»Kritik war persönlich, teils unter der Gürtellinie«

https://www.jungewelt.de/2016/11-24/039.php
Der Konflikt wurde in der Berliner Linkspartei in der vergangenen Zeit nicht offen geführt. Ein Gespräch mit Evrim Sommer
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Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa-Bildfunk
Evrim Sommer (Die Linke) war 17 Jahre Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und bei der letzten Wahl Spitzenkandidatin für die Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung in Berlin-Lichtenberg

Sie haben Anfang der Woche angekündigt, Ihre Bewerbung für das Amt der Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Lichtenberg zurückzuziehen, und haben gleichzeitig mit sofortiger Wirkung Ihr Amt als Vorsitzende der Linken in Lichtenberg niedergelegt. Zuvor sind Sie bei einer Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung nicht gewählt worden. Was genau gab den Ausschlag, diesen radikalen Schritt zu tun?

Meine Fraktion stand nicht geschlossen hinter mir. Aus ihr kamen die meisten anonymen Nein-Stimmen.
Ihre Wahl wurde begleitet von einer Veröffentlichung des rbb, in der suggeriert wurde, Sie hätten im Handbuch des Abgeordnetenhauses, dessen Mitglied Sie bis zur Wahl im September waren, Ihren Lebenslauf gefälscht. Nun kann man vielleicht sagen, es sei ungeschickt formuliert, dass Sie Ihr Studium angegeben haben, ohne den Hinweis, dass Sie es zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen hatten. War das aber wirklich der Grund für Ihre Nichtwahl?
Der Eintrag im Handbuch war richtig, vielleicht aber für andere miss­verständlich. Er war für die Fraktion allerdings nur ein Vorwand. Im Vorfeld gab es in der Fraktion und in der Partei schon Diskussionen über mich, aber bedauerlicherweise nie inhaltliche Kritik. Sie war immer persönlich, teils unter der Gürtellinie.
Unter meiner Führung sind wir in Lichtenberg mit Abstand stärkste Partei geworden und haben für Die Linke das Bürgermeisteramt zurückgeholt. Und das alles in einer Situation, in der die AfD erstarkt ist. Bei den Abgeordnetenhauswahlen 2006 und 2011 habe ich gegen den Trend in Berlin immer meinen Wahlkreis direkt gewonnen. Aber das alles scheint nicht zu zählen.
Weihnachtsabo

Gerade in einem Bezirk wie Lichtenberg – in dem die AfD auch ein sehr starkes Ergebnis eingefahren hat – hätte für Die Linke die Chance bestanden, die erste feministische Bürgermeisterin zu stellen. Schadet sich Ihre Partei nicht gerade selber, indem sie am Konservativen festhält?
Dort hätte für Die Linke die Chance bestanden, mit einer Bürgermeisterin mit Migrationshintergrund, die über jahrzehntelange Erfahrungen in der Politik verfügt, neue Wege zu beschreiten. Das wollten Teile der Fraktion nicht.
Ich freue mich jetzt über die große Solidarität, die weit über die Partei­grenzen hinausgeht. Viele Lichtenberger Bürgerinnen und Bürger schreiben mir und kritisieren, dass ich das Handtuch geworfen habe. Sie sagen, sie hätten Die Linke gewählt, weil ich deren Spitzenkandidatin war. Sie sind jetzt natürlich enttäuscht. Dieses verlorengegangene Vertrauen haben die zu verantworten, die für meine Nichtwahl verantwortlich sind.
Sie haben den Ruf, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ist dafür kein Platz in der Berliner Linkspartei?
In jeder Partei gibt es solche und solche. Ich bin gegen Pauschalisierungen. Aber es ist richtig, einige wenige scheuen die offene Diskussion.
Was war der Grund, warum Sie angegangen wurden?
Ich möchte nicht spekulieren, aber ich habe irre Vorwürfe gehört. Zum Beispiel, ich hätte »orientalische Machtgelüste«. Offensichtlich haben einige etwas eigenartige Vorstellungen vom Orient, der Stellung der Frau dort und von mir.
Andere Vorwürfe, wie mangelnde Verwaltungserfahrungen, sind genauso abstrus. Abgesehen davon, dass ich seit Jahrzehnten politisch tätig bin. Ich wollte den Bezirk politisch führen. Wenn man will, dass ein Verwaltungsbeamter einen Bezirk leitet, dann kann man auf eine Wahl durch die Bevölkerung verzichten. Komisch ist auch, dass nur bei mir diese Frage gestellt wurde. Ich kenne viele erfolgreiche Spitzenpolitiker, wie Gregor Gysi, Willy Brandt und andere, denen diese Frage vor Amtsantritt nicht gestellt wurden. Aber ich will mich ja nicht mit diesen großen Politikern vergleichen.

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