Rassistischer Doppelpass

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10. Juni 2016 Otto König/ Richard Detje: AfD-Provokation als »Arbeits- und Werbeprinzip«
AfD-Vize Alexander Gauland, obwohl er sich »im Fußball nicht auskennt«, und die AfD-Vorsitzende Frauke Petry spielen mit Blick auf die heute Abend beginnenden Fußball-Europameisterschaft Doppelpass: Er äußert sich abfällig über den dunkelhäutigen, geborenen Berliner Jérôme Boateng vom FC Bayern München, sie stänkert gegen die Mekka-Pilgerreise des in Gelsenkirchen geborenen türkisch-stämmigen Mesut Özil von Arsenal London.
Beide Fußballer sind in den nächsten Wochen mit dem DFB-Team auf »Mission Europameister« unterwegs. Funktionäre der AfD lassen also keine Gelegenheit aus, um mit dumpfbackenen Äußerungen mediales Interesse zu erwecken. Das reicht von der Diffamierung von Flüchtlingen und Islamophobie beim Treffen mit Muslimen über die Forderung des thüringischen AfD-Landeschefs Björn Höcke, mit der französischen Front National zusammenzuarbeiten, bis zu offen rassistischen Statements, die – abgefeuert in Richtung von Spielern der deutschen Fußballnationalmannschaft kurz vor der Eröffnung der Europameisterschaft in Frankreich – zweifelsohne das größte mediale Echo finden.
Sicher, die AfD ist kein monolithischer Block; in ihr sammeln sich Rechtspopulisten, die gegen die »politische Klasse« zu Felde ziehen, neben EU-Gegnern, Rassisten und Völkisch-Nationalen. Und es gibt Repräsentanten mit ausgeprägten Machtinteressen, die wissen, wie sie über die gesamte Breite des politischen Spektrums ihrer Partei »spielen« können.
»Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben«, sagte Gauland über Boateng, Weltmeister von 2014. Mit diesem widerlichen Gerede setzt er die Hetze der NPD aus dem Weltmeister-Jahr 2006 fort. Die Neonazis hatten damals über einem Trikot mit der Nummer 25 des schwarzen Nationalspielers Patrick Owomoyela den Satz plakatiert: »Weiß, nicht nur eine Trikotfarbe – für eine echte Nationalmannschaft«.
Der ehemalige CDU-Politiker und Jurist Gauland, der den Mythos der AfD verkörpert, dass man gleichzeitig honoriger Konservativer und ein bisschen rechtsextrem sein darf, macht mit seiner offenen rassistischen Bemerkung zunächst einmal sich selbst, aber auch die Politik der AfD kenntlich. Eine bräunlich verfärbende Brühe von Rassismus und Islamophobie bilden die Speerspitze der »Alternative für Deutschland«, die keine Alternative ist.
Gauland & Co weiten die Kampfzone immer mehr aus – die Beleidigungen werden heftiger und die Bilder drastischer. Sie zielen nicht mehr nur auf Flüchtlinge und Muslime, sie machen Stimmung gegen alles, was nicht in ihr Weltbild eines ethnisch definierten Nationalvolks passt. Weil aber kein Rassist öffentlich bekennt, ein Rassist zu sein, spricht Gauland verklausulierend davon, dass er und seinesgleichen um »ihr So-Sein« kämpfen, für alles, »was man von den Vätern ererbt« habe.
Zu diesem Erbe, das Gauland und seine Gesinnungsgenossen gegen eine »Politik der menschlichen Überflutung« verteidigen, um den Versuch, »das Deutsche auszulöschen« zu verhindern, gehört nicht: Weltoffenheit und Toleranz, Achtung der Menschenwürde Religionsfreiheit sowie Respekt vor der sexuellen Identität.
Für Heribert Prantl ist dieses »saudumme Gerede nicht einfach nur saudumm; es ist gefährlich; es kann die Volksverhetzung-Schwelle überschreiten. Es kann neue Hetze und neue Gewalt provozieren« (SZ, 29.5.2016). Will sagen: Es finden vermehrt Grenzüberschreitungen von Rechtspopulismus und (völkischem) Rechtsextremismus statt. Und, so Prantl, es lassen sich taktische Lernprozesse feststellen: Im Gegensatz zur NPD mache es die AfD »geschickter und subtiler«.
Sie nutzt die politische Provokation als »Arbeits- und Werbeprinzip«: Während der eine AfD-Funktionär die subtile Hetze pflegt, widerspricht ein anderer aus der AfD-Führungsriege. Und schon ist die Partei dort, wo sie am liebsten ist: in den Medien. Doch das Gift ist versprüht und wirkt. Und wer sich darüber entsetzt, wird darauf verwiesen, dass man sich doch davon distanziert habe. So stellte Gauland in Abrede, dass er sich beleidigend oder fremdenfeindlich geäußert habe. Und Frauke Petry entschuldigte sich bei Jérôme Boateng.
Das »Spiel« mit Grenzüberschreitungen und Korrekturen ist für die AfD typisch. Als Petry an der Grenze auf Flüchtlinge schießen lassen wollte, war es Gauland, der sich von ihr distanzierte. Weder die menschenverachtende Äußerung der AfD-Vorsitzenden war eine unbeabsichtigte Entgleisung wie die von ihrer Stellvertreterin Beatrix von Storch nachgeschobene Beteuerung, Frauen und Kinder von der Exekution ausnehmen zu wollen.
In beiden Fällen handelt es sich offenkundig um eine gezielte Provokation. Frauke Petry erläutert dies in einer E-Mail vom 7. März dieses Jahres an die »lieben Mitglieder und Förderer«: »Um sich medial Gehör zu verschaffen, sind daher pointierte, teilweise provokante Aussagen unerlässlich. Sie erst räumen uns die notwendige Aufmerksamkeit und das mediale Zeitfenster ein, um uns in Folge sachkundig und ausführlicher darzustellen.«
Doch jenseits brachialer Polemik muss man »sachkundige Äußerungen« von AfDlern mit der Lupe suchen. Und wenn sie wie jüngst von Petry zu sozialen Fragen getätigt werden, entlarven sie die AfD als eine Partei, die den Jargon der Marktgläubigkeit und der Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit nachplappert: »An einer weiteren Verlängerung der Lebensarbeitszeit führt kein Weg vorbei«, sagte Petry der Welt am Sonntag. Außerdem werde man »vermutlich über eine weitere Kürzung der Renten reden müssen«. Nur so sei es ihrer Ansicht nach möglich, die Sozialkassen zu entlasten (Die Welt, 5.6.2016).
Vieles ist auch bei der AfD im Fluss. Eine Anti-Sozialstaats-Position wird die vermutlich nicht durchhalten – der Rechtspopulismus ist nicht die Fortsetzung des Neoliberalismus in anderem Gewand. Die skandinavischen Rechtspopulisten, aber auch der französische Front National, stehen durchaus auch immer mal wieder auf der Seite derjenigen, die soziale Errungenschaften verteidigen – so Marine Le Pen in der aktuellen Streikbewegung in Frankreich oder die Dänische Volkspartei im Kampf gegen die weitere Absenkung des Rentenniveaus. Der springende Punkt ist die national-völkische Grenzziehung: Sozialstaat ja – aber nur für Franzosen, Dänen usw.
Das Problem: Im Einzelfall fällt das schwer. In einer multikulturellen Gesellschaft kann man leicht daneben greifen. Dabei hatte sich Gauland nahezu zielsicher das Feld des national und wettbewerbspolitisch aufgeladenen Fußballplatzes ausgesucht – die Europameisterschaft als Ort und Zeit nationaler Aufladung. Doch die Grenzverletzung bescherte nicht die erhoffte Zustimmung, sondern ging nach hinten los. So antworteten in einer Umfrage des Forsa-Instituts für den »Stern« auf die Frage, ob sie tatsächlich etwas gegen »einen Boateng« als Nachbarn hätten, 94% der Befragten mit »nein«. Vor dem Hintergrund von Pegida und ähnlichen »Bewegungen« besonders wichtig: Boateng hätten in Ostdeutschland sogar 97% gern als Nachbarn.
Benedikt Höwedes, Spieler des FC Schalke 04 und ebenfalls Mitglied des DFB-Europameisterschaftsteams, twitterte: »Wenn du für Deutschland Titel gewinnen willst, brauchst du Nachbarn wie ihn« – und Spielerkollegen im Kader mit Migrationshintergrund wie Jérôme Boateng, Mesut Özil, Leroy Sané, Lucas Podolski, Sami Khedira, Shkodran Mustafi, Emre Can, Jonathan Tab und Mario Gómez.
Dass der Fußballsport neben dem Engagement für ein Team in der eigenen Stadt und drum herum in seiner Profi-Variante oder für »Die Mannschaft« (so vermarktet der DFB das bundesdeutsche Team neuerdings) nicht erst seit heute höchst problematische Seiten hat, machen die offenkundige Korruption im europäischen (UEFA) und im Welt-Spitzenverband (FIFA), der Missbrauch von Sportwetten und die soeben beschlossene Abzockerei der Deutschen Fußballliga (DFL) bei den Fernseh- und Rundfunkübertragungs-Rechten deutlich. Dass sich die nunmehr mit reichlich mehr Geldern ausgestatteten Vereine zugleich beharrlich weigern, für die Polizeieinsätze in ihren Stadien (mit)zuzahlen, gehört dazu.
Natürlich ist zu begrüßen, wenn die – ansonsten korruptionsverseuchte – UEFA international prominente Spieler in einem Fernsehspot in ihrer jeweiligen Landessprache gegen Rassismus zu Wort kommen lässt. Dass zu den Eingeblendeten auch Fußballkünstler gehören, die nachweislich ihre Einkommen vor dem Fiskus versteckt haben oder auf Panama-Konten steuerfrei bunkern, ist allerdings ebenfalls Realität im Profi-Fußball-Spektakel.

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