NATO-Gipfel in Warschau macht Russland offiziell zum Hauptfeind und beschließt Abschreckung, neue Atomwaffen und Raketenabwehr

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Warschau, 9. Juli, internationale Demonstration: »Belgien sagt nein zum Krieg, nein zur NATO«

Foto: Agencja Gazeta/Przemek Wierzchowski/ via REUTERS
Beim NATO-Gipfel in Warschau am Freitag und Sonnabend wurde ein historisches Ziel der Allianz erreicht. Die Staats- und Regierungschefs der 28 Mitgliedstaaten vollzogen offiziell die Rückkehr zur Strategie des Kalten Krieges. An die Stelle der Sowjetunion trat Russland als Hauptfeind. Kernpunkte der Konfrontation sind Abschreckung durch eine Politik der militärischen Stärke an der russischen Westgrenze, eine fälschlich als Modernisierung bezeichnete Einführung neuer atomarer Waffensysteme sowie die Inbetriebnahme einer Raketenabwehr. Gearbeitet wird an den Punkten schon seit Jahren.
Die Beschlüsse im einzelnen:
Punkt eins »Abschreckung«: Die Gipfelteilnehmer verständigten sich darauf, jeweils ein Bataillon mit etwa 1000 Soldaten in Polen, Lettland, Litauen und Estland zu stationieren. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete allerdings, dass Militärfachleute »mit einer bis zu doppelt so hohen Zahl rechnen«. US-Präsident Barack Obama habe am Freitag in Warschau bekanntgegeben, dass »das Hauptquartier einer weiteren amerikanischen Kampfbrigade in Polen errichtet wird«. Washington hatte im März angekündigt, dass es eine dritte, gepanzerte Brigade nach Europa bringen werde. Über den Stationierungsort wird noch mit der polnischen Regierung verhandelt. Die Bundeswehr ist für den Aufmarsch fest eingeplant. Sie soll mit mehreren hundert Soldaten den Verband in Litauen anführen.
Punkt zwei neue Atomwaffen: Das Abschlusskommuniqué hebt die Bedeutung nuklearer Waffen hervor, ohne Russland zu erwähnen und ohne konkret auf die NATO-Planungen einzugehen. Diese sehen u. a. vor, ab 2020 den neuen Atombombentyp B61-12 auch in Europa zu stationieren. Er kann von allen Trägerflugzeugen der Mitgliedsstaaten abgeworfen werden. In der Warschauer Erklärung heißt es, vor allem die Atomwaffen der USA stellten die »wichtigste Garantie für die Sicherheit der Verbündeten« dar. Das erfordere »planerische Leitung kombiniert mit den Anforderungen des 21. Jahrhunderts«.
Punkt drei Raketenabwehr: Der Gipfel feiert das Erreichen der »Anfangsoperationsfähigkeit« auf diesem Gebiet als »Meilenstein«. Das im rumänischen Deveselu kürzlich installierte landgestützte »Aegis«-System, die geplanten in der Türkei und in Polen sowie die im US-Marinestützpunkt Rota in Spanien auf vier Schiffen montierten »Aegis«-Systeme stellten »operationell« einen »wichtigen Schritt« dar. Die Raketenabwehr richte sich »nicht direkt gegen Russland«.
Der Gipfel beschloss außerdem u. a. die Verlängerung der Truppenstationierung in Afghanistan, den Einsatz von AWACS-Aufklärungsflugzeugen zur Überwachung des Luftraumes über Syrien und dem Irak, die Teilnahme an der EU-Marineoperation vor Libyen.
Das russische Außenministerium erklärte dazu am Sonntag: »Die Allianz konzentriert ihre Kräfte darauf, eine nicht existierende ›Gefahr aus dem Osten einzudämmen‹«. Mit einer »Dämonisierung« Russlands lenke die NATO von ihrer destruktiven Rolle in der Welt ab und halte Spannungen in verschiedenen Regionen der Welt aufrecht. Die Teilnehmer eines Gegengipfels der internationalen Friedensbewegung kritisierten das NATO-Treffen ebenfalls scharf. An einer Protestdemonstration in Warschau beteiligten sich am Sonnabend mehrere hundert Menschen, darunter Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke.

Symbol für linke Freiräume

http://m.taz.de/Solidaritaet-fuer-Hausprojekt-in-Berlin/!5317411;m/
Solidarität für Hausprojekt in Berlin

Der Konflikt um die Rigaer94 in Berlin-Friedrichshain reicht über Bezirksgrenzen hinaus. UnterstützerInnen geht es um Grundrechte und Mietpreise.von Malene Gürgen
Viele Polizisten mit Westen und Helmen vor einem bemalten Haus am späten Abend

Rund 1.800 PolizistInnen waren bei der Demo am Samstagabend in der Rigaer Straße Foto: dpa
BERLIN taz | Jeden Abend um 21 Uhr wird es laut in Berlin-Friedrichshain, im sogenannten Nordkiez rund um die Rigaer Straße. Von Balkonen und aus Fenstern klappert es, Topfdeckel auf Topfdeckel, Holzlöffel auf Nudelsieb. Seit mehr als zwei Wochen geht das so. „Solidarität mit der Rigaer94“ ist das Motto dieses nachbarschaftlichen Protests, der auch die Demonstration begleitete, die am Samstagabend mit etwa 3.500 Menschen durch Friedrichshain zog. Die Rigaer94, 1990 besetzt, ist eines der letzten Hausprojekte in Berlin, in denen zumindest ein Teil der Räume bis heute nicht legalisiert oder geräumt wurde, sondern tatsächlich noch besetzt ist.
Obwohl man jetzt in der Vergangenheit sprechen müsste, denn ebendiese Räume im Erdgeschoss ließ der Hauseigentümer, ein britischer Investor, am 22. Juni räumen. Und weil die Rigaer94 nicht irgendein Haus ist, sondern seit Jahren ein Symbol für die linken Freiräume Berlins, rückten mit den BauarbeiterInnen auch 300 PolizistInnen an. Dass in Berlin gerade Wahlkampf ist und Innensenator Frank Henkel (CDU) sich in den letzten Monaten immer vorwerfen lassen musste, sich vor allem durch die Anzahl seiner Dienstreisen auszuzeichnen, mag ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen haben.
Seitdem brennen in Berlin und anderen Städten von Bielefeld bis Würzburg jede Nacht Autos, werden Farbanschläge auf teure Neubauten verübt oder die Fensterscheiben von Banken eingeworfen. Viele dieser Anschläge wurden in Bekennerschreiben in Zusammenhang mit der Rigaer94 gestellt. Senator Henkel ließ vor knapp zwei Wochen eine eigene 14-köpfige Ermittlergruppe einrichten, die „SoKo LinX“, um den linksradikalen BrandstifterInnen auf den Leib zu rücken.
Bei einer ersten Festnahme in der vergangenen Woche erwischte die Polizei dann ausgerechnet einen Szene-Aussteiger, der sich heute auf rechtsextremen Demonstrationen herumtreibt und von dem sich die Rigaer94 öffentlich distanziert hat, weil er in einer polizeilichen Vernehmung über das Hausprojekt Auskunft gegeben hatte.
Es ist ein Konflikt, der weit über Friedrichshain und die linksradikale Szene hinausreicht. Dass in Berlin die Mieten rasant steigen und gerade in der Innenstadt selbstverwaltete, unkommerzielle Räume verschwinden, das beschäftigt viele in der Stadt. Das Vorgehen der Polizei sorgt ebenfalls auch jenseits der autonomen Szene für Empörung: AnwohnerInnen fühlen sich von den seit Monaten stattfindenden anlasslosen Personenkontrollen in diesem als „kriminalitätsbelasteten Ort“ ausgewiesenen Gebiet schikaniert.
Nur eine Rückgabe der Räume beendet die Anschläge
Dass die Polizei als Erfüllungsgehilfe der Hausverwaltung auftritt und auch mal Fahrräder der BewohnerInnen aus dem Innenhof abtransportieren lässt, trifft ebenfalls auf Unverständnis. „Ich muss kein Freund der Rigaer Straße sein, um Grundrechtsverletzungen scheiße zu finden“, betonte etwa das Berliner Blog Metronaut schon Anfang des Jahres.
Mit seiner Unversöhnlichkeit gegenüber den etwa 30 BewohnerInnen der Rigaer94 steht Innensenator Henkel deswegen ziemlich allein da. Selbst der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat sich öffentlich dafür ausgesprochen, das Gespräch zu suchen. Wer hier mit wem verhandeln würde und ob sich die BewohnerInnen der Rigaer94 auf Gespräche einlassen würden, ist allerdings unklar.
Auf der linken Internetplattform Indymedia erklärten AutorInnen unter dem Namen „Autonome Gruppen“, dass sie mit „Vertreter/innen des Staates“ nicht verhandeln würden. Nur ein Abzug der Polizei und die Rückgabe der Räume an die BewohnerInnen könne die Anschläge beenden.
Kommende Woche wird erst einmal vor Gericht verhandelt werden: Die BewohnerInnen der Rigaer94 haben ein Eilverfahren gegen die Teilräumung des Hauses angestrengt. Da es keine Mietverträge gibt, befindet sich der Eigentümer rechtlich vermutlich auf der sicheren Seite. Wer allerdings politisch aus diesem Konflikt als Gewinner herausgehen wird, ist weniger klar.

Stefan Hinsch/ Wilhelm Langthaler: Europa zerbricht am Euro. Unter deutscher Vorherrschaft in die Krise

Europa zerbricht

Europa zerbricht
Im Titel ist zwar von Europa die Rede, im Kern jedoch geht es um die Europäische Union, ihre Krise und den voraussichtlich unglücklichen Ausgang, den „Zusammenbruch eines historischen Projekts“. Der Band enthält profunde Analysen zu den wirtschaftlichen und geldpolitischen Vorgängen, die zu dieser Situation geführt haben, aber auch wichtige zeitgeschichtliche, politikwissenschaftliche und soziologische Darstellungen, durch die Hintergründe und Zusammenhänge gut verständlich sind.

Grundlegender Befund der Autoren ist, dass wir es innerhalb der EU mit einer „unvollständigen Währungsunion“ zu tun haben. Solange die EU-Staaten ihre je eigene Währung hatten, standen die anderen zwar unter dem Druck der deutschen Exportkraft, der D-Mark und der Zinspolitik der Bundesbank, konnten durch Währungsanpassungen, Abwertungen und Zinspolitik jedoch gegensteuern und Ausgleichsmechanismen nutzen. Mit der Fixierung unverrückbarer Wechselkurse der teilnehmenden Währungen zum Euro am 1. Januar 1999, der Schaffung der Europäischen Zentralbank sowie dem „Stabilitäts- und Wachstumspakt“ gingen die Länder dieser Instrumente verlustig. Die „EU-Konvergenzkriterien“ schrieben fiskalische und monetäre Vorgabewerte fest, sahen von der Produktivitätsentwicklung jedoch grundsätzlich ab. Die Länder, die nun in der Euro-Falle sitzen, können – unter der Voraussetzung von Budgetdisziplin – einen Ausgleich von Nachteilen in der Konkurrenzfähigkeit nur noch durch „innere Abwertung“ erreichen: Senkung der Preise, und da das nicht wirklich geht, die Absenkung von Löhnen und Gehältern, der Sozialausgaben, der Renten. Das Programm, das in Griechenland, Irland und Portugal im Namen des „Schuldenabbaus“ exekutiert wurde.

Das meint der Begriff von der „unvollständigen Währungsunion“, und dies ist auch der entscheidende Unterschied der EU zu den USA. Der italienische Mezzogiorno oder das Gebiet der früheren DDR in Deutschland sind gezwungen, ihre Peripherisierung zu akzeptieren. Es gibt hier, wie in den USA, gesamtstaatliche Ausgleichsmechanismen: „Die Peripherisierung eines ganzen europäischen Staates ruft dauerhaften politischen Widerstand hervor. Man kann Griechenland nicht aufgeben wie ein Schweizer Bergdorf, dazu müssten politische Rahmenbedingungen vollständig umgestaltet werden. Das umgekehrte Problem haben schließlich die konkurrenzfähigen Staaten des Zentrums: Sie müssten Transfers zustimmen, die die Randexistenz erträglich machen.“ Eine gemeinsame Währung erfordert letztlich „ein gemeinsames sozioökonomisches Regime, einen gemeinsamen Staat“, der das Steuer- und Sozialsystem kontrolliert

An dieser Stelle rückt das deutsche Problem ins Zentrum. Deutschland ist der Hauptnutznießer des Euro. Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit durch die Globalisierung wurde verbessert und durch die ungleiche Lohn- und Produktivitätsentwicklung noch verstärkt: „Der südliche Teil der Eurozone, inklusive Frankreich, verlor schon 2007 den Anschluss an das deutsche Zentrum.“ Von 2003 bis 2007 stieg der deutsche Leistungsbilanzüberschuss, vor allem durch die Exporterlöse, auf 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), nach der Krise (2014) waren es wieder 7,6 Prozent des BIP oder 220 Milliarden Euro. Der Euro bedarf jedoch des politischen Kompromisses. Einen Austritt kleinerer Länder der äußeren Peripherie, wie Griechenland oder Portugal, könnte ökonomisch zur Not verkraftet werden, es müssten höchstens Forderungen ausgebucht werden. Aber die politische Wirkung wäre verheerend, der Funke könnte auf Spanien oder Italien überspringen. Will Deutschland diese in der Währungsunion halten, müsste es Zugeständnisse machen, etwa Dämpfung der Austeritätspolitik und „Stabilitätsbesessenheit“, stimulierende Maßnahmen in Deutschland, wie stärkere Lohnerhöhungen, und Schritte zur Übernahme von Haftung. Bei der deutschen Zustimmung zum Euro wurden jedoch Haftungsübernahmen grundsätzlich ausgeschlossen, eine „Transferunion“ abgelehnt. Die deutsche Bundesregierung beharrt auf überharter Austerität, Unwillen zum Schuldenerlass und zur Haftungsübernahme, auf Widerstand gegen eine expansive Geldpolitik.

Unter derartigen Voraussetzungen ist im Rahmen der bestehenden Macht- und Besitzverhältnisse ein Ende der Austeritätspolitik nicht möglich. „Das bedeutet, dass es zu diesem Zeitpunkt keine Alternative mehr gibt, die gleichzeitig realistisch und schmerzlos ist. Ein soziales Europa, das mit einer Umgestaltung des Entwicklungsmodells in den starken Zentrumsländern beginnt, Konkurrenzfähigkeit ausgleicht, Einkommen gerechter verteilt und einen Beitrag zum Schließen der globalen Nachfragelücke leistet, ist aus politischen Gründen ausgeschlossen – es wird von den Eliten, allen voran den deutschen, blockiert. Ein Fortbestehen der Währungsunion unter Fortsetzung der Austerität bedeutet eine fortgesetzte deflationäre Krise, eine zunehmende Außenabhängigkeit des Wirtschaftswachstums und hält gerade für Südeuropa die Perspektive einer vertieften Peripherisierung und eines Abbaus der Demokratie bereit.“ In Griechenland wird letzteres durch Schuldenregime und Troika gerade vorgeführt.

Vor diesem Hintergrund kommen Hinsch und Langthaler zu der Schlussfolgerung: „Für Südeuropa gibt es keine schmerzlose Alternative, aber der Austritt aus dem Euro ist die am wenigsten schmerzhafte.“ Das allerdings heiße: „Ein teilweises oder gar vollständiges Zerbrechen der Währungsunion und in weiterer Folge der EU in ihrer supranationalen Forcierung hätte enorme, in ihrer Bedeutung unabsehbare Auswirkungen auf Europa und die Welt. Wirtschaftlich betrachtet würde es in Deutschland eine Aufwertungskrise hervorrufen. Die Exportüberschüsse würden rapide sinken und durch den jähen Wegfall von Absatz eine scharfe Rezession auslösen.“ Dafür wären dann jene deutschen „Eliten“ verantwortlich, die jetzt jede andere Politik blockieren. Es „deutet alles darauf hin, dass Berlin den Bogen überspannt“. Deutschland hätte ein drittes Mal einen Zusammenbruch Europas verursacht, stark genug, eine positive Wendung zu verhindern, unfähig und zu schwach zu zukunftsweisender Gestaltung. Die EU wurde um die „deutsch-französische Achse“ herum gebaut. Zerbricht der Euro, zerfällt die EU, bricht auch diese Achse. Dann steht die „deutsche Frage“ auch in ihrem ursprünglichen Sinne wieder auf der europäischen Tagesordnung.

Zentrale These der Autoren ist, „dass sich gegen die supranationale Zentralisierung der von Berlin geführten kapitalistischen Eliten eine mächtige Tendenz zur Rückkehr zur nationalen Souveränität anbahnt, der sich die peripheren Eliten nur mit Schwierigkeiten entgegenstemmen können“. Die Konzepte der Nation und der Volkssouveränität sind dem Wesen nach Erbe der französischen Revolution und der sozialistischen Arbeiterbewegung. Nach dem Ende der Sowjetunion und des Kalten Krieges wurde unter Bill Clinton jedoch die Globalisierung gefeiert, die statt der Nationen und des trennenden Nationalismus „eine einzige, vernetzte Welt herstellen sollte“. Unter Linken besorgten Negri und Hardt mit ihrem „Empire“-Konzept (2000) eine entsprechende Anpassung. Die Ideologie des Europäismus, die europäische Vereinigung in Gestalt der EU würde in eine stabile Friedensordnung hinüberwachsen und dauerhaft für Freiheit und Wohlstand sorgen, war die europäische Gestalt der neuen großen Versprechungen. „Die Anziehungskraft dieser Idee kann kaum überschätzt werden und wirkt bis heute. In gewisser Hinsicht kann der Europäismus als europäisches Pendant zum american dream verstanden werden, mit tiefen Wurzeln in der historischen Linken bis zurück zu Kants Ewigem Frieden.“ Die Verschränkung des Europäismus mit dem Neoliberalismus und seinem Binnenmarkt verschwindet aus dem Blickfeld. Es ist der realpolitische Versuch einer geschlagenen Arbeiterklasse, „der vermeintlichen Verwirklichung ihrer historischen Ziele von nationaler Versöhnung, Frieden und Demokratie“ näher gekommen zu sein und der Hoffnung, dem später doch noch „das Soziale aufprägen“ zu können.

Vor diesem Hintergrund betrachte die Linke heute „den Nationalstaat nicht nur als überkommen, sondern auch als reaktionär, als Rückfall in die Zeit des Nationalismus“. Das allerdings hat Folgen. „Die Erben der historischen Linken vertreten jedenfalls nicht mehr die sozialen Interessen der untersten Schichten noch jene der Arbeiter, noch weniger betreiben sie ein Projekt zur Überwindung des Kapitalismus. Durch die Unterstützung der Globalisierung könnte man vielleicht das Gegenteil unterstellen. Auf der Seite der Rechten liegen die Dinge komplizierter, denn einige ihrer Strömungen versuchten auch früher schon zu verdecken, dass sie die Interessen der sozialen Eliten verteidigen würden. Was heute als Rechtspopulismus bezeichnet wird, vertritt die Interessen der Eliten jedenfalls nicht und tritt an, die Interessen der unteren Schichten zu verteidigen, gegen die Eliten wie gegen die Immigranten.“

Die „Rebellion gegen den unwilligen Imperator“ Berlin wurde so zur Stunde des Aufstiegs zumeist rechter „EU-skeptischer Protestparteien“. Der Brexit, mit Großbritannien zwar ein Land betreffend, das nicht der Euro-Zone angehört, hat einen ersten Durchbruch in Richtung „Rückkehr zur nationalen Souveränität“ gebracht. Danach liest sich dieses Buch mit noch größerer Spannung.
Stefan Hinsch/ Wilhelm Langthaler: Europa zerbricht am Euro. Unter deutscher Vorherrschaft in die Krise, Wien: Promedia Verlag 2016, 204 S.

Interview mit den Bestseller-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik: „Der pervertierte Finanzkapitalismus ist destruktiv“

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.interview-mit-den-bestseller-autoren-marc-friedrich-und-matthias-weik-der-pervertierte-finanzkapitalismus-ist-destruktiv.8ecafc8d-7c18-49e6-b165-43eec8c2560e.html
„Kapitalfehler“: Marc Friedrich (links) und Matthias Weik präsentieren ihr drittes Buch. (Foto: Stehle/privat)
Göppingen – – Zwei Bestseller über das Unwesen der Finanzpolitik haben Marc Friedrich und Matthias Weik bereits veröffentlicht. Mit „Kapitalfehler: Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen“ stellen die beiden Autoren ihr neuestes Werk an diesem Freitag zwischen 10 und 12 Uhr zunächst in der Radio-Sendung SWR-Leute und dann am Abend von 19 Uhr an in der Eislinger Stadthalle vor.

Herr Weik, Herr Friedrich, die Präsentation Ihres neuen Buches steht unmittelbar bevor. Warum gerade im Filstal in Eislingen und nicht am Finanzplatz in Frankfurt?
Weik: Wir sind Schwaben, heimatverbunden und setzen Prioritäten. Aus diesem Grunde findet die Premiere im Schwabenland statt. Selbstredend wird das Buch aber auch in Frankfurt, Berlin, München, Köln und anderswo vorgestellt. Aber erst die Heimat und dann der Rest der Welt.
Ihre ersten beiden Werke „Der größte Raubzug der Geschichte“ und „Der Crash ist die Lösung“ hatten griffige Titel und wurden zu Bestsellern. Jetzt kommt „Kapitalfehler: Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen“. Das klingt fast schon nach Karl Marx. Sprechen Sie eine andere Zielgruppe an?
Friedrich: Wir sprechen alle an, die sich berechtigte Sorgen um ihr Erspartes machen, die sich informieren möchten, was die wahren Ursachen der Krise sind und was es für Lösungsmöglichkeiten gibt. In der Analyse sind wir dieses Mal tiefer gegangen, dennoch ist das Buch allgemein verständlich geschrieben.
Aber der Titel lässt schon eine gewisse Systemkritik erkennen.
Weik: Selbstverständlich. Das System ist unheilbar krank. Überall gibt es Warnsignale. Wir erleben den Dauerkrisen-Modus live und in Farbe. Eine Krise wird durch eine noch größere Krise abgelöst. Unser aktuelles System ist hochgradig ungerecht. Finanzkapitalismus ist schlicht und einfach ein schlechter Kapitalismus.Denn er verteilt das globale Investitionskapital, die Mittel zur Finanzierung aller öffentlichen Güter sowie die Weiterlesen Interview mit den Bestseller-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik: „Der pervertierte Finanzkapitalismus ist destruktiv“

Kapitale Fehlerdiskussion

Kapitale Fehlerdiskussion

Mit den Büchern „Der größte Raubzug der Geschichte“ (2014) und „Der Crash ist die Lösung“ (2015) legten die beiden Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich bereits zwei Bestseller vor. Mit ihrem neuesten Titel „Kapitalfehler“ gelingt ihnen dies vielleicht zum dritten Mal. Freilich sind nicht alle Bestseller wirklich gute Bücher und der Verkaufserfolg entscheidet mitnichten über die inhaltliche Qualität. Das Gegenteil gilt aber auch nicht unbedingt: Es soll auch Ladenhüter geben, die wirklich nichts taugen. – Sollen die Leser darüber entscheiden!
Was sich aus fachlicher Sicht aber schon jetzt über das Buch von Weik und Friedrich sagen lässt, ist, dass es aktuelle Probleme aufgreift, diese verständlich und unter weitgehender Aussparung fachspezifischer Termini und komplizierter theoretischer Erörterungen abhandelt und dass am Ende radikale Forderungen formuliert werden. Nicht ganz klar wird jedoch, von welcher theoretischen und politischen Position aus die Autoren ihr Thema angehen, welche Ziele sie mit ihrer deutlichen Kritik verfolgen und an wen sich ihre Forderungen letztlich eigentlich richten. Ihre Argumentation changiert ständig zwischen einem eher volks- und einem eher betriebswirtschaftlichen Herangehen, was wahrlich sehr verschiedene „Dinge“ sind. Daneben finden sich soziologische, ethnologische, juristische, moralische und andere Aussagen, politische Statements und allgemein-verständliche Erklärungen, witzige Anmerkungen, Anekdoten und lange Zitate. Ein derartiges „Sampling“ mag als Methode für populärwissenschaftliche Vorträge eine gewisse Berechtigung haben, in einem ökonomischen Fachbuch dagegen wirkt es eher irritierend, manchmal sogar störend. Mitunter entsteht dadurch der Eindruck von Zufälligkeit, Oberflächlichkeit und argumentativer Willkür: So ist die Palette der angerissenen Fragen sehr groß, ohne aber dass hier immer ein innerer Zusammenhang erkennbar wäre. Auch sollen offenbar alle im Netz vertretenen Mainstream-Positionen im Buch vorkommen und alle Autoren zitiert werden, die gerade in Mode sind. Dass es dabei zu Widersprüchen und Ungereimtheiten kommt, wird von den Autoren jedoch geflissentlich übersehen. Da das Ganze aber flott formuliert ist und gut lesbar daherkommt, nimmt man es hin, selbst da, wo es inhaltlich nicht unbedingt überzeugt.

Hauptanliegen der Autoren ist es, Weiterlesen Kapitale Fehlerdiskussion