Andrej Holm : „Hätte ich das geahnt, hätte ich mir überlegt, ob ich den Job mache“

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-12/andrej-holm-berlin-senat-stasi-interview
Von Lorenz Maroldt und Christoph Twickel •23. Dezember 2016, 21:25 Uhr
ZEIT ONLINE: Herr Holm, bei Twitter haben Sie geschrieben: „Ich kann meine Biografie nicht nachträglich verändern, nur daraus lernen und einen offenen Umgang damit anbieten.“ Was haben Sie denn gelernt?
Andrej Holm: Ich habe gelernt, dass ein Land, das sehr autoritär und nur mit Druck und Hierarchien funktioniert, die schlechteste Lösung ist, Gesellschaft zu organisieren. Die Lehre aus meinen Jugendjahren in der DDR ist: Ich will nicht in einem autoritären, repressiven System leben. 
ZEIT ONLINE: In Ihrer Stasi-Akte lobt das MfS den gefestigten Klassenstandpunkt: „Als Agitator genoss er Achtung und Anerkennung.“ Wie waren Sie damals drauf?
Holm: Die Formulierungen sind teilweise meinem Schulzeugnis entnommen. Ich war aufgewachsen in einem SED-Haushalt: Vater bei der Stasi, Mutter in der Partei. Meine Urgroßeltern, die ich noch erlebt habe, waren Verfolgte des Naziregimes. Mein Opa hat das KZ Sachsenhausen überlebt. Für mich war der Antifaschismus keine hohle Phrase, sondern Familienrealität – in diesem Sinne war ich überzeugter Sozialist.
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ZEIT ONLINE: Und Ihre Eltern waren hundertfünzigprozentige SED-Kader?
Holm: Meine Eltern wollten die DDR verbessern. Die haben immer auf den nächsten Parteitag gehofft, freuten sich über Gorbatschow, Perestrojka und Glasnost, waren total schockiert, als in Peking die Proteste niedergeschlagen wurden. Die DDR schien mir nicht ein Ort zu sein, in dem man nicht für Veränderungen eintreten kann.
Andrej Holm
Jahrgang 1970, ist Sozialwissenschaftler und Politiker. Im neuen rot-rot-grünen Senat der Landesregierung Berlins wird er Staatssekretär für Wohnen. Seine Nominierung ist umstritten, da er als 18-Jähriger 1989 in den Dienst der Stasi eintrat. Vor seiner politischen Laufbahn machte er sich als Stadtsoziologe und Gentrifizierungs-Kritiker einen Namen. Bevor er zum Staatssekretär berufen wurde, arbeitete er am Lehrstuhl für Stadt- und Regionalsoziologie der Humboldt-Universität in Berlin.
ZEIT ONLINE: Und dann verpflichteten Sie sich ausgerechnet bei der Stasi, deren Aufgabe es war, Kritiker mundtot zu machen und wegzusperren?
Holm: In meinem Umfeld gehörten Überwachung und Diskussionen um IMs nicht zum Alltag. Ich war ein ganz normaler Jugendlicher in einem Neubaugebiet, der Fußball gespielt hat. Ich bin auch zu Punkkonzerten gegangen – aber nicht mit der Idee, dass das etwas Oppositionelles wäre, sondern weil es mir gefallen hat. Für mich war eigentlich relativ viel möglich. Man konnte andere Musik hören, zuhause wurde Westfernsehen geschaut…
ZEIT ONLINE: Bei Ihren systemtreuen Eltern lief Westfernsehen?
Holm: Klar. Ich erinnere mich an die Atomkatastrophe von Tschernobyl – zuerst haben meine Eltern Aktuelle Kamera geschaut, und danach Westfernsehen, um zu erfahren, was passiert. Die DDR, die ich kennengelernt habe, war nicht so geschlossen, wie sie in der historischen Betrachtung beschrieben wird.
ZEIT ONLINE: In Ihrem Alltag kam Überwachung und Repression nicht vor, obwohl Ihr Vater bei der Stasi war?
Holm: Mein Vater hat mir Volker Braun und Heiner Müller zum Lesen gegeben und hat mir Theaterstücke empfohlen: „Geh da rein, lies das, das ist gute Kunst!“ Er hat mir erklärt, dass der Stalinismus eine schlimme Sache sei. Das war mein Link zur Stasi. Es mag naiv und weltfremd sein, dass ich als Teenager noch nicht erkannt habe, was für ein Überwachungs- und Repressionsapparat die Stasi war – aber ich war auch damals noch nicht besonders politisch.
ZEIT ONLINE: Ihr Vater hat Ihnen die kritischen Autoren und Theater empfohlen?
Holm: Schlimmer noch, er hat ja die Bücher gehabt, weil er in der Abteilung arbeitete, die in Berlin die Schriftsteller überwachte und die Theaterleute. Das habe ich erst nach der Wende herausbekommen – und das hat auch zu Spannungen zwischen uns geführt.

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