuhr. »Wir nehmen uns die Freiheit, auch hier in Köln laut hupend auf seine Situation aufmerksam zu machen – und darauf, dass hunderte Journalistinnen und Journalisten in der Türkei verfolgt werden oder wie Deniz im Gefängnis sitzen«. Man dürfe nicht wegschauen, wenn in der Türkei Menschenrechte wie die Pressefreiheit systematisch unter die Räder kämen, sagte Überall. Yücel war am Montag nach 13 Tagen im Polizeigewahrsam in Untersuchungshaft genommen worden.
Noch während der Korso in Berlin unterwegs war, wurde gemeldet, dass der türkische Botschafter in Deutschland, Kemal Aydin, wegen der Inhaftierung Yücels ins Auswärtige Amt einbestellt worden sei. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte, Staatsminister Walter Lindner habe in seinem Auftrag mit dem Botschafter ein Gespräch geführt.
Auch in Lepizig fand am Dienstag ein Auto- und Fahrradkorso statt. Nach Angaben der Polizei zogen die Teilnehmer am Dienstag vom Süden der Stadt in Richtung City. Etwa 50 Autos und rund 30 Radfahrer waren bei der Abfahrt dabei.
Fast 50.000 Personen haben derweil innerhalb eines Tages die Onlinepetition http://www.freedeniz.de unterschrieben. Die Erklärung »Für die Freiheit von Information, Meinung, Wort und Kunst. Gemeinsam für und mit Deniz Yücel und allen zur Zeit in der Türkei inhaftierten Kolleginnen und Kollegen« wurde zuvor von mehr als 300 Journalisten und Künstlern mit einer Anzeige in verschiedenen Medien veröffentlicht. Unter den Unterzeichnern sind beispielsweise der Satiriker Jan Böhmermann, der Musiker Rocko Schamoni und Shermin Langhoff, die Intendantin Maxim-Gorki-Theater.

Der Autokorso in Berlin
Foto: nd/Jan Brock
Vor 14 Tagen wurde Yücel, der sowohl die deutsche wie auch die türkische Staatsbürgerschaft bestitzt, in der Türkei verhaftet. Nach Bekanntwerden führte dies zu einer Welle öffentlicher Empörung. Dem 43-Jährigen werde »Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung« vorgeworfen, heißt es. Yücel hatte sich freiwillig der Polizei gestellt und die Vorwürfe zurückgewiesen. Am Montagabend verhängte ein Istanbuler Richter Untersuchungshaft gegen den Journalisten. Diese kann in der Türkei bis zu fünf Jahre andauern. Bereits am vergangenen Wochenende kam es zu verschiedenen Solidaritätsaktionen. mit Agenturen

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