Globalisierung kann tödlich sein

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Donald Trump wettert gegen die Globalisierung – und hat in einem wichtigen Punkt recht: Freihandel bringt nicht nur Vorteile. Besonders drastisch zeigt das die Suizidrate in manchen Regionen der USA.

Thomas Fricke

Donald Trump und der Freihandel
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Freitag, 16.12.2016 12:14 Uhr
Wenn es etwas gibt, was uns seit der Wahl Donald Trumps in wirtschaftliche Abgründe zu treiben droht, dann sind es die Handelskonflikte, die der neue US-Präsident mit viel Poltern und Provokationen gegen Chinesen und andere riskiert. Eskalationsgefahr. Grob fahrlässig.
Fast ebenso irre ist nur, Trumps Gepolter mit dem Hinweis auf die grundsätzlichen Vorzüge von Freihandel zu kontern, wie es unsere Kanzlerin zu tun pflegt. Oder mit der Floskel aus der Orthodoxie-Kiste der Ökonomie, wonach die Globalisierung per Saldo doch positiv wirkt. Keine Widerrede. Vielleicht hat eine ganze Generation Gelehrter und Politiker dramatisch unterschätzt, dass der schöne Saldo jenen nur wenig Freude bereitet, die auf der Minusseite der Rechnung stehen. Und welch dramatische Konsequenzen das hat.
Als die Importbarrieren fielen, stieg die Selbstmordrate
Einen Eindruck davon liefert eine gerade veröffentlichte Studie zweier US-Ökonomen, die untersucht haben, welche Wirkung es auf die Menschen in besonders betroffenen Regionen in Amerika hatte, als im Herbst 2000 der Handel mit China stark liberalisiert wurde. Damit wurde es für chinesische Konzerne mit einem Mal einfacher, auf den US-Markt zu kommen – und lokale Anbieter zu verdrängen.
Justin Pierce und Peter Schott verglichen, wie sich die Arbeitslosigkeit und Häufigkeit von Todesfällen in den Regionen entwickelte, die von den neuen Handelsregeln besonders betroffen waren. Mit schockierendem Ergebnis: Wo die neue Konkurrenz besonders stark zunahm, fielen Jobs weg – und es gab in den Jahren darauf deutlich mehr Suizide und Drogentote; oft stieg auch die Zahl der Alkoholtoten.
Der Bruch sei eindeutig, schreiben die beiden Ökonomen von der Notenbank Fed und der Yale School of Management: Noch während der Neunzigerjahre hätten die Suizidraten in etwa stagniert. Merklich nach oben gingen die Fälle erst um das Jahr 2000 – als die Importbarrieren fielen. Damals beschleunigte sich auch die Zunahme der Todesfälle durch Drogenkonsum. Wo die Arbeitslosenquote um 2,6 Prozentpunkte stieg, schnellte die Suizidrate im Schnitt um fast ein Drittel hoch. Kein Zufall, sondern im Wirkungszusammenhang, wie die Experten über diverse Gegenchecks herausfanden.
Die Mär vom immer guten Handel
Nun hat sich natürlich nicht jeder, der seinen Job verlor (oder zu verlieren drohte), das Leben genommen, klar. Die Diagnose der beiden Experten lässt aber erahnen, welche seelischen Folgen der Bruch des Jahres 2000 auf Menschen etwa im viel zitierten Industrieraum des Rust Belts hatte – also selbst in jenen USA, die uns liberale Ökonomen immer als vorbildlich flexibel gepriesen haben, weil die Menschen dort halt mal eben schnell in andere Staaten umziehen, wenn der Job weg ist.
Mehr noch: Nach Auswertung von Pierce und Schott gilt der Befund steigender Todesraten vor allem für weiße Männer. Jene Gruppe von Arbeitern, die eben auch überproportional in jenen Industrien arbeiteten. Und die zu den Leuten zählen, von denen gerade so oft die Rede ist, weil so viele von ihnen für Trump gestimmt haben – und für sein Poltern gegen die Chinesen.
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Der gängige Verweis, dass die Verbraucher wegen der Globalisierung ja jetzt so schön billig an chinesische Produkte kommen, wirkt da reichlich zynisch. Die Rechnung mag ökonomisch aufgehen, gesellschaftlich ist sie irre. Zumal die eher abstrakten Vorteile schwerer zu vermitteln sind als der Nachteil eines Jobverlusts. Besonders in einem Land wie den USA, in dem die Importe sehr viel stärker gestiegen sind als die Exporte und sich das Handelsdefizit mit China seit 2000 mehr als verfünffacht hat.
In Deutschland ist das umgekehrt, da mag es im Außenhandel zumindest per Saldo mehr Gewinner geben. Nur gibt es die Entlassenen auch hier. Und so ein Exportüberschuss funktioniert auch nur solange, wie andere bereit sind, so viel mehr deutsche Waren (auf Pump) zu kaufen, als eigene Waren in Deutschland zu verkaufen. Anders gesagt: wir exportieren das Problem in andere Länder.
Laut dem renommierten Harvard-Professor Dani Rodrick haben Ökonomen viel zu lange die Mär verbreitet, dass Handel immer gut sei – und die teils dramatischen Nebeneffekte beschönigt. Die US-Wirtschaft habe schon seit den Neunzigerjahren wahrscheinlich kaum noch von zusätzlichem Handel profitiert, dafür aber viel Importkonkurrenz zu spüren bekommen. Dass die meisten Ökonomen die Globalisierung trotzdem glorifizierten, habe sie ihre Glaubwürdigkeit gekostet, so Rodrick. Da wäre es ehrlicher gewesen einzuräumen, dass der zunehmende Freihandel stark (wenn auch nicht alleine) zur Ungleichheit im Land beigetragen habe.
Eine radikal neue Art kontrollierter Globalisierung
Ist es für diese Erkenntnis zu spät? Mittlerweile schlägt zurück, dass jeder Wald-Lobbyist oder Wies’n-Professor in den vergangenen Jahrzehnten irgendwann die Globalisierung als Allzweckmittel genutzt hat, um Druck auf Menschen auszuüben, damit sie auf Lohn, feste Arbeitszeiten oder Kündigungsschutz verzichten. Oder die Agenda 2010 demütig mitmachen. Sie erinnern sich: Sonst kommt ja der Chinese, der alles viel bereitwilliger und billiger macht.
Jetzt hat ein Populist wie Donald Trump den Unmut kanalisiert – und droht mit seiner Poltermethode mehr Schaden anzurichten als wirklich zu helfen. Mit allen Risiken, die das birgt: bis hin zu einem Kollaps der Weltwirtschaft, ähnlich wie dem in den Dreißigerjahren, als irgendwann eine Spirale aus Strafzöllen und Vergeltung einsetzte.
Da hilft auch kein Freihandelsgebet. Besser wäre es, die Folgen von Handelsabkommen künftig viel stärker zu antizipieren – und aufzufangen; oder die vermeintliche Freiheit im Zweifel gleich in Maßen zu begrenzen. Es gehe nicht an, so US-Ökonom Rodrick, dass sich Länder Wettbewerbsvorteile verschafften, indem sie Arbeitsschutzrechte verletzen. Und es ist nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre auch nicht verantwortbar, das Dogma vom Freihandel zu predigen, wenn absehbar ist, dass durch Grenzöffnungen ganze Regionen und Industrien in tiefe Krisen stürzen – zumindest nicht, ohne dafür zu sorgen, dass die Folgen abgefangen werden und es neue Jobs gibt.
Was wir brauchen, ist wahrscheinlich eine radikal neue Art kontrollierter Globalisierung – keine Drohgebärden oder blinde Freihandelsgelöbnisse.

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