Ankara züchtet Terror

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Symbole der Stärke: Razzia gegen mutmaßliche IS-Mitglieder am Donnerstag in Istanbul

Foto: picture alliance / AA-Arif Hudaverdi Yaman
Die Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) habe den türkischen Staat infiltriert. Das warf der Kovorsitzende der linken kurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP), Selahattin Demirtas, der Führung des Landes am Mittwoch abend während eines Ramadan-Empfangs in Istanbul vor. Aufgrund der Tolerierung durch die Regierungspartei AKP habe die Miliz ihre Sympathisanten und Mitglieder in Beamtenpositionen bringen können, erklärte Demirtas. Am Tag zuvor hatten drei mutmaßliche IS-Selbstmordattentäter auf dem Istanbuler Atatürk-Flughafen 42 Menschen getötet und rund 250 weitere verletzt.
»Ihr glaubt, dass ihr den IS seit Jahren für eure Zwecke benutzt, aber nun benutzt der IS euch für sich«, sagte Demirtas an die Adresse der Regierung. IS-Anhänger seien längst im Bildungsministerium, bei den Gesundheitsbehörden, beim Flughafen-Sicherheitspersonal, in den Gerichten und Gefängnissen. »Deshalb können sie in der Türkei an jedem Ort zu jeder Zeit Massaker anrichten.«
Offenbar war die Regierung zudem im Vorfeld über einen möglichen Anschlag in Istanbul informiert. Der Geheimdienst habe Anfang Juni in einem Schreiben an die Staatsspitze und die Behörden davor gewarnt und den Flughafen als ein Ziel bezeichnet, erklärte die Ankara-Korrespondentin des Senders Dogan TV, Hande Firat, am Mittwoch abend in einer Livesendung.
Der IS hat sich bisher nicht zu der Attacke bekannt, allerdings hatte die Organisation dies auch in der Vergangenheit nach ihr zugeschriebenen Anschlägen in der Türkei nicht getan. Für ihre Urheberschaft spricht schon der Zeitpunkt: am Vorabend des zweiten Jahrestages der Ausrufung seines »Kalifats«. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, bei Razzien in Istanbul seien am Donnerstag im Zusammenhang mit der Attacke am Flughafen 13 Verdächtige festgenommen und IS-Material beschlagnahmt worden.
In der türkischen Presse wird derweil darüber spekuliert, ob die Anschläge im Zusammenhang mit der Aussöhnung zwischen der Türkei und Israel stehen. Zu Wochenbeginn hatten die Regierungen beider Länder mit einem Kooperationsabkommen die Eiszeit in ihren diplomatischen Beziehungen beendet, die seit dem Überfall der israelischen Armee auf die Gaza-Flotte vor sechs Jahren herrschte. Damals waren neun türkische Aktivisten an Bord des Schiffes »Mavi Marmara« getötet worden. Die Attacke am Flughafen könnte ein »Präventivschlag gegen eine mögliche Geheimdienstkooperation zwischen der Türkei und Israel gegen den IS« gewesen sein, mutmaßte die Kolumnistin der Tageszeitung Hürriyet Daily News, Barcin Yinanc.
Tatsächlich hat das Abkommen mit Israel bereits zu Spannungen zwischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und ihm bislang nahestehenden islamistischen Kreisen geführt. Ins Fadenkreuz Erdogans geriet die eng mit der Regierung verbundene »Stiftung für Menschenrechte, Freiheiten und humanitäre Hilfe« (IHH). Nachdem die IHH die Einigung, die unter anderem die Einstellung der Strafverfolgung gegen die an der Kaperung der »Mavi Marmara« beteiligten israelischen Soldaten beinhaltet, scharf kritisiert hatte, beschuldigte Erdogan die Organisa­tion, die Gaza-Flotte 2010 ohne seine Erlaubnis organisiert zu haben. In den vergangenen Jahren konnte mehrfach dokumentiert werden, wie Lastwagen der IHH unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe Waffen für den IS und die Al-Nusra-Front nach Nordsyrien transportierten – im Auftrag Erdogans.
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