In diesem Bunde der Dritte

https://www.jungewelt.de/2017/01-20/038.php

Walser, Augstein, Höcke

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Foto: Fabrizio Bensch/Reuters
Heute vor 75 Jahren beschloss die Wannseekonferenz des Reichssicherheitshauptamts die Vernichtung aller Juden in Europa. Rechtzeitig vor diesem deutschen Jubiläum hatte die »Junge Alternative« – auch zur Feier des Freispruchs von Karlsruhe – ins Dresdner Ballhaus Watzke geladen. Über die »dämliche Bewältigungspolitik« sprach in der »Hauptstadt des Widerstandes« der beste Festredner, den es auf diesem Gebiet gibt, Björn Höcke. Und er verkündete: »Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.«
Höcke hat inzwischen richtiggestellt. Er will gar nicht gesagt haben, was er unter dem Jubel der AfD-Leute gesagt hat. Und es auch gar nicht so gesagt haben, wie er es gesagt hat. Richtig ist allerdings, und das sagt er nicht: Er hat sich am geistigen Eigentum des größten deutschen Dichters der Gegenwart und des deutschen Jahrhundertjournalisten vergriffen. »Die AfD zeigt mit diesen antisemitischen und in höchstem Maße menschenfeindlichen Worten ihr wahres Gesicht«, meint der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Er irrt: Es ist das Antlitz von Martin Walser und Rudolf Augstein. Und diese Gesichter hat schon Schusters größter Vorgänger Ignatz Bubis wahrnehmen müssen. Er blieb einsam mit seiner jüdischen Ehefrau sitzen, als sich die Meute der deutschen Elite erhob, an der Spitze ein feixender Bundespräsident Roman Herzog, um dem Dichter Beifall zu klatschen, der im Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche bekannt hatte, dass sich »in mir etwas gegen die Dauerpräsentation unserer Schande wehrt«. Gegen die »Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken«. Und gegen die »Meinungssoldaten« der Intellektuellen und der Medien, die einem »nega­tiven Nationalismus« huldigten und die ihn mit »vorgehaltener Moralpistole […] in den Meinungsdienst nötigen«.
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Im Spiegel sprang Rudolf Augstein dem Freunde damals bei: »Man würde untauglichen Boden mit Antisemitismus düngen, wenn den Deutschen ein steinernes Brandmal aufgezwungen wird« – richtig, der Jude zwang uns das Denkmal auf. Und so wurden die Deutschen etwas, was sie nie waren: Antisemiten. Der Spiegel-Chef ahnte schon damals, »dass dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und gegen das in Berlin sich formierende Deutschland gerichtet ist«. Und er wusste genau, dass man es, bedroht von den Juden, nicht wagen dürfe, »die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität«.
Höcke sprach am Dienstag. Am Mittwoch verkündete Herzogs gegenwärtiger und zuverlässiger Nachfolger Joachim Gauck in seiner Abtrittsrede als Bundespräsident, dieses Land sei in gutem Zustand – »das beste, das demokratischste Deutschland, das wir jemals hatten«.

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