Warum Martin Schulz bei den Ostdeutschen kaum punkten kann

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Kommentar 

Sabine Rennefanz•19.02.17, 11:28 Uhr

Noch ein Heilsbringer für die SPD: Martin Schulz. Gerufen hat ihn keiner.

Noch ein Heilsbringer für die SPD: Martin Schulz. Gerufen hat ihn keiner.
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Berliner Zeitung/Markus Wächter
Berlin
Ein Zug saust durchs Land, ein Super-ICE, eine Wundermaschine, der Schulz-Zug. Der Mann an der Spitze heißt Martin Schulz, Kanzlerkandidat und neuer Retter der SPD. An mir rauscht dieser Zug allerdings vorbei. Ich fühle mich nicht angesprochen, als Frau, Mutter und Ostdeutsche.
Er gibt sich als Mann aus dem Volke, hat aber als langjähriger EU-Mann sein Leben damit verbracht, mit anderen Politikern in Runden zu sitzen. Was sind seine Ideen, seine Überzeugungen? In seiner erster Ansprache vor der Partei sagte er, er wolle für mehr Gerechtigkeit sorgen. Das ist ungefähr so aussagefähig wie das Versprechen eines besseren Fernsehprogramms. Jeder versteht unter Gerechtigkeit etwas anderes. Für die einen ist es gerecht, dass Frauen im Schnitt zwanzig Prozent weniger als Männer verdienen, für die anderen ein Beleg der Ungleichheit. Die einen fordern Steuern für Superreiche, andere erkennen darin eine Belastung der Leistungsträger.
Wie aus der Zeit gefallen
Am stärksten fällt noch seine Begeisterung für die EU auf, aber er wirkt dabei wie aus der Zeit gefallen, wie jemand, der vom Testbild schwärmt. Er bleibt vorsichtig, will niemanden verprellen, eigentlich recht merkelig. Ist das der Charakterzug, den man braucht, um dem Hass und dem Aufstieg rechter Parteien entgegenzutreten? Martin Schulz will Politik machen für die „hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten“. Es ist eine Floskel, die schon Clinton, Blair und Cameron benutzt haben, Typen, die selbst gern auf der vergoldeten Seite des Lebens stehen, nicht so sehr auf der harten, schmutzigen. Und was ist mit denen, die nicht hart arbeiten können, Alleinerziehende, Kranke, Arbeitslose, Kinder – und jenen, die sich nicht an die Regeln halten wollen, weil sie diese als ungerecht empfinden? Man merkt, wie weit weg Schulz, Brüsseler Funktionär, vom Lebensgefühl in Deutschland ist. 
Würselen ist das Gegenteil von Ostdeutschland
Viele Menschen haben das Gefühl, dass die besten Zeiten vorbei sind, dass die Chancen auf einen sicheren Job, eine eigene Wohnung, eine gute Rente schrumpfen. Schulz würde wohl mit seiner Biografie kontern, der Junge ohne Abitur und Studium, der sich hoch ackerte. Tolle Geschichte, sehr lange her. Jeder weiß, dass in der Schule ausgesiebt wird, dass die Herkunft in Deutschland wie kaum in einem anderen Land über die Zukunft entscheidet. Er kenne die Probleme, sagt Schulz, weil er aus Würselen kommt, tief im Westen, bei Aachen, katholisch geprägt, geringe Arbeitslosigkeit, gute Infrastruktur, Sitz mehrerer Großunternehmen. Würselen steht für die alte Bundesrepublik. Aber Würselen ist in allem das Gegenteil von Ostdeutschland, von anderen ländlichen Gegenden, in denen es keinen Arzt, keinen Laden, keine Arbeit für die Jugend gibt.
Im Osten hat die SPD ein Problem. Wenn sie die Wahl gewinnen will, muss Schulz sich was einfallen lassen. Mit den Ostdeutschen scheint der Kandidat bisher wenig mehr als die gängigen Klischees zu verbinden, abgehängt, unzufrieden und ein bisschen zu blöd für die Demokratie. Den Erfolg der AfD im Osten erklärte er einmal damit, dass sie Leute sich hätten aufhetzen lassen. Das klang, als ob die Gründe für den Frust nur eingebildet seien. Mit einem Spaßbad wie in Würselen braucht er den Ostdeutschen nicht kommen. Davon gibt es schon genug.

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