Freie Software und Commons

http://keimform.de/2016/freie-software-und-commons/
Titelbild „Navigationen“Digitale Ausnahme oder Beginn einer postkapitalistischen Produktionsweise?
[Artikel aus der Ausgabe 2/2016 der Zeitschrift Navigationen (S. 37–53). Die gesamte Ausgabe zum Thema „Medienwissenschaft und Kapitalismuskritik“ kann frei heruntergeladen werden.]
Zusammenfassung
Eben Moglen sieht mit der Freien Software das Ende des »geistigen Eigentums« heraufdämmern. Digital repräsentierbare Informationen widersetzen sich der Eigentumsform, weil sie frei kopierbar sind. Deshalb sieht Moglen in diesem »anarchistischen« Ansatz, bei dem jeder die Werke anderer nicht nur nutzen, sondern auch verbessern darf, die einzig angemessene Produktionsweise – allerdings nur für Informationsgüter. Yochai Benkler verallgemeinert den Ansatz zur »commons-based peer production« und identifiziert das zugrunde liegende, sehr alte gesellschaftliche Organisationsprinzip: die Commons. Jeremy Rifkin will nichts von einer Begrenzung auf die Informationssphäre wissen, sondern sagt den »kollaborativen Commons« eine große Zukunft voraus, in der sie den Kapitalismus Schritt für Schritt zurückdrängen, bis er in einer »hybriden Wirtschaft« nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Doch Benkler wie Rifkin gehen von einer problematischen Konzeption von »Grenzkosten« aus, die ihre Ergebnisse verzerrt. Warum die Commons trotzdem als Hoffnungsträger gelten können, wird in diesem Text gezeigt.

1 Die Entdeckung einer »anarchistischen« Produktionsweise im digitalen Raum
Kurz vor der Jahrhundertwende sah der US-amerikanische Juraprofessor Eben Moglen mit der Freien-Software-Bewegung das Ende des »geistigen Eigentums« eingeleitet.1 Bekannte Beispiele für Freie Software – die jede_r nicht nur frei verwenden, sondern auch nach Belieben verändern und den eigenen Bedürfnissen anpassen darf – sind das Betriebssystem GNU/Linux, der Webbrowser Firefox, der Webserver Apache und das alternative Office-Paket LibreOffice bzw. OpenOffice.
Moglen argumentiert, dass sich digital repräsentierbare Informationen (Software, Texte, Audio, Video und letztlich jede Art von Wissen) der Eigentumsform widersetzen, weil sie frei kopiert werden können. Digitale Daten sind nichts weiter als Sequenzen von vielen Nullen und Einsen – sie sind also selber Zahlen. Es sei aber nicht einzusehen, warum eine Zahl, nur weil sie etwa die digitale Form eines Musikstücks darstellt, urheberrechtlich geschützt sein sollte, während eine andere Zahl einen patentierten Softwarealgorithmus darstellt und damit unter das Patentrecht fällt, und eine dritte Zahl das Ergebnis einer mathematischen Operation enthält (x mal y) und überhaupt nicht »geschützt« ist.
Die Verteidiger_innen des »geistigen Eigentums« halten es dagegen für einen unverzichtbaren »Anreiz«: Wer, fragen sie, würde noch Musik machen, Software entwickeln oder Texte schreiben, wenn man diese nicht mehr verkaufen und so Geld verdienen könnte? Moglen hält dem entgegen, dass das Internet solche Anreize als unnötig entlarvt hat. Da die Menschen inhärent kreativ seien, müsse man ihnen nur eine Gelegenheit geben, Gleichgesinnte zu finden – und das Internet tut das – und schon tun sie sich mit diesen zusammen, um Wissensgüter aller Art zu erschaffen und zu verbessern. Moglen verweist darauf, dass die Motivation unter diesen Umständen der Lust am Tun und der Befriedigung über ein Ergebnis, das auch bei anderen Gefallen und Verwendung findet, entspringt – auch ohne Bezahlung.
Auch das »geistige Eigentum« erweist sich laut Moglen als nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich – weil es die kreative Kooperation oft erschwert oder unmöglich macht. Ohne Urheberrechte können Werke »evolutionär« weiterentwickelt werden: Ich nehme ein von anderen erschaffenes Werk und verbessere es, indem ich Fehler beseitige, es an eine andere Sprache oder eine andere Umgebung anpasse, es erweitere oder sonst meinen Bedürfnissen gemäß verändere.
Da ich dafür niemanden um Erlaubnis fragen muss, sieht Moglen eine »anarchistische« Produktionsweise am Werk. Neben dem Internet selbst erachtet er einen »Hack des Rechts« als elementar für das Erblühen dieser dezentralen, erlaubnisfreien Zusammenarbeit, nämlich die GPL (GNU General Public License). Diese von Linux und zahlreichen anderen freien Softwareprogrammen verwendete Lizenz basiert selbst auf dem Urheberrecht, dreht dieses aber quasi um: Sie gestattet allen die Software zu verändern und veränderte Versionen weiterzuverbreiten, erlaubt letzteres aber nur unter der Bedingung, dass auch die Veränderungen unter die GPL gestellt werden – was anderen das Verbreiten und Verändern auch der neuen Fassung ermöglicht.
Moglen verwendet hier den Begriff commons, der für die spätere Debatte sehr bedeutend werden sollte: Die GPL »creates a commons, to which anyone may add but from which no one may subtract.«2
Anders als bei Weiterlesen Freie Software und Commons

Werbeanzeigen