Holocaust und »Russenmord«

https://www.jungewelt.de/2016/06-22/012.php
Aus: Ausgabe vom 22.06.2016, Seite 3 / Schwerpunkt

1280px-Jew_Killings_in_Ivangorod_(1942).jpg

Vernichtungsaktionen: Ein Foto von der Ostfront mit der Beschriftung »Ukraine 1942 – ­Judenaktion in Iwangorod«
Foto: wikimedia.org/public domain
Kurt Pätzold: Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 – Geschichte und Geschichtsschreibung. Edition Ost/Spotless/Militärverlag/Verlag am Park in der Eulenspiegel-Verlagsgruppe, 12,99 Euro, ab Herbst 2016 erhältlich

Im Herbst veröffentlicht der Faschismusforscher und jW-Autor Kurt Pätzold ein Buch unter dem Titel »Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 – Geschichte und Geschichtsschreibung«. Anlässlich des 75. Jahrestages des Überfalls auf die Sowjetunion durch Nazideutschland dokumentiert junge Welt – leicht gekürzt – das erste Kapitel »Holocaust und ›Russenmord‹«.

Nur die ältesten Bürger der Bundesrepublik, so sie es noch vermögen, erinnern sich in diesen Tagen des 22. Juni 1941. Damals waren sie gerade Schulkinder, heute sind sie im neunten Lebensjahrzehnt angekommen. Gespräche ergeben, dass sie sich weniger des Beginns des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion erinnern und an das Lied »Von Finnland bis zum Schwarzen Meer«. Am stärksten in Erinnerung sind die Hakenkreuzfahnen mit dem Trauerflor geblieben, die nach der verlorenen Stalingrader Schlacht in Schulen aufgezogen wurden, die Trauerappelle und die aus dem eigenen Fenster der eigenen Wohnung gehängte Fahne.
27 Millionen Opfer
Nun, 75 Jahre später, liegt dem Bundestag seit dem 11. Mai ein Antrag mit dem Vorschlag vor, die Millionen toten Sowjetbürger zu Opfern des Faschismus zu erklären – das kommt spät, und wie hierzulande üblich, wird der deutsche Faschismus, von dem die Rede sein müsste, zum »Nationalsozialismus« erklärt, aber jedenfalls ist es in der Sache und im Anliegen richtig, denn nur eine geschätzte Minderheit dieser 27 Millionen wurde Opfer von Kriegshandlungen an oder hinter den Fronten. Sie fielen vielmehr Kriegs- und anderen Verbrechen zum Opfer, die vorsätzlich und planmäßig und im Wissen um die Missachtung internationaler Verträge begangen wurden und dokumentiert sind. Von den 5,7 Millionen in deutsche Hände gefallenen Sowjetsoldaten sind 3,3 Millionen in Gefangenschaft umgekommen, sie wurden erschossen, von Seuchen dahingerafft, verhungerten, erfroren, blieben medizinisch unversorgt oder wurden Opfer der Zwangsarbeit. Das waren 57, 5 Prozent, was sich gewichten lässt, hält man dem die Zahl von 3,5 Prozent anglo-amerikanischer Gefangener gegenüber, die zu Tode kamen.
Dieses Massentöten hat in den Darstellungen und im Gedenken an die Geschichte des Zweiten Weltkrieges bisher weit geringere Aufmerksamkeit auf sich gezogen als der Holocaust. Wenngleich es nicht wenige, sondern im besetzten sowjetischen Territorium und unter den sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten mehr Opfer forderte als unter den sowjetischen Juden, die in die Hände der Faschisten fielen. Die Schuld daran trifft jene zu Stalins Lebzeiten entwickelte Sicht, die diese Kriegsgefangenen und Sowjetbürger in den von Deutschen eroberten Gebieten zu Kollaborateuren stempelte und mit Verachtung strafte.
Die internationale Forschung hat sich indessen mehr und mehr dem Holocaust zugewandt, zumal er seine Geschichte in jedem der faschistisch besetzten Länder besitzt und überall auch Fragen der Kollaboration aufwirft. Ein Vergleich zwischen dem Judenmorden und den Massentötungen von Nichtjuden drängt sich jedoch für die Sowjetunion und in Abstufung für Polen auf. Ohne Erörterung dieser Zusammenhänge bleibt auch die Debatte über die deutschen Ziele dieses Kriegs lückenhaft.
Was unterscheidet beide voneinander, und was verbindet sie?
UZ-Pressefest

1. In beiden Fällen handelt es sich um beispiellose Verbrechen. Was immer Juden in den Jahrhunderten vorher in der Diaspora geschehen war, nie waren sie auf Gegner getroffen, die das Ziel verfolgten, sie völlig auszurotten. Und wie viele Männer auch immer während der vielen Kriege in die Hände ihrer Gegner gerieten und umgebracht wurden, nie geschah, dass sie nach einem vorgegebenen Plan getötet wurden.
2. Eine vergleichbare Beratung wie die am Wannsee über Fortgang und Organisation des Judenmords hat es im Hinblick auf die sowjetischen Kriegsgefangenen im Führungsbereich des Oberbefehlshabers des Heeres nicht gegeben. Die Militärführung brauchte zur Verwirklichung ihres Vorhabens keine Helfer. Was geschah, wurde nach Besprechungen beim Generalquartiermeister und dem für die Kriegsgefangenen zuständigen General befohlen. Festgelegt wurden die Verpflegungsrationen, richtig: Hungerrationen, für die Gefangenen (Hirse, schlechtes Brot, Kartoffeln), die Todesurteilen gleichkamen.
3. Während gegen Ende 1941, als den Nazi- und Militärführern bewusst zu werden begann, dass der Krieg nicht nach ihren Plänen verlief, obwohl sie nach wie vor das Gegenteil behaupteten, eine Veränderung in der Haltung gegenüber den Kriegsgefangenen einsetzte und die Frage ihrer Verwendung als Arbeitskräfte auch von Hitler erörtert wurde, intensivierten sich die Vernichtungsaktionen gegen die Juden.
4. Ungleich waren Antriebe und Ziele der beiden Vernichtungsaktionen. Die Juden galten als die gefährlichsten Konkurrenten »von Bluts wegen«. Sie sollten vollkommen und restlos ausgeschaltet, als Störenfriede namentlich der Neuordnung Europas ausgerottet werden. Die Slawen, Russen, Weißrussen, Ukrainer, die in die Hände der Deutschen gefallen waren, waren zu viele Menschen, gemessen an den Plänen, ihre Länder in riesige deutsche Kolonialreiche und Satelliten zu verwandeln. Durch ihr Reduzierung würden »unnütze Esser« beseitigt, und die dauernde Beute, die aus diesen Ländern erzielt werden konnte, würde sich erhöhen. Das setzte voraus, dass ein genügend großer Sklavenmarkt an arbeitsfähiger Bevölkerung erhalten blieb. Von einer generellen Beseitigung der vorgefundenen Einheimischen konnte nicht die Rede sein.
5. Beide Vernichtungsaktionen setzten Täter voraus. Die Juden wurden durch speziell auf diese Aufgabe vorbereitete Formationen des Sicherheitsdienstes und der Polizei unter Heranziehung von Kollaborateuren entweder in der Nähe ihrer Wohnorte erschossen oder in speziell eingerichteten Lagern getötet. Den »Russenmord« erledigten die Begleitmannschaften der Elendszüge, die sich von der Front westwärts bewegten, sowie die Mannschaften, die die Gefangenenlager organisierten und überwachten.
6. Wenn auch Informationen über den Vollzug des Judenmordens (Ort, Zahlen, Methoden) von den Tätern strikt geheimgehalten wurden, wurde in der deutschen Presse und auf anderen Wegen doch das Ziel, ein judenfreies Europa als ersten Schritt zu einer »Welt ohne Juden« zu schaffen, permanent propagiert. Die Deportation der Juden zu den Mördern erfolgte am hellen Tage und war in allen besetzten Staaten Europas bekannt. Anders das Ende der Kriegsgefangenen in den Lagern im Osten. Feldpostbriefe und Augenzeugenberichte ließen jedoch auch davon Nachrichten ins Reich gelangen. Und wie elend die nach Deutschland verbrachten »Russen« lebten, offenbarten unschwer Vergleiche mit dem Dasein der französischen, britischen und anderen westeuropäischen Gefangenen. Ihr Siechtum in Lagern wie Stukenbrock in Westfalen war kein Geheimnis. Allein im dortigen Gefangenenlager kamen geschätzt 65.000 sowjetische Kriegsgefangene um.
7. Unterschiedlich gingen die Bundesdeutschen vor allem mit dem Gedenken an diese Opfergruppe des Faschismus um. Kam schon das an die deutschen, politischen und anderen Gegner des Regimes und die Juden schleppend, gegen Widerstände aus Lügen, gespeist von apologetischem Interesse der Mörder und ihrer Gehilfen, in Gang, so stand vor der Erinnerung an die sowjetischen Kriegsgefangenen das antikommunistische Geschichtsbild. Ehrende Veranstaltungen organisierten an Jahrestagen, die Anlass des Erinnerns boten, westdeutsche Antifaschisten, überwacht vom sogenannten Verfassungsschutz.
Doktrin der Gleichsetzung
Erst 70 Jahre nach Kriegsende stattete ein Präsident der Bundesrepublik einem sowjetischen Kriegerfriedhof in seinem Staatsgebiet einen Besuch ab und absolvierte das übliche Ritual der Kranzniederlegung an einer Gedenkstele. Das tat 2015 Joachim Gauck. Dass er für diese Demonstration Stukenbrock wählte, war richtig und enthob ihn jeder Stellungnahme zu Inhalt und Form der Ehrungen, die im ostdeutschen Staat als eine selbstverständliche moralische Anstandspflicht angesehen worden waren. Wäre die Wahl auf die Seelower Höhen gefallen, hätte von allen Toten der letzten schweren Kämpfe an der Oder und auf dem Weg nach Berlin die Rede sein können.
Gauck selbst gehört zu den vernarrten Anhängern der Totalitarismusdoktrin. Er weiß, was er an ihr hat. In der Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik profilierte sich eine Minderheit als deren Gegner und distanziert sich von der Gleichsetzung von faschistischer Diktatur und politischer Herrschaft der DDR. Das hat Konsequenzen für den Blick auf Tage wie den 22. Juni 1941 und den 8. Mai 1945 und Folgen für den Versuch, das 20. Jahrhundert zum »Jahrhundert des Sieges über den Totalitarismus« einzunebeln, woran permanent gearbeitet wird.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s