Ökonomie und Care

Ökonomie und Care

Von Stefan Meretz

Nachfolgend die Folien (PDF, ODP) und der Mitschnitt (OGG, MP3) meines Beitrages beim Colloquium zu Digitalisierung in Leipzig.

Werbeanzeigen

Holocaust und »Russenmord«

https://www.jungewelt.de/2016/06-22/012.php
Aus: Ausgabe vom 22.06.2016, Seite 3 / Schwerpunkt

1280px-Jew_Killings_in_Ivangorod_(1942).jpg

Vernichtungsaktionen: Ein Foto von der Ostfront mit der Beschriftung »Ukraine 1942 – ­Judenaktion in Iwangorod«
Foto: wikimedia.org/public domain
Kurt Pätzold: Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 – Geschichte und Geschichtsschreibung. Edition Ost/Spotless/Militärverlag/Verlag am Park in der Eulenspiegel-Verlagsgruppe, 12,99 Euro, ab Herbst 2016 erhältlich

Im Herbst veröffentlicht der Faschismusforscher und jW-Autor Kurt Pätzold ein Buch unter dem Titel »Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 – Geschichte und Geschichtsschreibung«. Anlässlich des 75. Jahrestages des Überfalls auf die Sowjetunion durch Nazideutschland dokumentiert junge Welt – leicht gekürzt – das erste Kapitel »Holocaust und ›Russenmord‹«.

Nur die ältesten Bürger der Bundesrepublik, so sie es noch vermögen, erinnern sich in diesen Tagen des 22. Juni 1941. Damals waren sie gerade Schulkinder, heute sind sie im neunten Lebensjahrzehnt angekommen. Gespräche ergeben, dass sie sich weniger des Beginns des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion erinnern und an das Lied »Von Finnland bis zum Schwarzen Meer«. Am stärksten in Erinnerung sind die Hakenkreuzfahnen mit dem Trauerflor geblieben, die nach der verlorenen Stalingrader Schlacht in Schulen aufgezogen wurden, die Trauerappelle und die aus dem eigenen Fenster der eigenen Wohnung gehängte Fahne.
27 Millionen Opfer
Nun, 75 Jahre später, liegt dem Bundestag seit dem 11. Mai ein Antrag mit dem Vorschlag vor, die Millionen toten Sowjetbürger zu Opfern des Faschismus zu erklären – das kommt spät, und wie hierzulande üblich, wird der deutsche Faschismus, von dem die Rede sein müsste, zum »Nationalsozialismus« erklärt, aber Weiterlesen Holocaust und »Russenmord«

Wieder gegen Russland

https://www.jungewelt.de/2016/06-22/001.php

World_War_II_commemo_45696948.jpg
22. Juni 2015: Gedenken am Grab des Unbekannten Soldaten in Moskau an die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945
Foto: EPA/SERGEI CHIRIKOV
Sevim Dagdelen ist Sprecherin für internationale Beziehungen der Linksfraktion und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages

Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen« – diese Grabinschrift auf dem Leningrader Piskarjow-Gedenkfriedhof erinnert an diejenigen, die während der Belagerung der Stadt im Zweiten Weltkrieg starben und dort in Massengräbern begraben sind. Für die Bundesregierung scheint das Wachhalten der Geschichte keine große Bedeutung zu haben, wie sich ihrer Antwort auf meine kleine Anfrage »Gedenken der Bundesregierung an 75 Jahre Überfall auf die Sowjetunion« entnehmen lässt.

Während sich auf der einen Seite seit Jahren geschichtsrevisionistische Angriffe mehren, die den Beitrag der damaligen Sowjetunion und der Roten Armee zur Befreiung Deutschlands und Europas vom Faschismus schmälern und relativieren wollen, verweigert die Bundesregierung schlicht ein würdiges Gedenken an jene, die Opfer des Überfalls des faschistischen Deutschlands am 22. Juni 1941 wurden. Mehr als 26 Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion getötet – zwei Drittel von ihnen waren Zivilisten. Städte, Dörfer und Fabriken in der Sowjetunion wurden von den deutschen Besatzern niedergebrannt und zerstört.
Der Umgang mit der deutschen Geschichte spiegelt das aktuelle politische Klima zwischen Ost und West wider. »Weder im Inland noch im Ausland« richtet die Bundesregierung in Erinnerung an den 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion eine Gedenkveranstaltung aus. Dies sei Aufgabe der »fachkundigen (…) Einrichtungen der politischen, historischen und kulturellen Bildung«, heißt es in der Antwort lapidar. Und so richtig die Feststellung des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier ist, dass der Frieden in Europa, der nun seit mehr als 70 Jahren zumindest ohne großen Krieg herrscht, das kostbarste Gut ist, das wir haben, und er dafür kämpfen werde, dass das nicht aufs Spiel gesetzt wird, und so richtig seine jüngste NATO-Kritik ist, seine Taten sprechen eine ganz andere Sprache.
UZ-Pressefest

Denn für die Politik der »Einkreisung« Russlands durch die NATO durch Aufnahme weiterer Mitglieder und die Aufstellung eines »Raketenabwehrsystems« stehen eben die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und auch Außenminister Steinmeier. Diese Gewaltpolitik erfährt durch Großmanöver des westlichen Militärpakts in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland und durch die Stationierung weiterer Truppen in Polen, Litauen, Lettland und Estland nunmehr eine konfliktverschärfende Fortsetzung. Wohl wissend, dass eine »dauerhafte Stationierung« von »substantiellen« Kampfverbänden gegen die NATO-Russland-Grundakte aus dem Jahr 1997 verstoßen würde, lässt man die vier multinationalen NATO-Bataillone mit je etwa 1.000 Mann rotieren. Deutschland kommt dabei 75 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion eine wichtige Rolle zu: Die Bundeswehr ist Teil der Aufmarschpolitik gegen Russland und soll in Litauen die Führung über das NATO-Kontingent übernehmen.
Die Bundesregierung setzt auf das Vergessen, was die Folgen einer Konfrontationspolitik sein können. Der neue Feind steht im Osten. Er heißt Russland. Gegen ihn scheint jedes Mittel recht: Sanktionen, Aufrüstung, Destabilisierungsmaßnahmen. Von Resultaten dieser verheerenden Aggressionspolitik aber will man nichts wissen. Dabei ist die Bundesregierung konsequent: Die Erinnerung an den Überfall auf die Sowjetunion soll ausgelöscht werden, um ungestört an Russlands Grenzen zu zündeln.