Studenten fordern Weiterbeschäftigung von Andrej Holm

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HU-Präsidentin Sabine Kunst begründet Kündigung des Stadtsoziologen mit arglistiger Täuschung / Institut für Sozialwissenschaften besetzt

Die Studierenden er HU wollen of…

Proteste der Studierenden während der Pressekonferenz der HU zur Entlassung von Andrej Holm
Foto: dpa/Paul Zinken
Studierende der Humboldt-Universität (HU) haben am Donnerstag offenbar aus Protest gegen die Entlassung von Andrej Holm die Seminarräume des Instituts für Sozialwissenschaften der Berliner Uni besetzt. »Dies ist unsere Antwort auf die politische Entscheidung, Andrej Holm als kritischen Wissenschaftler und Dozenten an unserem Institut zu entlassen«, begründet die Studierendeninitiative »Uni von Unten« in einer Mitteilung ihre Aktion. Mit Andrej Holm verliert das Institut einen der wenigen verbliebenen kritischen Dozierenden an diesem Institut. »Wir nehmen jetzt, wo uns die Universität uns ein kritisches Studium zunehmend unmöglich macht, im Rahmen der Besetzung unsere Bildung selbst in die Hand«, heißt es weiter.
Schon vor der Besetzung war die Stimmung wegen der Entlassung Holms angespannt. Bis Sabine Kunst ihre Begründung vorbringen konnte, dauerte es. Sobald die HU-Präsidentin das Wort »kündigen« aussprach, wurd sie lautstark von Studierenden unterbrochen. Rund 40 Kommilitonen waren am Mittwochnachmittag zur Pressekonferenz erschienen, um zu hören, wie die Entscheidung der Hochschule zur Personalie Andrej Holm ausfällt. Holm, seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter der HU, hatte nach wochenlangen öffentlichen Diskussionen um seine mögliche hauptamtliche Tätigkeit beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR am Montag seinen Rücktritt als Wohn-Staatssekretär bekanntgegeben.
»Ich habe heute entschieden, das Arbeitsverhältnis mit Herrn Dr. Holm ordentlich zu kündigen«, sagt HU-Präsidentin Kunst am Mittwochnachmittag. Im Saal wird es laut. Buh-Rufe ertönen, Studierende halten »Holm bleibt«-Schilder hoch. Kunst wartet ab, bis es ruhig geworden ist. Sie setzt erneut an: »Ich möchte das begründen.« Doch die Studierenden wollen sie nicht zu Wort kommen lassen. Über eine mitgebrachte Lautsprecheranlage sagt Susanna Raab, Studentin der Sozialwissenschaften: »Wir haben Ihnen gestern 350 Unterschriften für Herrn Holm übergeben. Sie haben gesagt, dass sie diese bei Ihrer Entscheidung berücksichtigen würden. Das haben Sie offensichtlich nicht getan!« HU-Sprecher Hans-Christoph Keller greift ein: »Darf ich Sie bitte kurz unterbrechen?« fragt er höflich, als habe nicht er zur Pressekonferenz geladen, sondern die Studierenden.
Nach einem kurzen Wortwechsel fährt Kunst fort. »Ich bedauere die Entscheidung sehr.« Holms Lehrveranstaltungen seien bei den Studierenden geschätzt, bei den Kollegen aller Fakultäten genieße er Anerkennung. Nicht nur Studierende – deren Petition sehr wohl in ihre Entscheidung mit eingeflossen sei –, sondern auch andere Gruppen von Wissenschaftlern hätten sich hinter Holm gestellt. Die HU verliere mit ihm einen Wissenschaftler mit großer Reputation. Deshalb habe die HU zunächst versucht, das Arbeitsverhältnis einvernehmlich aufzulösen. Das habe Holm aber abgelehnt.
Wieder Protest seitens der Studierenden. »Sie haben die Entscheidung nur getroffen, weil Sie in derselben Partei sind wie der Regierende Bürgermeister!« ruft einer. Kunst widerspricht. »Ich bin Präsidentin der Humboldt-Universität und habe nur in dieser Funktion entschieden.« Mit folgender Begründung: »Die Kündigung beruht nicht auf der Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit, sondern weil Herr Dr. Holm die HU hinsichtlich seiner Biografie getäuscht hat.« Er habe seine Tätigkeit für das MfS bei seiner Einstellung im Personalfragebogen nicht offengelegt. Erst im Dezember 2016 habe er seinen Lebenslauf gegenüber der HU korrigiert und angegeben, dass er Offiziersschüler des MfS war. Anschließend habe die HU Auskunft beim Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen erbeten. Demnach war Holm nie Mitglied des Wachregiments »Feliks Dzierzynski«, wie er immer betont hatte. Kunst bezichtigte Holm daher der »arglistigen Täuschung«. Mit den Falschangaben, aber auch weil er sich nicht von diesen distanziere, sei das »Vertrauensverhältnis nachhaltig gestört«. Das Arbeitsverhältnis mit Holm ende zum 30. Juni. Holm kündigte auf seiner Homepage an, gegen die Kündigung zu klagen.
Den besagten Personalfragebogen der HU gibt es seit 1991. »Wir sind uns darüber im Klaren, dass der Fragebogen in der Zukunft kritisch zu beleuchten ist«, sagte Kunst.

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